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Review: RAF Camora – Ghøst

veröffentlicht: Samstag, 23.04.2016, 20:39 Uhr
Autor: El-Patroni





01. R.R.B.B.
02. Noah
03. Creator
04. Dämonen
05. Schaufenster
06. So lala
07. Hero
feat. Kontra K
08. Kaleidoskop
09. Panzer
10. Ghøst
11. Geschichte
feat. Bonez MC
12. Mein Leben feat. Metrickz
13. Verzeih mir feat. Farid Bang
14. Nummer
15. Schlangen
16. Magnetisch


Über einem tiefen Summen peitscht eine metallische Stimme dem Hörer bedeutungsschwer und aufdringlich zugleich immer wieder das Wort "Ghøst" entgegen. Dann Einsatz RAF: Gesang – oder so etwas Ähnliches. Wie man es von ihm kennt, langsam und mit ruhiger, tiefer Stimme plätschern die ersten Zeilen in der 3.0-typischen melodischen Redeform über den sich langsam aufbauenden Beat, welcher sich nach kurzer Zeit entlädt und dem Rapper Platz bietet, Rapper zu sein. Jetzt darf Camora raus und es wirkt, als hätte er darauf lange gewartet, denn der ungewohnt schnelle, aber perfekt auf dem Takt sitzende Flow und die energiegeladene Betonung lassen das Gefühl aufkommen, hier hätte sich bei jemandem viel Wut angestaut. Der Part endet, erneut setzt diese spezielle Art von Gesang ein und im gleichen Moment verändert sich auch das Instrumental: weitere Instrumente und neue Melodien kommen hinzu, allerdings ohne einen abrupten Beat-Switch, sondern viel mehr in einem fließenden Übergang. Was sich hier vielleicht liest wie die Beschreibung einer kompletten Platte, behandelt nur den ersten Song "R.R.B.B.", der darüber hinaus gerade einmal zwei Minuten lang ist. Allerdings trifft diese Beschreibung auch auf so gut wie jeden anderen Track auf "Ghøst" zu, denn die Songstruktur wird auf Albumlänge beibehalten. In den Beats ist viel los, ein Instrument jagt das andere, selten klingt ein Song länger als eine Minute lang gleich, teilweise ändert sich auch der Rhythmus mitten im Lied und trotz aller Vielseitigkeit ergibt jedes Instrumental ein stimmiges Gesamtwerk. Beeindruckend ist auch die musikalische Vielfalt der Platte, denn von Dancehall über Elektro bis hin zum seit Jahren totgesagten Grunge bedient sich "Ghøst" an einer breiten Palette von Einflüssen anderer Genres und lässt trotzdem ein homogenes Soundbild entstehen.

Was wäre eine Review ohne Zitat?

"Aiii! Rabenmetapher, österreichische Betonung/
Zu weiche Aussprache der Buchstaben P und T. Aiii!/
Nächste Rabenmetapher! Querverweis, der musikalisches Fachwissen beweist/
Zur dramatischen Entwicklung des Beats passendes heben der Stimme/
"
(RAF Camora ... auf so ziemlich jedem Song)

Auf "Ghøst" lässt RAF seine beiden Gimmicks Camora und 3.0 endgültig verschmelzen, mischt die gelungenen Rap-Parts des einen mit der musikalischen Experimentierfreudigkeit und den Gesangspassagen des anderen und erzeugt auf eben diesem Weg eines der abwechslungsreichsten Alben des bisherigen Jahres. Wenn auf "Creator" der Bass einschlägt, geschieht dies derart voluminös, laut und dominant, dass sich der Magen schon mal anfühlt, als wäre man gerade eben unvorbereitet von einem Fußball getroffen worden. Auch entspannte Nummern, wie zum Beispiel das Reggae-lastige "Schaufenster", wissen ebenfalls durch ihre Musikalität zu überzeugen und bauen Stimmungen genauso gut auf wie die explosiveren und schnelleren Pendants auf "Ghøst". Wirklich ruhige Passagen findet man auf dem Release nur dann, wenn sie eine epische Eskalation mit einschlagendem Bass und lauten neuen Elementen vorbereiten und Spannung für eben jene aufbauen sollen. Da es sich bei "Ghøst" aber immer noch um ein Rap-Album handelt, muss ich auch auf die Raps eingehen: Ja, RAF ist immer on Point, zeigt eine solide Reimtechnik und versucht sich auch regelmäßig an Themensongs. Im Endeffekt fällt es aber sehr schwer, ihm zu folgen, weil die außergewöhnlich starken Beats, in all ihrer Detailverliebtheit, vollgepackt mit Querverweisen in die unterschiedlichsten Genres meine ganze Aufmerksamkeit fordern. RAFs Stimme passt – egal ob Gesangspassagen oder Rap-Parts – optimal auf diesen Sound und fungiert in meinen Ohren als ein weiteres wunderbar ergänzendes Instrument, welches das Ganze zu einem kompletteren Sound führt, ähnlich einem Death-Metal-Sänger, der seine Stimme ebenfalls als eine Art Instrument einsetzt und die Musik dadurch in eine bestimmte Richtung führt. Bei all der Detailverliebtheit und den vielen kleinen Verspieltheiten im Instrumentalgerüst kümmern die teilweise seichten Themen gar nicht. Der Gastbeitrag von Kontra K bildet auf dem energiegeladenen Song "Hero" perfekte Unterstützung, was am ähnlichen Stil der beiden Rapper liegt, die Parts von Bonez MC und Metrickz gehen im Gegensatz dazu allerdings einfach in der Masse an Klängen unter und können sich nicht mit RAF Camoras Stimmgewalt messen. Das Farid Bang-Feature "Verzeih mir" erscheint nicht nur in der Theorie eigenartig und unpassend, sondern penetriert mein Wutzentrum über den kompletten Part hinweg, da der gute Mann schlicht und einfach nicht auf diese Art von Beat passt.


Wer sollte sich Ghøst also anhören?


Für HipHop-Dogmatiker und BoomBap-Fetischisten ist das Album genau so wenig zu empfehlen wie für jene, deren Hauptaugenmerk auf Texten oder gar auf dem Zählen von Reimsilben liegt. Musikliebhaber, die sich darüber freuen, auch beim fünften Mal anhören noch etwas Neues in einem Lied zu entdecken, sich mit Einflüssen verschiedenster Genres gerne auseinandersetzen und bereit sind, über das ein oder andere missglückte Feature hinwegzusehen, scheint "Ghøst" genau das richtige zu sein. Die teils ungewohnten Songstrukturen, die vielen unterschiedlichen Elemente in den Beats und das klar erkennbare Musikverständnis von RAF Camora selbst sind die Punkte, die aus "Ghøst" ein überraschend starkes und unterhaltsames Gesamtprodukt entstehen lassen.


El-Patroni (David)



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