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Review: Rapsody – Lailas Wisdom

veröffentlicht: Mittwoch, 08.11.2017, 13:58 Uhr
Autor: baurau





01. Laila’s Wisdom
02. Power
feat. Kendrick Lamar und Lance Skiiiwalker
03. Chrome (Like Ooh)
04. Pay Up
05. Ridin'
feat. GQ
06. Sassy
07. Nobody
feat. Anderson .Paak, Black Thought und Moonchild
08. Black and Ugly feat. BJ The Chicago Kid
09. You Should Know feat. Busta Rhymes
10. A Rollercoaster Jam Called Love feat. Musiq Soulchild und Gwen Bunn
11. U Used 2 Love Me feat. Terrace Martin
12. Knock On My Door feat. BJ The Chicago Kid
13. OooWee feat. Anderson .Paak
14. Jesus Coming feat. Amber Navran

Wenn ich mich nicht täusche, rezensiere ich hier zum ersten Mal eine Frau, ich bin ganz hibbelig. Wusste ich zugegeben gar nicht, als ich die Review annahm, Rapsody ist schon recht neutral. Im Hinterkopf hatte ich die Böhmische (get it?) allerdings, sie hat nämlich bei "To Pimp a Butterfly" auf dem allerdings nicht allerstärksten Song "Complexion (A Zulu Love)" mitgewirkt, trotzdem gibt es schlechtere Posten im CV. Die Gute ist jedenfalls seit letztem Jahr bei Jiggas Roc Nation Label unter Vertrag, was Grund genug für r.in ist, uns "Laila's Wisdom" anzuhören und festzustellen, ob wir Hovas Enthusiasmus teilen.
Zu den vielen Sachen, die ich als unangenehm empfinde, zählt unauthentisches Rappen. Weibliche MCs leiden als Rap-Minderheit unter der Versuchung, wie ein 13-Jähriger Junge vor dem Stimmbruch zu klingen. Sie beobachten halt den Markt und sehen wenig erfolgreiche Frauen und viele erfolgreiche Präpubertäre, das stimmt schon, klappt bei ihnen aber halt trotzdem nicht. Deshalb gleich mal die gute Nachricht: Rapsody rappt wie eine Frau und singt auch wie eine Frau und beides macht sie gut, und singen tut sie vor allem songdienlich, nicht als show-off. Minderheitenfalle Nummer zwo: Die eigenen Themen verkrampft komplett meiden oder nur über seine eigene zu kleine Nische jammern. Die erste Option führt oftmals dazu, dass einem die Themen ausgehen (Eve), da man über das, was einen eigentlich interessiert, nicht rappen will, die zweite dazu, dass man zur Karikatur wird (Nicki Minaj).

He just wanna lay up in yo' place
Livin' off yo' income, chillin' all day
Borrowed her the car and bring it back on low tank
With his homeboys' homeboys playing 2k

(Rapsody auf "Pay Up")

Und schon wieder habe ich gute Nachrichten, denn Rapsody vermeidet auch diese Venusrapperinnenfalle. Nicht nur hat sie wirklich gute Lyrics im Sinne einer lebendigen und formschönen Sprache, die dem Rhythmus ihres Vortrags zupasskommt, sie berichtet reflektiert und intelligent von ihrem Kosmos als kontemporäre schwarze Frau. Man hat fast nie den Eindruck, dass sie in einer Passage eigentlich nichts zu erzählen hatte und halt noch irgendwas zu Papier bringen musste. Allerdings, das wäre dann aber auch ein sehr hoher Maßstab und für unsere MC erst der nächste Schritt, findet auch kein fortgeschrittenes Storytelling à la Cave, Common oder Lamar statt. Gerade letzterem eifert die Rapperin aber ganz offenkundig nach, wenn sie mit "Jesus Coming" einen skelettierten, rein auf ihren Rap konzentrierten und inhaltlich abstrakten Song ans Ende von "Laila's Wisdom" stellt, in dem die Interpretin bei einem Gangkonflikt erschossen wird, während sie ihre Tochter zum Spielen begleitet (wobei sie aber die Charaktere nur grob zeichnet). Diese Gewalterfahrung und die Reflexion darüber, warum sie geschieht, ist dann auch ein typisches Themenbeispiel für die Scheibe, dazu kommen beispielsweise Sub-Dom-Beziehungen ("Pay Up"), die eigene Unsicherheit ("Black & Ugly") und die eigene Ohnmacht ob politischer Verwerfungen ("Nobody"); alles unmittelbar, glaubhaft und reflektiert.

So excited to play but now there's blood soaking our clothes/
And we ain't have nothing do wit [sic!] it/
Why they have to trip we were enjoying the day/
But they had to go and ruin shit

(Rapsody auf "Jesus Coming")

Noch kurz zu ihrer Sprache: Rapsody rappt mit einem großen Vokabular und bemerkenswerter Stilsicherheit, das Ganze liest sich aber wie Cindy aus Marzahn, Detroit-Edition. So reden schwarze Frauen in den USA zumeist aber nun mal und ich finde es gut, dass Rapsody keinen Grund sieht, das zu verstecken, auch wenn es sich für den ungeübten Fremdsprachler vielleicht sogar noch weniger als für einen weißen US-Amerikaner wie Unterschichtendialekt anhört.
Produziert hat das Album 9th Wonder, der bereits zuvor mit der MC zusammengearbeitet hat. For better or worse hört man seinen Einfluss recht stark heraus, denn als Produzent ist er für Soul-Samples so bekannt wie Kid Rock für versifften Feinripp; kaum ein Song, der ohne Ohh-Ohh-Säusel-Sampel und weichen Bass auskommt. Das ist durchaus kompetent umgesetzt, aber zu diesem Sound hat R. Kelly schon in den 90ern Minderjährigen in den Mund gepisst, mit zeitgemäßem Soul, wie ihn Syd von OFWGKTA mit Fin zuletzt eindrucksvoll demonstriert hat, hat dieses solide Handwerk wenig zu tun. Und so schafft die Produktion Homogenität, aber auch dessen hässliche Schwester Eintönigkeit, da braucht es eine(n) starken MC, um Abwechslung und Kontraste zu schaffen. Umso mehr, als dass 9th Wonders Songs größtenteils gedrängt am Ende der Scheibe zu finden sind und so teilweise den leichten Geschmack von Fillern haben ("A Rollercoaster Jam Called Love", "Knock On My Door") und so das Organische, das Warme einer guten Soulproduktion, wie es bei "U Used 2 Love Me" und "Black & Ugly" zu Tage tritt, unnötig etwas verwässern.
Eine starke Rapperin ist Rapsody gottlob, sie hat einen im hohen Maße melodischen, leicht abgehackten Rapstil, den sie offensiv und laut vorträgt und der so sehr lebendig wirkt. Cloud-Rap könnte sie damit vermutlich nicht vertonen, aber muss sie ja auch nicht. Sie trägt auch die wenigen schwächeren Beats ohne Probleme über die Ziellinie. Trotzdem ist man für jeden Song dankbar, der aus dem üblichen Soulrahmen ausbricht, und absurderweise ist der einzige nicht-Soul-Song von 9th Wonder, das megastarke "Power", der frühe Höhepunkt der Platte, auf das mit "Chrome (Like Ooh)" und "Pay Up" die nächststärksten Songs folgen. Alle drei verfügen nämlich über einen deutlich lebendigeren und straighteren Beat als die übliche Soul-Produktionen, was Rapsodys ja selbst sehr extrovertierter Delivery entgegenkommt und sie anscheinend auch zu Höchstleistungen motiviert; daneben sind alle drei Songs auch schlicht gutes Songwriting und die Produktion nicht nur anders, sondern auch stark. Selbst ein K-Dot hat auf "Power" offenkundig viel Spaß, ein so engagiertes Feature bekommen von ihm normalerweise nur die Black Hippys oder Kanye.

Neben dem bereits angesprochenen King Kunta finden sich als Feature-Partner der mir immer ein bisschen überschätzt vorkommende Säuselwicht Andersoon .Paak wieder, hinzu kommen einige Mitläufer, aber auch Schwergewichte wie Busta Rhymes und Black Thought. Selbst wenn die beiden ihren Schaffenszenit 19XX erreicht hatten, die Verkaufszahlen ziehen sie bestimmt immer noch an. Hier stören die alten Säcke nicht besonders, haben aber auch nichts Großartiges beizutragen. Unnötig zu sagen, dass Kendrick dafür liefert, allerdings, und das ist angenehm, lässt Rapsody zu keiner Zeit die Zügel aus der Hand und ist auf jedem Track selbst die bestimmende und stärkste Interpretin.

Fazit:
Wow, das ist richtig gut. Ich habe auf jeden Fall eine neue Lieblings-Rapperin, hatte aber auch nur eine vorherige (sorry Sookee, es ist NoName), die dieses starkes Album noch dazu vor allem mit ihren eigenen Fähigkeiten trägt und nicht etwa durch smartes Beatpicking. Ich freue mich jedenfalls auf Rapsodys weitere Werke auf Roc Nation, allein die Gäste und die sehr warme Rezeption der US-amerikanischen Fachpresse sollten ihr ordentliche Verkäufe bescheren. Beim nächsten Mal 9th Wonders Nummer etwas weniger oft wählen, auch wenn er ihr Entdecker war, und Mut zum elaborierteren Storytelling, sonst sehe ich wenig Raum nach oben. Potential für ein 6 Mics-Album ist auf jeden Fall vorhanden.


Franz Xaver Mauerer



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