Angemeldet bleiben?

Review: Punch Arogunz – Schmerzlos

veröffentlicht: Dienstag, 03.07.2018, 19:44 Uhr
Autor: Vincentbl3003





01. Wake-Up Call
02. Mehr Tilidin
03. Vakuum
04. Kopfkrieg
05. Attitude
feat. Cashisclay
06. Auf der Jagd
07. Ekliger Feind
feat. Twizzy & IDC
08. Knock ihn aus feat. Dave Grunewald
09. Started from Hell feat. Twizzy
10. Dröhnung Extrem feat. Finch Asozial
11. Was weißt du davon
12. So wollen wir leben
13. Harley Quin
14. Eine geht noch



VBT, JBB, Beitritt der Halunkenbande samt Gangtattoo , JMC, Austritt aus der Halunkenbande mit Drama und Disses, dann Gründung eines eigenen Labels. Punch Arogunz' Vita ist eine ereignisreiche. Der Doubletimerappende, technisch versierte, asoziale Punchliner von der Straße klang dabei immer genau so, wie sich seine Personenbeschreibung liest. Trotz großer Fanbase und Reichweite konnte auch er, wie viele seiner Battlerapkollegen, die Klickzahlen nicht so in Verkäufe umwandeln, dass er im deutschen Rap eine große Rolle spielen würde. Seit seinem Kollabo-Album mit Baba Saad nahm sich Punch eine längere Pause, bevor er sich dieses Jahr mit dem "Wake-Up Call" zurückmeldet. Wir erfuhren in diesem 5 Minuten langen Statusbericht von seiner schweren Krankheit, Medikamenten-Sucht, der Trennung von Saad und seinem neuen Label. Genug Themen also, um ein neues Album interessant zu füllen, dazu eine ausreichend lange Pause, um sich auch musikalisch zu steigern.

Den Hang zur Dramatik hatte Punch schon immer und so ist der "Wake-Up Call" ein überraschend guter Beginn. Auf einem düsteren Instrumental umreißt er alle Themen, man glaubt ihm die Wut über die Krankheit und Saad. Und auch wenn die Adlips Fremdscham erregen, ist das Gesamtpaket dennoch überzeugend. "Tilidin" kommt ebenfalls mit dem passenden Beat zum Thema, sodass sein Kampf mit dem Arzneimittel auf einem synthetischen Beat mit jeder Menge Special Effects unterlegt wird. Wenn man sein "einer gegen alle"-Szenario für die 15 Tracks mal glaubt, kann er das authentisch verarbeiten. Besonders gelungen ist dabei "Auf der Jagd", das den Tagesablauf eines Junkies auf der Jagd nach Stoff ziemlich glaubhaft darstellt. Das andere große Thema, Baba Saad, wird leider nur mangelhaft angegangen. Hier erschließt sich mir die Logik des Ganzen nicht: Punch sagt, er wolle das Thema mit Saad nicht ausschlachten, "Das kann Twizzy regeln", gleichzeitig greift er seinen Ex-Labelboss für die angebliche Bedrohung einer Frau und eines angeblichen Versuches, Punch die Beine brechen zu lassen, an und drückt ihm auch andere Punchlines auf der Platte. So kriegt man ein paar Trennungsgründe häppchenweise serviert, 80% der restlichen Story werden aber unserer Phantasie überlassen, bis Twizzy mehr sagt. Das war's auch schon mit lyrischen Hoffnungsträgern. Der Rest ist der gewohnte Inhalt, Frauen, Gewalt und Drogenmissbrauch.

Es geht gar nicht mehr darum, high zu werden/
Sondern viel mehr, ein Unglück abzuwenden/

(Punch Arogunz auf "Auf der Jagd")

Das Soundbild fällt in erster Linie rough aus. Beats wie auf "Vakuum" sind voller Synthesizer und Effekte, die möglichst laut und dominant sein sollen. "Attitude" und "Knock ihn aus" sind völlig überladen mit Samples, die stark nach Geometry Dash Beats klingen. Dazu kommt Punch Arogunz' sowieso schon raue Stimme, Doubletime und Schreieinlagen, die das Album anstrengend gestalten. Ein Track auf "Schmerzlos" fängt also in der Regel mit einem klamaukigen Beat an, bis Punch einsetzt und das Raptempo so weit steigert, bis man auch dank der Instrumentals gar nichts mehr versteht. Den Höhepunkt findet er darauf meist in der Hook, in der Punch entweder wie auf "Vakuum" mit unmusikalischem Gesang den Track versaut oder der Beat das mit einer Explosion an Synthesizern und Samples schon alleine hinbekommt. Was man ihm nicht absprechen kann, ist Rapskill. So unmusikalisch die Songs auch sind, die Parts sind einwandfrei durchgerappt, mit sauberem Flow und Routine. Die Features bleiben unter ihren Möglichkeiten. Cashisclay geht auf dem dominanten, künstlichen "Attitude" Beat fast schon unter, auch Twizzy merkt man an, dass das nicht seine bevorzugten Beats sind. Einzig Finch Asozial kommt mit seiner rustikalen Stimme noch deutlich auf den Beat, auch wenn ihm dafür der Rapskill an manchen Stellen fehlt.

Es ist mir egal wen ich anstiften kann/
Die Gesundheit von deinem Bike steht hier ganz hinten an/

(Punch Arogunz auf "Dröhnung Extrem")

Fazit:
Punchs musikalische Entwicklung hört sich an wie seine gesundheitliche. Es wird laut, anstrengend und künstlich. Vielleicht liefert er den Sound für die Leute, die sich die gleichen Drogen einschmeißen wie er und in vollkommen zugedröhntem Zustand gerne auf möglichst synthetischen Beats möglichst laut angeschrien werden wollen. Für jeden anderen werden diese 14 Tracks nicht am Stück zu hören sein. Wenn man Punch jedoch zuhört, ist sein Kampf mit der Medikamenten-Sucht tatsächlich lebhaft geschildert und vermittelt Authentizität. Die Rapparts sind astrein und technisch ist das Niveau überdurchnittlich. Am Ende kann man sich also seine 3-4 Tracks rauspicken, die als Songs noch überzeugen, insgesamt ist das Album aber ein schwaches, was zu einem großen Teil an der Produktion liegt. Punch Arogunz ist eigentlich ein starker Rapper mit Emotionen und Routine, diese Platte bleibt aber deutlich hinter ihren Erwartungen zurück.


Vincent Busche



Bewerte diese CD:

Diese Review wurde 9836 mal gelesen
15 Kommentare zu dieser Review im Forum