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Interview: Prezident

veröffentlicht: Dienstag, 01.04.2014, 21:19 Uhr
Autor: lupa




Für den Wuppertaler Rapper Prezident dürfte das vergangene Jahr das bisher erfolgreichste seiner über zehnjährigen Karriere gewesen sein: Mit seinem ersten offiziellen Verkaufsalbum "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte" gelang ihm erstmals der Sprung in nahezu alle HipHop-Medien. Der sonst gar nicht mal so geliebte "Hype" wächst und erst vor Kurzem war er gemeinsam mit Hiob und Morlockk Dilemma auf deren "Kapitalismus Jetzt"-Tour als Supportact unterwegs. Wir trafen den "Whiskeyrapper" auf der diesjährigen Tapefabrik und stellten ihm einige Fragen zu der aktuellen Entwicklung seiner Karriere ...

rappers.in: Du hast es in den letzten Monaten geschafft, eine viel größere Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen, als noch im Jahr davor. Letztlich hat es sogar für den JUICE-Artikel gereicht, obwohl du das Magazin in deiner Vergangenheit des Öfteren negativ in Lines wie "Ich geb' nichts auf die JUICE und die JUICE nichts auf mich" erwähnt hast. Wie sehr macht sich diese erweiterte Reichweite bei dir gerade bemerkbar?

Prezident: Man kommt halt mit irgendwelchen Menschen, die etwas für einen machen könnten oder wollen, ins Gespräch – im Bereich Booking zum Beispiel. Das is' es. Oder auch bei den Auftritten selbst: Beim vorletzten Mile of Style hatten die ein bisschen Probleme beim Einlass und deswegen war die Halle bei mir nur zum Drittel voll. Aber bei dem Drittel hat man auch gemerkt, dass 70 Prozent eher auf Lance Butters gewartet haben. Beim letzten Mile of Style sah das dann schon ein bisschen anders aus.

rappers.in: Also merkst du das sowohl an Anfragen aus der Szene, zum Beispiel von Magazinen, als auch am Fanzuwachs?

Prezident: Genau.

rappers.in: Und wie fühlt sich das an? Du bist ja auch jemand, der ein wenig das Gefühl vermittelt, dass ihm so etwas nicht so wichtig ist ...

Prezident: 2008 kam mein "Kleiner Katechismus". Das war zu einer Phase, in der Rap kommerziell insgesamt recht matt war. Da war gerade der Snaga & Pillath-Hype vorbei und die sind auf einmal vor 20 Leuten aufgetreten. Damals ist auf jeden Fall extrem viel gefloppt oder hat zumindest nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient hätte. Danach, ab 2010/2011, ist wieder ein Hype entstanden, Sachen haben sich besser verkauft und momentan gibt es wieder mehr Veranstaltungen wie etwa das Mile of Style oder die Tapefabrik. Aber dieser allgemeine Hype hatte auch damit zu tun, dass ich mir überlegt habe: Jetzt könnteste auf jeden Fall nochmal reinhauen, wenn du noch ein Album machst – und dann einfach schauen, was du damit reißt. Es ziehen halt auf einmal auch viele Leute an einem vorbei, die erst seit zwei Jahren am Start sind und gerade eine EP gemacht haben. Da denkt man sich: Was ist hier eigentlich schief gelaufen?!

rappers.in: Hast du dann damit gerechnet, dass plötzlich von allen Seiten aus nur positive Resonanz auf dein Album kam?

Prezident: Ich fand auch mein Album davor, "Neueste Erkenntnisse vom absteigenden Ast", schon extrem gut. Aber bei KIEBG war es auch so, dass wir wirklich einen Plan hatten: Wir haben vorher drei gute Videos rausgehauen und die Connections, die wir über die Jahre hinweg aufgebaut haben, nochmal angezapft. Und im Endeffekt ist dann alles noch besser gelaufen, als ich gedacht habe. Aber dass das letzte Jahr ein guter Zeitpunkt war, noch ein Album rauszuhauen, hab' ich mir schon gedacht.

rappers.in: Du bist also auf jeden Fall strukturierter rangegangen?

Prezident: Ja. Beim letzten Album hab' ich nur ein Video zu dem Track "Als wollte Gott uns ersaufen" gemacht, weil ich eigentlich keine Lust hatte, Videos zu drehen. Das hatten wir auf meiner Terrasse gedreht und ich bin für eine Szene eben nochmal die Straße runter gelaufen. Dieses Mal hab' ich mir gedacht: Ich geb' mir jetzt extra Mühe. Ich hatte ein ganz gutes Videokonzept bei "Succubus" und auch bei "Antimärchen" – der Dreh bei Letzterem ging zwar nur eine halbe Stunde, aber das Konzept war gut. Insgesamt hat einfach alles gut geklappt. Wie gesagt, ich hab' schon ungefähr damit gerechnet – aber Sachen wie die Platzierung in den Jahres-Top 10 der JUICE waren dann doch sehr überraschend und erfreulich von daher. Mit Platz zwei bei Herr Merkt zum Beispiel, damit hätte ich so oder so gerechnet.

rappers.in: Mit dieser größeren Reichweite hat dein Album "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte" auch sehr viel mehr Hörer erreicht als alles, was du davor veröffentlicht hast. Woran liegt das? Glaubst du, dass deine Musik sich geändert hat und vielleicht zugänglicher geworden ist?

Prezident: Das Album ist ja ein bisschen mehr straighter Boom bap als die anderen Sachen. Davor waren meine Sachen noch ein wenig mehr ausgeschert, als ich zum Beispiel mal ein Gaggball-Feature hatte oder Sounds, die mehr in eine Industrial-Richtung gehen. Und "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte" hat mehr so ein konservatives Soundbild, wogegen ich mich früher ein bisschen gewehrt habe. Als ich "Kleiner Katechismus" gemacht habe, wollte ich auf keinen Fall so ein traditionelles New York-Soundbild haben, aber das neue geht schon mehr in diese Richtung. Es ist wesentlich klassizistischer. Aber das liegt auch einfach daran, dass ich meine Beats früher selbst gemacht und nie so hingekriegt habe, wie ich wollte. Ich hätte zu dem Zeitpunkt immer ganz gerne solche Beats gehabt wie Audio88 & Yassin auf ihrem zweiten "Herrengedeck". Mit Dizztorded ging das dann schon in diese Richtung, aber der hat sich immer sehr schnell wiederholt. Die Epic Infantry-Jungs machen jetzt schon mehr solche konservativen Bumm-Tschak-Beats, aber das Ergebnis stimmt.

rappers.in: Warst du in diesem Prozess miteingebunden?

Prezident: In die Produktion der Beats? Wenig. Bei den Epics is' es so, dass die mir einfach fertige Beats schicken und ich da drüber schreibe. Da die Jungs oft recht Sample-nah produzieren, ist da auch oft gar kein Spielraum für große musikalische Sperenzchen. Bei den beiden Bojanglez-Beats war es sogar so, dass überhaupt nur wav-Dateien vorhanden waren und die per "copy and paste" und Filter arrangiert werden mussten. Auf dem Album hatte ich also meistens einfach geile Loops und die haben dann auch gereicht. Die einzige Ausnahme ist "Tag des Zornes", da habe ich mit Iven (Beat Manufaktor Potsdam) tatsächlich ewig hin und her geschrieben und telefoniert, damit der wirklich so wird, wie er soll.

rappers.in: Glaubst du, dass sich noch etwas gravierend an deinem Bekanntheitsgrad ändern wird oder dass deine Musik zu schwerfällig oder anders für die breite Masse ist?

Prezident: Masse ist ja relativ. Wenn Sido 80.000 Platten verkauft, es in Deutschland aber 80 Millionen Menschen gibt, dann ist das auch nur ein Promille der Bevölkerung. Das heißt, wenn du die deutsche Bevölkerung hochgerechnet in ein 50.000-Mann-Stadion packen könntest, dann säßen in diesem Stadion gerade mal 50 Leute, die Sidos Crowd wären. Das ist insgesamt ja auch keine Masse. Ich hab' mir zwischen "Neueste Erkenntnisse vom absteigenden Ast" und dem jetzigen Album überlegt: Es gibt ja die Morlockks, Hiobs und Jottas dieser Welt ... und das wäre so das Level, wo ich hin will. Aber mehr würde ich, glaube ich, auch nicht wollen. Also, es wird auf jeden Fall nicht forciert.

rappers.in: Ist das inzwischen dein Beruf?

Prezident: Ich hab' bei meinem alten Job gekündigt, drei Monate, bevor das Album rauskam, und wollte dann mal gucken, wie weit ich komme. Dieses Jahr muss ich wahrscheinlich nicht mehr so viel arbeiten.



rappers.in: Das Jahr geht aber auch noch ganz schön lang ...

Prezident: Ich werd' auch den "Kleinen Katechismus" nochmal auf Vinyl rausbringen. Und ich glaube, dann müsste ich für dieses Jahr versorgt sein – und das ist auch okay. Das war halt so der Plan. Dass das ein halbes oder dreiviertel Jahr anhält, was ich mit dem Album verkaufe. Und das lief sogar ein bisschen besser als erwartet, also bin ich auf jeden Fall zufrieden. Irgendwann hab' ich ja auch mein Studium fertig und kann mich dann wieder arbeitslos melden.

rappers.in: Was studierst du?

Prezident: Germanistik und Geschichte.

rappers.in: Und "Kleiner Katechismus" wird nur auf Vinyl erscheinen?

Prezident: Nein, auf CD kommt das auch. Aber Vinyl ... ist auch schön. (lacht) Also, das Ding geht ja nur 38 Minuten und dann passt das auch schön auf eine Platte, bietet sich also auch wirtschaftlich an – bei zwei Platten wird die Produktion gleich viel teurer und dann kann man sich kein richtiges Cover mehr leisten, sondern nur so graue Pappe mit Stickern drauf. (lacht)

rappers.in: Diese selbstgebastelte Platte für unseren Adventskalender war aber ziemlich geil ...

Prezident: So ein bisschen kritzeln kann man ja mal. Ausnahmsweise ... (lacht) Obwohl ich insgesamt nicht so 'n Fan dieses "Was Persönliches vom Künstler"-Objektfetischs bin, aber hier hat es sich, angesichts der freien Fläche, hart aufgedrängt. Nach Autogrammen werde ich ja auch gefragt und schreib' dann welche, obwohl ich es selbst nicht so nachvollziehen kann.

rappers.in: Hast du auf Konzerten oder via Mail die Resonanz deiner Fans auf das Album beobachten können? Wie wichtig ist dir diese? Haben die Meinungen der Fans Einfluss auf die Inhalte oder den Sound deiner Musik?

Prezident: Na ja, ich bin ja selber Fan und hab' auch selber eine bestimmte Meinung. Da ist ja gar nicht so ein krasser Gegensatz vorhanden. Ich antizipiere natürlich Reaktionen und rechne mit Erwartungen. Zum Beispiel find ich selbst das Album jetzt relativ klassizistisch. Aber klassizistisch kann ja auch mal langweilig sein und bevor das Album rauskam, war ich mir zwischendurch ein bisschen unsicher. Ich dachte mir schon, dass es dichter als die anderen Sachen ist und weniger potenzielle Schwachstellen vorhanden sind. Aber ich dachte auch, es wäre vielleicht etwas zu trocken. Das haben scheinbar nur wenige Leute so gesehen und alles hat auf diese Art und Weise funktioniert. Als das Album fertig war, hatte ich aber auch direkt Bock, irgendwas anderes zu machen. Ich hab' dann erst mal viel MF Doom gehört und gedacht: Sowas wäre jetzt geil – so etwas Verspultes. Dann hab' ich viel The Weeknd gehört und fand auch das geil, aber da müsste ich ja singen. (lacht)

rappers.in: Hast du generell viel Resonanz von deinen Fans mitbekommen? Zum Beispiel via Mail?

Prezident: So persönliche nicht, aber bei einer Rezension auf laut.de les' ich mir schon die Kommentare durch – da stehe ich jetzt zu, dass ich das mache. (grinst) Ich hab' keinen Fernseher, deswegen häng' ich eh mehr im Internet, um mich berieseln zu lassen. Die Kommentare waren insgesamt sehr positiv, aber auch weniger fanatisch. Das vereinzelte Fanatikertum hat etwas abgenommen im Gegensatz zu früher. Ich bekomm' aber auch insgesamt weniger Fanmails, weil die Leute ihre Meinung ja auf Facebook verewigen können. Dadurch haben E-Mails und Fanpost etwas abgenommen.

rappers.in: In vergangenen Interviews machst du teilweise den Eindruck, als würdest du an den Prozess des Musikmachens sehr wissenschaftlich herangehen. Ist das Ganze für dich zum Beispiel noch ein Ausdruck deiner Gefühle und deiner Selbst oder gehst du nach einem geplanten und stringenten Konzept an neue Lieder oder Alben heran?

Prezident: Nö. Ich bin mir schon relativ bewusst in dem, was ich warum mache – wahrscheinlich auch mehr als andere, weil ich als Germanist vielleicht noch ein anderes Reflexionsniveau im Umgang mit Texten habe. Aber so eine Schablone oder ein streng durchdachtes Vorgehen habe ich nicht. Oft enden Songs auch komplett anders, als ich mir das vorgestellt habe. "Klimax", ein ganz alter Track von 2007, hab' ich zum Beispiel als Representer angefangen, aber nach 16 Zeilen wurde plötzlich ein Storyteller draus. In der Regel sammel' ich eben Lines durch irgendwelche Ideen oder Wortkombinationen und irgendwann schreib' ich dann ein Lied oder hab' schon ein Thema, in das einzelne Lines passen.

rappers.in: Wie wichtig ist dir diesbezüglich die Perfektion deiner Musik?

Prezident: Perfektionismus ist immer relativ. Manchmal merk' ich beim Schreiben auch, dass ich den Beat eigentlich gar nicht so feier'. Dann mach' ich den Track eben halbherzig fertig und der kommt auf eine irgendeine Download-EP. Aber dann gibt es auch wieder Tracks, von denen ich weiß, dass die halt aufs Album kommen und sich ein Überarbeiten lohnen könnte.

rappers.in: Wir haben dir hier eine Line aus dem Track "Antimärchen" mitgebracht, die uns im Gedächtnis geblieben ist: "Um als Künstler was zu taugen, darf man nicht komplett am Arsch sein – aber Blickkontakt zum Abgrund muss schon da sein." Wir hätten unsere eigene Interpretation für dich parat, würden aber sehr gerne wissen, was genau hinter dieser Line steckt.

Prezident: Für mich wichtiger ist eigentlich die erste der beiden Lines; mit der will ich darauf hinaus, dass Leute, die ihr Tun noch reflektieren können, bessere Künstler sind als die, die dieses Tun vollständig ausleben. Also, dass etwa die krassesten Gangstertypen keinen Gangsterrap machen und ein komplett fertiger Alkoholiker oder Depressiver keine Texte schreiben könnte wie ich. Oder einrappen. Die zweite Line spielt natürlich etwas mit dem romantischen Ideal des verwundbaren, außergesellschaftlichen Künstlers. Das war die Idee hinter der Line. Aber was war deine Interpretation?

lupa: Dass ein guter Künstler nicht jemand ist, der schon komplett kaputt ist, aber dennoch einiges von dem, was er sagt, erlebt hat. Jemand, der zum Beispiel sagt: "Mir wurde das Herz gebrochen, aber ich hab' es überwunden, deshalb kann ich darüber rappen", und nicht "Mir wurde das Herz gebrochen und ich bin seit acht Jahren komplett am Ende und komm' nicht mehr auf mein Leben klar". Und dass Leute, die so etwas in ihre Musik packen können, viel interessanter sind als solche, die darüber rappen, dass das Leben total geil ist und die noch nie etwas erlebt haben, was sie krass geprägt hat.

Prezident: Es gibt da so einen Roman, dessen Titel ich gerade nicht weiß. Darin geht es um einen unbekannten Schattenmann, der total mächtig ist und ein junges Talent entdeckt und ihm daraufhin aus dem Hintergrund heraus das Leben zur Hölle macht. Er bringt zum Beispiel insgeheim seine Frau um und lässt ihn überall scheitern, weil er davon überzeugt ist, dass Schmerz und Leid wahre Kunst hervorbringen.



lupa: Ich glaube aber auf jeden Fall, dass es immer einen Punkt geben muss, an dem der Künstler über ein schlimmes Erlebnis hinwegkommt und nicht daran zerbricht.

Prezident: Ja ... Wobei, um ehrlich zu sein: Man übertreibt ja immer gerne, wenn man rappt. Es wird immer heißer gekocht als gegessen, sodass das, was im Endeffekt Kunst ist, in echt so gar nicht stimmen würde. Ich hatte diese Line halt im Kopf und fand die so geil, dass ich sie dann gerappt habe. Ich kann die Ernsthaftigkeit der Line jetzt noch retten, wenn ich sage, dass es nie schadet, ein bisschen Dissonanz mit reinzubringen. Aber im Ernst ist es mir kein Anliegen, Leuten vorzuschreiben, wie sie Kunst zu machen haben oder leben müssten für ihre Kunst. Leute können total viel durchmachen und trotzdem nichts verstehen. Du kannst auch zu Hause hocken und nie etwas erlebt haben, aber trotzdem die Welt anschauen und dir dann deine Gedanken dazu machen. Und so doch eine interessante Dichtweise aus deiner Kinderstube in Hintertupfingen entwickeln – das geht auch. Aber die Line ist halt gut ... der Rhyme ist fett. (lacht mit Eißfeldt-Stimme)

rappers.in: Du scheinst bewusst eine Außenseiterposition in der Deutschrapszene zu wählen. Siehst du das genauso? Woran liegt das? Und wenn ja, wovon möchtest du dich abgrenzen?

Prezident: Es geht. Die Szene ist momentan ja total bunt und vielfältig, wie die Journalisten nicht müde werden zu betonen. Da noch Außenseiter zu sein, ist relativ schwierig.

rappers.in: Ich finde, Leute im Untergrund sind oft mehr solche Außenseiter ...

Prezident: Ja, aber eigentlich macht dieser Untergrundbegriff ja keinen wirklichen Sinn. Sowohl Mainstream- als auch Untergrundrapper machen dasselbe – die einen verkaufen dabei nur mehr oder kriegen eine höhere Aufmerksamkeit. Mal ganz prototypisch: Du hast in einem Regime offizielle Druckerzeugnisse vom König genehmigt und dann gibt's eben auch Leute, die illegal drucken. Das ist dann wirklich ein Untergrund, weil der ganz anders funktioniert als das Offizielle. Genauso: Wenn du 13 Fernsehsender, aber auch noch einen Piratensender hast – das kann dann Untergrund sein. Aber heutzutage vermischt sich das total, im Prinzip ist dann Untergrund einfach nur, was weniger erfolgreich ist

rappers.in: Trotz dieser "Außenseiterrolle" scheint es auch einige Rapper zu geben, die du schätzt. Von deinem Album ist uns an dieser Stelle besonders die Line "Prezident, in diesem Land und in dieser Sprache. Einer der fünf besten MCs, würd' ich mindestens sagen" in Erinnerung geblieben. Wer sind denn die anderen vier besten MCs? Haben dich diese Künstler musikalisch geprägt?

Prezident: Es nennt sich ja nur Esel selbst, aber ich wollte halt am Ende des Tracks nochmal auf die Kacke hauen. Ich find' mich selbst schon ziemlich gut, und wen ich sonst so feier' ... Aphroe ist für mich der beste Deutschrapper insgesamt.

rappers.in: Ganz kurz: Du bist einer der wenigen, bei denen es sympathisch rüberkommt, wenn sie von sich selbst sagen, dass sie sich gut finden. (grinst)

Prezident: Ja, aber das sagen ja alle Rapper immer. (lacht) Zum Beispiel in diesem Jahresrückblick auf dem Mile of Style: "Was war das Album des Jahres? Meins." Also ... Wen ich noch richtig feier' neben Aphroe: Absztrakkt. Und auf jeden Fall Hiob. Und irgendwen vergess' ich gerade noch ... aber die sind über längere Zeit hinweg richtig krass. Aktuell hör' ich total gerne Degenhardt, der ja auch bei euch strikt ignoriert wird. (lacht) Von Johnny war ein Tänzer. Die haben letztes Jahr das zweitbeste Album gemacht – nach meinem – aber ist leider komplett ignoriert worden. Der Degenhardt hat jetzt gerade auch noch eine neue Solo-EP gemacht, die nicht ganz so geil ist wie die Releases zuvor ... Aber das Crewalbum ist auf jeden Fall der Obershit. Aber auch sehr anstrengend – der eine klingt wie ein Emo, der andere wie Savas und einer ist halt komplett durchgeknallt. Aber es ist insgesamt sehr stabil, die Beats halten's zusammen. (grinst)

rappers.in: Werden wir mal etwas kritischer: Früher hast du immer wieder gesagt, dass du kein Album mehr verkaufen möchtest. Wie kam es zu diesen Aussagen? Was hat dich am Ende dazu bewogen, "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte" doch zum Verkauf anzubieten?

Prezident: Ich habe die Trägheit der Menschen unterschätzt. Ich hab' eigentlich gedacht: Die Leute laden mehr Alben runter und kaufen weniger. Erstmal illegal, aber dann kommen auch immer mehr Gratisalben. Für mich sah es irgendwann mal so aus, als würde es bald keine CDs mehr geben, weil ich zu dem Zeitpunkt auch keine mehr gehört habe. Man kauft ja nur noch CDs, um sie in den Rechner zu schieben und sie danach im Regal verstauben zu lassen. Ich dachte, das würden andere auch so sehen, aber da hab' ich die Leute falsch eingeschätzt. Ich hab' auch mal über längere Zeit nachgedacht, durch MP3-Spenden ein Label aufzumachen. Dann haben die Leute ab 2011 aber wieder mehr CDs gekauft, als das über Internet wieder besser ging und man plötzlich überall seine Sachen vertreiben konnte. Das ging vor sieben, acht Jahren noch nicht so gut. Und da hab' ich gedacht: Wenn die Leute das so wollen, sollen sie's kriegen. Es soll nicht an mir scheitern. Dann steh' ich mit der Ansicht eben alleine da. Obwohl ich es selber eigentlich unlogisch finde. Das Ding ist auch: Es kamen immer wieder Leute an, die meinten, dass sie mich unterstützen wollen. Bevor meine Frau meinen Shop gemacht hat, standen meine Kontodaten auch immer online und nach zwei Jahren hat der Erste einfach mal so Geld überwiesen, um mich zu supporten. Und der hat auf diesen ganzen Schwachsinn, ich solle jetzt erst mal eine CD machen, gekackt. Irgendwie raff' ich das auch nicht so ... die Leute können sich ja auch selbst CDs brennen und Geld spenden. Aber das wollen die irgendwie nicht.

rappers.in: Abschließend ein kleiner Ausblick in die Zukunft. Als wir dich in unserem letzten Interview gefragt haben, welche Thematik "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte" behandelt, hast du geantwortet: "Mich selbst gegeißelt habe ich vielleicht genug, jetzt ist der Rest der Welt dran." Was kommt als nächstes?

Prezident: Keine Ahnung. Aktuell hab' ich einen lahmarschigen Track auf der Tapefabrik-Vinyl, bei dem die Hälfte der Lines auch schon vorgeschrieben war. Ich bin jetzt aktuell nicht so überkreativ – ich mach' ein paar Features und dann schau' ich mal, was noch geht. Momentan hab' ich kein interessantes Thema im Kopf – kein einziges.

rappers.in: Dann wünschen wir dir viel Erfolg dabei, noch ein interessantes Thema zu finden. Eine kleine Frage haben wir noch zum wirklichen Abschluss: Du hast ja gesagt, dass du auch studierst. Wissen deine Mitstudenten, dass du rappst? Was sagen sie dazu?

Prezident: Ich studiere in Wuppertal und bin schon ein, zwei Mal erkannt worden. Und ich habe auch ältere Kommilitonen, die das irgendwie mitbekommen haben. Aber ich wurde noch nicht mit Steinen beschmissen. Ich hab' aber auch nicht so viel mit meinen Mitstudenten zu tun, ehrlich gesagt.


(Florence Bader & Kristina Scheuner)

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