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Review: Prinz Pi – Rebell ohne Grund

veröffentlicht: Mittwoch, 16.02.2011, 12:47 Uhr
Autor: Unbekannter Nr. 1





01. Bombenwetter
02. Der neue iGod
03. Du bist
04. Virus
05. Generation Porno
06. Krieg @ Home
feat. E-Rich & Chefkoch
07. Drei Kreuze für Deutschland
08. Etc.
09. Schlaflied
10. Wunderkind
11. Marathon Mann
feat. Kamp
12. Eifer & Sucht
13. Wieder und wieder
14. Königin von Kreuzberg
15. Rand II
feat. Frauenarzt, Timi Hendrix & Biztram
16. Morgengrauen feat. Mudi & Raf Camora
17. Laura
18. Beweis dagegen


Rebell ohne Grund – mit dem Grundgedanken des Rebellentums erfindet Prinz Pi das Rad nicht unbedingt neu. Die deutsche Geschichte hat unzählige Rebellen hervorgebracht. Allein in der Epoche des Sturm & Drang, in der überwiegend junge Künstler gegen die Überwindung der Vernunftherrschaft und für die Entfesselung des Gefühls kämpften, finden sich große Namen wie Goethe oder Schiller, die stellvertretend für den Idealismus einer ganzen Ära stehen. Die meisten von ihnen waren aus gutem Grund gegen die sie einschränkenden Gegebenheiten: Die Enge, die durch die festgeschriebenen Gesetze der Literatur entstand, grenzte das kreative Genie eines jeden Künstlers ein, es konnte sich nicht frei entfalten. Um mit diesen Regeln zu brechen, mussten neue Wege beschritten und die Mauern der älteren Generation eingerissen werden. Überträgt man diese Vorstellung in die Neuzeit, so wird schnell deutlich, worin Prinz Pis Motivation zum Rebellieren liegt. Der Drang wurzelt nicht in dem Gedanken, dass etwas schlecht ist und nun verbessert werden soll – Pi möchte Grenzen überschreiten, sein inneres Genie zu Höchstleistungen anspornen. Stellt man diesen Albumtitel in Relation mit der heutigen Lebenssituation in Deutschland, so wird schnell klar, dass Pi an und für sich wirklich keinen Grund zur Rebellion hat. Wir leben in einem Sozialstaat, besitzen – soweit dieser es erlaubt – alle Freiheiten der Welt, und auch an Essen und Kleidern mangelt es uns nie. Wir können unsere Entscheidungen frei treffen, ohne dafür diskriminiert oder verfolgt zu werden, und unsere Meinung jederzeit frei äußern. Auch die staatlichen Rücksicherungen, wie zum Beispiel die Rente oder das Arbeitslosengeld, sind für uns selbstverständlich, während in anderen Ländern Menschen verhungern oder für ein paar Cents ihr Leben riskieren. Von einem solchen Standpunkt aus betrachtet, macht der Titel durchaus Sinn. Doch Pis Rebellion ist viel mehr als nur Jammern auf hohem Niveau. Sie symbolisiert sein inneres Bedürfnis nach Fortschritt. Ignoriert man also die historisch festgelegten Jahreszahlen der deutschen Epochen, so würde man Pis neuestes Werk "Rebell ohne Grund" inhaltlich eindeutig dem Sturm & Drang zuordnen. Nicht umsonst nennt man diesen Abschnitt umgangssprachlich auch "die Geniezeit".

"Mein Name ist Prinz Pi. Herzlich willkommen auf meinem neuen Album!" – nach Pis freundlicher Begrüßung folgt mit "Bombenwetter" ein Track auf einem futuristischen Soundgerüst, der seinen Namen ausdrücklich verdient hat. Eingeleitet durch ein sentimentales Klaviersample, entfalten Pis scharfe Worte ihre volle Durchschlagskraft:

"Auftrags-Studentenrap/
Du bist voller Ausschlag wie mein Handynetz/
Leg mal kurz die Wendy weg/
Und bezeuge meine Lässigkeit/
Der Rest will Straße sein, womit er, anders gesagt, auf der Strecke bleibt/
"
(Prinz Pi auf "Bombenwetter")

Generell, so scheint es, kann Pi mit dem Kriegsszenario eine Menge anfangen. So handeln sowohl "Krieg @ Home" (feat. E-Rich & Chefkoch) als auch "Drei Kreuze für Deutschland" von ebendiesem. In erstgenanntem Track wird auf einem minimalistischen, düster gehaltenen Beat die Tatsache beschrieben, dass Krieg für uns nicht existent ist und wir ihn nur aus den Medien kennen. Pi umschreibt eine Kriegsszene in der Ich-Perspektive, die sich vor allem damit auseinandersetzt, dass der Krieg grausam ist, entfremdet wird. Schützen zielen nur auf "glühende Punkte" in ihren Bildschirmen, nicht auf tatsächlich existente Menschen. Auch E-Rich und Chefkoch passen sich – leider nicht so gut wie der Hauptprotagonist – der Thematik an. Das abrupte Ende mit einem Selbstmordanschlag regt zum Nachdenken über die scheinbare Sicherheit der westlichen Welt an. In "Drei Kreuze für Deutschland" erzählt Pi als logische Konsequenz darauf die Geschichte einer deutschen Familie, beheimatet in idyllischer Natur, die durch den Krieg vollständig auseinandergerissen und zerstört wird. Schwere Kost. Auch der sentimentale Klang der Akustik-Gitarre zusammen mit dem Akkordeon untermalt die düstere Szenerie, die Pi wie kein Zweiter lyrisch umsetzt. Und wo wir gerade beim Thema Krieg sind: Was wäre ein Berliner ohne F.R.-Diss? Richtig. Diese Frage hat sich scheinbar auch Prinz Pi gestellt, denn so gibt es – neben einer Menge Respekt für deutsche MCs – den für die Hauptstadt obligatorischen Diss auf "Beweis dagegen" zu hören.

Mit "Du Bist" – ein Track, der für mich übrigens eine der besten Deutschrap-Singles seit Langem ist – scheint es fast so, als ob Pis musikalische Experimente der Vergangenheit nun ebenfalls vorbei wären und er klangtechnisch endlich zu Hause angekommen ist. Auf einem sentimentalen Beat mit Post-Rock-Einflüssen, Clean-Guitar-Melodie, Live-Drums und Klavier- und Streichereinsätzen erschafft Pi einen zeitlosen Klassiker:

"Die Nächte sind gegen Ende intensiver denn je/
Zeit war nie so zäh, wie Warten darauf, dich wiederzusehen/
Auf dem Boden von der Flasche liegt ein tieferer See/
Als man glaubt, wenn man taucht, ist die Liebe zu seh'n/
"
(Prinz Pi auf "Du bist")

Auch in "Etc." sowie in "Wieder und wieder" und "Eifer und Sucht" beschreibt Friedrich Kautz – so sein richtiger Name – seine leicht gestörte Beziehung zu Frauen. Die Beats – leer, mit der Ausnahme von "Wieder und wieder" sehr langsam, mit sporadischen Instrumentaleinsätzen – verdeutlichen hierbei die innere Gefühlswelt Pis. Er spricht von sich als "Veteran der Rosenkriege", was sinnbildlich für die Tracks ist. Die Motive sind Hass, Eifersucht, Liebe, Ungewissheit und Kontrolle statt Vertrauen – und das setzt Friedrich hier auch stilistisch perfekt um. Richtig persönlich wird es allerdings erst auf "Laura", wenn er die Vergangenheit mit seiner Ex-Freundin neu aufrollt, die aufgrund von Beziehungs- und Drogenproblemen durch Suizid ihrem Leben ein Ende setzte:

"Du hast eine Schwäche, dein kleiner Helfer/
Der dir half und half, bis du nicht mehr du selbst warst/
[...] Zu viel gezogen, zu viel um irgendwie zu klappen/
Futter für's Ego, Anabol für deine psychischen Macken/
[...] Ich wollt' dich halten, doch war zu jung, war zu dumm, war zu stolz/
Auf ihre Art hatten wir beide uns're Nasen voll/
"
(Prinz Pi auf "Laura")

Hier spricht sich Pi den Schmerz von der Seele. "Ich hab' gesucht, aber es gibt keinen, der dich ersetzt" – mit einem Mal wird klar, warum das Thema Frauen so einen großen Stellenwert in seinem Leben einnimmt. Beim konzentrierten Hören kam bei mir beim Übergang vom letzten Part in die Hook sogar Gänsehaut auf. Die Atmosphäre, der musikalische Teppich, Pis Worte – sehr ergreifend. Während "Schlaflied" einer weiteren, bedeutenden Frau in seinem Leben gewidmet ist, nämlich seiner Tochter, spricht Pi in "Königin von Kreuzberg" auf einem kitschig-ekligen Punk-Gerüst mit Gitarrensound über eine Frau, die sich von den "Mädchen in der Szene" abgrenzt ("Du lackierst dir mit Edding die Nägel" oder "Geh'n wir essen mit deinen Eltern, nimmst du fast keine Drogen"). Im Kontrast zu den restlichen Tracks bedient sich Pi hier stark der Komik ("Ist die Stadt zu sauber, ist es nicht deine Schuld!"). Dieses Lied ist das einzige, das für mich musikalisch nicht in das Konzept passt und auch den roten Faden etwas verliert, textlich allerdings super umgesetzt ist.

Dass ein richtiger Rebell auch Kritik an der Gesellschaft äußern muss, versteht sich von selbst. "Morgengrauen" (feat. Mudi & Raf Camora) stellt hier für mich ein weiteres Highlight des Albums dar. Durch einen genialen Beat – melancholisch, ein Akkordeon ergänzt die E-Pianomelodie – gelingt es dem Produzenten, eine Atmosphäre zu schaffen, die brillant in den Texten aufgegriffen wird. Die Protagonisten philosophieren über das Leben, sprechen in einer sehr bildhaften Sprache. Vor allem Mudi , der das Leben mit einem gesperrten Fahrstuhl und einer steilen, morschen Treppe vergleicht, gefällt. Auch Raf muss man an dieser Stelle wieder einmal loben – sein Part ist geprägt durch das Aufzeigen der Kontraste arm und reich, dem Partyleben am Abend und dem Morgen tags darauf. Textlich schwer verdaulich. In "Generation Porno" gelingt es Prinz Pi, die Jugendkultur ironisch zu skizzieren. Feiern, Spaß, Sex, Drogen und Alkohol werden angeprangert, das typische Barockmotiv "Carpe Diem" – der Tod ist nahe, nutze den Tag – wird übergangen, man lebt nur einmal. Die Kritik Pis an dieser Gesellschaftsform wird hierbei durch Überspitzung dargestellt: "Wir soll'n die Zukunft sein? Schule nein, Jugendheim!/ Arbeitslos, Altersheim! Voll cool, Rollstuhl!".

Auch typische Representertracks lassen sich auf dem Album finden, beispielsweise "Der neue iGod" oder "Rand II" (feat. Timi Hendrix & Frauenarzt). Während sich Pi auf ersterem lyrisch von Rest-Deutschland abgrenzt und sich mit dem Image des Studentenrappers identifiziert ("Promo? Ich promoviere summa cum laude!"), enttäuschen die Featuregäste auf zweitgenanntem Track. Timi Hendrix kommt mit einem für ihn sehr typischen 16er um die Ecke. Gleiche Reimstruktur wie immer. Tonhöhe fällt beim Reim. Auch der obligatorische Seitenhieb an seinen Vater kommt darin vor. Während Timi wenigstens noch auf hohem Niveau enttäuscht, ist der Frauenarzt-Part schon fast eine Beleidigung. Neben Prinz Pi gleichen seine lyrischen Fähigkeiten meiner Meinung nach ungefähr denen eines Grundschülers. Erst jetzt wird mir bewusst, wie künstlerisch hochwertig doch Pis Vorträge auf "Rebell ohne Grund" geworden sind.

Fazit:
Wer auch immer der aktuelle "King of Rap" ist – er muss sich warm anziehen. Prinz Pis Vorträge beinhalten existenzielle Botschaften, berühren emotional und werfen Fragen auf. Das Album ist facettenreich und mit viel Liebe zum Detail produziert – es vereint alle modernen Anforderungen und ist trotzdem ein zeitloses Produkt. Vernichtende Punchlines ("Es ist wie im Buchladen – kenn' ich erst all deine Seiten, muss ich wieder zuschlagen!") treffen auf bis ins letzte Detail ausgefeilte Rap-Technik, geist- und abwechslungsreiche Lyrik auf mitreißende, ehrliche Storyteller und profilierende Representer. Soundtechnisch – so scheint es – ist er nun auch endlich am Ziel angekommen. Hier trifft die Gegenwart auf zeitlose Klassik: Moderne Synthieklänge folgen auf Vintage-Rock-Elemente beziehungsweise sentimentale Streicher- und Klaviersounds. Die Stimmung der jeweiligen – ausproduzierten und hoch musikalischen – Beats von Biztram, The Royals und Whizz Vienna greift er auf und überträgt sie gelungen auf seine Texte. Friedrich Kautz ist nicht nur optisch erwachsen geworden – seine Wandlung äußert sich hier in erster Linie akustisch. Mit "Rebell ohne Grund" sollte ihm nun der endgültige Durchbruch gelungen sein. Seine Chartplatzierung zumindest spricht für ihn – und Bände.


(Erich Unrau)



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