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Review: Pedaz – Malocherattitüde

veröffentlicht: Mittwoch, 17.05.2017, 17:48 Uhr
Autor: W3BeatZ





01. Malocherattitüde
02. Schwatte Patte
03. Volle Pulle
04. Ich ruh mich nich' aus
05. Lokalrunde
06. Ruhrpott Asozial
feat. Manuellsen, Snaga & Pillath
07. Vielfraß
08. Mein Alter
09. Ziel im Visier
10. Kumpelz x Mutanten
feat. 257ers
11. Schwermetallflow
12. Stundenausgleich
13. Auf den oder in den Bau
feat. Veysel
14. 300 Meilen feat. Amaria
Digital only Bonustrack:
15. Stammtischparolen feat. Karate Jewlz

Der Lange ist zurück, worauf die Fans des Esseners Ruhrgebiet-Urgesteins schon länger gewartet haben werden als ich gestern vor der roten Baustellenampel. Habe ich auch so sehnsüchtig auf "Malocherattitüde" gewartet? Nein, habe ich wirklich nicht, aber nicht, weil ich der Musik von Pedaz generell abgeneigt gegenüber treten würde, sondern da ich erst vor Kurzem auf den Vollzeitelektriker und Feierabendrapper, der nach dem Strippenziehen gerne noch ein paar Stunden in der Booth verbringt, aufmerksam gemacht wurde. "Hier, du gehst doch auch zur Maloche aufn Bau, hör da mal rein, den musst du einfach gut finden!", schickte mir ein Bekannter, mit einem dazu passenden Youtube-Link. Den sollte ich also bald gut finden, womöglich mir auch noch Musik von dem kaufen? Schon aus Prinzip nicht! Sehr kritisch öffnete ich den Link und ohne allzu große Erwartungen schmetterten mir die ersten paar Takte von "Presslufthammer" links und rechts um die Ohren wie der Uppercut von Anthony Joshua bei Wladimir Klitschko. Oh mein Gott, ich schüttelte mich kurz, schnappte nach Luft und wollte eigentlich den Mediaplayer schnell wieder schließen, als mir ein riesiger Hüne in grauer Arbeitshose mit seinen "technischen Raffinessen" schon wieder "wat auf Fressen" geben wollte. Na gut, bevor mich dieser stämmige Bauarbeiter mit seinen riesigen Pranken durch den Desktop zieht und ich mich mitten in einer vermutlich Essener Industriehalle wiederfinde, hörte ich mir den Track lieber in voller Länge an. Allerdings fand ich seine Raptechnik im ersten Moment nicht besonders auffällig oder irgendwie herausragend, eher ein Rumgepöbel im Ruhrpott Dialekt ohne kreative Flow-Variationen oder gar vielsilbige Reimstrukturen. Trotzdem, und nicht nur weil ich Angst vor der Hand Gottes hatte, ballerte der Song auf maximaler Lautstärke komplett bis zur letzten Sekunde durch mein Wohnzimmer. Mein erstes Resümee war, dass ich in letzter Zeit wirklich viele schlechtere Sachen hören musste, dass ich, obwohl es wirklich nicht die Richtung HipHop ist, welche ich nunmehr seit 20 Jahren bevorzuge und auch liebe, ein Grinsen im Gesicht hatte. Den Grund hierfür konnte ich damals noch nicht so ganz genau zuordnen. Heute weiß ich aber genau, was Pedaz zu einem besonderen, kreativen und einzigartigen Rapper macht, der eine ganz eigene Art von Nischenrap entwickelt hat, den es in dieser Form wohl noch nicht gegeben haben dürfte. Ein Musiker, der sich von der Masse abhebt, wie ein Elektriker, der die gelb-grüne Strippe aus der Wago-Klemme gezogen hat. Es sind die vielen charismatischen, gut durchdachten Punchlines, von denen wirklich eine der nächsten folgt, zumindest so gewesen in seinen ersten beiden Releases, "100% Macher" und "Schwermetall", welche nun auch seit einigen Woche in meiner Plattensammlung vertreten sind wie ein Kreuzbandriss. Ich hoffe, dass Pedaz auf seiner neuen Scheibe noch viel mehr dieser Diamanten anbringen konnte und sich so noch tiefer in das versteinerten Rap Geschäft reinflext.

Würde ich Kabel in der Gegend verticken, wäre ich wie deine Ma' – ich lebe von Strippen/
Doch bei ihr heißt das, sie zeigt schäbige Titten, und kauft sich davon Mayonnaise mit Fritten/
[...]
Und du Kind möchtest auch mal? Dann jage ich dich mit 'nem Brett/
Nenn' es Wink mit dem Zaunpfahl – Schau mal .../

(Pedaz auf "Malocherattitüde")

Das Konzept der ersten beiden Alben führt Pedaz auch auf "Malocherattitüde " fort, definitiv weiterentwickelt und durchaus ausgereifter. Als erstes Aushängeschild, sozusagen für den kleinen Hunger zwischendurch, veröffentlichte er im Vorfeld bereits die Auskoppelung "Schwatte Patte", mit einem gelungenen Video, geflutet mit starken Punchlines, kreativen Vergleichen und richtigem Malocher-Rap. Schon mal ein guter Einblick, wohin die Reise auf diesem Album gehen soll. Alles genau so wie immer, nur halt diesmal ganz anders. Das Gesamtbild der Songs wirkt direkt ein wenig schneller, viel frischer und dazu auch noch abwechslungsreicher verpackt und selbst wenn man sich einen Track das zehnte Mal anhört, fallen einem immer noch neue Textpassagen und kleine Spitzfindigkeiten auf, die man vorher gar nicht wahrgenommen hatte, obwohl sie einfach super durchdacht, um vier Ecken gerollt, 180 Grad gewendet und nochmal halb umgedreht den Nagel genau auf den Kopf treffen. Manchmal muss man wirklich so weit denken, dass es einem erst nach mehreren Tagen wie Schuppen von den Augen fällt, dann denkt man wiederum viel zu kompliziert und muss sich auch mal auf Pedaz' Wortwitz einlassen und seinen persönlichen Hintergrund in einem zwinkernden Auge behalten. Diese Mischung macht seine Songs nie langweilig, immer zu einem Erlebnis und bietet seinen Hörern Entertainment aus dem Staffelgeschoss. Wie man wohl bemerkt, ich bin mehr als nur begeistert, gerade weil man von einer Type wie dem Langen, der auf dem Bau sein tägliches Brot verdient, seiner Musik zwar viel Aufmerksamkeit schenkt, sich aber nicht auf seinen künstlerischen Erfolg verlässt, sondern mit seinem beruflichen Werdegang und Fortbildungen seine eigene Zukunft absichert. Der mit seiner Mundart bestimmt im ersten Moment eher ein bisschen naiv und unbeholfen wirken mag und von dem man solche herrlichen, klug durchdachten Wortspiele bestimmt nicht erwarten würde. Auch der textliche Inhalt zeigt mir immer wieder, dass er auf ein breit gefächertes Allgemeinwissen zurückgreift, was ganz klar auf einen Mann hinweist, der nicht leichtgläubig, mit Scheuklappen durchs Leben zieht, sondern viele Dinge hinterfragt und sich Gedanken um seine persönliche Perspektive macht. Auf "Malocherattitüde" sind aber auch zum ersten Mal eine Vielzahl an Tracks vertreten, die richtig nach vorne gehen, einen mitreißen und bei denen schon beim Schreiben darauf geachtet wurde, dass sie bühnentauglich sind, was mit Sicherheit auch etwas damit zu tun hat, dass Pedaz im vergangenen Jahr mit den 257ers auf Tour gewesen ist und sich bei dieser Gelegenheit auch gleich einen Gastauftritt der Essener Kollegen gesichert hat. Zu eben diesem Projekt erschien einen Monat vor Release eine weitere Videoauskoppelung aus "Malocherattitüde". Auf einem Beat von Voddi257 entstand der Song "Kumpelz x Mutanten", einer der schon oben erwähnten Titel, der wohl im Hinblick auf die kommende Tour und Festivalsaison geschrieben wurde. Ein Track in alter, traditioneller 257ers-Machart, der uns schon zeigt, dass Pedaz sein neues Album bestimmt abwechslungsreicher gestaltet haben wird als seine Vorgänger.

Nach der Tour hörte ich Tierstimmen/
Und dachte, der Klempner aufm Bau installiert Bierrinnen/
Sie waren im Untergrund schon kunterbunte Party-Jungs/
Wollte die Mutanten nicht enttäuschen und war unter Druck wie Vakuum/

(Pedaz auf "Kumpelz x Mutanten" feat. 257ers)

Richtig harten Punchline-Rap präsentiert uns Pedaz auf "Ruhrpottasozial" zusammen mit Manuellsen, Snaga und Pillath. Schon als der Beat anspielte, wusste ich, das Snaga seine Finger auf diesem Track mit im Spiel haben wird, da er schon ähnlich klingt wie viele Beats auf seinem aktuellen Album. So entstand ein Song, bei dem der Titel auch Programm ist. Ein schöner Representer, denn man auch mehrmals hören kann, ohne dass er nervt, wie es öfters bei solchen Tracks vorkommt und auf dem Pedaz wieder mit schönen Punches ins Schwarze trifft. Aber auch seine ernste und nachdenkliche Seite zeigt uns Pedaz auf diesem Album erneut. In Zusammenarbeit mit einem weiteren Essener Rapper, Veysel, entstand der Themensong "Auf den oder in den Bau". Dieser Titel thematisiert die Wahl zwischen einem ehrlichen, harten Arbeiterleben oder es sich auf der schiefen Bahn scheinbar etwas leichter machen zu können. Keine Verherrlichung der einen oder anderen Seite, keine Verurteilung des Entgleisten, aber auch der innere Konflikt eines Jugendlichen, der nach seinem Schulabschluss den Weg in eine Berufsausbildung gefunden hat, welcher gegenwärtig in der Straßenbahn auf dem Weg zum Ausbildungsbetrieb sitzt, durch das Fenster gleichaltrige in einem Mercedes durch die Stadt cruisen sieht, so den eigenen Werdegang infrage stellt und es einem jungen Menschen nicht leichter macht, seine ehrlichen Ziele im Auge zu behalten. Ich kann mir gut vorstellen, das man in sozialen Brennpunkten des Ruhrgebiets und auch deutschlandweit solche Szenen täglich beobachten kann.
Ein weiterer Song, der aus dem sonst konsequent durchgezogenen Malocherkonzept ausbricht, ist "Ziel im Visier", der sich mit Freundschaft, den eigenen inneren Konflikten und so einigen Charaktereigenschaften beschäftigt, die nicht nur einen Mann, sondern einen ehrlichen Menschen ausmachen. Auch hier merkt man wieder, was für ein Typ Pedaz ist. Ein typisches Ruhrgebiet-Urgestein, für den Werte wie Ehrlichkeit und Loyalität noch eine große Rolle spielen. Diese Charakterzüge fallen einem immer wieder auf, wenn man seine Musik verfolgt.

Er weiß, was er macht, ist richtig und Mama ist stolz/
Doch Patte macht man hier mit Business im Hummer mit Colt/
Als er morgens an der Halte sein Berichtsheft geschrieben hat/
Sieht er paar Gs am Park mit Zip-Packs im Siebener/

(Pedaz auf " Auf den oder in den Bau")

Fazit:
Auf Malocherattitüde hat Pedaz sein Konzept der beiden vorhergehenden Alben beibehalten, allerdings hat er es hier und dort noch weiter ausgearbeitet und am Ende noch einmal eine Schippe oben drauf gepackt. Die gute Mischung aus Nischenrap für Bauarbeiter mit starken Punchlines und Wortwitz, ehrlichen themenbezogenen Songs sowie einigen Partytracks, die nach vorne gehen, sehr bühnengeeignet sind, weil sie ein Publikum total mit einbinden werden, machen dieses Werk zu einem ernstzunehmenden und guten Album. Was mir persönlich am besten gefällt, sind die vielen Zweideutigkeiten in seinen Texten und die viele Spielerei mit der deutschen Sprache. So hatte ich des Öfteren ein breites Grinsen auf den Backen, manchmal einen rauchenden Kopf, denn manchmal musste ich doch schon extrem quer denken, um am Ende wieder schmunzeln zu müssen. Ich mag diesen Pedaz und seine Art einfach, auch wenn seine Musik nicht jeden ansprechen wird, ist deren Inhalt eigentlich das Quäntchen Lebenserfahrung, Vermittlung von Werten und der Hauch an persönlichen Einfluss, der mir an Rap schon immer gefallen hatte. Leider ist dieser Aspekt im Deutschrap die letzten Jahre viel zu weit in den Hintergrund gerückt. Eigentlich machen doch alle nur noch das Gleiche, fahren auf der selben Schiene, auch wenn jeder behauptet, sich von seinen eigenen Lebenserfahrungen beeinflussen zu lassen, kommt am Ende doch eh wieder ein Album auf den Markt, welches auf die meist jüngere Hörerschaft zugeschnitten ist. Der pädagogische Wert, welchen HipHop meines Erachtens schon immer hatte, musste dem großen Ganzen weichen. Es war mit Sicherheit nicht seine Absicht, ein Album zu produzieren, welches eine solche Message verkörpert, doch wenn einem jemand wie Pedaz sagt, macht eine Ausbildung im Handwerk, macht einen Schulabschluss, geht ehrlich Euren Weg, dann werden es ihm die Jugendlichen eher abkaufen als ihren eigenen Eltern, Lehrern oder den Berufsberatern der Arbeitsagenturen. "Malocherattitüde" sollte eigentlich auf jedem Makita-Baustelleradio Pflichtprogramm sein und auch Institutionen wie die Handwerkskammer könnten sich eigentlich keinen besseren Werbeträger wünschen, vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl. Wenn man diese ganzen Aspekte mit berücksichtigt, dann noch die gut produzierte Musik im Hinterkopf behält, wie den Virtuellen-Cortex, dann kann ich nur ein Urteil abgeben: Sehr empfehlenswert!


S.Bergermann



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