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Review: Prinz Pi – Kompass ohne Norden

veröffentlicht: Sonntag, 14.04.2013, 11:37 Uhr
Autor: Balta der Chef





01. Fähnchen im Wind
02. Moderne Zeiten
03. Kompass ohne Norden
04. Frühstücksclub der toten Dichter
05. 100X
feat. Casper
06. Glück
07. Säulen der Gesellschaft
08. Rost
09. Ende Blut, alles Blut
10. Schwarze Wolke
11. Die letzte Ex
12. Asoziale Kontakte
13. Unser Platz


Prinz Pi ist zurück: Zwei Jahre nach seinem bisher erfolgreichsten Album "Rebell ohne Grund" steht nun der Nachfolger in den Startlöchern. Auf dem mit "Kompass ohne Norden" betitelten Werk zeigt Friedrich Kautz, so Pi bürgerlich, eine konsequente Weiterentwicklung des 2011 gefundenen Stils. Bereits beim Vorgänger kamen einige skeptische Stimmen auf, die Prinz Pi vorwerfen, kommerziell geworden zu sein und seine "Untergrund"-Mentalität verloren zu haben. Doch nicht nur der Erfolg gibt dem, einst als Prinz Porno bekannten, Berliner wohl Recht, sondern auch die überzeugenden Leistungen, die er musikalisch in beinahe allen Belangen abgeliefert hat. Die im Vorfeld gezeigten Singles präsentieren eine Fortsetzung der weitestgehend melancholischen Stimmung von "Rebell ohne Grund". Der größte Unterschied ist wohl, dass diese auf der aktuellen Langspielplatte nochmals deutlich umfangreicher und stringenter platziert ist. Der rote Faden steckt wesentlich tiefer drin als noch vor zwei Jahren.

"Es beginnt bestimmt nach [...]/
Dem ersten Mal auf Demo gehen, Harten machen, Stein schmeißen/
Wegrennen, Herz schlägt bis zum Hals, Einscheißen/
Dem ersten Konzert, Teil sein eines Lifestyles/
Schwitzen, tanzen, dabei sein – Freiheit!/
"
(Prinz Pi auf "Fähnchen im Wind")

Bereits auf dem umfangreichen Opener "Fähnchen im Wind" wird unüberhörbar deutlich, welche Richtung Prinz Pi mit diesem Album einschlägt. Überaus große und wichtige Themen stellen die Jugendzeit und die Liebe dar, aber auch die Gesellschaft kriegt ihren Platz auf dem Release. Das Keine Liebe Records-Oberhaupt berichtet von den ersten Erfahrungen im Leben, den Meilen-, aber auch Stolpersteinen, von Aufstieg und Absturz. Bereits auf dem Intro präsentiert sich Pi zwar melancholisch angehaucht, aber man spürt seinen Willen und den Spaß an diesem Projekt durch die Lautsprecher hindurch. Auf einem von Piano und Gitarre begleiteten Beat, der schon fast ein bisschen nach "Gute Laune-Musik" klingt, trägt der Prinz die erwähnten Themen vor. Besonders gelungen ist dabei, dass die Stimmung des Rappers und des Beats ähnlich Fahrt aufnehmen und beispielsweise auch bei der Bridge am Ende, nachdem es ruhiger wird, wieder auf einem Level liegen. So knallt eine überzeugte und kraftvolle Hook mit starken Drums aus den Boxen und transportiert eine tolle Atmosphäre, welche genau dadurch entsteht, dass der Künstler und der Beat so nah beieinander liegen und sich ergänzen.

Die Beschreibung dieses wohlklingenden Umstandes fiel bewusst so lang aus, da erfreulicherweise nicht nur das Intro diesem Schema folgt; es leitet so gesehen die gesamte, auf das Album verteilte Stimmung und Atmosphäre ein. Auch der Titelsong "Kompass ohne Norden" kann mit ähnlich fröhlichen Klängen, aber gleichzeitig ernsten und umfangreichen Themen punkten. Passend dazu zeigt sich Prinz Pi erneut in Topform und zieht einen richtig mit rein, da ist Kopfnicken schon das Minimum. Gleiches gilt für die Video-Auskopplung "Glück", auf der Prinz Pi über die Liebe rappt. Auch das gut gelaunte "Schwarze Wolke" zeigt, dass trotz melancholischer Gedanken des Protagonisten alles ganz angenehm und fröhlich sein kann – zumindest in diesem Song. Trotz der oft zumindest ähnlichen Themen, die sich durch das Album ziehen, schafft es Pi, diese in unterschiedlichen Facetten zu zeigen und dadurch die Themen mit anderen Hintergründen in den Fokus zu rücken, so zum Beispiel die Jugendgeschichten auf "Kompass ohne Norden" und "Frühstücksclub der toten Dichter". Auf den ersten Blick wirken die Themen gleich, oder immerhin bereits angeschnitten. Doch der Hintergrund und die Stimmung sind unterschiedlich und stehen für sich allein. Was auf einem Pi-Album eigentlich nicht fehlen darf, ist auch auf "Kompass ohne Norden" wieder mit von der Partie: Die Rede ist natürlich von gesellschaftskritischen Songs, auf denen sich der Berliner mit Themen wie Karriere um jeden Preis, Outsourcing oder Krieg auseinandersetzt.

"Trinkt das Bier, es macht euch schwach, es eint euch nur im Zorn/
Das Schimpfen nutzt nun auch nichts mehr, wir ha'm den Krieg verlor'n/
Ihr wolltet erst die Arbeit, dann wurd' sie euch zu lang/
Die Gewerkschaft, die doch für euch kämpfte, war der Untergang/
Wenn die Flüge billig werden, dann freut euch das doch auch/
Der große, rote Drache hustet für euch Flatscreens aus sei'm Bauch/
"
(Prinz Pi auf "Rost")

Freunde von Prinz Pis Kritik an der Gesellschaft – ihren Strukturen, Formen, Ereignissen und Verhalten – werden möglicherweise beklagen, dass sich in Form von "Rost" und "Säulen der Gesellschaft" nur zwei "direkte" Auseinandersetzungen mit ebendieser auf dem Album befinden. Doch oft steckt zwischen den Zeilen auf anderen Songs ebenfalls eine Beschwerde, eine Kritik, gar eine Moral. Wie etwa in der letzten Strophe von "Kompass ohne Norden", wo Pi ein Gespräch mit einem alten Bekannten darstellt, der jetzt sehr erfolgreich ist und nichts als seine Karriere im Kopf hat. Einen Unterschied zu früher zeigt die vergleichsweise geringe Songanzahl. Doch innerhalb dieser Songs finden sich keine Lückenfüller, sondern eigenständige Produkte, die alle gemeinsam das Album zu dem machen, was es ist. Fehltritte leistet sich Pi wenige. Der meiner Meinung nach einzige Song, der im Vergleich zu den anderen abfällt, ist "Säulen der Gesellschaft". Hier wirkt er stellenweise kraftlos und lasch, obwohl die gesellschaftskritischen Themen durchaus abwechslungsreich sind. An dieser Stelle hat der Rapper einen kleinen Durchhänger in der Albummitte, der aber schnell von den darauf folgenden Songs aufgefangen wird.

In puncto Features hält sich Prinz Pi diesmal, im Vergleich zu seinem letzten Album, deutlich zurück. Casper trägt als einziger Feature-Gast die Bürde, dass bei einem kurzen Blick abseits von Prinz Pi alle Augen auf ihn fallen. Doch dies meistert der Wahl-Berliner absolut problemlos und überzeugt mit einem guten, deepen Part mit schönen Flowwechseln und Reimketten. Gleichzeitig passt sein genervter, leicht desinteressierter Stimmeinsatz gut zum Rest des Features "100X". Bereits in der Vergangenheit überzeugten die Features der beiden und auch dieses stellt keine Ausnahme dar. Auch wenn Casper inhaltlich und lyrisch leider nicht an die besten Songs von "Hin zur Sonne" oder "XOXO" rankommt, weiß der Part durchaus zu gefallen. Nicht anders steht es um die gesamten Instrumentals. Alle Beats sind fein säuberlich ausproduziert, hier wurden sich keine Schnitzer geleistet. Pi zeigte sich nicht experimentell, sondern wählt ein Klangbild, das teilweise Elemente von "Rebell ohne Grund" übernimmt und doch den Fortschritt zwischen den beiden Projekten zeigt. Die Beats passen exzellent zur jeweiligen Stimmung, die der Künstler auf seinen Songs vermitteln möchte. Auch ermöglichen sie durch geschickte Tempowechsel sowie An- und Abstieg von Intensität und Energie viel Spielraum. Darum können ruhige Passagen entsprechend untermauert werden, während Pi wenig später wutentbrannt seinem Frust Luft machen kann. Dieses Zusammenspiel zwischen Künstler und Beat zeigt die durchdachte Arbeit am ganzen Album "Kompass ohne Norden" und stellt sich in seiner Einheitlichkeit und seinem roten Faden noch mal ein Stück über den Vorgänger. Hier wirkt alles deutlich ausgeklügelter.

Fazit:
Dass sich die Musik von Pi verändert hat, steht außer Frage. Ebenfalls unbestritten ist allerdings auch, dass sich der Berliner weiterentwickelt hat und sich dieser Wandel auch in seinem Künstlerdasein Ausdruck findet. Der Sound ist vergleichsweise neu und wurde mit "Kompass ohne Norden" verbessert und erweitert. Die musikalische Qualität und Überzeugung, mit der Prinz Pi seine durchdachten, authentischen Texte auf ebenfalls hochklassigen, sauberen Beats einrappt, erstickt jede Kritik von "Imagewechsel" oder "Kommerz" im Keim. Was nach dem Gerede eines Fanboys klingen mag, offenbart sich schlicht nach vorurteilsfreier Begutachtung des neuen Albums. Wer schon "Rebell ohne Grund" nicht mochte, wird es mit "Kompass ohne Norden", sicherlich auch schwer haben. Aber wer dem Album einen tieferen Blick gewährt, wird von einer sehr angenehmen Stringenz und Einheit erfasst werden, die nur wenig andere Künstler heutzutage in dieser überzeugenden Form bieten.


(Mahir Kulalic)



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