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Review: Prezident – Neueste Erkenntnisse vom absteigenden Ast

veröffentlicht: Samstag, 11.12.2010, 01:18 Uhr
Autor: Balta der Chef





01. Als wollte Gott uns ersaufen feat. Antagonist
02. Flaschenöffner
03. Weltfremd
04. Paranoia III
feat. Chaomonga & Mythos
05. Höllenritt feat. Gaggball
06. Der talentierte Mister Prezident
07. Tattoo
feat. Antagonist und Eks & Hop
08. Unwohl
09. Links von der Pforte der Hölle
10. Mise en Abyme
11. Gänsehaut
12. Retardierendes Moment
13. Es heisst, dass sie heiss ist

Die Präsidentschaftswahl in Rapdeutschland steht an und ''Der talentierte Mister Prezident'' läutet mit dreizehn schlagfertigen Songs seine Wahlkampagne ein. Das politische Anti-Alles-System in Kombination mit selbstkritischer Offenheit und Geschichten aus dem Studenten-Rapper-Leben sollen ihn näher an die Wähler bringen, die ihm seine Stimme per Download geben können. Begleitet von einem alkoholgeprägten Alltag, Faulheit und Angst präsentiert unser aller Lieblings-Wuppertaler uns also ''Neueste Erkenntnisse vom absteigenden Ast''. Schon im Vorfeld stellen sich ein paar Fragen im Bezug zur Kandidatur: Welche Wähler will er ansprechen? Auf welche Weise stellt er seine Visionen dar? Was genau sind seine Ideen? Ob ein Sieg denkbar erscheint oder die Wähler den Haken doch eher wo anders setzen sollten? Unsere Experten haben die Angelegenheit genauer unter die Lupe genommen.

Angekommen bei der Wahl schalten wir direkt zum absteigenden Ast. Das Prinzip sieht wie folgt aus: Prezident beschreibt anfangs mit Unterstützung von Parteimitglied Antagonist schon mal das scheinbare Fehlverhalten (politischer) Gegner auf der ersten Etappe ''Als wollte Gott uns ersaufen''. Der politisch veranlagte Hörer merkt, dass sich Prezidents Herrschaft durch viel Pessimismus auszeichnet. Oft angespielte Themen sind Faulheit, Probleme mit und Hass gegen sich selbst, Angstzustände und negative Erfahrungen aus der Vergangenheit. Für Abwechslung ist also gesorgt. Der Herr erläutert die Welt, die er kennt, und für seine Wahlkampagne beispielsweise auf dem Track ''Weltfremd'' nutzt. Detailreich wird dargestellt, dass man nie irgendwie dazu gehörte, alles anders sieht und sich mit Alkohol behilft. Es gibt einige Rapper, die diese Themen behandeln, aber Prezident hebt sich dadurch von der ''Masse'' ab, indem er das alles sehr authentisch mit einer erdrückenden Atmosphäre und gepaart mit hervorragender Technik und guten Reimen in das Ohr des Hörers legt. Beispiel gefällig?

''Weltfremd zu sein scheint für mich nach wie vor ein Kompliment zu sein/
Candle-Light-Dinner, wo immer wir uns eine Grenze teilen/
Ich häng' mich rein in jede 16 Zeilen, ich such' das Engelsgleiche/
Und brenn' mich ein wie Säuretags in Fensterscheiben/
''
(''Weltfremd'')

Zum Spaßen ist der Anwärter nicht hier, das merkt man mit jeder Zeile. Alles wirkt sehr ernst, auch wenn manchmal vieles mit einer selbstkritischen, pessimistischen, fast schon depressiven Ironie gespickt wird. Prezident schafft es, seine Ideen sehr kredibil über die Bühne zu bringen und kreiert dabei immer eine neue Aussage, die man erst bei genauerem Hinhören erkennt. Es ist vieles so verpackt, dass man den Funken Genialität erst spät wahrnimmt. Da soll mal einer sagen, Politiker lügen alle. Ich für meinen Teil bin sehr angetan von unserem Wahlkandidaten und seinem gekonnten Umgang mit der Sprache. Die erwähnte, erdrückende Atmosphäre findet man auf so gut wie jedem der Teile der Kampagne. Die Texte erzählen bei genauerem Hinhören sehr abwechslungs- und detailreich, dass er wirklich anti alles ist (''Links von der Pforte der Hölle''), dass er Angst hat (''Paranoia III'') oder auch davon, dass man nicht immer das bekommt, was man will und vieles erzwungen und gestellt ist (''Es heisst, dass sie heiss ist''). Im Wahl-Versprechen finden sich zwei sehr große Knaller, die man auf jeden Fall erwähnen sollte. Zuerst wäre da ''Der talentierte Mister Prezident'', in welchem Uni-Stress, Alltagsleben und Probleme mit dem ''auf-den-eigenen-Beinen-Stehen'' wunderbar im Text verpackt sind und als sehr wahr erscheinen. Der andere Höhepunkt wäre ''Mise en Abyme'', in welchem der Kandidat fast sechs Minuten lang alte Zeiten Revue passieren lässt und die Erinnerungen und Erfahrungen aus seiner Kindheit ohne Unterbrechung (durch eine Hook oder Ähnliches) von sich gibt. Sehr detailreich, sehr authentisch und packend.

''Du vermisst die bordeauxroten/
Wohnzimmerwände der Wohnung davor/
Dein cooler Onkel spielt dir mit nur/
Einer Hand ein paar Melodien auf dem Xylophon vor/
Was bist du jetzt – vielleicht um die sechs?/
Wie riesig der Schulhof der Grundschule ist/
''
(''Mise en Abyme'')

Die Vortragsweise des vielleicht zukünftigen Mr. President ist sehr abwechslungsreich. Verschachtelte Reimketten, unterstützt durch unterschiedliche Flows. Mal schneller, mal langsamer. Mal aggressiver, mal ruhiger. Es ist eigentlich für jeden was dabei, der tiefgründiger Politik etwas abgewinnen kann. Jedoch lässt sich unser erfahrener Wuppertaler nicht übers Ohr hauen und hat die passende Unterstützung von ein paar Kollegen im Rücken. In Erscheinung treten Chaomonga, Mythos, Gaggball, Eks & Hop und zweimal Antagonist. Alle erwähnten Wahlkampfhelfer erweisen sich als gute Stütze für die neue Regierung, tragen sie doch Parts vor, die wie die Faust aufs Auge auf die einzelnen Instrumentals und an die Seite vom Herrscher in Spe passen. Nun ja, bis auf eine Ausnahme: Gaggball steuert seinen Gastbeitrag leider nur sehr nervig und laut bei, ohne irgendwas Besonderes hinzuzufügen. Auf dieses Feature hätte man verzichten können, es zieht leider den Eindruck der einzelnen Songs etwas runter.

''Und ich schmor' seit Jahr und Tag allein im eigenen Saft/
Gönn mir ma' was und saug mir gönnerhaft den Leim aus'm Schaft/
Pah! Ich sah nie besser aus als dieses geil-verzerrte/
Spiegelbild in deinen zwei Pupillen, es ist mir eine Ehre/
''
(Prezident auf ''Höllenritt'')

Die Hintergrundmusik der Wahl gestaltet sich auch abwechslungsreich, jedoch weniger als die Inhalte der einzelnen Themen. Oft wirken die Beats, zumindest beim ersten Hören, ähnlich. Dies muss prinzipiell nichts Schlechtes bedeuten – oft passen sie sehr gut ins Bild, aber manchmal erwartet man etwas Frischeres, wenn man das Album durchhört. Die finstere Atmosphäre kommt sehr oft zur Geltung und manchmal hört es sich ein wenig nach den Klängen eines Horrorfilms an, bevor die Zuschauer erschreckt werden sollen. Produziert wurde von Bojanglez, Epic Infantry, Dizztorted Views und Beat Manufaktur Potsdam.

Fazit:
Was lässt sich nach dem Lauschen der Wahlkampagne des Wuppertalers Prezident im Bezug auf die Siegeschancen sagen? Fangen wir mal mit den Fragen in der Einleitung an: Die Wähler von Prezident sind nachdenkliche Leute, die gerne einen Blick auf Details haben. Seine Visionen werden sehr authentisch und nah an den Hörer gebracht und seine Ideen sind durchaus abwechslungsreich. Abgesehen von etwas eintönigen Soundtracks gibt es nichts an den Wahlversprechen des Saufheldens zu kritisieren. Mehr als gekonnt vorgetragen, intelligent gesprochen und sehr tiefsinnig. Frischer Wind im Rap-Bundestag. Alles in allem dürfte ich nun wissen, wo ich meinen Haken setze und kann mir sicher sein, dass unser Staatsoberhaupt in Zukunft nichts Schlechteres von sich geben wird. Wählen kann man ihn problemlos von zu Hause aus und sich noch lange daran erfreuen, sofern man Politik mag. Jetzt noch ein Eid, dass in Zukunft ebenso Gutes bei rumkommt und viele Wähler sind sicher.


Balta der Chef (Mahir Kulalic)




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