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Review: Private Paul & Rotten Monkey – Live Fast Die Young

veröffentlicht: Freitag, 09.12.2016, 18:17 Uhr
Autor: baurau





01. Intro
02. Willkommen im Dreck
03. Live Fast Die Young
04. Vollkontakt
05. Der realste Rapper
06. Untergrund
07. Intelligent Design
08. Was wir kannten feat. BlaDesa
09. Drogensumpf
10. Am Ende des Tunnels
11. Vergiss den Rest
12. All 4 the KASH
13. Ich schreib
14. Nichts
15. Chillen mit den Arbeitslosen feat. ODMGDIA & Scotch
16. Großkalibergewitter
17. Krieg
18. Vier Fäuste
19. Nicht mehr viel feat. Prezident
20. Outro


Private Paul und Rotten Monkey, das klingt, als würden sich zwei Mitglieder der späten Turbonegro auf Solopfade wagen. Private Paul – das ist in seiner dümmlichen Generizität schon wieder spaßig, aber welcher Affe kommt auf die Idee, sich Rotten Monkey als Alter Ego zu suchen? Jedoch gilt: "Don't judge a book by its cover". Trotzdem fällt der erste Blick nun mal unweigerlich aufs Cover und hier sehen wir: Einen Totenkopf aus Wolken, darunter eine voll düstere Stadt und ein Wolkenkratzer kratzt dem Totenkopf auch noch aus einem der Augen heraus beziehungsweise dieses aus. Alas, das ist düster und irgendwie schwant mir tatsächlich nichts Gutes, wenn ich diese plakative Zurschaustellung von Urbanität sehe. Private Paul, recherchiere ich, ist schon eine ganze Weile unterwegs und besitzt ein Label namens Emopunkrap. Uff. Im besten Fall wird das jetzt Death Grips oder eine der schnelleren Vocal-Passagen von Iceage, der Begriff hat aber mehr Fallstricke als ein The-Smiths-Coversong. Das aktuelle Werk hört übrigens auf den Namen "Live Fast Die Young" – so würde Vin Diesel auch ein Album benennen.

Schlechter Start insgesamt, also weg vom Abstrakten, hin zum "Intro". Das zitierte There Will Be Blood (s/o an laut.de, so schwierig war das jetzt nicht herauszufinden), eine misanthropische, aber ohne Zusammenhang letztlich wirkungslose Passage. Kommt leider alles etwas zu lang und verkrampft, der Noise zu Beginn des Tracks hört sich nach Ableton an, nicht nach Merzbow. Versuch # zwo, "Willkommen im Dreck". Schöner Beat, wirklich etwas düster, aber nicht übertrieben emo-ish. Die Vocals dazu sind okay, Lyrics wie

Die Wirklichkeit ist nur 'ne dünne Schicht, wie aufgeplatzte Haut/
Die Wunde juckt in meinem Kopf und wenn's nicht aufhört, rast' ich aus/
Affenfaust, kein Applaus, wenn ich Grenzen neu definiere/
Vor mir selbst defiliere, königlich residiere

(Rotten Monkey auf "Willkommen im Dreck")

passen ganz gut zum Track. Einer der größten Pluspunkte dieses Albums ist damit auch schon entdeckt: künstlerische Authentizität, ebenso thematische und stilistische Kohärenz. Auch wenn die Künstlernamen Ironie vermuten ließen, malen die beiden schwarz auf schwarz, und zwar emotional auf Cohen-Niveau, circa 1969. Technisch sind die beiden dabei stabil, reißen allerdings keine Bäume aus. Es wird rasch deutlich, dass Private Paul der limitiertere Rapper ist, Tempiwechsel, lange Reimketten und ähnliche Extravaganzen fallen ihm schwer, weshalb er sich meist auch nicht an ihnen versucht. Rotten Monkey dagegen ist zumindest deutlich variabler und passt sich Song und Lyrics besser an. Insgesamt schmeckt die Suppe, und das überrascht nicht, schon nach dem sechsten Song nach saurer Lunge – pechschwarz, aber doch recht lange nicht eintönig. 20 Tracks hintereinander sind trotzdem zu viel des Guten, zumal potentiell auflockernde Feature-Gäste rar gesät sind und ins gleiche Horn blasen wie die Hauptdarsteller. Nett, dass mit Prezident der Vertreter der zweitdümmsten Pseudo-Rap-Nische (deine Katze kannte Whiskas-Rap nicht?) vertreten ist, der technisch wie gewohnt alle anderen MCs der Platte in ihre Schranken weist.

Private Paul ist übrigens für die Beats verantwortlich und das macht er zum Beispiel bei "Am Ende des Tunnels" und "All 4 the KASH" ganz gut. Nicht aufdringlich, ein Komplettausfall ist eigentlich nicht dabei, allerdings sind "Ich schreib", "Krieg" und noch drei bis vier weitere Songs instrumentell arg simpel geraten, was auch daran liegen könnte, dass das relativ langsame und stabile Tempo Paul als Rapper mehr entgegenkommt als dem variableren Monkey, der so oft von einem Korsett eingeengt wirkt.

Die beiden setzen leicht unterschiedliche Schwerpunkte bei den Lyrics, so ist Private Paul etwas introvertierter

Rap ist Pest mit Cholera/
Durch eine Hohlnadel direkt in deinen Oberarm/
Ich mach' die Schore warm und leg' mich in die Ecke/
Denn bevor ich wieder rappe, will ich elendig verrecken/

(Private Paul auf "Vier Fäuste")

als sein Compagnon

Gegen politisches Establishment, gegen die Kanzlerin/
Die Oppositionellen, die Parteien und all die anderen von Lügnern/
Unterwanderten Keimzellen der Gesellschaft/
Und den Affen in uns allen – die eigentliche Weltmacht/

(Rotten Monkey auf "Ich schreib")

, inhaltlich macht das das Kraut aber nicht fett: Hat man einen Song gehört, bringen die anderen keinen thematischen Erkenntnisgewinn. Was den beiden allerdings immer wieder gelingt, sind schöne Lines und diese, die größtenteils gelungen Beats und Monkeys okayer Flow retten das Album einigermaßen würdevoll über die Ziellinie.

Fazit:
Wie viele Emos braucht man, um ein durchschnittliches Rap-Album aufzunehmen? Obwohl sie sich thematisch nicht viel Neues zu erzählen haben, ist die Kollaboration von Paul und Monkey durchaus als Erfolg zu werten, birgt sie doch immerhin die Erkenntnis, dass Paul ein ganz guter Produzent und Monkey ein etwas besserer Rapper ist. Beim nächsten Mal mehr Arbeitsteilung, etwas weniger generisches QQ in den Texten, dann kann der Emo der beiden vielleicht noch mehr Herzen traurig machen, denn das Fundament für Cruellas Gruselschloss haben die beiden schon.


(Franz Xaver Mauerer)



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