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Review: RAF Camora – Therapie nach dem Tod

veröffentlicht: Donnerstag, 04.10.2012, 21:24 Uhr
Autor: duran





01. KDL
02. Ich zähle sie ab
03. Solange alles gleich bleibt
04. Top
05. Selbst Schuld
06. Ssslos?!
07. Perfekt
08. Nächster Stopp angekommen
feat. Chakuza
09. Der Wald
10. Spaceman
feat. Joshimizu
11. Fickt euch
13. Rabe
feat. Massaka
13. Ottonormal
14. Groupie Handy
15. Mein Croko ist Hipster
16. Big Up


Camora ist tot, es lebe Camora! Mit diesen Worten kann man wohl die Rückkehr des totgeglaubten RAF Camora einleiten. Nachdem er eigentlich nur noch über sein Alter Ego RAF 3.0 einen musikalischen Mix verschiedener Stilrichtungen releasen wollte, gibt es nun doch ein auf 1000 Stück limitiertes Streetalbum. Mittlerweile wurden noch einmal 1000 Stück nachgepresst, um die stetig wachsende Fanschar auch bedienen zu können. Aber was kann man von dem Multitalent RAF nun erwarten? Waren viele Fans doch von RAF 3.0 enttäuscht und wiederum mindestens genauso viele Fans neu hinzugekommen. Camora verbindet die Stärken seines Rap-Ursprungs mit den melodiösen Refrains seines neuen Charakters. Herausgekommen ist ein ehrliches Rap-Album mit einigen passenden Gesangseinlagen.

"Camora ging, Rap hat geweint. Er hat sein' Vater verlor'n/
Jetzt bin ich back, 'ne Hand am Jack, 'ne Hand am Hammer von Thor/
"
(RAF Camora auf "KDL")

Gleich zu Beginn wird man in die Welt des Camora gezogen. Dunkle Beats, Synthesizer, schnelle Hi-Hats und Texte zwischen Representer und beobachtender, melancholischer Weltanschauung. Das Ganze wird mit sehr präsenten Hooks abgerundet. So weiß "KDL" direkt zu Beginn durch seine sphärischen, breiten Synthies gepaart mit trockenen, harten Drums sehr zu gefallen. Währenddessen führen bei "Ich zähle sie ab" effektbeladene Gitarrensounds und passende "Oh Oh"-Vocals den perfekten Einstieg in den von stark veränderten Glocken getragenen Beat ein. Auch der Refrain harmoniert großartig mit dem Instrumental und geht direkt ins Ohr. Simpel, aber eingängig. Überhaupt, "solange alles gleich bleibt" ist RAF Camora mit sich selbst im Reinen und alles ist "top". Die ersten vier Tracks bilden einen sehr homogenen Sound. Man merkt deutlich, dass RAF an jedem dieser Beats mitproduziert hat. Außerdem sind Hamudi von The Royals an zwei, BeatConvoi und Max Merkley mit jeweils einem Instrumental beteiligt. Für Abwechslung sorgt die fünfte Anspielstation "Selbst Schuld". Ein langsamerer Song, der Fehler aufzeigt, aber auch gleichzeitig klarmacht, dass jeder der Herr über sein eigenes Glück ist. Anfangs getragen von einem schönen Piano, immer wieder einsetzenden Breaks und jeweils mit einem Becken wieder in Szene gebracht, wird der Klang des Instrumentals im weiteren Verlauf etwas verdichtet, wenn beispielsweise allmählich die Drums einsetzen, die bis auf die Kicks sehr einfach gehalten sind. Verantwortlich für dieses schöne Stück zeichnen KD-Supier und Hamudi. Für mich einer der besten Songs auf der Platte.

"Ihr da draußen auf den vordersten Plätzen/
Das geht an euch, auch, wenn euch meine Worte verletzen/
Ich weiß genau, der nächste Satz macht mich hier unbeliebt/
Ihr sucht den Grund für euer hässliches Dasein, doch ehrlich, Schuld seid ihr/
Ja, genau du, die jammert mit dem Kind im Arm/
Mit 15 schwanger, doch deine Mum kann es nicht bezahlen/
Du bist selbst Schuld, dein Vater hat dich leider gewarnt/
Du hattest Sex, der Typ ist weg, es lag in deiner Gewalt/
"
(RAF Camora auf "Selbst Schuld")

Allgemein wird RAF Camora nicht müde zu betonen, dass zurzeit alles gut für ihn läuft. Er ist sich aber auch unsicher, ob es immer so "perfekt" laufen wird oder ob es nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Noch nutzt er die Kraft, die er täglich schöpft, und begräbt alte, nicht in der Öffentlichkeit breitgetretene Streitigkeiten mit Kumpel Chakuza ("Nächster Stopp angekommen"). Außerdem ist dies eine Anspielung auf das 2009 erschienene RAF-Album "Nächster Stopp: Zukunft", das über Wolfpack Entertainment veröffentlicht wurde. Produziert wieder von Beat Convoi. Wabernde Synthies und schnelle Hi-Hats tragen den Beat. Das hervorragende "Der Wald" beschreibt einen Drogentrip, hervorgerufen durch eine nicht näher beschriebene Substanz. Ein bedrohlich einnehmender Beat von Camora und Hamudi, der mit harten 808-Kicks und einer sehr trockenen Snare aufwartet und außerdem dunkle Streicher- und Pianoklänge beinhaltet, entführt einen in den malerisch beschriebenen Großstadtdschungel, der vollkommen reizüberladend auf den Betrachter wirkt. Sehr schwer greifbar, sehr viel Platz für Interpretationen. Abgehoben oder nicht, ab und zu bleibt für die Hater eben nichts weiter übrig als ein "Fickt euch". Vorbei sind die Zeiten, als man selbst den Klängen des Teufels gelauscht hat, auch wenn das Wappentier von RAF, der "Rabe", ab und zu noch am Fenstersims Platz nimmt. Spätestens die maskuline, fast schon gebrüllte Stimme von Massaka verscheucht diesen dann – eventuelll aber auch zartbesaitete Zuhörer. Der Beat hingegen ist voller Glocken und Rabengekrächze und unterstützt die Lyrics nahezu perfekt. Wieder zeichnen Hamudi und RAF für dieses Instrumental verantwortlich. Auf einem heftigen Beat, beginnend mit einem Pianointerlude, sehr nach vorne gehenden Synthesizern und kleinen Dubstep-Elementen, für die sich dieses Mal Benno & Froze aufopferten, widmet sich Camora dann dem netten "Ottonormal"-Menschen und macht ihm unmissverständlich klar, dass ein Bilderbuchleben nichts für ihn ist. Schließlich hat er Fantasie und möchte nicht einfach die Bilder aus dem Buch übernehmen. Malerisch stellt sich RAF dem Phänomen der Groupies. Zum Glück hat er für selbige ein eigenes Prepaid-Handy. Doch Achtung, eine schnelle Nummer zu schieben will gelernt sein! Er hat auch schon eine Idee, warum das Ganze nicht klappen will – er ist einfach kein Hipster. Vorbei sind die unrasierten Zeiten in Jogginghosen. Heute bedarf es Hornbrillen, Club Mate und eines ausgeprägten Mitteilungsbedürfnisses. ("Mein Croko ist Hipster", produziert von Chakuza). Der Beat geht dieses Mal eher rockige Wege, mit gechoppten Vocals im Hintergrund. Eine willkommene Abwechslung.

"Auf seinem Single Speed-Rad/
Dient die Club Mate-Flasche ihm als Energietank/
Er hat hunderte Projekte, keins, das mittlerweile klappt/
Doch egal, sein Tag ist gut, solang' die Hornbrille zum Mittelscheitel passt/
Normal ist er gechillt und zufrieden/
Doch für ihn ist ein Shirt von Supreme Grund zu kill'n/
Mein Reptil war früher cool, dann ein G, dann ein Spießer/
2-0-12 ist am komm', mein Krokodil ist ein Hipster/
"
(RAF Camora auf "Mein Croko ist Hipster")

Fazit:
Mit "Therapie nach dem Tod" hat wohl auch der Letzte begriffen, dass der Tod nicht das Ende bedeutet und RAF Camora die Wiederauferstehung gelungen ist. Totgesagte leben länger. Diese Lebenskraft spürt man auch auf dem Album sehr gut. So sind viele Instrumentale zwar von teils düsteren Synthie-Sounds geprägt, diese sind aber durchgehend detailreich und atmosphärisch. Ein immer wiederkehrendes Element sind vor allem Glocken jeglicher Art. Dadurch, dass die Anzahl der mitwirkenden Produzenten überschaubar ist, wirkt das Album vom Sound her in sich sehr stimmig. Hamudi ist an mehr als der Hälfte aller Tracks beteiligt und drückt dem Release somit auch ein wenig seinen Stempel auf. Das ist jedoch positiv anzumerken. Auch strotzen die Raps und Hooks vor Lebensfreude. Diese können die Featuregäste nicht immer vollends ausstrahlen – so ist Massaka für mich ein Totalausfall und erinnert dank seines raubeinigen Stimmeinsatzes ein wenig an die Jungs von Hirntot, was mich wiederum "Rabe" nach der Hook skippen lässt. Joshimizu klingt in meinen Ohren fast wie Camora selbst, nur mit weniger charismatischer Stimme – die Betonungen hat er jedenfalls erfolgreich adaptiert. Chakuza hingegen ist eine Bereicherung und erzählt zusammen mit RAF eine authentisch wirkende Geschichte – Rapskills werden hier natürlich runtergeschraubt. Ein wenig schade finde ich es, dass die ersten vier Tracks einfach zu ähnlich klingen. Ähnliche Beats, ähnlicher Textinhalt, ähnliche Hooks. Einige feiern gerade diese Homogenität, ich hatte anfangs meine Probleme damit. Danach steigert sich das Album in meinen Augen und wird vielfältiger. Außerdem schafft es Camora mit teilweise sehr guten Lyrics, einen in eine Art nachdenkliche Trance zu versetzen. Technisch ist nicht immer alles 100% on Point und auch die Reime sind teilweise ein wenig erzwungen. Das schmälert den Gesamteindruck aber fast gar nicht. Für mich ein wirklich gelungenes Album mit ganz kleinen Schwächen. Ich empfehle, "Therapie nach dem Tod" mit guten, voll geschlossenen Kopfhörern oder entsprechenden Boxen zu hören, denn nur so offenbart sich der Detailreichtum. Auf jeden Fall keine Musik, die ich über ein Handy hören würde.


David Bohnsack (duran)



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