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Interview: Rec-Z (Alte Freunde, Deutschrap-Unterricht & Szeneticks) - Text

veröffentlicht: Samstag, 25.02.2017, 16:37 Uhr
Autor: InsertPointlessName


Nach dem VBT eine eigene musikalische Karriere auf die Beine stellen, das ist der Traum vieler (ehemaliger) Teilnehmer. Rec-Z konnte sich in der Vergangenheit von reinen Battlekontexten emanzipieren und stellte neben einem eigenen Album auch ein Genre-Crossover zusammen mit seinen Kollegen B-Chris und Mad Diary auf die Beine. Nun steht die zweite Solo-Veröffentlichung des 30-jährigen MCs an – was hat sich so getan in der letzten Zeit?



rappers.in: Hallo, freut mich, dass du dir Zeit für ein Interview mit uns nimmst! Bist du schon drin im Promostress?

Rec-Z: So langsam geht's jetzt tatsächlich los. Es stehen aktuell noch einige Promoschritte an, von denen ich eben auch 'ne Menge in Eigenregie übernehme.

rappers.in: "Marke Eigenbau" halt. Um mal ganz salopp einzusteigen – bist du handwerklich begabt?

Rec-Z: Ja genau, der Albumtitel beschreibt zum Teil auch meine Lebensphilosophie. Ich habe das wohl damals von meinen Eltern ein bisschen in die Wiege gelegt bekommen. Es ist oftmals einfach cooler, Dinge selber zu bauen oder rumzubasteln, anstatt es einfach zu kaufen, weil man es sich so individueller und passender gestalten kann.

rappers.in: Ich dachte mir beim Hören schon, dass das vielleicht irgendwie mit deinem Beruf zu tun haben könnte. Einen Track hast du ja "Bauarbeiter" genannt.

Rec-Z: Das liegt daran, dass ich bei meinem Vater relativ häufig auf der Baustelle arbeite, da machen wir ganz verschiedene Sachen. In erster Linie ist er immer mit Häuserbau, speziell Fachwerkhäusern, beschäftigt und da helfen B-Chris, der übrigens auch einen Featurepart auf dem Track hat, und ich ihm da oft. Was wir da rappen, ist also quasi "Realtalk" (lacht).

rappers.in: Um aufs Album zurückzukommen, was ist da alles in Eigenregie entstanden?

Rec-Z: Hmm, also das geht bei der Produktion los, da hab ich zusammen mit Perino produziert. Ich war diesmal die ganze Zeit als Ideengeber dabei und hab ihm gesagt, was ich musikalisch gut fände; er hat das dann quasi als ausführender Produzent umgesetzt. Dann mach ich die Aufnahmen immer in meinem Homestudio selbst, mische das Ganze auch und arrangiere die Spuren noch ein bisschen.

rappers.in: Viel bleibt da tatsächlich nicht mehr übrig. Hat sich das einfach so ergeben oder magst du es einfach nicht, wenn dir Leute in deine Arbeit reinreden?

Rec-Z: Das ist wahrscheinlich so 'ne Zusammenkunft aus beiden Sachen (lacht). Ich bin, seit ich angefangen habe, Musik zu machen, immer schon auf mich selbst angewiesen; das heißt, ich hab mir das mehr oder weniger alleine beigebracht und mich auch ganz am Anfang schon selbst aufgenommen. Es macht mir aber auch Spaß und ich hänge daran, Musik selbst zu mischen und zu verarbeiten. Auf der anderen Seite habe ich natürlich schon mal Schritte an andere abgegeben, war dann aber mit meiner persönlichen Arbeit zufriedener. Da spürt man einfach mehr, dass das Endprodukt das eigene ist.

rappers.in: Mit sechs Monaten Vorlauf hast du dein Album schon sehr früh angekündigt. War dir das wichtig oder hat sich da der Fertigstellungsprozess noch weiter verschoben? Gerade für kleinere Releases ist das schließlich ziemlich ungewöhnlich.

Rec-Z: Das Dilemma bei der ganzen Sache ist, dass das Album im Prinzip seit Februar / März 2016 komplett fertig war. Wir reden hier also über Musik, die quasi ein Jahr alt ist. Da hängen mehrere Dinge mit drin, vor allem aber der Wunsch von meinem Label, dass ich dieses Mal 'ne Tour spielen kann und wir dementsprechend eine Booking-Agentur gesucht haben, die auch im HipHop-Bereich unterwegs ist. Da ist gefühlt 'ne Ewigkeit vergangen und in der Zeit kam dann auch auf meinen Wunsch das Video zu "Vampire" raus. Als Künstler willst du fertige Musik eigentlich immer sofort zeigen und zu dem Zeitpunkt war mein Album ja auch schon fast ein halbes Jahr fertig. Das erste Videorelease war dann sozusagen der Kompromiss mit meinem Label, den ich durchgerungen habe.

rappers.in: Aber glücklich bist du mit dem Album dennoch? Einige Künstler verändern ja jährlich ihren musikalischen Fokus oder sind unzufrieden mit ihrer alten Arbeit.

Rec-Z: Auf jeden Fall, nur ist die lange musikalische Verzögerung auch was, was einen nerven kann. Momentan geht es nur noch darum, das Vorhandene cool aufzuwerten und Werbung zu machen, wobei man sagen muss, dass es schon schwierig ist, an die Medien und deren Leute ranzukommen. Für das nächste Album würde ich mir wünschen, dass Fertigstellung und Veröffentlichung deutlich näher beieinander liegen.



rappers.in: Für dein neues Album hast du den Track "Beste" mit Calli und Scotch aus 2010 nochmal neu aufgelegt. Wie hat die Zusammenarbeit nach all den Jahren ausgesehen? War es schwierig, nochmal auf einen musikalischen Nenner zu kommen? Scotch ist ja beispielsweise mit "Anthrazit" letztes Jahr eine eher melancholische Schiene gefahren.

Rec-Z: Ach, das war ganz, ganz easy. Für uns war schon lange klar, dass ein Nachfolger dazu kommen muss, eigentlich schon ein, zwei Jahre nach dem Release des Tracks. Klar, wir haben uns alle irgendwie musikalisch weiterentwickelt, damals haben wir Drei eher Battle- und Representerzeug gemacht und dann nach und nach auch mal persönlichere Themen in unserer Musik verpackt. Da sind wir uns in unserer Entwicklung sogar recht ähnlich. Aber gerade das hat uns dann auch dazu veranlasst, wieder zu unseren Wurzeln zurückzukehren und nochmal so 'nen Song zu machen. Es fiel mir auch sehr leicht, den Text zu schreiben und ich glaube den anderen ging es da ähnlich.

rappers.in: Der Beat war ja ebenfalls stark am Original angelehnt, war da auch derselbe Produzent am Werk?

Rec-Z: Nee, das war damals irgendein gekaufter Exclusive-Beat von SoundClick oder so. Aber du hast schon Recht, wir haben uns in der Produktion schon am Original orientiert, um da auch an diesen "Revival"-Charakter anzuknüpfen.

rappers.in: Du hast dich in den vergangenen Jahren durch eine Menge verschiedene Stile probiert; Battletracks über das VBT, mit "Kolibri" sehr persönliche Musik und vor ein paar Jahren auch ein Deutschrap-/Rock-Crossover. Denkst du, du bist mit deinem aktuellen Album musikalisch da angekommen, wo du dich am wohlsten fühlst?

Rec-Z: Wenn ich so zurückblicke, würde ich das gar nicht so in Phasen sehen. Ich hab' zwar schon im Battlerap meine Wurzeln und das VBT damals auch ein bisschen als Training genutzt, aber dann persönlichere und tiefer gehende Musik zu machen, war für mich ganz natürlich. Ich hatte auch immer neben meinen Battlesachen solche Tracks, die aber vielleicht nie so ganz an die Oberfläche gekommen sind, ein paar davon findet man auch noch bei YouTube. "Kolibri" würde ich genauso als eher tiefgründigere Musik bezeichnen, bei "Marke Eigenbau" war mir jetzt wichtig, dass ich die Tracks live gut spielen kann und ein bisschen meine Ursprünge mit einfließen lasse; Punchlines, ein paar kontroversere Lines und ein Sound, der nach vorne geht.

rappers.in: Man merkt beim Hören auf jeden Fall, was das musikalische Ziel war.

Rec-Z: Genau, aber eben schwer zu sagen, ob das jetzt mein finaler Stil ist. Keine Ahnung, wie ich jetzt weitermache. An einem Tag lass ich in einem Text vielleicht ein wenig mehr meine emotionale Ader raushängen und am anderen schreib ich dann davon, dass ich letzte Nacht zu viel gesoffen und Radau gemacht hab.

rappers.in: Manchmal ist es ja auch besser, sich nicht in eine Schublade einordnen zu lassen, sonst wird man ja auf kurz oder lang für den Hörer uninteressant.

Rec-Z: Ich hab das Gefühl, dass es in Deutschland aber teilweise so funktioniert. Wenn du einen Stil oder eben eine kleine Nische bedienst und Songs machst, die alle nach diesem Schema laufen, wirst du eher wahrgenommen, als wenn du sehr variabel bist.

rappers.in: Auf "Prototypen" kritisierst du das neben der zunehmenden Kommerzialisierung und mangelnden Authentizität im Deutschrap ja auch. Findest du, die Entwicklung der Szene hat inzwischen bedenkliche Ausmaße angenommen oder romantisierst du da nicht vielleicht auch ein bisschen die Vergangenheit?

Rec-Z: In dem Track sehe ich das schon sehr kritisch, ich mache ja auch die Metapher auf – "Rapper werden zu Maschinen", eben wenn sie versuchen, krampfhaft irgendwelche Styles zu adaptieren oder Labelpläne umzusetzen. Bei einigen Rappern bin ich dann auch enttäuscht, wenn ich bei plötzlichen Imagewechseln rieche, dass da eine Managementsentscheidung hintersteckt. Auf der anderen Seite benutze ich in dem Track ja auch ein paar dieser Stilmittel wie vereinzelte Trap-Ansätze und sowas, also es gibt schon Entwicklungen, die ich selber feier. Manchmal ist das einfach so ein innerer Zwiespalt.

rappers.in: Welche Art von Imagewechsel stört dich denn genau? Vermeintliche Mainstream-Anbiederungen wie "Pop-Rap" zum Beispiel?

Rec-Z: Nee, Pop-Rap mein ich eigentlich gar nicht. Das ist ja ein Phänomen, das es schon länger gibt. Ich mein eher diese Trap-Richtung, das sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Vieles mag ich eben auch selber, aber bei einigen Rappern, ohne jetzt Namen nennen zu wollen, merkt man diesen künstlichen Switch doch recht deutlich.

rappers.in: Und bei der Kommerzialisierung? Meinst du da YouTube-Blogs und das riesige "Fanboxen-Game"?

Rec-Z: Ja, das mag ich auch nicht. Ich find's cool, wenn man mit seiner Musik Verkäufe erzielt, aber wenn es dann bei so 'ner Box gar nicht mehr um das Hauptprodukt geht, sondern nur noch um den Umsatz, kann ich das gar nicht nachvollziehen. Aus dem Grund hab ich mich dann am Ende auch gegen eine eigene Box entschieden. Obwohl das in den Köpfen der Leute mit einer Albumankündigung gleichzeitig schon fest verknüpft ist.

rappers.in: Viele wollen eben auch diese Boxen, allein die Unboxings davon auf YouTube haben inzwischen oftmals sechsstellige Klickzahlen.

Rec-Z: Ich hab auch eine Menge Nachrichten gekriegt, in denen die Leute gefragt haben, ob ich denn eine mache. Ich hab dann quasi als Kompromiss ein Shirt zum Album gemacht, was sich die Leute dann einzeln im Shop holen können, sofern sie Bock drauf haben und mich unterstützen wollen. Abgesehen davon lohnt sich bei meiner Reichweite so etwas auch noch nicht wirklich.



rappers.in: Auf deiner Facebook-Seite kann man lesen, dass du neben der Musik auch HipHop-Workshops gibst, kannst du uns dazu etwas erzählen?

Rec-Z: Das hat im Prinzip 2011 angefangen, da habe ich im Jugendhaus erste Workshops gegeben. Das Konzept ist bis heute recht ähnlich geblieben, das sind ein- bis fünftägige Veranstaltungen, bei denen ich mit Jugendlichen Texte schreibe, Beats aussuche und am Ende einen fertigen Song mit jedem produziere. Am Ende entsteht dann immer so eine Art kleines Mixtape. Ich hab das schon an verschiedenen Orten gemacht und aktuell eben an der Musikhochschule in Hannover. Neben den Workshops gebe ich da sogar Einzelunterricht.

rappers.in: Also ... Deutschrap-Unterricht quasi?

Rec-Z: Ja, tatsächlich. So wie andere Leute da Flöte oder Gitarre lernen, kann man bei mir eben auch Deutschrap lernen (lacht). Bei einem Musikschüler läuft das sogar über Skype, auch wenn das dann noch mit ein paar Hindernissen mehr verbunden ist. Aber ja, das geht.

rappers.in: Ich rappe ja selber nicht, aber ich dachte immer, das wäre ein reines Selfmade-Ding.

Rec-Z: Den größten Lernfaktor erzielt man, glaube ich, auch, wenn man alleine eine Menge übt – so habe ich mir das ja auch beigebracht. Aber wenn man beim Schreiben und Rappen ein paar Tipps bekommt, kann das schon helfen. Das führt dann vielleicht dazu, dass man es schneller hinbekommt.

rappers.in: Erkennst du dich dann in den Teilnehmern auch selber wieder oder hat sich das Verständnis von HipHop schon wieder verschoben? Das ist ja ein bisschen die Befürchtung, die du geäußert hast.

Rec-Z: Ach, die Jungs und Mädels, die ich in letzter Zeit unterrichtet habe, hatten eigentlich alle 'nen ganz coolen Ansatz. Wenn die Texte geschrieben haben, war da immer 'ne persönliche Linie drin und so habe ich ja auch angefangen, als ich noch vor dem VBT Tracks gemacht hatte. Da ging es auch um Sachen, die mich oder mein Umfeld bewegt haben.
Insgesamt ist die Diversität bei den Teilnehmen sehr hoch. Da sind krasse Naturtalente, aber auch Leute, die wie ich damals am Anfang kaum Taktgefühl mitbringen und quasi bei Null anfangen. Ich bin aber einer von denjenigen, der sagt, dass man Rap nicht von Natur aus beherrscht oder so, sondern dass das im Grunde jeder lernen kann.

rappers.in: Mit deinem Album gehst du auch auf eine kleine Tour, wo die Auswahl der Städte vielleicht auf den ersten Blick etwas untypisch wirkt. Wie hast du die Auswahl der Tourstopps getroffen? Würden sich da Großstädte nicht vielleicht eher lohnen?

Rec-Z: Bei der Tourgeschichte haben wir mit einem Tool gearbeitet, mit dem wir die Fans auf Facebook gefragt haben, in welchen Städten sie sich Konzerte vorstellen könnten und aus dieser Abstimmung sind dann letztendlich die jetzigen Tourdates herausgekommen. Oldenburg war zum Beispiel noch dabei, da ich da eine Zeitlang gelebt habe. Da es ja eine sehr kleine Tour ist, haben wir uns dann auf einen kleineren Raum konzentriert, wo es potenziell am ehesten klappen könnte. Ich sehe das auch ein bisschen als Versuch, prinzipiell würde ich als Künstler natürlich liebend gern in Berlin spielen.

rappers.in: Und für Flensburg ist wahrscheinlich auch der ein oder andere Gast auf der Bühne eingeplant, nehme ich an?

Rec-Z: Ja, eigentlich sogar überall. In Flensburg sind Mavo und Calli mit am Start und machen mit mir die Show, Scotch ist an dem Datum nur leider verhindert. Wir planen da im Moment noch ein bisschen. Es wird aber kein klassisches Voract-Mainact-Konzert, sondern eine große, stimmige Show, bei der wir die Auftritte untereinander verknüpfen.

rappers.in: Ich danke dir für das Gespräch! Nun die schlimmste Frage: Gibt es noch etwas, dass du den Lesern mitteilen möchtest?

Rec-Z: Das ist wirklich die schlimmste Frage (lacht). Ich bin gespannt, wie die rappers.in-Community meine musikalische Entwicklung findet. Hier gibt es ja immer ein paar witzige Kommentare, teilweise feiern die Leute das, teilweise fragen sie, ob ich mal wieder beim VBT oder JBB mitmachen möchte. Aber ich bin wie gesagt gespannt, da man mich ja aus einem anderen Kontext kennt und vielleicht gar nicht mitbekommen hat, dass ich neben Battles auch andere Musik mache und freue mich über Resonanz!



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Autor: Friedrich Stf.


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