Angemeldet bleiben?

Special: Prezident

veröffentlicht: Donnerstag, 01.04.2010, 11:42 Uhr
Autor: ProRipper



"Mein schönster Traum wär' ein großer Baum, um von seinem Ast zu baumeln" – seit mehr als zehn Jahren geistert der anticharismatische, whiskeykranke Wuppertaler Prezident, seines Zeichens bekennender Kafka- und Bukowskifan, nun bereits durch die deutschsprachige Rapszene. Wirklicher Bekanntheit erfreut sich der gute Mann dennoch nicht, obwohl es sich bei seiner Person nach eigener Aussage doch um den "lyrisch meist unterschätzten Rapper deutscher Sprache" handelt. Arroganz oder Fehleinschätzung seines Talents? Natürlich nicht! Er war sogar so freundlich, seine wertvolle Zeit für einen netten Plausch mit uns zu opfern, bevor er seinen Weg zur Hölle fortgesetzt hat... doch lest selbst.

rappers.in: Mir wurde gesagt, du seist "der beste deutsche MC neben Vega und Tua". Was sagst du dazu? Würdest du dich selbst auch neben diesen beiden einordnen oder eher wo anders?

Prezident: Joah, Superlativ ist natürlich nie verkehrt und ich finde mich auch ziemlich gut. Vega is' gar nicht mein Ding und ich würde fast behaupten, ich versuche eigentlich genau das Gegenteil von dem, was der MC-technisch macht. Mit Tua habe ich mich noch nie wirklich beschäftigt, ohne dass das einen besonderen Grund hätte und ich das vielleicht sogar tun sollte.

rappers.in: Wieso, was macht Vega denn in deinen Augen?

Prezident: Ich kenn' nicht so viel von ihm, aber was ich gehört habe, kam mir schon krass pathetisch und bombastisch vor, mit dramatischen Zeilen über Messerkämpfe, die ein bisschen was arg "Braveheart"-mäßiges hatten. Ist nicht meine Welt und nicht mein Film. Ich versuch', meine... (räuspert sich) ..."Deepness" ein bisschen hinterfotziger zu positionieren.

rappers.in: In welche Richtung würdest du dich denn dann am ehesten einordnen beziehungsweise zu welchem MC siehst du die größten Parallelen zu dir?

Prezident: Eigentlich gibt es zwei Stoßrichtungen für meinen Rap: Die eine ist ein HipHop-Film, in dessen Zentrum so Kram wie das der La Familia-Leute von '99 steht. Ich stehe extrem auf diese Representer- oder Battletexte, die Curse, Aphroe, die Stiebers, Creutzfeld & Jakob oder Der Klan zu der Zeit geschrieben haben. Diese Art, mit Sprache zu spielen, mit Satzmelodien und Doppeldeutigkeiten, mit Worten, die etwas abseitiger waren, als es im heutigen Punchlinerap der Fall ist... "Kasparow gegen Kaspakopf – erste Runde", solche Lines. Die andere Stoßrichtung ist sozusagen alles mögliche abseits von Rap. Mein Versuch, zum Beispiel storytellingtechnisch Sachen auszuprobieren, die eigentlich Rap-untypisch sind, aber sich in diesem Rahmen gut entfalten können... Tom Waits war lange Zeit eine Rieseninspiration für mich und ist es immer noch. Überhaupt klassisches Songwritertum, und ansonsten einfach Poesie und Prosa.

rappers.in: Auf dem Song "Wer bin ich" aus dem Jahre 2007 bezeichnest du dich selbst als "nach Absztrakkt der meist unterschätzte Rapper deutscher Sprache". Siehst du das heute immer noch so? Oder hast du Absztrakkt in deinen Augen inzwischen sogar schon überholt? Und wie kommt überhaupt der Vergleich zustande?

Prezident: Hmmm... Wahrscheinlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt einfach nur Bock, meine Begeisterung für Absztrakkt kund zu tun. Ansonsten sehe ich das mit dem Unterschätztsein heute differenzierter, ich hab' ja auch später gerappt, dass ich gar nicht unterschätzt sei. Ich habe zum Beispiel für "Alice" absolut keine Promo gemacht, da brauch' ich mich ja dann auch nicht zu beschweren, dass mich keiner kennt. Ist schon okay so.

rappers.in: Du rappst bereits seit über 10 Jahren, hast aber noch lange nicht den eigentlich verdienten Bekanntheitsgrad erreicht – stört dich das nicht? Oder willst du überhaupt nicht bekannter werden, sondern einfach nur Musik aus Spaß an der Freude machen beziehungsweise weil sie dir eine Art "Ausgleich" zum Alltag schafft?

Prezident: Naja, ist zwiespältig. So rein rational betrachtet müsste mir das alles komplett egal sein. Fame ist eine extrem lahme Sache, wenn es finanziell nichts zu holen und es auch keine wirkliche Szene mehr gibt. Man kann sich 'ne Zeit lang einen auf gute Kritiken oder, wenn man's ganz nötig hat, auf Downloadzahlen oder Kommentare runterholen, aber im Endeffekt hat man ja nichts davon. Wobei ich es am traurigsten finde, dass hierzulande live seit Jahren so extrem wenig geht. MC sein ist schon eine ziemlich katatonische Angelegenheit heutzutage. Trotzdem gibt es in mir schon einen irrationalen Hunger, der möchte, dass andere wissen, wie verfickt gut ich bin. Aber das sind so Schübe, die ich versuche, zu kontrollieren. Im Endeffekt mach' ich, was ich noch an Rap mach', für mich.





rappers.in: Thema "Whiskeyrap". In deinen Texten spielst du immer wieder darauf an, zum Beispiel wenn es heißt "Whiskeyrap – ein bisschen wie der Nachlass eines Lebenden" oder auch "Whiskeyrap – Musik zum Aus-dem-Fenster-spring'". Was genau verbirgt sich nun hinter diesem Begriff? Gibt es eine genaue "Definition" oder kann das jeder auslegen, wie er möchte?

Prezident: Nö, ich wollte ja von Anfang an Promo übers Internet machen und brauchte einen Beinamen oder ein zweites gutes Schlagwort, weil "Prezident" schlecht zu googlen ist und ich dachte, ich mach' dann einen auf alkoholkranken Intelligenzler.

rappers.in: Also könnte der Begriff "Whiskeyrap" auch einfach stellvertretend für den Namen "Prezident" eingesetzt werden? Und es verbirgt sich nichts weiter Mysteriöses dahinter?

Prezident: Der könnte durchaus stellvertretend für "Prezident" stehen. Fände ich sogar gut. Ich find's also gut, wenn zum Beispiel Threads über mich mit "Prezident/Whiskeyrap" betitelt werden.

rappers.in: Du scheinst ja auch generell nicht gerade featurefreudig zu sein und vermittelst dem Hörer oftmals das Klischee eines introvertierten, in sich zurückgezogenen Menschen. Denkst du, dass sich diese Stereotypen auch auf deine Texte anwenden lassen? Dass sie quasi eher für sich allein stehen und sich nicht mit anderen vertragen?

Prezident: Joah, kann schon sein, dass meine Art, Texte zu schreiben, manchmal irritieren kann. Ich mag es zu überraschen, und vielleicht sind da potenzielle Featurepartner zu überrascht. Aber außerhalb meines Umfeldes, also den Wuppertalern um Fella und Petrus, Lokikzz und den Kamikaze Brothers, kenne ich auch einfach so gut wie keine Rapper und ich lege es auch nicht unbedingt darauf an, welche kennenzulernen. Deshalb bin ich nicht so der Lil Wayne, was Kollabos angeht. Wobei da in Zukunft schon ein bisschen mehr kommen wird, als bisher, denke ich.

rappers.in: Apropos Zukunft: Seit deinem letzten Mixtape "Alice" vor knapp zwei Jahren hat man außer ein, zwei Free-Tracks kaum noch etwas von dir gehört... die Ruhe vor dem Sturm? Arbeitest du derzeit an neuen Projekten oder ist überhaupt noch nichts in Planung? Willst du uns darüber etwas verraten?

Prezident: Es wird jetzt im April eine EP mit dem sehr kryptischen Titel "Zehnte" erscheinen, wobei der Titel in Verbindung mit dem Cover und allem drum und dran total Sinn ergeben wird. Im September kommt dann "Neueste Erkenntnisse vom absteigenden Ast", dessen konzeptionelles Grundgerüst und Beatunterlage auch bereits zu 90% stehen... Dann drehe ich die Tage noch ein Video zu einem Song mit dem Arbeitstitel "Bärentöter", ein Kollabotrack mit Lokikzz und den Kamikazes, welcher sich auf dem nächsten "Netzwerke"-Sampler befinden wird. Und im Anschluss an das Album würde ich dann gerne im September/Oktober ein paar Gigs abreißen, und wer lokaler Veranstalter oder Lokale-Veranstalter-kennender-Prezident-Fan ist, der möge sich bitte per E-Mail bei mir melden.

rappers.in: Alles klar... also auch ein Video? Das wird dann damit dein erstes "richtiges" Video, oder? Das zu "Bleib bloß bei Bewusstsein" kann man ja nicht wirklich als richtiges Video zählen?

Prezident: Kommt drauf an, wieso du's nicht zählen würdest?

rappers.in: Man sieht nicht wirklich viel an Handlung. Generell ist die Perspektive in diesem Video recht eingeschränkt. Wird man dich im neuen quasi "aktiv rappen" sehen?

Prezident: Joah, das war auch die Grundidee. Das ganze sollte so wirken, als sei die Kamera hingelegt worden und dieses Prächen würde sich quasi amateurmäßig bei ihren Fessel- und Folterspielen filmen. Hat nicht ganz so funktioniert wie gedacht, aber das hab' ich unter Erfahrung verbucht. Das Video für die Kamikazes fand ich da schon gelungener. Weniger künstlerischer Anspruch, dafür den wenigstens eingehalten. "Bärentöter" wird sturer Representerscheiß mit hoffentlich der gesamten Wuppertaler Kanaille vereint. Mit Bengalos, brennenden Mics, Zwangsjacken und solchen Faxen. Spaß, Spaß, Spaß.

rappers.in: Alles klar, dann freuen wir uns mal aufs fertige Endprodukt und sind gespannt!

Prezident: Und ich erst! Übermorgen geht's los und ich bin noch in vielerlei Hinsicht ahnungslos.

rappers.in: Gibt's kein Drehbuch? Oder wurdest du da einfach im Unklaren gelassen?

Prezident: Nee, ich hab' das Ganze ja angeleiert und bin quasi der Hauptverantwortliche fürs Ausdenken. Naja, es hat ja keine Storyelemente oder so, deshalb wäre "Drehbuch" eh das falsche Wort. Aber ich hab' ein paar Ideen, von denen ich nur noch nicht weiß, wie ich sie umsetzen will, und – vor allen Dingen – wo. Ich müsste halt zum Beispiel noch 'ne schwarze Psychiatercouch oder so etwas in der Richtung auftreiben. Den perfekten Raum zum Drehen habe ich auch noch nicht, morgen wird der Keller von 'nem Arbeitskollegen angeguckt.

rappers.in: Also wird auch auf Improvisation gesetzt? Wunderbar!

Prezident: Untergrund. Die Bengalos sind aber schon bestellt.





rappers.in: Du hast eines deiner früheren Alben damals zum Verkauf angeboten, dies jedoch später als Fehler angesehen und dich sogar in deinen Texten dazu bekannt: "[...] Erkenn' dein Demo als Frühchen und dein Ego wird büßen/ Und ich weiß, wovon ich rede, ich würd' am liebsten jedem/ Der die 'Cripz'-CD gekauft hat seine Kohle wiedergeben/"

Prezident: Ja, aber nur, weil das Album whack war.

rappers.in: Wann, denkst du, wärst du wieder bereit, einen Schritt in Richtung Alben-Verkauf zu wagen?

Prezident: Wenn das Internet zusammenbricht und die Leute wieder Alben kaufen müssten. Dann wäre ich sofort dabei. Mittlerweile denke ich auch manchmal, ich hätte vielleicht einfach das bisschen Kohle rausholen sollen, das für mich noch zu holen gewesen wäre, aber im Endeffekt: Arschlecken, was soll's.

rappers.in: Also denkst du, dass illegale Downloads einfach ein zu großes Problem darstellen, so dass du dich im kommerziellen Bereich sowieso nicht etablieren könntest?

Prezident: Ja, aber nicht nur die illegalen. Es gibt ja auch immer mehr legale Downloads wie meine Alben und das nährt natürlich eine Mentalität, nicht mehr für Musik zu bezahlen. Ich hab' mich damals dagegen entschieden, mein Album auf CD rauszubringen, weil es mir gekünstelt vorkam, etwas tausendfach auf Plastik zu kopieren und in der Welt zu verschicken, einfach, weil es Tradition ist, wenn es heutzutage eh jedem technisch möglich ist, sich seine Kopie bequem zuhause zu saugen. Und es eh jeder Null-Komma-Einte tun würde. Ich mag kein Getue. Deshalb habe ich damals gesagt, es wird keine CDs von mir geben, und bis jetzt sehe ich nicht ein, daran etwas zu ändern. Wenn mir morgen jemand Geld in den Arsch schieben will, um mein Album auf CD rauszubringen, soll er sich keinen Zwang antun. Letztens hat mich auch jemand angeschrieben, er wolle "Kleiner Katechismus" als Kleinstauflage rausbringen. Ich hab' ihm gesagt, er soll tun, was er nicht lassen kann. Mir ist es egal.

rappers.in: Ok... schade eigentlich. Ich hab' generell lieber 'ne handfeste CD als nen geladenen Ordner. Kommen wir zum Thema Inspirationsquellen: Kafka, Bukowski und andere Schriftsteller scheinen dich und deine Texte teilweise stark zu prägen. In einem Track bezeichnest du dich sogar selbst als "peinlichen Bukowski-Biter". Inwiefern beeinflussen literarische Werke die Kunst, die du ausübst, und inwiefern dein Leben?

Prezident: Naja, zu einem bestimmten Zeitpunkt war Bukowski eine besonders starke Inspiration für mich – als Künstler und als Mensch. Ich fand' seine Art und Weise mit den eigenen Schwächen umzugehen, sehr schön und adaptierenswert, und da er 73 geworden ist und einiges erlebt zu haben scheint, scheint er mir immer noch ein anständiges Vorbild. Ansonsten bin ich in meinem Denken von allem möglichen geprägt. Von dem, was ich im Alltag sehe und erlebe, und ebenso von dem, was mir medial präsentiert wird oder was ich lese, auch abseits von Literatur. Das ist eine furchtbar banale Antwort, aber im Endeffekt ist es die einzig richtige. Irgendwo spiegelt sich in dem, was ich als Künstler produziere, immer irgendein Teil der Gesamtheit meines Denkens, und das ist nun einmal – wie bei jedem Menschen – aus allem möglichen zusammengewürfelt. In Interviews wird bei mir oft nach Literatur gefragt, weil ich in dieser Richtung lieber Namedropping betreibe, als innerhalb der Popkultur, wie es z.B. Eko Fresh exzessiv betrieben hat und viele andere nach ihm. Ich mag nicht, dass sich das zu dem Etikett "Literatur-Rapper" oder was auch immer subsummiert, als wäre mein Wissen und mein Denken eines aus zweiter Hand, oder mehr aus zweiter Hand, als es bei anderen Menschen der Fall ist. Ich bin ja in erster Linie die Summe meiner Erlebnisse und der Künstler und das Kunstwerk, das ich gleichzeitig bin, ist ein Destillat meiner Persönlichkeit und insofern vor allem meiner Erfahrungen und Weltwahrnehmung.

rappers.in: Du liest ja außerdem auch Werke von Bertolt Brecht. Ich habe dir im Zuge dessen ein sehr bekanntes Zitat aus seinem Drama "Die Maßnahme" herausgesucht, welches vor Jahren oftmals von der RAF bzw. Ulrike Meinhof zitiert wurde: "Welche Niedrigkeit begingest du nicht, um die Niedrigkeit auszutilgen? Könntest du die Welt endlich verändern, wofür wärest du dir zu gut?" Kannst Du damit etwas anfangen? Falls ja, welche Schlussfolgerung kannst Du für Dich persönlich daraus ziehen? Lässt sich dieser Gedanke eventuell auch in Bezug zur Rapszene setzen?

Prezident: Ich wüsste jetzt nicht, wann ich das letzte Mal was von Brecht gelesen hab'. Die beiden Sätze klingen gut und wollen wohl darauf hinaus, dass in einem Kampf Gut gegen Böse das Böse immer durch das größere Arsenal an Fähigkeiten, das es besitzt, überlegen sein muss – nämlich an all jenem, was der Gute nicht tun könnte, um noch gut zu sein. Das ist pessimistisch, aber wahrscheinlich richtig. Kann man bestimmt in Bezug zur Rapszene setzen, das überlasse ich aber lieber Leuten, die sich mit so etwas auskennen. Also mit Rapszene, Moral, Brecht und so Kram.

rappers.in: Zu guter Letzt: Möchtest du unseren Usern noch etwas mit auf den Weg geben oder ihnen zu etwas raten?

Prezident: Ich hab' gestern den Bushido-Film gesehen, und nach den ersten paar Minuten Fremdscham war es das Lustigste, was ich seit langem gesehen habe. Fast noch lustiger, als der Wrestler ohne Arme und ohne Beine bei Doug Stanhope. Ich kann nur jedem empfehlen, sich den Film reinzuziehen. Ach, und mich und die Kamikazes und Lokikzz im September/Oktober buchen! Bevorzugt in Hamburg, Berlin und Leipzig, da habe ich nämlich eh Kollegen, bei denen wir alle pennen können. Holla und so.


(Pascal Ambros)

Und hier noch das Exclusive "Querschläger" für rappers.in:



(Bilder von Katharina Hertle, www.k-pictures.de. Auf dem ersten Bild sind neben Prezident noch die Kamikaze Brothers zu sehen.)

Dieses Special wurde 20901 mal gelesen
41 Kommentare zu diesem Special im Forum