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Review: RIN – Eros

veröffentlicht: Freitag, 03.11.2017, 18:21 Uhr
Autor: baurau





01. Intro/Liebe
02. Blackout
03. Bass
04. Bros
05. Vagabundo
06. Arrêté (Skit)
07. Ich will dass du mich brauchst/ Maria
08. Dizzee Rascal Type Beat
09. Doverstreet
10. Nightlife
11. Gamma
12. Colette
13. Sag mir wenn du high bist
14. Monica Bellucci
15. Aretha Franklin Freestyle


Prätention, das ist das Wort, das einem unvermeidlich einfällt, sobald man sich etwas mit RIN beschäftigt. Die Cornraw-Zöpfchen, das etwas zu Gepflegte, die grotesken Klamotten zwischen MC Hammer und schlanker Missy Elliot, das Posen vor imaginären Fotoshootings in seinen Musikvideos, das alles ist umso schwerer zu schlucken, da er und seine Crew, vor japanischen Leuchtreklamen posend, ihr Gehabe ernst zu nehmen scheinen. Ich muss gleich zu Beginn dieser Review zugeben, dass mich modisch lediglich eine nach Meinung meiner Frau "lächerlich hohe" Anzahl an Bandshirts auszeichnet, darüber hinaus ist mir Mode recht wurscht. Das bringt leider einige Deutungsprobleme bei "Eros" mit sich, da RIN auf manchen Songs circa alle 2 Sekunden den Namen irgendeines Labels, Onlineshops oder des persischen Schneiders um die Ecke droppt, gern auch zusammenhanglos, anscheinend um sich selbst an den noch nicht finalisierten Warenkorb im Firefox-Tab zu erinnern.
Tatsächlich, und das zeigt der Albumtitel "Eros" ja auch schon, geht es aber in den nicht gerade wenigen wirklich emotional beladenen Tracks um Beziehungen, tatsächlich wirkt es so, als ginge es bei der ganzen Chose um eine einzige Beziehung, die mehr Hochs und Tiefen hat als eine "Ren & Stimpy"-Folge. Ob vom Interpreten selbst bewusst so platziert oder nicht, wirkt sein Modetrieb samt groteskem Brand-Dropping in diesem Kontext wie ein Bewältigungsmechanismus. Nur so sind von einem eigentlich fähigen Schreiber Texte wie "sähe ich aus wie du, würde ich mich schämen" (RIN auf "Blackout") erklärbar und damit wäre zumindest auch der extreme Kontrast zwischen nahbaren und oberflächlichen Texten verständlich. Denn immer wenn der gute RIN vom Ihn-RIN-Machen erzählt, bekommen die Lyrics sozusagen Grip und wirken nicht wie dadaistisches Rhythmus-Instrument zu Modewerbung, sondern haben eigentlich immer etwas zu erzählen, selbst auf einem vordergründig hohlen Song wie "Arrêté":

Du hast Streit mit Cousin Ramazan/
Du willst keine Liebe machen, es ist Ramadan/
Doch wir sündigen nicht, machen Liebe nur ohne den Gummi

(RIN auf "Arrêté")

Das erzählerische Element in RINs Liebesliedern ist stark, da authentisch und unmittelbar wirkend. Dazu trägt bei, dass es meist ein recht schmerzhaftes ist, wenn Shawty in "Monica Bellucci" ihrem lieblosen Zuhause ihre Drogensucht zu verdanken hat, die Dame in "Arrêté" versucht, sich von ihrer muslimischen Familie zu emanzipieren, das Mädel in "Nightlife" unseren MC betrügt und der Interpret in "Intro/ Liebe" und "Ich will dass du mich brauchst/ Maria" schließlich gar nicht weiß, wohin mit seinem Schmerz durch das Verlassenwerden und sich selbst vergeblich Mut und Martin-Dean-Coolness zuspricht in "Vagabundo".

Dein Papa war nicht hier/
Also steig mit mir in diesen Zug/
Du bist jetzt allein mit mir/
Meld dich heute ab von deinem Lovoo

(RIN auf "Arrêté")

Wenden wir uns von den Texten ab und dem Songwriting und der Produktion zu, fällt auf, dass das Album in drei Teile zerbricht: Einem sehr starken, angeführt von einem Mördersong ("Ich will dass du mich brauchst/ Maria"), einem ziemlich guten und einem eher schwachen, lustlos wirkenden. Die Diskrepanz ergibt sich bei den hervorragenden Tracks aus der Dynamik und dem Willen zur Ruptur, die eben ein "Ich will dass du mich brauchst/ Maria" so bärenstark und interessant machen; man höre nur das absurd starke Ende. Hier und bei "Intro/ Liebe", "Gamma" und "Vagabundo" hat man zu jedem Zeitpunkt den Eindruck, dass der Track stante pede eine 180-Grad-Wende machen könnte und sich trotzdem organisch in das Klanggefüge einordnen würde, da der Bietigheim-Bissinger zu jeder Zeit die Zügel in der Hand hält und man auch beim dutzendfachsten Hördurchgang immer noch Details und Nuancen entdeckt, die einem Freude bereiten. Das gilt hier eben nicht nur für die Instrumentierung, sondern auch für RINs Vortrag, der dank seiner interessanten, oft etwas scharf ankommenden Stimme und der Fähigkeit, schnell einen Flow zu kreieren, auf diesen persönlich wirkenden Liedern ganz exzellent rüberkommt. Bei den guten Songs fußt sie auf der narrensicheren hervorragenden Produktion eines "Blackout", "Dizzee Rascal Type Beat" und "Monica Bellucci", die für sich genommen aber recht konservative Songs mit simpler Struktur sind. RIN rappt die handwerklich sauber runter, sie würden sich aber selbst bei Kurdos Gestammel noch annehmbar anhören angesichts der bärenstarken musikalischen Grundlage von Minhtendo, Lex Lugner und Alexis Troy – alle bestimmt nicht billig, aber in diesem Fall ihre Taler wert. Die maximal durchschnittlichen bis schlechten Songs zeichnet aus, dass RIN ihnen spürbar die Liebe versagt und in einen Track wie "Bass" oder "Doverstreet" entweder 15 Minuten Arbeit gesteckt hat oder aber so viel, dass das Endergebnis abgeschliffen und fade wirkt. Diese schablonenartigen Machwerke wirken wie Massenware, ohne Seele und, noch schlimmer, ohne jede Energie. Das sind auch nicht einfach Kiffersongs oder relaxte Tracks, sondern vor sich hin mäandernde Filler (schlimm: "Colette").

Wo wir von einerseits oberflächlichen und andererseits katharsischen Lyrics sprachen, da kann man zum Schluss dieser Review RIN den Vergleich mit Yung Hurn, den nicht nur in diesem Magazin höchst angesehenen Prinzen des artsy Befindlichkeitsraps und des Schwaben ehemaliger Förderer, nicht ersparen. Und dabei fällt auf, dass Hurn seine Kunstfigur schlicht besser im Griff hat. Nicht nur bringt er konstantere Leistungen über Albumlänge, sondern sein Konzept und Auftreten wirkt deutlich durchdachter und in seinen Brüchen gewollter als das Modegetue des herzgebrochenen RIN. Wenn Hurn der Cloud-Rapper-Bowie unserer Zeit ist, gönne ich RIN aber den Titel des emotional gebeutelten und partysüchtigen Iggy Pop. Was ich übrigens nicht teilen kann, ist der Vorwurf mancher Kollegen (am explizitesten bei laut.de, bemüht Google), dass RIN Hurn imitiere – die Gemeinsamkeiten sind vorhanden, ja, gerade in der Art, wie sich beide geben. Aber genau deswegen fand Hurn RIN doch auch interessant und holte ihn ursprünglich ins Boot. Es wirkt für mich wie eine arge Verengung, allen abgemagerten Augenringe-Dudes mit cloudigen Liebes- und Luluthemen im Sprechgesang vorzuwerfen, sie eiferten sich gegenseitig nach. Auf die Idee wäre bei Danzer und Ambros oder Nash und Stills auch keiner gekommen. Die junge Rapszene ist nun mal nicht unendlich groß und eben als Milieu zwangsweise etwas homogen, da gibt es zur Stunde nicht 20 Rapstile, und junge Leute reden halt meist von Liebe und Lulu.

Fazit:
Einfach ist "Eros", dessen gelungenes Cover hier noch lobend erwähnt werden soll, nicht, die anhaltend guten Verkaufszahlen verwundern insofern und sind wohl auf kluge Ausnutzung seines "Bianco"-Hypes und ebenso schlaue Singlewahl zurückzuführen. RIN ist zwar kein kohärentes Album gelungen, erst recht kein Partyalbum, dafür hat man den Eindruck, dass ein hochgradig talentierter Musiker sein Debütwerk dazu nutzen konnte, etwas Seelenballast loszuwerden und gleichzeitig sein großes Talent als Beatpicker und sein großes Potential, wenn nicht unbedingt aus technischer Sicht als Rapper, aber als Unterhalter und Künstler zu demonstrieren. Die mangelnde Konsistenz ziehe ich angesichts mancher Topsongs dem Durchschnittsbrei so manch anderer MCs allemal vor. Was kann man vom Debütalbum eines gehypten Künstlers eigentlich mehr erwarten, als dass es das Interesse auf das Zweitwerk nur weiter steigert?


Franz Xaver Mauerer



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