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Interview: Prezident & Kamikazes (Leiden oder Langeweile, Deutschrapjournalismus, Limbus) – Text

veröffentlicht: Freitag, 20.11.2015, 16:46 Uhr
Autor: Play70


Prezident und die Kamikazes, bestehend aus den Brüdern Antagonist und Mythos, treten schon seit mehreren Jahren musikalisch zusammen in Erscheinung: Bislang beschränkte sich die Zusammenarbeit zwar auf gegenseitige Features und gemeinsame Auftritte, was sich aber nun änderte. Mit "Leiden oder Langeweile" präsentieren die drei Wuppertaler ihr erstes Kollabo-Projekt. rappers.in traf sich mit dem Trio und redete mit ihnen über ihr neues Werk, die Deutschrap-Szene, "Limbus" und viele weitere interessante Themen. Wir wünschen Euch viel Spaß!



rappers.in:
Hallo ihr drei. Erst einmal danke für die Zeit, die ihr euch genommen habt. Als Einstiegsfrage für alle unsere Leser, die gerne mal einen Whisky trinken: Was könnt ihr in dieser Hinsicht empfehlen?

Prezident:
Den einen aus dem "Ausm Funkloch"-Video. Woodford war das glaube ich. Aber guckt euch einfach das Video an.

Antagonist:
Ich trinke keinen harten Alkohol. Ist mir zu doof.

rappers.in:
Lasst uns mal mit der bevorstehenden Tour anfangen: Bisher habt ihr keine größere Tour gespielt.

Prezident:
Naja, wir hatten die Support-Slots bei Morlockk und Hiob, dann noch die kurze Tour mit den Antilopen.

rappers.in:
Aber jetzt die erste eigene größere Tour. Wie kam es zum Entschluss, das Ganze gerade jetzt etwas größer aufzuziehen?

Prezident:
Das hab ich schon länger probiert, auch damals zu den "Neuesten Erkenntnissen" ("Neueste Erkenntnisse vom Absteigenden Ast", d. Red.), aber das hat da einfach nicht funktioniert. Das ist ja eine Sache von Angebot und Nachfrage.
Das Booking-Geschäft ist sowieso sehr anstrengend. Aus irgendeinem Grund ist es darin Standard, nur auf in etwa 20% aller Mails zu antworten. Also wenn du 10 Clubs anschreibst, dann kriegst du von zweien eine Antwort. Und dann muss man halt hartnäckig bleiben.

rappers.in:
Und was denkt ihr, wie die Zuschauerresonanz ausfallen wird? Denkt ihr, dass die Clubs gefüllt sein werden beziehungsweise ist euch das überhaupt wichtig?

Antagonist:
Ja, das wär schon ganz gut, wir wollen ja schließlich auch was dran verdienen. Aber ich bin da ganz guter Dinge, bei den meisten Tourstopps haben wir bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Wir haben eine relativ treue Anhängerschaft.

rappers.in:
Die sich eure Platten kauft und eure Konzerte besucht.

Antagonist:
Ja genau. Auf den Konzerten sieht man dann je nach Region auch immer die gleichen Crews, die da auftauchen und immer wieder total abgehen.

rappers.in:
Sicher auch angenehmer, als eine gesichtslose Masse vor sich zu haben?

Antagonist:
Auf jeden Fall. Man könnte sich ja in vielen Fällen auch für seine Crowd schämen.

Prezident:
Ich miete mich ja auch teilweise selber in die Clubs ein, deswegen müssen natürlich schon Leute kommen. Sonst wird das ja ein finanzieller Reinfall für mich.

rappers.in:
Die Tour findet im Zuge der "Leiden oder Langeweile"-EP statt. Diese erscheint als Free-Release sowie als Vinyl, nicht jedoch als CD. Warum diese Entscheidung? Rentiert sich ein CD-Verkauf nicht?

Antagonist:
Doch, CDs rentieren sich schon, sogar mehr als Vinyl. Es ist mehr so, dass wir das Ganze als Free-Release angedacht haben und die Vinyl ist eher ein Bonus. Die gehen immer sehr gut weg. Für uns ist es dann ein schöner Bonus und für Leute, die viel Vinyl hören, ein gutes Angebot.

rappers.in:
Also ist die EP eher als Vorbereitung für die Tour und das Prezident-Album im nächsten Jahr gedacht?

Antagonist:
Ja genau. Es war auch eigentlich nicht geplant, aber die EP hat sich im Laufe der Zeit einfach so angesammelt.

Prezident:
Eigentlich ist sie relativ zusammengewürfelt angegangen worden. Einerseits sind Tracks übrig geblieben von einem Kamikazes-Album, was so in der Form nicht erscheint. Zwischendurch stand dann der Gedanke im Raum, ein "Querschläger Teil 2" mit Kamikazes-Remixen zu machen. Dann haben wir uns in Offenbach getroffen und das so zusammengestellt. Es ist deutlich zusammengewürfelter angegangen worden als etwa die "Handfeste", ist aber letztendlich doch sehr homogen geworden.

rappers.in:
Das bringt mich auch schon zu meiner nächsten Frage: Ihr habt natürlich viele Gemeinsamkeiten hinsichtlich eurer Attitüde, aber musikalisch seid ihr doch recht unterschiedlich. Wie seid ihr auf einen Konsens gekommen?

Mythos:
Wenn wir drei zusammen sitzen, dreht sich ein Großteil der Gespräche um Mucke: Also was es so an neuen Rappern, Alben oder Tracks gibt oder was man gerade wieder an alten Sachen feiert. Da haben wir meistens ähnliche Ansichten. Die EP war dann auch einfach mal eine Möglichkeit, im lockeren Rahmen Tracks zu machen, die ein wenig von unserem angestammten Sound abweichen. Beim Beat zum Titeltrack, den Jay Baez produziert hat, hatten wir zum Beispiel direkt den "Jet Life" von Curren$y vor dem inneren Auge laufen.

Antagonist:
Die Sache ist natürlich folgende: Wenn Prezident als Prezident Musik macht und wir als Kamikazes, dann ist der Fokus ein wenig anders. Prezident pickt Beats, auf die er dann Texte schreibt, wir produzieren erst einmal. Wenn wir dann ein Soundbild haben, das uns gefällt, beginnen wir, Konzepte zu sammeln. Im Endeffekt haben wir uns einfach gegenseitig irgendwelche Anfänge vorgespielt. Bei "Leiden oder Langeweile", dem Titeltrack, hatte Prezident schon den Beat. Bei den von uns produzierten Beats gab es meistens schon etwa einen halbfertigen Track drauf.

rappers.in:
Das ist wiederum eine wunderbare Überleitung: Du und Mythos habt einen Großteil der EP produziert, wie funktioniert dieses gemeinsame Produzieren? Gibt es gewisse Chancen, die sich dadurch ergeben?

Antagonist:
Es gibt natürlich Beats, die komplett von dem Einen oder Anderen von uns produziert worden sind. Dann heißt es natürlich trotzdem "prod. von den Kamikazes", weil es zu albern ist, das noch aufzusplitten. Aber wir produzieren halt oft so, dass wir irgendwelche Skizzen hin und her geben, weil mein Bruder ein Experte im Flippen von Samples ist und ich eher im Bereich Synthies und Einspielen tätig. Das ergänzt sich ziemlich gut, deshalb sind unsere Beats auch meistens aus Sample-Schnipseln und Eingespieltem zusammengesetzt.

Mythos: Meistens wird es am besten, wenn wir wirklich zusammen an den Beats sitzen. Manchmal läuft es aber auch so, dass wir komplett zeitversetzt an einem Beat arbeiten. Wie zum Beispiel bei "Folie a deux". Da hatte Lukas den Beat komplett gemacht, wir haben unsere Parts geschrieben und danach habe ich den Beat arrangiert.



rappers.in:
Deutscher Rap ist derzeit im Aufwind, jede Woche in den Charts. Was sind denn für dich derzeit Künstler, die du gerne hörst? In einem Interview Anfang dieses Jahres sagtest du, dass du LGoony gut findest, wenn ich mich nicht täusche?

Prezident:
Nee, ich meinte tatsächlich nur, dass ich ihn höre in genau diesem Augenblick. Das war ja so ein ICQ-Interview und ich habe gerade Goonyverse durch gehört, als die Frage nach der mangelnden Naivität im Deutschrap kam.

rappers.in:
Was wären denn dann für dich Lichtblicke in der Deutschrap-Szene?

Prezident:
Momentan gibt’s nicht viele, glaube ich. Aktuell höre ich echt wenig Deutschrap, dazu passieren einfach zu viele spannende Amirap-Sachen. Die letzten Alben, die ich gut fand, waren von Xatar und Haft. Mir fällt ansonsten nichts Zwingendes ein.

Antagonist:
Die GZUZ-Single mit Hanybal ("Ebbe & Flut" Anm. d. Red.).

Prezident:
Stimmt, GZUZ. Ja, die Sachen find' ich ganz cool.

Mythos:
Ich bin mal gespannt, was jetzt so vom Plusmacher kommt, wo er jetzt auf dem Zweitlabel von Xatar ist.

rappers.in:
Bei dir genauso, Antagonist? Wenig, wo du sagst: "Das ist gut"?

Antagonist:
Im Amirap geht einfach momentan zu viel gutes Zeug, deshalb bleibt es momentan bei ein paar Videosingles. Da fand ich wie gesagt das GZUZ-Feature mit Hanybal und Xatar richtig geil.

Prezident:
Die Antilopen haben ja gestern was Neues releast; das klang dem ersten Eindruck nach ziemlich gut und vor allem, als hätten die auch raptechnisch mal (Pause) an sich gearbeitet

rappers.in:
Lasst uns mal mit einem Zitat fortfahren. Auf "Zwei Tage die Woche" hört man von Prezident: "Du Longboardfahrer. Dein Gala-Bunte-Hype in allen Ehren, doch unser Scheiß bleibt unerreicht und deiner soll ein Kunstwerk sein, doch kann, wenn du mich fragst, weg". Wie steht ihr zu medialen Hypes? Würdet ihr euch auch etwas mehr Hype wünschen oder fühlt ihr euch in eurem Nischendasein wohl?

Mythos:
Medialen Hype finde ich grundsätzlich nicht gut oder schlecht. Bei den Deutschrap-Hypes nervt mich aber, dass sie meistens nicht darauf gegründet sind, dass irgendjemand gerade etwas krass Innovatives macht, sondern eher darauf, dass Deutschrap halt gerade gehyped wird. Das wirkt dann eher ein bisschen wie eine Spekulationsblase. Das ist in den USA meiner Meinung nach schon anders.

Antagonist:
Hype wäre geil, wenn man nichts dafür tun muss. Die Sache ist die, und da haben wir uns gestern noch drüber unterhalten, dass es im Deutschrap so ist, dass jeder, der was Geiles macht, sich selber entzaubert, indem er sich dauernd Backstage filmt oder langweilige Gespräche mit seinen Freunden führt. Das ist auf jeden Fall ein Fehler, den man nicht begehen sollte. Die kriegen dadurch zwar trotzdem einen Hype, aber für mich ist das die komplette Entzauberung. Deswegen müssten wir den schon umsonst kriegen.

rappers.in:
Es hat ja auch durchaus was gefährliches an sich. Man sollte ja möglichst nicht abheben.

Antagonist:
Ja, ist halt etwas durchgedrehter, als uns Montag morgens vorm Aufstehen zu filmen. Das ist halt relativ lame und normal.

rappers.in:
Und diese ganze Video-Album-Promo-Geschichte ist ja eh ziemlich schlimm geworden die letzten Jahre.

Antagonist:
Bei mir ist das halt immer so, dass das im Prinzip den Todesstoß gibt. So ähnlich wie die Prodigy-Autobiografie von Mobb Deep. Die hat mir endgültig klar gemacht, dass Prodigy nie hart war. Das hat halt den ganzen Mobb-Deep-Film für mich kaputt gemacht. Ich war immer sehr großer Mobb-Deep-Fan, schon von Jugendtagen an, und jetzt hab ich halt immer im Hinterkopf, wie er beschreibt, wie er irgendwelche Schlägereien anzettelt, die seine Freunde ausbaden müssen und dass er im Endeffekt nie was gemacht hat.

rappers.in:
Da läuft dann ja auch viel über Selbstinszenierung.

Antagonist:
Genau, und deswegen Entzauberung. Man sollte sich, abgesehen von der Musik, so weit es geht hinter den Kulissen halten.

rappers.in:
Lasst uns im Zusammenhang mit eurem Nischendasein nochmal über das Leben als Musiker reden: Könnt ihr von dem, was ihr tut, leben beziehungsweise würdet ihr es gerne können?

Antagonist:
Wir, also mein Bruder und ich, leben auf jeden Fall nicht davon. Wir haben ein ganz gutes Taschengeld dadurch und auf der anderen Seite noch eine halbe Stelle. Ich würde aber auch nicht gerne von Rap leben, weil dieser Alltagsfilm zum einen die größte Inspirationsquelle ist und ich glaube, wenn ich mich nur in so einem Leben bewegen würde, das mit Rap zu tun hat, dann würde ich auch sehr schnell wacken Rap über Rap machen. Es gefällt mir auch als Beschäftigung ganztägig nicht. Irgendwie muss man halt auch mal morgens in der Bahn sitzen.

Prezident:
Du kannst ja auch als Rapper in der Bahn sitzen. Ich halte das für überbewertet als Erdungsding. Es kommt ja trotzdem darauf an, in welchen Sphären du dich bewegst.

Antagonist:
Ja, aber du musst einfach den Abfuck schieben, dass du in dieser Bahn sitzt und zur Arbeit musst, mit 'nem Chef zu tun zu haben. Das ist mir persönlich wichtig.

rappers.in:
Du siehst das offenbar etwas anders, Prezident?

Prezident:
Ja im Prinzip lebe ich die letzten zwei Jahre nur von Rap. Ich glaube nicht, dass ich noch eine alternative Beschäftigung brauche, die in einem Arbeitsverhältnis organisiert ist, um meinen Horizont offen zu halten. Ich kann mich auch so mit dem Rest der Welt beschäftigen, auch wenn ich dauerhaft genug Geld mit Rap verdiene, um davon zu leben.

Antagonist:
Du rappst doch jetzt schon nur über Rap. (Alle lachen)

Prezident:
Man muss ja auch nicht seinen alltäglichen Freundeskreis kappen, weil man irgendwas mit Musik macht. Das ist sicherlich behindert, irgendwann nur noch in so 'nem Szeneding festzustecken. Das kann passieren, aber das passiert ja nicht nur Künstlern, sondern normalen Menschen genauso beim Älterwerden. Wenn man irgendwann Job, Familie und was auch immer hat. Und für sonst nichts mehr Zeit. Dann verlieren sich Kontakte, Freundeskreise schmelzen. Wenn dann die Leute in so einer Rap-Blase sind, dann können die schon behindert werden, das sehe ich ein. Aber die Gefahr sehe ich bei mir jetzt nicht so.

rappers.in:
Es gibt ja auch Leute, die pro Jahr zwei Alben raus hauen, die dann auch noch unfassbar unkreativ sind.

Prezident:
Es gibt auch Leute, die alle drei Jahre 'n unkreatives Album raus hauen.

rappers.in:
Aber wenn sich etwas verkauft, dann macht man halt weiter.

Prezident:
Das kann man so auch nicht sagen. Es gibt Leute, die machen schnell gute Sachen. Andere können nicht aussortieren. Die machen dann viel, aber wenig davon ist gut. Man kann generell nicht sagen, dass man mit mehr Zeit bessere Alben macht. Man kommt da auch schnell aus dem Flavour raus. Genauso ist das mit der "Von Rap leben oder nicht"-Geschichte. Es gibt Leute, die Leben von Rap, die kriegen dann so eine Alte-Huren-Mentalität. Das hat dann was klar verbrauchtes und spaßloses. Genauso gibt es Leute, die haben nie Erfolg und machen auch langweiligen Rap. Wenn die jetzt Erfolg gehabt hätten, würden die Leute sagen "Durch den Erfolg ist er langweilig geworden". Nicht nur Erfolg verändert Menschen, sondern die Erfolglosigkeit auch.

rappers.in:
Ein schönes Schlusswort für die Frage. Machen wir direkt mal mit einem weiteren Zitat weiter

Prezident:
Wieder von mir?

rappers.in:
Tatsächlich ja. (Schaut Antagonist an) Gleich kommt aber auch noch eins von dir.

Antagonist:
Da bin ich ja beruhigt. Ich wollte gerade schon echt ausrasten (alle lachen).

rappers.in:
"Drum füll' ich Seiten mit Versuchen, dich korrekt zu bezeichnen, doch ich schreib nicht für die Juice, also muss ich dich nicht gut finden, bin nicht Visa Vie, also muss ich dir nicht zugrinsen". Ich höre da durchaus eine Abneigung gegenüber Deutschrap-Magazinen heraus. Was ist für dich denn genau so kritisch? Es gibt ja derzeit eine große Masse an Deutschrap-Magazinen. Ich persönlich habe das Gefühl, dass über Heuchelei versucht wird, Künstler für das eigene Magazin zu begeistern. Wie siehst du das?

Prezident:
Ich finde eigentlich nur allgood konstant gut, sorry. Ich weiß nicht, ich finde, wo gerade die Juice erwähnt wird, die Juice ist halt krass affirmativ. Weißt du, diese Deutschrap-Journalisten, die treffen sich dann in irgendwelchen Gesprächsrunden und meinen, sie müssten kritischer berichten. Die tun dann so, als seien sie die vierte Instanz im HipHop-Staat und sie müssten für irgendeine Kontrolle sorgen.
Dabei geht's doch eigentlich nur darum: Wenn ich mir irgendein Magazin kaufe, dann will ich irgendwas lesen, was ich so nicht auch schon im Pressetext finde. Irgendwas irgendwie Interessantes. In einer Juice letztens gab es eine eine Titelstory zu Chakuza, an die erinnere ich mich noch. Lies die dir mal selber laut vor. Die ist einfach wie ein Pressetext, der zu einer komplett furchtbaren Art von Softporno-Prosa ausgewalzt wird. Was ich sagen will, hat gar nichts mit kritischem Journalismus zu tun, insofern, dass man da sonstwas an Erkenntnissen zu Tage fördert, so 'n Chakuza-Album ist ja nicht die Watergate-Affäre. Aber dass da halt irgendwas drinsteht, das irgendwie spannend ist, wäre wichtig, und das gibt es im deutschen Rap-Journalismus eigentlich gar nicht, höchstens auf einer Trash-Ebene. Es gibt ein paar vereinzelt interessante Artikel, beispielsweise beim Splash-Mag oder in der Juice die Kings-Of-HipHop-Reihe. Vor Jahren gab es einen faszinierenden Artikel bei rap.de über schwarze Israelis, Black Power und Antisemitismus, aber das ist auch schon locker fünf Jahre her. Konstant gute Artikel bringt wirklich nur allgood.
Das Ding ist auch: Man behandelt Künstler, weil man sie behandeln will, pflichtgemäß. Man sagt: Okay, der Künstler ist so und so relevant, also wird ihm so und so viel Platz eingeräumt, aber man hat im Prinzip gar keine Fragen. Und dann ist es auch noch so, dass es im HipHop auch 'ne sehr pussyhafte Gesprächskultur gibt, was eigentlich sehr widersprüchlich ist für eine Subkultur, in der sich Leute treffen, um sich organisiert zu beleidigen. Abseits von diesen Battles sind diese Leute, und zwar nicht nur die Rapper sondern auch die Interviewer, sehr erpicht darauf, dass das Gespräch niemals so klingt, also würde man sich auseinandersetzen. Wenn du ein kritische Frage stellst und ich stelle diese in Frage, dann wirkt das auf die Leser sofort so, als wäre ich angepisst. Wenn man einen Politiker in der FAZ interviewt, dann will man ihn mit Fragen aus der Reserve locken. Das ist halt im Rap überhaupt nicht der Fall, da pudern sich alle sehr den Arsch. Ich weiß auch nicht, wie herum sich das entwickelt hat.

rappers.in:
Ich denke, das resultiert auch aus dem, was ich am Anfang angesprochen habe: Es gibt eine Masse an Magazinen und man will sich nicht durch gefährliche Fragen oder ähnliches ins Abseits schießen.

Prezident:
Ja, aber man muss das ja auch erst einmal als super kritisch empfinden. Im Prinzip ist das ja nur eine aggressivere Gesprächskultur. Da muss man sich ja überhaupt erst einmal angegriffen fühlen. Nicht nur die Leute, die am Gespräch beteiligt sind, sondern auch die Zuschauer von außen. Da hab ich auch bemerkt, dass die sehr schnell denken: "Oh, da ist aber was schief gelaufen".

rappers.in:
Willst du dazu noch ein paar Worte sagen, Antagonist?

Antagonist:
Naja, relativ lame halt. Es ist halt auch ein klar wirtschaftlicher Faktor. Wenn halt auf jedem Magazin gleichzeitig ein großes Bushido- und Shindy-Interview mit Fragen über Kay One kommt und jeder beschäftigt sich damit, dann ist das bestimmt nicht immer das persönliche Interesse der Leute. Da denk ich mir eher, dass das in erster Linie lebenserhaltend ist.

Prezident:
Das glaube ich nicht mal. Viele dieser Magazine sind ja hobbybetrieben.

Antagonist:
Dann ist das wohl einfach das interessanteste, was es gibt. Nee ehrlich, dann ist es einfach Profillosigkeit.

rappers.in:
Sicherlich werden viele als Hobby betrieben, aber wenn gewisse Magazine über jeden Tweet von Money Boy berichten, dann wird es auch einfach um wirtschaftliche Aspekte gehen.

Antagonist:
Und ich finde es halt nervig, wenn auf eine sehr primitive Weise die ganze Zeit kategorisiert wird. Zum Beispiel derzeit, wenn die ganze Zeit von Trap-Beats die Rede ist, da wurde in den letzten Jahren von irgendwelche Dirty-South-Beats gesprochen. Alles, was nicht der klassische Premo-Beat ist, ist mittlerweile Trap, das finde ich halt einfach arm als Musikjournalist, weil man dann bei der Aufgabe stehen bleibt, Kategorien zu bestätigen, die einfach nichts bringen. Die Leute schaffen sich dann Feindbilder vom Sound her. Diese unmusikalische Art und Weise Musik zu hören, die bei den Lesern schon da ist, wird dann von den Journalisten nochmals bestätigt. Wenn ich jetzt diesen Beruf hätte, dann würde ich, glaube ich, höhere Ansprüche an mich selbst setzen.

Mythos:
Das finde ich auch. Es werden dann immer diese oder jene Schlüsselreizvokabeln wie "Trap" benutzt, um zu beschreiben, welchen Eindruck die Musik hinterlässt. Selten wird sich da auf das dünne Eis gewagt, in eigenen Worten zu beschreiben, wie es sich wirklich anhört. Es sei denn, Pitchfork hat es schon für einen Artist vorgemacht.

rappers.in:
Als Journalist beeinflusst man seine Leser ja schon in gewissem Maße, wie sie denken und hören.

Prezident:
Das wünscht ihr euch (lacht).

Antagonist:
Ja, da fehlt mir halt ein wenig Profil, dass man sich auch mal mit anderen Begriffen beschäftigt.

rappers.in:
Das ist auch so ein Deutschrap-Ding, glaube ich, das aus dem Überfluss an Magazinen herrührt

Antagonist:
Alle reden auch immer von der riesigen Vielfalt im Deutschrap, aber die wird halt nie abgebildet, sie wird immer nur benannt. Man könnte sich ja jetzt auch damit auseinandersetzen, über Genre-Grenzen oder ähnliches. Ich lese die Juice und ich habe oft das Gefühl, dass die Leute, die da schreiben, die Musik genauso wenig gehört haben wie ich.



rappers.in:
Lass uns mal weitermachen. Endlich kommen wir zu einem Zitat von dir, Antagonist: "Ich brauch keine paar kurzen zu viel, um auf deiner Party das Arschloch zu spielen, egal wo ich bin, gehen Egos mit dem Wind Richtung Himmel, als die überspannten Schlampen, die sie sind." Du und Mythos, ihr zeigt ja durchaus eine starke Antihaltung. Wie hat sich diese denn Entwickelt beziehungsweise gibt es sie überhaupt oder ist das vielleicht sogar ein falscher Eindruck beziehungsweise eine gespielte Kunstfigur?

Antagonist:
Doch, das entspricht schon unserem Wesen. Allerdings sind wir jetzt nicht gemein zu Leuten. Es ist allerdings so, dass wir oft Leute beobachten und zum Beispiel bei dem "Egos mit dem Wind gehen" hat man gewisse Typen von Partysäufern im Kopf, die kurz bevor sie abstürzen nochmal richtig laut werden, weil sie sich zu kurz gekommen fühlen. Das sind halt Sachen, die wir im Kopf haben, die wir beobachten, und der künstlerische Schritt ist dann, zu denen eine Antihaltung zu entwickeln. Wir sehen jemanden und dann halten wir ihm den Spiegel vor. So ist das natürlich nicht, in der Realität sind uns diese Leute egal und wir sind fröhlich unterwegs, aber das macht halt Spaß.

rappers.in:
In der Musik überspitzt man ja gerne mal.

Antagonist:
Ja genau, es ist auch einfach die Aufarbeitung des Erlebten und Menschen sind einfach witzig. Und viele Menschen sind einfach wirklich gute Satiren ihrer selbst und das macht einfach Spaß.

rappers.in:
In einem Interview habt ihr mal gesagt, dass ihr euch etwas in Prezidents Schatten seht, allerdings eher unbewusst, da ihr euch in dieselbe Richtung wie er bewegt. Das Interview ist auch schon etwa 1,5 Jahre alt. Seht ihr das immer noch so? Denkt ihr, dass die Hörer das auch so sehen?

Antagonist:
Ich glaube schon, dass sich das momentan in eine andere Richtung entwickelt, die aber auch mit dem Produzieren zu tun hat. Auf der anderen Seite ist es so, dass Viktors (Prezident, Anm. d. Red.) Art, Texte zu schreiben, überhaupt erst einen Grund geliefert hat, gewisse Sachen über Rap zu transportieren. Leute kommen dann immer und vermitteln das so, als müssten sie sich dafür entschuldigen. Für uns ist das einfach Family.

Mythos:
Musik kommt ja generell immer irgendwoher und hat ihre Referenzen . Ich finde es da in unserem Fall besonders gut, dass sich der Zusammenhang mit Prezi schon so lange durchzieht und auch hält, wo es musikalisch jetzt ein bisschen mehr auseinander geht.

rappers.in:
Ich glaube, das hat sich die letzten Jahre auch etwas gelöst. Ich denke, ihr habt auch eine relativ ähnliche Fanbase?

Antagonist:
Ja. Außer diese stark verheulten Prezident-Fans, die unter unsere Videos immer schreiben, dass sie sich ein Prezident-Soloalbum wünschen. (Alle lachen). Und es gibt ein paar Diehard-Kamikaze-Fans. Die sind meistens halt ziemlich druff, kommen zu Konzerten und fallen dann meistens negativ auf.

Prezident (in leicht ironischem Unterton):
Ich hatte auch schon ein paar negativ auffallende Fans.

Antagonist:
Nee, du hast immer diese Klugscheißer, die hinten an der Bar sitzen und nachher nur mit dir reden wollen (alle lachen).
Ich glaube auf jeden Fall, soundmäßig werden wir in den Sachen, an denen wir momentan sitzen, nochmals ein großes Alleinstellungsmerkmal schaffen.

rappers.in:
In einem anderen Interview hast du, Prezident, Fella-Oner als "Gottes eigenen Prototypen" bezeichnet. Wie kann man sich seinen Einfluss auf euch vorstellen? Immerhin hast du ihn in dieser Hinsicht auf eine Stufe mit Tom Waits, Wu-Tang und Nas gestellt.

Prezident:
Ich hab halt früher viel bei ihm rumgehangen und viele Sachen gesehen. Ich hab mir bei ihm auch producermäßig was abgeschaut. Es geht auch um bestimmte ästhetische Momente, die mich meiner Meinung nach ausmachen. Ein Beispiel dafür ist die Tendenz, wenn man in Songs Themen bearbeitet, das nicht in klassische Thementracks zu verpacken, sondern das auf einer vagen, assoziativen Ebene zu verpacken. Das ist halt so ein Ding, dass ich beim Amirap immer geiler finde als im Deutschrap. Bei Fella hab ich mir das so ein bisschen angeeignet.

rappers.in:
Also hat er dich zu dem Texter gemacht, der du jetzt bist?

Prezident:
Naja, das ist halt ein Einfluss, wie man an Rap besser rangeht.

Antagonist:
Wie man auch diese Battlerap-Attitüde ein bisschen dazu nutzen kann, eine eigene Haltung, die nicht Rap betrifft, besser rüberzubringen. Auf der anderen Seite auch, wie man eine gewisse Art zu sprechen, die hier in der Gegend typisch ist, auch nutzen kann.
Fella ist halt auch einfach ein saucooler Dude, auch wenn man ihn nie sieht. Ich hab ihn vielleicht fünf Mal gesehen insgesamt. Aber er war in meinem Kopf immer eine Instanz.

rappers.in:
Prezident, lass uns mal gegen Ende zu deinem neuen, bald erscheinenden Album kommen, "Limbus". Dein erstes kommerzielles Machwerk, "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte", hat ja durchweg sehr gute Kritiken bekommen. Auch bei uns hat es als eines der sehr wenigen Alben die Höchstwertung bekommen. Spürst du jetzt einen gewissen Erwartungsdruck für dein neues Werk oder verhält sich das bei dir nicht so?

Prezident:
Ich spüre, bis auf den Druck der Sachzwänge, heißt, dass ich das Album im Dezember abgeben muss, damit es im März oder spätestens Anfang April kommen kann, keinen Druck. Ich denke eigentlich immer, dass die Fans beziehungsweise das potentielle Publikum generell anspruchsloser sind als ich.

rappers.in:
Das ist ja oft so, dass der Künstler an sich eher Perfektionist ist.

Prezident:
Naja, nicht unbedingt Perfektionist. Aber dass ich mir auf jeden Fall schneller denke "das ist nicht so cool" als die Kundschaft.
Das Album wird, glaube ich, schon sehr gut. Ich habe relativ früh ein paar Tracks hingelegt, die mich entspannt auf den Rest des Albums haben blicken lassen, bei denen ich dann gedacht habe "Okay, ganz schlecht kann's nicht mehr werden, selbst wenn mir jetzt nichts mehr einfällt".

rappers.in:
Antagonist, du hast gerade bestätigend genickt. Hast du schon rein gehört?

Antagonist:
Ja, das Soundbild, an dem hauptsächlich Jay Baez und ein wenig wir beteiligt sind, steht schon relativ lange. Auch die Idee des gesamten Albums. Ich habe das Gefühl, dass sich die Story entwickelt hat. Das neue Album hebt sich sehr vom anderen ab und hat eine eigene Mission. Deshalb besteht kein Grund, sich Druck zu machen. Es ist einfach nicht "KiebG", es hat einen ganz anderen thematischen Einschlag von dem her, was ich kenne.

Prezident:
Ich will halt eigentlich, dass alle meine Alben einen eigenen Sound haben und trotzdem in eine Richtung gehen, also dass man einen Prezident-Sound ausmachen kann, der sich dann jedoch nicht wiederholt. Ich finde "Kleiner Katechismus" klingt nicht wie "Alice" und "Alice" nicht wie die "Neuesten Erkenntinisse" und ich finde, "KiebG" klingt nochmal anders. "Limbus" wird vom Sound dann nochmal in eine andere Richtung gehen.

rappers.in:
Darauf wollte ich auch nochmal zu sprechen kommen. Titel und Aussagen deinerseits lassen darauf schließen, dass es nochmals düsterer und minimalistischer als zuvor wird?

Prezident:
Kommt immer darauf an, was man unter düster versteht. Es wird auf jeden Fall dreckiger und es wird musikalisch anders. Ich will halt von diesem Loop-Prinzip weg, was auf "KiebG" noch geherrscht hat. Die Songs werden noch stärker ausstrukturiert sein, dafür halt dann minimalistischere Stellen haben. Da gibt es dann Passagen, die ohne zusätzliche Drums auskommen, wo wie bei Ka oder Roc Marciano stur das Sample durchläuft und nur gegen Ende des Songs Drums einsetzen.

rappers.in:
Auf Ka würde ich gerne kurz zurückkommen. Du hast ihn schon des Öfteren positiv hervorgehoben. Er macht ja auch minimalistischen Rap. War er auch für das Album eine Inspirationsquelle?

Prezident:
Auf jeden Fall. Ka und Roc Marciano machen auch Sachen, bei denen ich mich frage "wieso bin ich da nicht vor 5 Jahren schon drauf gekommen?", vor allem weil ich echt scheiße darin war, Beats zu bauen. Das wäre auf jeden Fall eine gute Lösung gewesen, das mit dem Beatbauen sein zu lassen und nur noch die Samples laufen zu lassen.
Auf dem Album wird es allerdings auch nicht so krass werden wie bei Ka, weil das Ding bei dem Album auch war, dass ich in letzter Zeit viele verschiedene Sachen feier', von The Weeknd über Three6Mafia, A$AP, Ka, Roc Marciano, Action Bronson. Ich versuche schon, von allem was mitzunehmen, ohne dass es zusammengewürfelter Müll wird, dass man also nicht den Fehler macht, einem bestimmten Trend hinterherzulaufen, sondern das alles zu integrieren. Es wird also zwei bis drei Nummern geben, die in die Roc-Marciano-Schiene gehen, Jay Baez hat Nummern produziert, die relativ klassisch Boom-Bap sind und die Kamikazes bringen dann ein trippiges Moment in das Album, der dann ein bisschen von dem Sample-Vibe wegführt.

rappers.in:
Damit sind wir am Ende des Interviews angelangt. Wollt ihr zum Abschluss noch ein paar Worte an unsere Community richten? Falls ihr was zu sagen habt, so sagt es jetzt.

Antagonist:
Kommentarspalte ist unten. Wir lesen nicht mit, um unsere Nerven zu schonen.



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rappers.in Review zu "Leiden oder Langeweile"


(Nic-O und Sanchyes)

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