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Review: Prezident – ...und immer noch nicht nach Berlin gezogen

veröffentlicht: Montag, 25.02.2013, 19:17 Uhr
Autor: Die Robbe





01. Torso
02. ...und immer noch nicht nach Berlin gezogen
03. Bernstein
04. Anladim
05. Wer Deepes sagt
06. Nicht das Wahre
feat. Private Paul

Der goldenen Ära hinterherzutrauern, hätte angesichts meines Jahrgangs etwas Anachronisches. Gut könnte ich auf jene Verfechter des Boombap verzichten, die diesen ausschließlich via Web 2.0 erkundet haben und sich vor Entwicklungen fürchten. Ebenso sollte der altkluge, selbstgefällige Glaube an die Faustregel für ordnungsgemäße Betonungen einzelner Silben hinfällig sein. Denn Vorgaben und Vorschriften gibt es nicht mehr; "alles ist relativ", stimmt mir der Wuppertaler Prezident zu, dessen Anhängerschaft vor allem seine Affinität zum geschliffenen Wort schätzt und ihn gerne als Gegenpol zum gemeinen Straßenrap stigmatisiert. Sein Ego tränkt er bekanntermaßen in nur eine Spirituose – Whiskey. Außerdem hat er die Gabe, vermeintlich öden Alltagsgeschichten mit dem Gewand epischer Storys zu umhüllen und schließlich zu vertonen. Nun könnte ich noch all jene Dichter und Philosophen auflisten, die den 27-jährigen vermutlich beeinflusst haben, ein miserables Wortspiel mit seinem Namen veranstalten oder erklären, wie die Verbrennungskraftmaschine funktioniert; machen wir's nicht komplizierter als es ist, schauen wir uns doch einfach die neueste EP des Whiskeyrappers "...und immer noch nicht nach Berlin gezogen" an. Und ab!

Zunächst einmal ein Wermutstropfen: Die EP beinhaltet sechs Tracks, von denen drei bereits bekannt sind, somit verbleiben drei neue. Und nun der versprochene Trost: Das von Prezident noch für dieses Jahr angekündigte Album warf die Songs auf die EP ab, die nicht gut genug waren oder durch das Mitwirken Private Pauls entstanden sind. Prezident ergänzte zur Video-Premiere "Bernstein", dass er sich für das Album mehr Mühe geben werde. Nun gehört der Wuppertaler angesichts der bisherigen Publikationen für mich zu den wenigen, denen ich auch eine stark resteverwertende Produktion zutraue. Des Weiteren lassen sich Videoproduktionen sichtlich nicht zu Prezidents Stärken zählen. Der Anspruch des Interpreten ist zwar relativ simpel – die EP fungiert als Vorgeschmack auf das Album – Erwartungen sind dennoch angebracht. Der Titeltrack der EP persifliert zu Beginn die "Geier", die sich im letzten Jahr am von Casper ausgelösten Hype bereicherten. Dabei wird zugleich bedauert, nicht selbst einer gewesen zu sein:

"Im Jahr eins nach Casper ist Rap mal wieder tierisch spannend/
Alle zieh'n sie Deals an Land/
Und ich hab' kein Release zur Hand – ja, schade/
[...]
Ich war hier, bevor die Geier kamen/
Und werd' noch hier sein nach Feierabend/
"
(Prezident auf "...und immer noch nicht nach Berlin gezogen")

Der Track, der auch die Insider-Geschichte beinhaltet, welche Oli P. als Dealer von Bio-Hunde-Nahrung der Domstadt entlarvt, wird von einem konstant wohlklingenden Piano und zeitgenössischem Sample prädestiniert begleitet, ohne sich dominant aufzudrängen. Der echte Geschichtenerzähler entpuppt sich allerdings erst auf "Anladim", was laut nebulöser Google-Suche wohl so viel wie "Ich habe es verstanden" bedeutet und aus dem Türkischen stammt. Erzählt wird von einem dubiosen und unterstützungsbedürftigen Dönerladen, in den sich der Protagonist verirrt und auf zwei noch dubiosere Gestalten trifft – produziert von Dubios. Dabei erhält "Anladim" erst zu Ende der Geschichte eine Bedeutung für ihn. Nachdem er für den Erstgebrauch des Wortes seinem Gegenüber zeigt, den Witz über ihn verstanden zu haben, erhält er einen Haken vors Kinn. Daraufhin weiß der Wuppertaler, als ihm in einer verlassenen Gegend ein Spaten in die Hand gedrückt wird, was nun ansteht – und kommentiert dies folgerichtig mit "Anladim". Wort für Wort und Zeile für Zeile ist diese Geschichte durchdacht und von perfekten Wortbetonungen komplementiert. So wird aus einer ursprünglich alltäglichen Begegnung mit einem wahrscheinlich alltäglichen Ende eine spannungsreiche, von mysteriösen Xylophon-Klängen untermalte Story. Der immer wieder eingestreute Wuppertaler-Dialekt lockert dabei auch die textlich anspruchsvolleren Passagen ungemein auf – eine stark aufeinander abgestimmte Kombination und der literarische Beweis zugleich. Im Kampf gegen die musikalische Einheitlich- und Kleingeistigkeit seiner Kollegen auf "Wer Deepes sagt" zeigt sich der Wuppertaler stimmlich, aber vor allem lyrisch in Bestform oder Normalform, wie man's nimmt:

"Deine Weltsicht gibt's vorgefertigt im Fernsehen/
Die Mythen des Alltags substituiert in seinen Märchen/
[...]
So sehr du dich als Individuum gebärdest/
Deine Auffassung von Kunst ist eine auswendig gelernte/
"
(Prezident auf "Wer Deepes sagt")

An Prezidents voluminöse, druckvolle Stimme sowie immer akribisch anmutende, wohl durchdachte Lyrik kann der einzige Gast der EP Private Paul nicht wirklich anknüpfen. Dessen Part klingt mehr nach dem eines Freizeit-Philosophen mit wochenendlichen Seminarstunden für gescheiterte Seelen. Spaß beiseite. Textlich hat es der ehemalige Weggefährte JAWs sicherlich gut gemeint, dennoch leider nicht stimmlich transportieren können. Was durch die Tatsache, dass Gegenteiliges exakt Prezidents Stärke ist, einen noch größeren Kontrast entstehen lässt. "Nicht das Wahre" schleppt sich gegenüber den restlichen Tracks etwas fad daher, aber "ein Prezident ist eben nicht immer so, wie du ihn magst". Viel spritziger wirkt da das auch visuell verewigte "Bernstein". Nicht nur das herrliche Sing-Sang-Sample und die gewohnt flapsig-hochnäsige Attitüde des Wuppertalers machen hier mehr Lust aufs Album, auch der Produzent mit dem fast noch spritzigeren Namen Bojanglez sticht auf grandiose Weise hervor. Neben ihm reihen sich noch Epic Infantry, Dubios und Beat Manufaktur Potsdam in die Producerliste ein. Schade nur, dass die noch unbekannten Tracks "Torso" sowie "Nicht das Wahre" nicht an die allgemein für das kommende Album sehr hoffnungsvoll stimmende Qualität der übrigen Songs heranreichen. Sie sind zwar nicht überdimensional schlechter als jene, die man sonst aus Wuppertals Straßen kennt, können aber im Endeffekt nicht mithalten.

Fazit:
Da isser wieder, der Wuppertaler Suffkopf und doch leider schon weg – was willst 'n mach'n? Kurz ist die EP geworden, klar, aber wenn das die "schlechten" Tracks des Albums sein sollen, kann man nur erahnen, was da auf uns zukommt. Prezident hat sich zwar schon vom Gedanken des großen Erfolgs verabschiedet, trotzdem wünsche ich mir, dass er noch in Genuss desselbigen kommt. "...und immer noch nicht nach Berlin gezogen" zeigt hoffnungsvolle Züge, die Verheißungen wecken und keinen Zweifel daran lassen, dass das Talent des 27-jährigen bisher zu wenig Beachtung in den meinungsmachenden Medien gefunden hat.


(Die Robbe)



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