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Review: Pimf – Memo

veröffentlicht: Mittwoch, 05.08.2015, 11:07 Uhr
Autor: KDePa





01. Intro
02. Small City
feat. Umse
03. Auf Achse
04. Irgendwo halt nicht
05. Papierflieger
06. Schlaflos
feat. Mortis
07. Philadelphia
08. Silus & Jamal
09. Fata Morgana
10. Schöne Grüße
11. Horizont
12. Zeitlupe
feat. Damion Davis
13. Erinnerungsfoto

Wer oder was war nochmal ein Pimf? Nein, die Rede ist wohl kaum von einem Burschen aus dem Jungvolk oder einem kleinen Jungen, der mit Halstuch und Cappy pfeifend durch die Nachbarschaft läuft. Achja, es geht um diesen Rapper, dessen Battles im VBT ich damals so gefeiert habe, woraufhin er irgendwie aus meinem Fokus verschwand. Dieser Pimf aus Hofgeismar bei Kassel steht nun mit seiner neuen LP Memo im Gepäck in den Starlöchern seiner Rapkarriere außerhalb vom ganzen Battlegeschäft. Genug Zeit gelassen hat er sich ja mit über zwei Jahren, in denen er quer durchs Land gereist ist, um auf diversen Bühnen zu performen und Inspirationen zu sammeln. Ob die lange Zeitspanne dazu diente, ein Album mit ausgereiften Konzept, dessen Message auch mit dem Altern des Künstlers nicht an Relevanz verliert, auf die Beine zu stellen? Schließlich durfte der Youtube-Hit "Alt & Jung" nicht auf die Platte, da er laut Pimf eher eine vergängliche und deshalb nicht albumreife Momentaufnahme darstellte. Doch ist nicht genau das eine Memo? Eine denkwürdige Notiz, die einen Gedanken, einen Moment festhalten soll? Was nun im Memorandum, lateinisch für das zu Erinnernde, des Künstlers, das er mit seiner Hörerschaft teilt, alles drinstecken wird, werde ich schließlich doch nur durchs Hören erfahren.

"If you ain’t gotta dream, you ain’t got nothing" und das "Intro" der Scheibe beginnt mit melodischem Beat. Pimf stellt sich vor als Jonas, der Junge aus der Kleinstadt, der gerne mal Lampenfieber vor Auftritten verspürt, verliebt in Rapmusik ist und uns seinen ganz eigenen Stil, der mehr als ordinär-beleidigend oder kitschig-depressiv ist, sondern eben ganz authentisch und real. Die "Small City", aus der er kommt und der er sehr verbunden ist, bietet nicht immer Platz für die großen Träume eines jungen Erwachsenen und so geht es auch für Jonas ab und an auf Reise. Er ist ständig "Auf Achse", lebt ein schnelles, rastloses Leben, ist immer irgendwo anzutreffen und "Irgendwo halt nicht". Die Synthesizer des ruhigen Beats fließen so dahin, während Pimf über seine Lebensgewohnheiten und -ziele, eigene Überzeugungen und seinen Selbstfindungsprozess sinniert. Man kauft dem äußerst reif wirkenden 21-jährigen seine Worte ab. Hier rappt kein Mittdreißiger über Abibälle und die erste große Liebe, sondern Jonas darüber, was ihm letztens durch den Kopf gegangen und ihn immer noch nicht losgelassen hat.

"Mich zieht es häufig in die Welt, aber hier sind meine Kumpels und die Freundin, die mich hält/
Wie? Du hast jetzt 'nen Studienplatz? Wie cool ist denn das?/
Und auf einmal ist die Crew nicht mehr das, was sie war/
und sie wird es nicht mehr sein. Fuck, vielleicht, bin ich auch irgendwie allein/
"
(Pimf auf "Irgendwo halt nicht")

Die Coming-of-Age-Thematik wird auch bis zum Ende von "Memo" durchgehalten. Bei all dem Tatendrang kann man seine Nächte auch mal "Schlaflos" verbringen, NBA-Spiele gucken oder Rap-Parts schreiben. Im Schlaf kann man seine Träume schließlich nicht verwirklichen. Umtriebigkeit bedeutet Leben, "Stillstand ist der Tod". Auf "Schöne Grüße" schickt Pimf einen imaginären Brief an sein späteres Ego und fragt sich, wo es für ihn hingehen soll, wo er wohnen, was er machen, wen er lieben wird. Doch dann geht es für ihn auch schon wieder los "Richtung Horizont, volle Kraft voraus", durch Windböen und bis ans Ende der Welt, zum Glück immer mit Rettungsboot dabei und ungewiss, wo er seinen Anker lichten wird. Vielleicht ja in "Philadelphia". Dieser Track imponiert wie auch schon "Alt & Jung" durch einen atmosphärisch-elektronischen Beat mit Hintergrundgesang. Die Arbeit des Produzenten Marq Figuli erlaubt es dem Hörer ein weiteres Mal, sich einfach fallen zu lassen und auf den Wogen des sanften, melodischen, aber keineswegs poppig oder plastischen Soundmeers treiben zu lassen und sich ganz auf die Lyrik einzulassen. Musik und Sprechgesang harmonieren perfekt.

"Volle Kraft voraus, das Fernglas zur Hand/
Überwinde Turbulenzen, um zu lernen, was ich kann/
Die Kollision vermeiden, aber nicht nach euren Regeln leben/
Keiner kann mir jetzt den Wind aus meinen Segeln nehmen/
"
(Pimf auf "Horizont")

Weniger ansprechend ist hingegen die Geschichte um "Silus & Jamal" gestaltet, zwei HipHop-Fans, die Graffitis sprayen und Gras rauchen, also laut Pimf "HipHop leben". Für solch verkopftes Realkeepertum bietet die Platte eigentlich thematisch und auch, was den bisherigen Geisteshorizont betrifft, keinen wirklichen Raum. Auch der "Papierflieger", der aus seinem Abschlusszeugnis gefaltet worden ist, will nicht so wirklich bei mir ankommen. Kontrastiv zu seinem Tatendrang postuliert Pimf, dass er sich jedoch seine Aktivitäten, sein Leben, nicht vorschreiben lassen möchte, dass man aber andere, die mit großer Freude und Muße ein Studium absolvieren, diskreditieren muss, verstehe ich nicht ganz. Doch tut das der inhaltlichen und sowieso sound- und raptechnischen Qualität der Platte keinen Abbruch. Hier stimmt das Gesamtkonzept, das einheitliche Klangbild und auch die gut ausgewählten Featuregäste Umse, Mortis und Damion Davis bringen an den passenden Stellen ihre persönlichen Noten und neue Akzente mit ein, stellen den Protagonisten dabei keineswegs in den Schatten. Und so schließt das Memo mit einem "Erinnerungsfoto", auf dem noch einmal programmatisch festgehalten wird, dass der Selbstfindungsprozess des Rappers Pimf noch lange nicht am Ziel angekommen ist: "Ich hab keinen Plan, wo es hingeht, doch eines Tages weiß ich es genau."

"Der kleine Fuchs Jonas macht es nicht wie andere Menschen/
Er schreibt sich ein Praktikumszeugnis und lässt es anerkennen/
Die haben mir die Scheiße wirklich abgekauft/
Lach mir in die Faust, hab den Hauptpreis abgestaubt/
"
(Pimf auf "Papierflieger")

Fazit:
Nachdenklichkeit, Unsicherheit, Selbstreflexion und viele Alltagsfragen eines jungen Erwachsenen, der nicht nur an der Schwelle zu seiner Fahrt aufnehmenden Rapkarriere steht, sind die Themen auf Memo. Der rote Faden zieht sich von Anfang bis Ende durch die Tracklist, was nicht bedeutet, dass auch mal andere Themen angesprochen werden. Wer dennoch damit nichts anfangen kann, dem sei die Platte nicht angeraten. Wer krass zur Schau gestellte Technik, Flowkünststücke oder irre Gags bevorzugt, wird vielleicht auch nicht ganz warm mit Pimfs Albumerstling werden. Obwohl die Themen alle nicht neu sind, glänzen die Songs vor allem durch die Vortragsweise. Pimf ist authentisch, sympathisch und weiß, wie er sein Inneres ansprechend in Liedern nach außen krempelt und gut verpackt. Ihm gelingt, die Balance zwischen Ernst und frechen Elementen zu bewahren. Memo ist Musik, die sich dem Hörer nicht aufdrängt, sondern die von ihm gefunden werden will.


Maximilian Lippert




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