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Review: Run the Jewels – Run the Jewels 3

veröffentlicht: Mittwoch, 01.02.2017, 22:17 Uhr
Autor: baurau





1. Down feat. Joi
2. Talk to Me
3. Legend Has It
4. Call Ticketron
5. Hey Kids (Bumaye)
feat. Danny Brown
6. Stay Gold
7. Don't Get Captured

8. Thieves! (Screamed the Ghost) feat. Tunde Adebimpe
9. 2100 feat. Boots
10. Panther Like a Panther (Miracle Mix) feat. Trina
11. Everybody Stay Calm
12. Oh Mama
13. Thursday in the Danger Room
feat. Kamasi Washington
14. A Report to the Shareholders / Kill Your Masters feat. Zack de la Rocha

Was tun als Politrapper, wenn außer obskuren E-Street-Band-Coverbands absolut jeder gegen das (kommende) politische Establishment ist? Noch dazu, wenn man erfolglos intensiv Sanders unterstützt hat? Killer Mike, seit einigen Jahren eine der wütendsten politischen Stimmen im US-Rap-Kosmos, muss sich dem stellen, während wir uns fragen: Können er und sein politisch etwas weniger expliziter Compagnon El-P mit ihrem seit zwei Alben etabliertem Sound, bestehend aus basslastigen, oftmals sogar clubtauglichen, Flächenbeats, livekonzerttauglichen Hooks und verlässlichem (und teilweise großartigem) Mid-Tempo-Rap, ohne Experimente weiterhin unterhalten, oder steht die Verbissenheit des politischen Kampfs dem Gesamterlebnis nun etwas im Weg? Dazu kommt, dass Run the Jewels eigentlich sowieso an einer wichtigen Karriere-Biegung stehen, da sie mit "Meow the Jewels" die erste wahrnehmbare Zäsur ihres gemeinsamen Projekts angestoßen haben. Denn das Way-out-there-Remixprojekt stellte die erste echte Variation der bisherigen Formel dar. "RTJ 1 + 2" waren letztlich vor allem Nachweise des Potentials der beiden als Rapper und Produzent. Dafür, dass diese beiden Alben so überaus gelungen waren, verschenkten sie aber auch Potential, denn ihre musikalische Limitation wird schon daran deutlich, dass sie obgleich ihres kommerziellen Erfolgs keinen merklichen Einfluss auf die restliche kontemporäre Rapmusik hatten – die junge Generation an MCs versucht weder, ihren Sound zu kopieren, noch eifert sie Killer Mikes politischer Verve nach und: Killer Mike existiert solo anscheinend nicht mehr, während El-Ps Produzentenkarriere darbt. RTJ haben durchaus etwas Neues ins Spiel gebracht, nur nimmt niemand den Ball auf, stattdessen gibt es bald die fünfzigste Unterart von Cloud. RTJ ist ein erfolgreiches, riesiges Kriegskamel, aber es steht auch alleine in der Wüste – wohin damit also?
Richten wir unseren Blick auf "Run the Jewels 3", dann wird rasch deutlich, dass RTJ den politischen Schwanz keineswegs einziehen, sondern ihren Stiefel angesichts der aktuellen Ereignisse umso deutlicher durchdrücken:

Is that blunt? Oh well, hell, so's this boot/
We live to hear you say, "Please don't shoot"/
A pure delight, c'mon, make my night/
When I file reports what's right's what I write/

(El-P auf "Don't Get Captured")

Das Feature des Zombies Zack de la Rocha, der anscheinend extra für RTJ-Alben aus seinem stalinistischen Sarg der Selbstzufriedenheit, in dem er zwischen den für normale Menschen quasi unbezahlbaren Rage-gainst-the-Machine-cash-in-Touren schläft, geholt wird, zeigt schon, dass das politische Phrasenschwein ordentlich bedient werden will. Das politische Universum der beiden MCs dreht sich ausschließlich um das Dreigestirn US-Wahl, Cannabis und Polizeigewalt, allerdings ohne eines dieser Themen in irgendeiner Tiefe anzupacken. Dies geht im Gegensatz zu früheren Werken leider auch auf Kosten der formellen Line-Tauglichkeit der Lyrics, die mit weniger intelligenten Sprachbildern und Wortwitz auskommen müssen, um politische Perlen garniert mit juvenilem Beleidigtsein wie diese preis zu geben:

Ooh, Mike said "uterus", they acting like Mike said "You a bitch"/
To every writer who wrote it, misquoted it/
Mike says, "You a bitch, you a bitch, you a bitch!"/

(Killer Mike auf "A Report to the Shareholders / Kill Your Masters")

Who thought the son of Denise would be the leader of people?/
When he was at your house at Morehouse, slangin' pounds of the reefer/
Sat with potential presidents and said the p should be legal as reparations/
For what this nation has done to my people/

(Killer Mike auf "Panther Like a Panther (Miracle Mix)")

Die Lyrics waren auch bislang nie eine ausgeprägte Stärke von RTJ; natürlich trotzdem schade, dass hier eine Chance zur reflektierten oder auch unreflektierten, aber dafür dann intelligent-aggressiven, politischen Positionierung verpasst wurde und die Texte insgesamt unter diesem Salonsozialismus leiden – man merke, wie Killer Mike sich hier ohne Ironie als "leader of people" bezeichnet. Auf die Delivery der beiden Rapper hat dieser Aspekt gottlob keinen Einfluss, stattdessen perfektioniert Killer Mike seinen "elephant in the room"-Stil und überzeugt beispielsweise auf "Thursday in the Danger Room", "Don't Get Captured" und "Down", wobei er sich offensichtlich Mühe gibt, mehr Variabilität als bisher zu zeigen, und die Eigenheiten jedes Trackbeats ausnutzt, um kleine Variationen im Tempo einzubauen. Das gelingt ihm, obwohl die Beats, wie auf fast allen RTJ-Tracks bislang, konstant im Mid-Tempo-Bereich festhängen und ihm so gefühlt einige Ausbrüche verwehren. Dass es dem MC aus Atlanta trotzdem gelingt, seine Performance zu steigern, lässt dann leider die Grenzen seines Partners El-P offener als hitherto zu Tage treten. El-P ist kein schlechter Rapper, aber er beherrscht exakt ein Tempo mit einer Stimmlage und einer Tonalität, seine Parts sind zu einem Großteil zwischen den Tracks austauschbar. Das ändert allerdings nichts daran, dass kein Part, auch keiner von El-P, ein Ausfall ist, vielmehr dient El-P Killer Mike in dessen aktueller Form als nicht weiter störender Lückenfüller. Zur Produktion haben wir bereits das Tempo festgehalten, auch sonst herrscht business as usual: Breite Bässe dominieren, garniert mit auf wirklich jedem einzelnen Track gelungenen Melodiebögen für die Hooks. Dieses Rezept geben RTJ anscheinend nicht mehr aus der Hand und solange El-P, der mit Gehilfen wieder für die gesamte Produktion verantwortlich zeichnet, dieses Geschäft weiterhin so blendend beherrscht, gibt es dafür eigentlich auch keinen Grund. Selbst Tracks wie "Call Ticketron", die auf den ersten Blick einer bestimmten Produktionsidee folgen, offenbaren nach dem zweiten Hören das eingespielte Schema. Danny Brown liefert wie immer und das Feature des hervorragenden Tunde Adebimpe wirkt etwas lieblos an "Thieves! (Screamed the Ghost)" rangeklatscht, das ist schade. Einen Songwriter seines Kalibers hätte man nutzen können, um aus dem Korsett auszubrechen.

Fazit:
RTJ haben sich leider in zwei seit langem vorhersehbare Fallen manövriert: Killer Mikes Politrap wurde durch den Zeitgeist mit Relevanz überladen und hielt diesem Druck aufgrund seiner Seichte nicht stand und El-P kann mit der technischen Entwicklung seines Buddys nicht mithalten. Wenn El-P nicht Ballast für dieses Duo werden will, sollte er zumindest über die Texte ein wie auch immer ausgestaltetes Gegengewicht zum Mördermichl werden, denn sonst ist sein einzig richtiger Platz hinterm Producer-Tisch. Mike hingegen sollte darüber hinwegkommen, dass alle unfair zu ihm waren und seine Bekanntheit endlich für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit politischen Themen nutzen. In jedem zweiten Track die Legalisierung von Cannabis zu fordern, ist 199X, außerdem kann Snoop das besser und authentischer. Als politisches "Manifest" taugt "Run the Jewels 3" keineswegs, dafür fehlt es ihm an inhaltlicher Tiefe und plakativen Hits. Sollten RTJ aber weiter den politischen Anspruch einer International Noise Conspiracy fahren wollen, dann müssen sie das Sujet mit der Tiefe würdigen, die es verdient. Denn politisches Irrlichtern können sich nur die Großen wie Kanye bieten – zu dessen irren Großtaten waren RTJ aber bislang nicht imstande. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass "RTJ 3" ein gutes Rap-Album mit teilweise exzellenten Rap-Parts und gelungener Produktion ist, das auf Kopfhörern und im Club gleichermaßen überzeugen kann – etwas wirklich Besonderes ist es aber nicht.


(Franz Xaver Mauerer)



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