Angemeldet bleiben?

Special: Prezident

veröffentlicht: Mittwoch, 30.01.2013, 18:00 Uhr
Autor: ProRipper



Seit dem letzten Soloalbum "Neueste Erkenntnisse vom absteigenden Ast" aus dem Hause "Whiskeyrap" sind inzwischen einige Jährchen ins Land gezogen. Nach einem für Prezident-Fans eher faden, für Deutschrap allgemein allerdings sehr erfolgreichen Jahr 2012 meldet sich nun auch der "Wuppertaler Suffkopf" zurück an vorderster Front. Gleich zwei Releases hat er mit im Gepäck: zum einen die Free-EP " ... immer noch nicht nach Berlin gezogen", die im Februar erscheint, und zum anderen Album Nummer drei mit dem Titel "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte", das für den Herbst vorgesehen ist. Knapp drei Jahre nach unserem letzten Interview mit Prezident empfanden wir es also mal wieder an der Zeit, den Herrn zum Gespräch zu bitten und ein wenig über die neuen Projekte sowie seine Kunst im Allgemeinen auszufragen. Noch dazu feiert mit diesem Special auch der erste Videovorbote der kommenden EP, "Bernstein", seine exklusive Premiere auf rappers.in.

rappers.in: Du veröffentlichst voraussichtlich noch in diesem Jahr dein drittes Soloalbum "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte". Zu Beginn des Interviews würden wir gerne von dir wissen, welche persönlichen Erfahrungen hinter dieser Feststellung stecken. Worin liegt der Vergleich zwischen Kunst und Geliebter?

Prezident: Ist im Grunde ein Zitat, das ich mal aufgeschnappt habe: "Art is a jealous mistress, and if a man has a genius for painting, poetry, music, architecture or philosophy, he makes a bad husband and an ill provider." Mir geht es in erster Linie darum, dass ich eigentlich besseres mit meiner Zeit anfangen könnte als rappen, aber nach wie vor dabei bin. Ich war ja nach dem letzten Album nicht sicher, ob ich noch eins mache oder ein weiteres Prezident-Album von Nöten ist und jetzt arbeite ich wieder an einem neuen. Anscheinend komm' ich nicht los von dem Miststück.

rappers.in: Weißt du noch, wo und wann du das Zitat aufgeschnappt hast?

Prezident: Nicht im Geringsten.

rappers.in: Auf deinem Song "Wer Deepes sagt" rappst du zum Thema Kunst folgende Zeilen: "So sehr du dich als Individuum gebärdest, deine Auffassung von Kunst ist eine auswendig gelernte." Wie genau definierst du "Kunst" für dich selbst und was ist an der weit verbreiteten Definition für dich falsch?

Prezident: Ach, um allgemeingültige Definitionen ist es mir nie gegangen. Mir erscheint es auch nicht unbedingt als sonderlich ersprießlich, Kunst allgemein definieren zu wollen. Und an der Stelle rede ich ja auch nicht gegen eine "weit verbreitete Definition" an. Es geht an der Stelle ganz banal um so Formatrapscheiße. Um deepe Songs, die deep klingen, mit Piano, Streicher und all dem Trara, das Leute da für angemessen halten. Um stereotypen Inhalt in erstarrten Formen, der einem nichts gibt, was man nicht schon kennt. Der überhaupt nur funktioniert, weil man alles schon kennt. Und um den Witz daran, dass sich Leute gerade im Rap so sehr als Individuen gebärden, sich aber gleichzeitig nur in vorgefertigten Schablonen darstellen.

rappers.in: Was könnten oder sollten diese Rapper deiner Meinung nach machen, um aus diesem vorgefertigten Muster auszubrechen? Was ist dafür nötig?

Prezident: Na ja, so in echt können die ja alle machen, was sie wollen. Man schreibt ja immer Battletracks und sagt da den Leuten, warum sie scheiße sind und was sie alles falsch machen, aber in echt und am Ende des Tages ist es einem natürlich eigentlich völlig schnurz und wenn die deepe Songs mit Wettermetaphorik und Klavier machen wollen: bitte sehr. Es soll ja auch der ein oder andere gar recht erfolgreich sein mit schlechtem Formatrap ... zumindest erfolgreicher als ich, hab' ich gehört.

rappers.in: Pablo Picasso hat zum Thema Kunst einmal gesagt: "Wir wissen alle, dass Kunst nicht Wahrheit ist. Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt." Da du oftmals betonst, dass du so bist, wie du dich in deiner "Kunst" gibst, würden wir gerne wissen, ob sich dieses Zitat dennoch mit deiner Musik vereinbaren lässt oder was du dem entgegensetzen würdest.

Prezident: Betone ich das so oft? Ich dachte, ich fange damit grade erst an auf meine alten Tage.

rappers.in: Auf jeden Fall in einigen Tracks. Spontan fällt mir da die Line "Du brauchst nicht feiern, wenn ich übers Ficken schreibe, doch auch in diesen Zeil'n steckt Wirklichkeit" ein.

Prezident: Na ja, die Zeile wäre ja eher in Nähe des Picasso-Zitates: Es geht ja gar nicht sehr um mich speziell in den Zeilen, sondern darum, dass allgemein in diesen Zeilen "Wirklichkeit steckt". Die Wirklichkeit wäre somit eine Art von Kern, ein Element, wie es auch die Wahrheit im Picasso-Zitat ist, die in der Nähe der Lüge angesiedelt wäre. Aber bevor wir uns verlaufen: Es ist eine unsinnige Vorstellung von Authentizität weit verbreitet. Nämlich die, irgendjemand könnte tatsächlich schlichtweg "sein wie in den Texten". Das eine ist aber die Kunst, das andere ist die Realität. Ein Foto ist niemals die Realität des Augenblicks, in dem es geschossen wurde. Eine Erzählung ist immer eine Konstruktion, eine mehr oder weniger sinnhafte Aneinanderreihung von Ereignissen. Jeder Biograph weiß das. In Sartres "Der Ekel" ist es sehr schön auf den Punkt gebracht. Es ist sinnlos, Authentizität in einer Deckungsgleichheit von Kunst und Realität zu suchen, weil diese ganz einfach qualitativ verschieden sind und daher niemals identisch sein können. Noch ein ganz einfacher Punkt zur Verdeutlichung: Man kann meine Texte ja auch unterschiedlich interpretieren – mir scheint die bessere Kunst ambivalent zu sein. Jetzt stell dir vor, ich hätte zwei Fans – was ja auch ungefähr hinkommt (lacht) – und der eine hält mich für einen sensiblen, nachdenklichen Typen, so einen Consciousness-Guy und Backpacker. Der kennt mich vielleicht von den "Netzwerke"-Samplern. Seine Lieblingstracks von mir sind "HipHop Hemingway", "Vom Einäugigen" und der andere Klugscheißerkram. Der andere Fan ist so 'n Weisse Scheisse-Fanboy, der sich Prezident eher als alkoholkranken Soziopathen vorstellt. Beide haben nicht Unrecht. Aber wenn sie mich träfen, müsste einer von beiden enttäuscht sein.

rappers.in: Und als was siehst du dich dann selbst?

Prezident: Ich bin einfach ich. Das ist banal bis zum Blödsinn, aber das Beste, was mir dazu einfällt.



rappers.in: Wenn man sich deine bisherigen musikalischen Machwerke anhört, erkennt man, dass du schon immer einer bestimmten Linie gefolgt und dieser seit zehn Jahren treu geblieben bist. Wird das auf "Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte" konsequent fortgeführt oder unterscheidet sich die neue Platte maßgeblich vom Vorgänger "Neueste Erkenntnisse vom absteigenden Ast"? Was werden wir auf Soloalbum Nummer drei zu hören bekommen?

Prezident: Aktuell sind so sechs Tracks fertig aufgenommen und drei, vier weitere gerade halbfertig. Epic Infantry wird wahrscheinlich den Großteil der Beats liefern und von daher wird der Sound wieder ein bisschen weniger unabgefuckt und runder, klassischer. Thematisch gibt es eine stärkere Tendenz zu Texten, die man vage als gesellschaftskritisch bezeichnen könnte. Mich selbst gegeißelt habe ich vielleicht genug, jetzt ist der Rest der Welt dran. Aber das sind, wie gesagt, Tendenzen. Große stilistische oder thematische Umbrüche sind nicht zu erwarten. Das Gefühl, mich zu wiederholen, habe ich im Moment aber auch nicht.

rappers.in: Wenn du dieses Gefühl hättest – würde es dann trotzdem noch ein Prezident-Album geben? Du hast vorher erwähnt, dass du anfangs nicht gedacht hast, dass ein neues Album "von Nöten" sei ... ist es dir wichtig, "Neues" zum Erzählen zu haben?

Prezident: Das Bedürfnis, etwas revolutionär anderes oder "Neues" machen zu müssen, habe ich schon lange nicht mehr, aber ich müsste das, was ich rappe, schon noch wenigstens selber spannend finden. Wenn da irgendwann alles gesagt wäre, würde ich wohl aufhören zu rappen.

rappers.in: Vor deinem neuen Album erscheint in wenigen Tagen auch noch eine Free-EP namens " ... immer noch nicht nach Berlin gezogen". Wieso bist du mehr oder weniger stolz darauf, noch nicht nach Berlin gezogen zu sein, und bezieht sich diese Einstellung auf die Rapszene dort oder die Stadt allgemein?

Prezident: Ach, aktuell ziehen ja alle nach Berlin und fangen dann damit an, Hornbrillen zu tragen. Ist ja ein allgemeiner Hype. Insofern ist die Line Anti-Berlin-Hype und pars pro toto natürlich Anti-Hypes im Allgemeinen. Mit der Rapszene oder der Stadt an sich hat das jetzt nichts zu tun.

rappers.in: Und was für einen Status hat die Hauptstadt deiner Meinung nach für die aktuelle Szene?

Prezident: Die Rapszene findet doch eh zu 95 Prozent im Internet statt, insofern sind Städte irrelevant. Jetzt natürlich nicht für einen selber, aber so an bestimmte Städte gebundene Sounds und Camps wie früher mal mit Hamburg, Stuttgart, Heidelberg et cetera existieren ja kaum noch wirklich.

rappers.in: Auf dem Titel-Track der erwähnten EP rappst du unter anderem folgende Zeilen: "Irgendwie war Rap lebendiger, vor drei, vier Jahr'n, als er noch tot war und bloß, weil heute nervt, was noch gestern spannend war, ist, was gestern schon genervt hat, heut' nicht zwingend spannender." Was ist deiner Meinung nach der größte negative Unterschied zwischen der Deutschrapszene vor drei, vier Jahren und der heutigen? Und gibt es für dich auch positive Entwicklungen?

Prezident: Falls und solange ich von diesem aktuellen Deutschrap-Hype profitiere, finde ich den natürlich auch gut. Mehr Bookings mit mehr Zuschauern – bin ich natürlich für. Ich find' den Hype nur ein Stück weit behindert, insofern, als dass 2012 sicherlich nicht das beste und kreativste Jahr für deutschen Rap gewesen ist, so wie jetzt alle tun. Dieser kommerzielle Höhenflug ist halt nur die Nachgeburt einer längeren kreativen Phase, die genau in die Zeit fällt, als Rap – und deutscher Rap insbesonders – für tot erklärt worden ist. In die Zeit von, sagen wir mal, 2005 bis 2010 fallen K.I.Z., Huss & Hodn, der ganze Alternativ-Rapkram um 58Muzik, Spoken View und Weisse Scheisse und nebenbei ja auch noch die Aufstiege jener Typen, die mittlerweile vom Mainstream als der neue "heiße Scheiß" gehandelt werden, wie Casper und Materia. Und wenn dann halt von der Intro – nicht, dass ich von diesem Verein geistig Behinderter in Hannes-Loh-Nachfolge irgendwas anderes erwarten würde, aber trotzdem – jemand wie Cro als jemand vorgestellt wird, der nach Jahren der Dürre im Deutschrap endlich wieder "frischen, eigenständigen Sound" liefert, werde ich doch etwas traurig ob der Dummheit dieser Welt.



rappers.in: Mit diesem Interview feiert bei uns auch dein Video zu dem Track "Bernstein" von der " ... immer noch nicht nach Berlin gezogen"-EP Premiere. Wieso hast du ausgerechnet zu diesem Song ein Video gedreht?

Prezident: Weil ausgerechnet der gerade fertig war und der Beat gut ist. Ich dachte im September, dass bald ja wieder Winter ist und ich schnell noch die letzten Sonnenstrahlen für ein unangstrengtes Performance-Video nutze, in dem ich nicht zwanzig Pullover übereinander tragen muss. Dann wollte ich das 16bars.de andrehen, aber die haben nicht zurückgeschrieben. Und so verblieb es auf der Platte, bis die Leute einen mittelmäßigen Track wie "Wer Deepes sagt" so gut fanden, dass ich gedacht habe: Wenn die Ansprüche eh so gering sind, kann ich auch noch ein bisschen Resteverwertung auf EP-Länge betreiben.

rappers.in: Features hältst du nach wie vor eher familiär in deinem Wuppertaler Kreis. Allerdings warst du vor kurzem auch auf einem gemeinsamen Track mit dem Frankfurter Ali B zu hören – wie kam es zu dem Kontakt? Hat er angefragt oder kam das von dir aus?

Prezident: Der Kontakt kam irgendwie über Ultra-Kreise zustande und blieb dann über die Kamikazes bestehen. Ich selbst interessiere mich ja nicht für Fußball beziehungsweise sehe nicht, warum ich mich dafür interessieren sollte, wenn andere Menschen Fußball spielen. Aber anscheinend habe ich ein paar Fans unter den Wuppertaler wie unter den Frankfurter Ultras. Letztere haben schon im letzten März mitgeholfen, 'nen Frankfurt-Gig doch noch stattfinden zu lassen, nachdem die ursprüngliche Location nicht geklappt hat, und irgendwann im Sommer hatten ich und die Kamikazes 'nen lustigen Abend im Freunde von Niemand-Studio und haben so Ali B kennengelernt. Die haben dann ihre Parts drüben recordet und ich hab' dann noch 'ne Hook zugesteuert, als alles fertig war. Schönen Gruß an dieser Stelle an die Frankfurter Jungs.

rappers.in: Du warst im Freunde von Niemand-Studio? Hast du in Frankfurt auch zum Beispiel Vega kennengelernt und könntest du dir vorstellen, in diesen Kreisen weitere musikalische Zusammenarbeiten zu starten? Und wenn nicht direkt mit Vega, dann eben etwa auch mit dem UltraKaos-Umfeld?

Prezident: Joah, Vega war auch da. War, wie gesagt, ein angenehmer Abend. Etwas später, im September, hatte ich ja dieses Morlockk Dilemma & Hiob-Booking in Wuppertal. Da sind auch noch einige der Frankfurter vorbeigekommen, daher stammt ja das Video zu dem Track und man hört ja die "Ali B"-Sprechchöre. Insgesamt gerne mehr solcher Abende, aber es ist ja, glaub' ich, auch kein Geheimnis, dass diese Pathos-Rapschiene nicht so wirklich mein Ding ist. Also im Prinzip gerne, aber ich leg's jetzt auch nicht darauf an, mir da eine musikalische Zweitheimat zuzulegen.

rappers.in: Zu guter Letzt darfst du unseren Lesern jetzt noch einen kleinen Städtetipp geben – wenn man nicht nach Berlin ziehen sollte, wohin dann? Oder: Welche Stadt sollte man sich auf jeden Fall mal angesehen haben?

Prezident: Wirf ein Auge auf das Tal, Kollege.


Pascal Ambros (ProRipper)
(Fotos von Katharina Hertle, k.pictures)



Hier nun noch die Videopremiere zu dem Track "Bernstein" aus der kommenden Free-EP " ... immer noch nicht nach Berlin gezogen":



Dieses Special wurde 21064 mal gelesen
23 Kommentare zu diesem Special im Forum