Angemeldet bleiben?

Interview: Pimf: "Wenn da so ein 40-Jähriger steht und ein Rhyme-Massaker ankündigt ... "

veröffentlicht: Montag, 26.03.2018, 14:35 Uhr
Autor: Wossap


Das letzte Release "Justus Jonas" liegt nun ein gutes Jahr hinter uns und ab dem 30. März steht mit "Windy City" das neue Projekt des Hessen Pimf an. Um vorab mal hinter die Fassade des 24-Jährigen zu blicken, haben wir uns mit dem Lagunenstyles-Artist getroffen und über Songkonzepte, Feedback und Einflüsse gesprochen.



rappers.in: Hallo, Pimf! Deine Musik zeichnet sich ja durch einen melancholischen Grundton aus. Ist Musik für dich eine Sache, die du betreibst, um Dinge zu verarbeiten und Dinge loszuwerden, oder könntest du dir auch vorstellen, dass du auf diesen Realtalk in Zukunft verzichtest und mehr auf Trends eingehst, um den kommerziellen Erfolg eventuell noch weiter zu steigern, also Geld über die Message zu stellen?

Pimf: Nein, absolut nicht. Das ist jetzt auch voll die Floskel, aber sonst hätte ich auf meinem bisherigen Werdegang auf jeden Fall schon einiges anders gemacht und hätte machen können. Beispielsweise, indem ich den "Alt und Jung"- oder VBT-Hype ausgeschlachtet hätte. Das ist aber komplett unwichtig. Ich kann jetzt nach drei Jahren immer noch mein "Memo"-Album hören und bin auch jetzt damit noch voll zufrieden, weil ich einfach der Meinung bin, dass ich nicht auf die Schnelle irgendein Kack-Album gemacht habe, sondern ich bin immer so in der Stimmung "Geil, das kann ich echt in zwanzig Jahren noch hören und mich dann an ne geile Zeit zurückerinnern". Mir ist es schon ein Anliegen, dass ich kreativ bin und mich auch nur von dem inspirieren lasse, was mir wirklich gefällt. Und dann ist das eben auch so, dass ich da jetzt beispielsweise krampfhaft Afro-Trap mache, nur weil's grad läuft. Aber natürlich würde das keiner, der diesen Trend gerade fährt, so sagen, aber ich denke, dass man an meinem Werdegang schon erkennt, was da so dahinter steckt.

rappers.in: Willst du dann eigentlich eine besondere Zielgruppe ansprechen? Erhoffst du dir quasi, dass du mit deiner Musik eben genau diese besondere Gruppe von Menschen triffst und die zum Nachdenken bringst?

Pimf: Besonders bei Konzerten freut man sich immer, wenn nach dem Gig so richtig coole und vernünftige Leute zu dir kommen und dir geiles Feedback geben. Das ist natürlich immer cooler, als wenn irgendein Besoffener, der nur zum Saufen da war, dir nach dem Auftritt irgendwas ins Ohr schwallt. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt irgendwie zielgruppengerichtete Musik mache. Ich sitze zuhause und mach die Musik so, wie ich sie gerade als geil empfinde und fühle und hoffe dann einfach, dass es irgendwo Leute gibt, die ähnlich ticken und sich in der Musik wiederfinden können. Ich hock jetzt nicht zuhause und mach zwanghaft Songs über meine Abi-Zeit, nur damit das dann möglichst viele Abiturienten hören.

rappers.in: Wenn du dich in dieser Hinsicht fast gar nicht in eine Richtung lenken lässt: Hast du sonst irgendwelche Einflüsse, auf die du besonders gerne zurückgreifst? Auf "Einfach wieder Mukke hören" von deiner letzten EP "Justus Jonas" lässt du durchblicken, dass du beispielsweise mit der deutschen Rap-Szene eher weniger anfangen kannst.

Pimf: Gut, da muss man jetzt wieder unterscheiden, was man mit Szene meint. Ich kann halt zurzeit wirklich mit vielen Leuten rein gar nichts anfangen, aber ich kann wiederum auch mit wirklich vielen Leuten ganz, ganz viel anfangen. Ich finde, es gibt schon viel geilen Rap, aber dadurch, dass halt jetzt auch irgendwie jeder rappt, sinkt durch die Quantität in der Breite dann auch die Qualität. Trotzdem hast du noch geilen Scheiß, den du dir rauspicken kannst. Ich bin nicht so der Typ, der sich jetzt dieses und jenes anhört und dann direkt versucht, das Ganze dann irgendwie nachzubauen. Aber ich hab auch Künstler, zum Beispiel J. Cole, die mich schon in ihrem gesamten Schaffen inspirieren, weil ich einfach finde, dass die total viel richtig und im Gegenzug echt wenig peinliche Sachen machen. Von sowas lass ich mich eher für mich persönlich inspirieren. Aber auch so Kram, der voll weg von meiner Mucke ist, also Sachen wie Trap oder richtige Slapper, inspiriert mich dann auch, aber halt auf ne andere Art und Weise. Das kitzelt mich dann auch irgendwo auf der textlichen und menschlichen Ebene.

rappers.in: Also würdest du dann sagen, dass du dich bei deinen Einflüssen gar nicht beschränkst, sondern dir wirklich aus allen Richtungen irgendwas herziehst?

Pimf: Also, ich bin schon extremer Rap-Fan, aber ich würde schon behaupten, dass ich mich auch mit anderen Genres gut auskenne und da auch einiges auf dem Schirm habe. Aber rapmäßig bin ich dann schon eher der Amirap-Hörer, auch wenn ich in den letzten paar Monaten wieder ein bisschen mehr Deutschrap für mich entdeckt habe, was aber hauptsächlich daran liegt, dass man da durch das gemeinsame Reisen mit dem Tour-Bus so ein wenig dazu gezwungen wird (lacht). Im Ami-Rap finde ich einfach mehr Vibes, die mich touchen. Bestes Beispiel Kodak Black, der mit der Musik, die ich mache, so rein gar nichts zu tun hat, was aber nichts daran ändert, dass ich mir das trotzdem anhöre und geil finde, wenn es nicht gerade sein "XXL Freshmen Cypher"-Part ist (lacht).

rappers.in: Wenn du deinen musikalischen Input dann von überall herziehst, wie kann ich mir das dann in einer Phase vorstellen, wenn mal wieder ein neues Tape ansteht? Lässt du dir einfach einen Pool voller Instrumentals von deinem Producer schicken und pickst dann einfach das, was passt, oder gibst du demjenigen schon mit auf den Weg, was du dir da jetzt genau vorstellst?

Pimf: Ich bin auf keinen Fall so ein klassischer Beat-Picker. Für die letzten beiden Platten hab ich mich immer mit Marq Figuli, meinem Producer, zusammen eingebunkert und einfach Mucke gemacht. Meistens schreib ich zuhause die Texte, dann gehts ins Studio und wir bauen zusammen den Beat quasi von Null auf und ich sag ihm dann immer, was ich geil finde, was ich scheiße finde oder summ irgendwas vor mich her, was er dann erstaunlicherweise meistens umsetzen kann (lacht). So sind auf jeden Fall die Platten hauptsächlich entstanden. Ich mag es einfach sehr gerne, beim Musikmachen irgendwie dabei zu sitzen und direkten Einfluss zu nehmen. Das ist einfach geiler, als sich das Zeug hin und her zu schicken.

rappers.in: So wie ich finde, zeichnet dich in Bezug auf deine Musik auf jeden Fall eine gewisse Authentizität aus. Deine Single "Alle sind wie jeder" zusammen mit Weekend ging dann eher in einer andere Richtung, im Gegensatz zu deinen vorherigen Sachen. Im Track geht es ja eher darum, was dich am aktuellen Zeitgeist stört und weniger um persönliche Erfahrungen aus deinem Leben. Kann man damit in Zukunft dann rechnen, dass jetzt eher alltägliche Sachen und Themen, und nicht wie bisher vor allem die Dinge um deine Erfahrungen und deinen täglichen Struggle, angesprochen werden?

Pimf: Puh, das ist voll schwer zu sagen. Ich bin nicht so einer, der sich hinsetzt und sagt "Ich schreib jetzt ein Lied über Margarine" oder so. Es gibt ja viele Artists, die ihre Songs immer darüber oder darüber schreiben. Bei mir ist es einfach so, dass ich mich hinsetze, irgendeinen Beat höre oder irgendeinen Vibe spüre und dann einfach das loswerde, was mich gerade beschäftigt. Bei der Single mit Weekend war das alles schon recht spontan, einfach nach dem Motto "Lass uns das angreifen, was uns ankotzt" und dann wurde einfach das spontan thematisiert. Ich würde Themen-Tracks für die Zukunft auch gar nicht ausschließen, aber in Stein gemeißelt ist da wirklich gar nichts. Ich bin schon ein Typ, der viel und konstant Mucke macht, einfach auch nur für mich selbst. Und genauso kann es dann der Fall sein, dass ich nach Hause komme und gar nichts habe, was mich ankotzt, sondern einfach über meinen eigenen Scheiß was mache und dann davon erzähle. Ich hab auch voll oft Tracks, die gar nicht mal zusammenhängende Dinger sind, weil mir dazwischen wieder irgendwas einfällt, wo dann schon einzelne Zeilen irgendwo aus dem Song-Schema herausfallen. Gerade bei "Justus Jonas" geht es ja hauptsächlich um den Scheiß, der zwischen den Zeilen steht. Es ist ja nicht so, dass ich mich jetzt hinsetze und ein Lied über Angst schreibe. Wenn gerade irgendein Moment ist, in dem ich Angst habe, dann schreibe ich zu dem Zeitpunkt, was dann ja auch zur Folge hat, dass daraus dann ein Lied über Angst wird, nur in meinen Augen einfach authentischer.



rappers.in: Auf deinem Track "Sorgenfalte" sagst du: "Ich fühl mich frei und hier immer noch im Kaff zufrieden". Was hast du für Ansprüche an dich selbst, damit du wirklich mit Überzeugung sagen kannst, dass du zufrieden bist?

Pimf: Jeder ist natürlich immer auf der Suche nach seinem persönlichen Glück, und dem ganzen Scheiß. Ich fühl mich einfach zwischen den verschiedensten Welten total wohl, was dann auch in der kommenden EP behandelt wird. Manchmal bin ich einfach mega zufrieden und happy, wenn ich in meinem Kaff sitze und einfach mit meinen Jungs ein bisschen bolzen oder in die Kneipe gehe und manchmal fuckt mich das aber übertrieben ab, und ich hab einfach Bock rauszugehen, die Welt zu verändern, und irgendwie krasse Dinge abzureißen. Ich bin da irgendwo dazwischen. Ich habe schon viele genügsame Momente, weil ich auf jeden Fall das schätze, was ich habe, weil es einfach nicht selbstverständlich ist, so wohlbehütet aufzuwachsen, eine gesunde Familie und einen coolen Freundeskreis zu haben. Heimat und ein gesundes Umfeld ist mir schon sehr wichtig, weswegen ich immer versuche, das auch so gut wie möglich zu pflegen. Allerdings ist das manchmal dann schon ein eher beschränkter Horizont, über den ich dann gerne mal hinausgucken möchte, wo ich mich mehr fordern möchte und auch mal Grenzen überschreiten will. Vor zwei Jahren bin ich zum Beispiel aus Jux mal den Jakobsweg gelaufen, wobei ich in dem Moment selbst nicht mal wusste, warum ich das mache, im Nachhinein aber einfach froh bin, weil es eben so eine bereichernde Erfahrung war. Das ist dann aber wiederum wieder das völlige Gegenteil von Genügsamkeit, wie ich finde, weil ich einfach raus und Grenzen überschreiten will.

rappers.in: Was bei deinen Sachen immer hängen bleibt, ist die Verbundenheit zu deinem Heimatort Hofgeismar. Woher kommt diese Heimatverbundenheit?

Pimf: Ich hatte und habe das Glück, dass ich durch meine Mucke einfach viel unterwegs und generell schon rumgekommen bin. Das ist das, was Menschen, die ihren geregelten Arbeitsalltag haben, nicht haben. Deswegen wächst bei denen verständlicherweise einfach die Sehnsucht nach der Ferne, während ich das durch meine Mucke gut stillen kann, einfach weil ich oft unterwegs sein kann und sämtliche Großstädte aus dem Effeff kenne. Und wenn ich merke, dass mir wieder die Decke aus dem Kopf fällt, buche ich mir auch mal ne Reise und komm raus. Aber ansonsten hab ich meiner Stadt einfach so viele Menschen, mit denen ich einfach gerne Zeit verbringe. Das ist einfach ein schöner Kontrast zwischen der großen, weiten Welt und dem kleinen Zuhause.

rappers.in: Im letzten Interview hast du gemeint, dass du weiter in Hofgeismar bei deinen Eltern wohnst. Kam es eigentlich nie dazu, dass dir dann mal gesagt wurde: "Mach doch ne Lehre oder ne Ausbildung, die Sache mit dem Rappen kann doch nicht funktionieren"?

Pimf: Früher war das tatsächlich des Öfteren Thema, aber meine Eltern vertrauen mir schon sehr arg und die wissen schon, dass ich meinen Weg gehen werde, weil ich das immer irgendwie gewuppt habe. Sicher haben die sich auch ihre Sorgen gemacht, aber weil ich eben dieses Vertrauen nie ausgenutzt hab, macht das die Sache dann schon einfacher. Ich bin halt auch immer noch erst 24 und es wird höchstwahrscheinlich dann auch irgendwann darauf hinauslaufen, dass man dann mal was Anderes macht. Sie bekommen ja auch mit, dass das zurzeit alles ganz gut funktioniert und ich jetzt nicht so der Hänger bin, ich also wirklich was mache und auch vorankomme.

rappers.in: Auf dem Track "Kinderzimmer" meinst du: "Und wenn ich nicht gestorben bin, dann rappe ich noch heute". Wenn du sagst, dass du höchstwahrscheinlich irgendwann auch mal was Anderes machen willst, hast du dann auch schon einen Plan, wann, was und wie oder lässt du das zurzeit einfach mal laufen?

Pimf: Ich finde das voll dumm, wenn man sich selbst ein Limit setzt, wie lange man das noch machen will. Das Problem ist aber leider, dass viele der älteren Rapper den Spagat zwischen altern und Rap nicht hinbekommen haben. Nicht wenige sind irgendwo in irgendeiner Zeit hängen geblieben, was dann nicht mehr so cool ist. Gut, meine Musik ist jetzt auch nicht darauf ausgelegt, auf "Spitten" oder "Fire" oder sonstige Dinge. Wenn dann da so ein 40-Jähriger steht und ein "Rhyme-Massaker" ankündigt, ist das halt schon eher verkrampft. Mein Style geht darum, dass ich einfach erzähle, was gerade bei mir so abgeht, und da denk ich nicht, dass ich da so limitiert bin, dass ich das rein theoretisch mit 40 nicht mehr machen könnte. Ich hab auch die leise Befürchtung, dass mich dieses Rap-Ding nicht mehr loslässt, auch wenn ich mal einen anderen und normalen Job mache. Ich geh stark davon aus, dass ich auch dann weiter Mucke machen würde. Ob ich die jetzt dann nur für mich mache oder die wirklich in die große weite Welt hinaustrage, keine Ahnung. Aber mir macht es einfach so viel Bock, darum kann ich es mir auch nicht vorstellen, dass damit in naher Zukunft Schluss ist.

rappers.in: Glaubst du, dass du es selbst hinbekommen kannst, diesen Spagat zwischen Rap und altern zu meistern oder könntest du auch auf die Meinung von deinen engsten Freunden hören, wenn die sagen, dass das alles eher played out ist?

Pimf: Ich glaube schon, dass ich mich da beeinflussen lassen würde. Das ist ja jetzt auch bei neuen Parts so, wenn ich die zum Beispiel Kico zeig und der sie kacke findet, dann hör ich da schon auch drauf. Da muss man aber auch wieder unterscheiden. Wenn's nur um einzelne Parts geht, kann man schon auch mal uneinsichtig bleiben, aber wenn es beispielsweise ums Gesamtbild gehen würde und mir dann mehrere Leute sagen "Alter, was machst du denn inzwischen? Du bist ja völlig abgespaced" etc., dann sollte man das schon mal überdenken. Früher gingen mir Youtube-Kommentare auch immer voll nahe, aber mit der Zeit lernt mann das dann auch auszublenden, weil viele der Kommentare von Affen hinterm Computer sind, die halt leicht mal ihre Scheiße schreiben. Es kommt immer drauf an, wie es formuliert ist und wie es rüberkommt. Wenn das gegeben ist, denk ich dann schon auch mal ein bisschen länger drüber nach.

rappers.in: Wie ist es dann andersrum? Gibst du den Rappern aus deinem Bekanntenkreis dann ab und zu auch negatives Feedback oder maßt du dir sowas eher nicht an?

Pimf: Es kommt immer darauf an, auf welcher persönlichen Ebene man mit diesen Leuten steht. Ich hab jetzt nicht mit allzu vielen Rappern eine krasse Connection. Wenn jetzt zum Beispiel ein Weekend Kacke macht, dann sag ich ihm auch, dass das kacke ist. Da wird dann auch oft drüber diskutiert, nicht selten ist man dann auch verschiedener Meinung. Aber wir sind ja alle vernünftige Leute und müssen uns nicht immer unnötig Zucker in den Arsch blasen. Wenn ich was geil finde, sag ich das ja genauso. Bei Leuten wie Weekend oder Umse, die ich schon zu den engeren Freunden aus dem Rap-Game zählen würde, ist man aber schon immer ehrlich.

rappers.in: Im letzten Interview hast du gemeint, dass du nicht so der Freund von Abschiedsworten bist. Deswegen stell ich einfach mal eine letzte Frage. VBT 2018, Pimf am Start?

Pimf: (lacht) Auf gar keinen Fall. Punkt. Ausrufezeichen.



Pimf auf Facebook

(David Doblinger)

Dieses Interview wurde 11142 mal gelesen
5 Kommentare zu diesem Interview im Forum