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Review: Prezident & Kamikazes – Leiden oder Langeweile

veröffentlicht: Freitag, 20.11.2015, 16:09 Uhr
Autor: Play70





01. Drei Jahreszeiten
02. Leiden oder Langeweile
03. Flieger
feat. Velix Recula & Elsta
04. Zwei Tage die Woche
05. Sturm im Wasserglas
06. Letztes Kapitel
07. Hilfe für dich


Schon seit mehreren Jahren arbeiten Prezident und die Kamikazes, bestehend aus den beiden Brüdern Mythos und Antagonist, durch gegenseitige Features und gemeinsame Auftritte recht intensiv zusammen. So sind auch alle drei gemeinschaftlich über Whiskeyrap organisiert. Trotzdem kam es bislang nicht zu einem Kollaboprojekt, was sich jetzt aber nun ändern soll: "Leiden oder Langeweile" heißt das gemeinsame Werk der Wuppertaler, welches durchaus gute Chancen hat, ein qualitativer Erfolg zu werden. Ihre Qualität bewiesen die Brüder und Prezident bereits auf vorherigen Alben: Sowohl "Kleiner Vogel" als auch "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte" kamen bei Kritikern äußerst positiv an, letzteres erhielt von uns sogar die Höchstwertung. Verschiedene Kollaborationen haben außerdem bewiesen, dass sie auf einzelnen Tracks durchaus zusammen funktionieren können. Dennoch bleibt es offen, ob es den Rappern letztendlich auch gelungen ist, dies auf Releaselänge stimmig umzusetzen. Genau das gilt es nun herauszufinden.

"Ich brauch keine paar Kurze zu viel/
Um auf deiner Party schön das Arschloch zu spielen/
Egal wo ich bin, gehen Egos mit dem Wind/
Richtung Himmel als die überspannten Schlampen, die sie sind/
"
(Antagonist auf "Sturm im Wasserglas")

Die erste Überraschung bietet "Leiden oder Langeweile" dem Hörer in seiner Thematik: Diese ist hier sehr battelastig ausgelegt, Storyteller, wie man sie von früheren Werken und Kollaborationen kennt, fehlen gänzlich. Das schadet dem Release aber kaum: Dem Trio gelingt es, ihre Battle-Attitüde authentisch und stimmig mit ihrer ganz eigenen Antihaltung in Einklang zu bringen. Mit ihren Aussagen zielen die Wuppertaler vor allem auf die Deutschrapszene ab, sowohl auf die Musiker als auch auf die Fans, was besonders Prezident mit Lines wie: "Drum füll ich Seiten mit Versuchen dich korrekt zu bezeichnen, doch ich schreib nicht für die Juice, also muss ich dich nicht gut finden, bin nicht Visa Vie, also muss ich dir nicht zugrinsen" auf "Drei Jahreszeiten" deutlich macht. Hinzu kommt noch eine passende Portion Selbstbeweihräucherung, sowie Querverweise auf Literatur und kleine Einblicke in das Privatleben der drei Whiskeyrapper. Qualitativ überzeugt besonders Prezident im textlichen Bereich, dessen Parts immer wieder durch gekonnte und einprägsame, aber nicht minder lyrische Formulierungen hervorstechen, verstecken müssen sich Mythos und Antagonist aber nicht: Auch das Brüderpaar bietet größtenteils stimmige Parts, welche sich passend in das Gesamtwerk einfügen. Langzeithörer der Kamikazes dürfen sich außerdem über mehrere Anspielungen auf ältere Werke der beiden freuen, die geschickt eingefügt wurden.

"So merkwürdig/
Herausgeputzt is' er wie so'n Herzkönig/
Doch dein Über-Ego ist nur Bühnendeko/
Und nicht ernst zu nehmen oder ehrwürdig/
"
(Prezident auf "Letztes Kapitel")

Dass die Brüder dennoch lyrisch etwas hinter ihren Kollabo-Partner zurückfallen, ist zum einen dadurch zu verschmerzen, dass dieser sich zu den wohl stärksten Textern Deutschlands zählen darf und zum anderen, weil die größten Stärken des Duos in anderen Bereichen liegen: Am meisten überzeugen die beiden Künstler, neben der bereits zuvor erwähnten Authentizität, durch ihre atmosphärische Vortragsweise, welche sie auch stimmlich gekonnt umsetzen können. Auch an Varianz mangelt es ihrer Delivery nicht: Zwar wird deutlich, dass die beiden Rapper auf ruhigen und düsteren Instrumentals am besten funktionieren, aber auch auf davon musikalisch abweichenden Beats bestechen die Wuppertaler stilistisch. Ebenfalls abwechslungsreich zeigt sich Prezident auf der EP: Wie gewohnt präsentiert der Sprechgesangskünstler ein facettenreiches Soundbild, welches sich zwischen brachialen und eher ruhigeren Flows bewegt, die immer angemessen eingesetzt sind und auch auf qualitativer Ebene zu gefallen wissen. Trotz des Vorhandenseins stilistischer Unterschiede gelingt es den drei Rappern, aus diesen ein einheitliches und aufeinander abgestimmtes Soundbild zu formen, insbesondere der Abschlusstrack "Hilfe für dich" zeigt dies recht deutlich und stellt damit eines der Highlights des Releases dar.

"Du kommst aus'm Urlaub mit 'nem Partyhut und Codein im Eisbecher/
Gleich zum harten Entzug, Kaltschweiß und Eis brechen/
Gar' kein Appetit mehr, nur noch Zeit fressen/
Zwei Wochen Kur kam mit Krankenschein und Beipackzettel/
"
(Mythos auf "Leiden oder Langeweile")

Neben der Thematik dürften dem geneigten Hörer auch die große Vielfältigkeit der Instrumentals auffallen, teilweise wird somit der Eindruck erweckt, dass einige der Titel ursprünglich für andere Releases gedacht waren. So bewegen sich die von Jay Baez und den Kamikazes zum Beispiel fließend zwischen ruhig und düster. Des Weiteren sind sowohl prägnante Synthesizer als auch klassische Samplebeats und Trapeinflüsse auf "Leiden oder Langeweile" zu finden. Trotzdem wurde aus dieser hohen Varianz ein überraschend kohärentes und qualitativ hochwertiges Soundbild geschaffen, welches mit dem Charakter der Texte und der Künstler passend einher geht. Generell leisten sich die Wuppertaler hier selbst keinerlei Ausrutscher, was aber nur bedingt für Velix Recula und Elsta, die beiden einzigen Featuregäste der Platte, gilt. Zwar fallen diese qualitativ nicht sonderlich stark ab, dennoch scheinen sich die beiden nicht so recht in das Gesamtwerk einfügen zu wollen, weshalb "Flieger" der schwächste Track des Werks ist. Auf der anderen Seite bleibt vor allem noch der Titeltrack als positiv hervorzuheben, welcher neben textlicher Raffinesse ein sehr angenehmes Feeling und den gekonnten Einsatz von Nas-Samples aufzuweisen hat.

Fazit:
Prezident, Antagonist und Mythos haben mit "Leiden oder Langeweile" eine ziemlich gelungene und kurzweilige EP auf die Beine gestellt, welche textlich überraschend battlelastig ausgelegt ist. Ebenfalls überzeugt diese durch ihre Vielfältigkeit sowohl in Sachen Sprechgesang als auch bei den Instrumentals, ohne dabei aber ein zusammenhangsloses Soundbild zu kreieren. Im Gegenteil: Die jeweiligen Unterschiede wurden hier stimmig auf einen gemeinsamen Nenner gebracht. Somit konnten die drei Wuppertaler beweisen, dass sie nicht nur auf Features, sondern auch Releaselänge zusammen funktionieren können. So ein Appetizer macht natürlich Hunger auf mehr, "Limbus" kann also kommen.


(Sanchyes)



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