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Review: SXTN – Asozialisierungsprogramm

veröffentlicht: Freitag, 22.04.2016, 13:17 Uhr
Autor: Antagonist






01. Deine Mutter
02. Hass Frau
03. So high
04. Made 4 Love
05. Fotzen im Club
06. Ich bin schwarz
07. Kein Geld
08. Wir sind friedlich


"Deine Mutter", die im vergangen Jahr erschienene EP-Kostprobe, schlug ein wie eine Bombe: "Die rappen über primäre Geschlechtsorgane und proklamieren Beischlaf mit meiner Erzeugerin", stellte der gemeine Deutschrap-Mob freudig-jauchzend fest, nur um Sekunden später in Schockstarre zu verfallen: "Das sind ja Frauen, dürfen die das? Fettes Dislike". Der Beobachter irrt nicht, zwischen den Schenkeln von Juju und Nura (vormals bei "The toten Crackhuren im Kofferraum") befindet sich tatsächlich je eine Vagina – essentiell, denn ohne diese Information kann man die Musik nicht bewerten. Das ist auch so ziemlich alles, was ich über die SXTN-Grazien weiß, als ich das Play-Symbol meines Soundcloud-Players anklicke: Weshalb ich danach einigermaßen begeistert war, wie Emanzipation im Jahre 2016 funktioniert und warum Track 2 nicht "Wir wollen das Emma-Cover" heißt, steht weiter unten.

Du bist Fake und du wärst gerne Drake/
Doch ich hab heut keine Rose für dich/
Alle Hoes werden stoned von dem Shit/
Diese Show, dieser Flow, diese Bitch!/

(Juju auf "Deine Mutter")

Zusammen mit der bereits bekannten Auskopplung bildet "Wir sind friedlich" einen Rahmen, der es in sich hat. Das Outro übertrifft den YouTube-Hit sogar noch in Sachen Rotzigkeit und auch die Trap-Elemente des Beats meistern beide MCs besser als noch den Einstieg, sodass einer der stärksten EP-Titel entsteht. Inhaltlich fahren die Rapperinnen hier zwar nichts auf, was man nicht auch von ihren Genre-Kollegen erwarten könnte, doch es ist besonders die transportierte Attitüde, die hier die Qualität ausmacht, und Lines wie "Während ich hustle, überlegst du, ob du zu schnell kommst" kastrieren, wo die männlichen Pendants maximal rasieren. Generell lässt sich beobachten, dass Juju gut rappt, für eine Frau versteht sich (Vergleichswerte: mittelmäßiger Mann, schlechter schwarzer Mann), Nura hängt ihrer Partnerin in Sachen Routine merkbar nach, kompensiert das allerdings bisweilen mit Einsatz und Energie. Ihren besten Part samt exzellentem Einstieg liefert sie bei "Hass Frau", dem mit Abstand ambivalentesten Track und meinem persönlichen Highlight. Im Intro verliest Alice Schwarzer den King-Orgasmus-Titel "Du nichts, ich Mann", beziehungsweise es handelt sich um eine Aufnahme aus der legendären "Menschen bei Maischberger"-Episode mit dem überfordert stotternden Manuel Romeike. Anschließend folgt ein Text, den Orgie zu seinen besten Zeiten kaum derber hätte formulieren können ("Ich steck hinten rein und wisch es an'ner Gardine ab") sowie eine deutlich ans Original angelehnte Hook – dafür braucht es echt ordentlich Eierstöcke. Mit gebührender Überzeichnung ("Diese eine Vergewaltigung kann ich verstehen, wenn die Olle wie 'ne Bitch rausgeht") macht man deutlich, dass es sich hierbei um Kunst handelt, bei welcher man eben nicht jedes Wort separat auf die Goldwaage legen sollte, um anschließend ahnungslos den Bannstab zu schwingen.

Da sich ein Debüt, gerade in Form einer EP, zum Vorführen der Variabilität anbietet, zeigen SXTN auf "Asozialisierungsprogramm" mit der passablen Kifferhymne "So high" und dem Storyteller "Made 4 Love" aus Sicht einer Prostituierten weitere Facetten. Bei der Experimentierfreudigkeit läuft allerdings nicht alles hundertprozentig glatt: Den unrühmlichen Tiefpunkt bietet hier zweifellos Nuras Soloausflug "Ich bin schwarz", der für die dunkelhäutige Community als die Ermordung von Dr. King bewertet werden muss. Auf einem Neue-Deutsche-Welle-Instrumental gibt die Rapperin die geläufigsten Schwarzen-Klischees zum Besten und produziert damit ein absolut ungenießbares Stück Trash. Eine deutlich bemerkenswertere Gesangshook gelingt Juju in der Vorglüh-Hymne "Fotzen im Club", welche die Assoziation an eine zeitgemäßen Ghetto-Cyndi Lauper weckt. Großstadtdschungeltristesse und Alltagsprobleme werden auf "Kein Geld" aufgegriffen, neben dem wieder mal angenehmen Hörerlebnis bleibt hier allerdings recht wenig hängen.

Du bist ehrenlos und hast keinen Stolz, Nutte/
Während ich dich vollspucke, bläst du meinen Schwanz/
Du gehörst in die Küche und ich in den Club/
Du bleibst bei den Kinden, ich geh' ficken im Puff/

(Nura auf "Hass Frau")

Fazit:
Vielseitigkeit ist bei SXTN Trumpf und auch, wenn nicht jedes Experiment hundertprozentig funktioniert, so entsteht doch ein kurzweiliges Werk, das deutlich mehr unterhält als ein Großteil des Deutschrap-Wulsts. Raptechnische Ungenauigkeiten, die man besonders bei Nura noch finden kann, werden von einer blitzsauberen, extrem variablen Produktion mehr als übertüncht und etwaige textlichen Schwächephasen haben sie im Subgenre nun wirklich nicht exklusiv. Was die Newcomerinnen dagegen auszeichnet, ist die zu jedem Zeitpunkt spürbare Energie und der ansteckende Spaß an ihrer Musik. Zudem wirkt die zur Schau gestellte Attitüde jederzeit authentisch – die Rapperinnen inszenieren sich nicht mit falscher Eitelkeit als unnahbare Ghetto-Rosen, sondern sind selbst Teil der Dornenranken, an denen man sich auch gerne Mal die Hände aufreißen kann. Dieses explizite Auftreten wird sicherlich auf gespaltene Meinungen stoßen, doch es gibt wohl wahrlich Schlechteres für einen Künstler als zu polarisieren. SXTN sind eine ersehnte Frischzellenkur in einer kalten, patriarchalischen Welt. Lange Rede, kurzer Sinn: Vier Mics, eins für jede Titte.


Lennart Gerhardt



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