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Review: PA Sports & Kianush – Desperadoz II

veröffentlicht: Mittwoch, 17.01.2018, 18:21 Uhr
Autor: Cuttack





01. Intro
02. Back to the Roots
03. 10 Millionen
04. Ratten II
05. Headbanger
06. Alles gegeben
07. Enemies
08. Mörder
09. Energie II
10. Escalade
11. High Definition
12. Unfair
13. Paradies
14. Hardcore
15. Träne


Man muss schon einen gewissen Faible für diese geradlinige Gangart des Straßenraps haben, um mit der Musik von PA Sports und Kianush warmzuwerden. Aber die Fans, bei denen eine Platte wie "Desperadoz II" überhaupt ankommt, die wissen auch, worauf sie sich einlassen: Technisch versierten, Zähne fletschenden Sound, der sich nostalgisch irgendwo zwischen dem alten Schaffen von Savas, Azad und der Ostküste der Staaten einordnet. Und mit diesem Ziel im Hinterkopf gelingt auch der Auftakt auf den zweiten Teil der Desperadoz-Reihe. "Jeder Hurensohn hat jetzt Melodien" ("Intro"), "Back to the roots, es wird wieder Zeit für die echten Beats" ("Back To The Roots") oder "Afrotrap und Autotune, in meinen Augen zu gehypet" ("Headbanger") geben klare Kernthesen. Auch wenn ich ihren Fortschritts-Pessimismus in der Entwicklung des deutschen Rapgenres nicht unbedingt teile, gibt es definitiv eine Nachfrage und ein Publikum für derartigen Throwback-Sound.

Und gerade mit den Rap-Performances der beiden Protagonisten funktioniert dieses wiederbelebte 2005-Gefühl überraschend gut. Ob nun manche Reimkette ein wenig arg erzwungen klingt oder etwas zu typische Reimwörter verwendet, geschenkt. Dagegen beeindrucken nämlich die druckvollen Flows auf Titeln wie "Ratten II" oder "Escalade", temporeich, stark akzentuiert, dichte Pattern. Die Kombination tut gerade Kianush gut, der wesentlich besser funktioniert, wenn er in seiner etwas eindimensionalen, verbissenen Stimmlage kein gesamtes Album tragen muss, sondern Hooks und Verses an PA Sports abgeben kann, der alleine ein wenig gesichtslos wirken würde, in diesem Tandem dann aber als auf den Ohren angenehmerer Gegenpol aufblühen kann. Und dann passiert "Alles gegeben".

Füße runter von den Yeezys, guck, ich fahre Lamborghini/
In der Farbe einer Kiwi, mache Urlaub Santorini/

(PA Sports auf "Alles gegeben")

In einer Episode schlagartiger Amnesie scheinen alle Aussagen und alles Gefrotzel der letzten fünf Tracks komplett vergessen. Klassischster Trap-Drumbeat, Autotune-Hook, sogar das Mixing der Adlibs kommt absurd bekannt vor. Nein, keine Ausreden, dieser Track bitet den Sound von RAF Camora so dreist und offensichtlich, dass es gerade im Kontext des bisherigen Albums fast albern wirkt, wie oppurtunistisch hier bisher alle zum Himmel gebrüllten Selbstansprüche in einem Wimpernschlag über Bord geschossen werden.
Dieser Sound wird auf "Desperadoz II" übrigens ungeniert noch ein paar mal auftauchen. "Escalade" und "Energie 2" führen Afrobeat und melodische Hooks fort (wie war das noch einmal mit den Zitaten am Anfang?), machen den Stil auch gar nicht so ungelenkig, wie man es vermutet hätte. Doch während alle poppigen Nummern auf dem Tape eher mittelmäßig und vergessbar anmuten, sticht der Closer "Träne" noch einmal hervor, um trotz erzkitschigem Titel einen der bemerkenswertesten und authentischsten Momente des Albums zu liefern. Die Nostalgie von PA, das Glück am neuen Lifestyle, die Realität und das Ziel werden hier sehr kompakt zusammengeführt und durch einen der stärksten Beats des Albums ein wesentlich unaufdringlicheres, subtileres Gefühl geschaffen, als man es sonst von den Beiden kennt. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – und jeder fantastische Track wird von einem Totalausfall kompensiert.

Der kommt hier in Form von "Mörder", einem seltsam pathetisch vorgetragenen Schmachtfetzen mit dem glorreichen Konzept: "Für meine Angebetete würde ich einen Mord begehen". Aha. Und klar, Bonnie & Clyde-Motive sind nicht erst seit Quavo 2017 cool, aber mal ehrlich; ich gebe Euch jetzt eine kleine Reihe an emotionalen Zuständen, die man auf einem Lovesong verwenden könnte – und Ihr sucht heraus, welchen nicht ganz in die Palette passt: [Stolz / Bewunderung / Sympathie / unkontrollierter, berserkerhafter Blutdurst / Glück]. Tipps abgeschlossen? In der Tat scheint die Präsenz einer Frau hier eigentlich nur ein Vorwand zu sein, all seinen potentiellen Gegnern absurde Gewaltfantasien entgegenzuwerfen. Trotzdem entwickelt sich dann die Hook ...

Ich weiß, dass eine Frau mich genauso liebt/
Es macht Peng, Boom, Boom, Bang/
Es macht Peng, Boom, Boom, Bang/
Ich werde zum Mörder/

(Kianush auf "Mörder")

... zu einem Piano-basierten Winselstück, das offensichtlich um die Bewunderung eines unkonkreten, nicht näher beschriebenen oder charaktisierten weiblichen Parts buhlt. Ob die von den Verses, in denen je 16 Bars nur geprügelt, gemetzelt, geschlagen und gewürgt wird, auch so gerührt wäre, bleibt leider offen. Aber gerade im Umfeld eines Tracks wie "10 Millionen", der noch mit der edlen Prämisse protzt, seiner Tochter ein ganzes Imperium zu hinterlassen, könnte man eine Zeile wie "Baby, für dich nehme ich lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung/" durchaus fragwürdig finden.

Fazit:
Es ist viel Licht und viel Schatten auf "Desperadoz II", ein paar Tracks gehen ziemlich in die Hose und irgendwie scheinen PA Sports und Kianush es auch mit ihren eigenen Aussagen nicht so wahnsinnig genau zu nehmen. Wenn man aber zur Nische gehört, die tatsächlich sowohl mit den Protagonisten als auch mit beiden hier verwendeten Soundentwürfen gut klar kommt, könnte man mit dieser Platte eine ganze Menge Freude haben. Die Vocals kommen durch die Bank einwandfrei, die Produktion aus der Feder von Ghana Beats, Deatz und Joshimixu reicht von kompetent, aber austauschbar, bis hin zu ziemlich fantastisch – wenn man jetzt also noch mit dem grundlegenden Tonfall warm wird, dann wird "Desperadoz II" einwandfrei funktionieren. Und für den Rest abseits dieser Nische wurde das Album vermutlich auch gar nicht gemacht.


(Yannik Gölz)




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