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Review: Olson – Ballonherz

veröffentlicht: Dienstag, 23.09.2014, 11:02 Uhr
Autor: Kain_I.





01. Mein kleines Hollywood
02. Der beste Moment
03. Paris (Fernweh I)
04. Ballonherz
05. Megafon
06. James Dean
07. Niemand > wir
08. Morgen vorbei
09. Taxameter
10. Flugmodus
11. Cornflakes & Trash TV
12. Meer (Fernweh II)
13. Feuerwerk


"Mach' die Augen auf – bonjour Tristesse". Dieses Zitat eröffnet das gespannt erwartete Debütalbum des Künstlers Olson. Ein Album, auf das so lange hingearbeitet wurde und welches doch so grundverschieden hätte ausfallen können, wäre Oliver Groos andere Wege in seiner Karriere gegangen. Während im Jahre 2008 erstmalig die Stimmen um den selbsternannten "Rudeboy" dank des kostenlosen, gleichnamigen Tapes laut wurden, hätte wohl niemand mit der Entwicklung gerechnet, die der Künstler in der Zukunft einmal durchlaufen würde. Allerdings deutete sich auf dem darauffolgenden, ebenfalls umsonst erschienenen Kurzspieler "40213" im Jahr 2011 bereits eine gewisse Entwicklung an. Denn plötzlich ging es mehr in eine poplastigere Richtung. Doch wie präsentiert sich der Musiker nach drei weiteren Jahren Entfaltung? Von Zusammenarbeiten mit Künstlern wie Jason oder Vega zu einem ohne Gastbeiträge auskommenden Debüt. Vom labellosen 'Olson Rough' zu dem bei Universal unter Vertrag stehenden Olson. Von "Rudeboy" über "40213" bis hin zu "Ballonherz" – seinem aktuellen Album.

"Lauf' nur meinem Herzen nach/
Seit dem ersten Tag/
Und ich geh' mit bis zum Schluss/
Und schieß' zum Happy End Raketen in die Luft/
"
(Olson auf "Mein kleines Hollywood")

Die Musik setzt ein: "Mein kleines Hollywood". Dieser Titel ist auf soviele Arten und Weisen repräsentativ für das Gesamtkunstwerk. Anstatt sich einer Sparte anzupassen, will Oliver Groos eine Nische für sich. Er hat zwar viel Inspiration bei deutschen Künstlern wie Casper und Prinz Pi mit ihren aktuellen Werken gefunden, aber zeitgleich will er amerikanische Einflüsse von Menschen wie Drake und dessen R&B-Anleihen ("James Dean") oder Kendrick Lamar samt "Swimming Pools"-Zitaten auf "Cornflakes & Trash TV" in seiner Musik vereinen. Kombiniert ergibt das Ganze Olsons kleines Hollywood und zeigt in beeindruckend schöner Manier, dass der weltoffene Sound auch auf Deutsch funktionieren kann. Maßgeblich für die Kompositionen verantwortlich sind die Beatgees – unter anderem bekannt durch Zusammenarbeiten mit Tim Bendzko oder F.R. –, die an fast allen Liedern beteiligt waren. Zu "Paris" und "Cornflakes & Trash TV" wiederum kreierten jeweils Johannes Gehring und David Ruoff den Sound. Das Klangbild ist über alle Anspielstationen geprägt von dominanten Synthesizern, die das Grundgerüst und den roten Faden der Lieder bilden, bestimmenden Drums, welche für gewisse Highlights und Akzente sorgen, und häufig auch untermalende Klaviermelodien, die den Produktionen einen gelungenen Tiefgang und somit eine ungewohnte, aber stimmig funktionierende Weite verschaffen. Die dargebotene, beeindruckende Liebe zum Detail wird lediglich durch die bedingt mangelnde Einzigartigkeit und den fehlenden Facettenreichtum der Songs untereinander gehemmt. Denn egal, wie viel Herzblut in den einzelnen Gesangsstücken stecken mag, so kann man gewisse Ähnlichkeiten der Instrumentierung nicht abstreiten, wenn doch viele der Lieder aus verwandten Klangelementen bestehen. Auch wenn diese Feststellung für den Moment in keinster Weise einen Dorn im Auge darstellt oder gar einzelne Auskopplungen schmälert, so resultieren daraus doch Zweifel, ob sich die musikalische Homogenität nicht negativ auf die Langlebigkeit des Werks ausübt.

"Mal interessierst du sie nicht, mal machst du sie so verrückt/
Reißen dich mir aus der Brust raus/
Und drücken sie dich an sich, will ich dich wieder zurück/
Mal lassen sie dir die Luft raus/
Ballonherz/
"
(Olson auf "Ballonherz")

Lied um Lied vergeht und immer größer wird die Verbundenheit und Sympathie, die ich gegenüber dem Künstler Olson entwickle. Wenn er auf "Ballonherz" von seinem sprunghaften Herzen erzählt und trotzdem davon berichtet, wie er diesem um jenen Preis folgen wird, stellt sich mir die Frage, wann ich mich das letzte Mal von meinem Herz und nicht von meinem Kopf habe leiten lassen. Wenn er auf "Mein kleines Hollywood" die Tristesse eines Vorortes, abseits der großen Städte, näherlegt, denke ich unmittelbar an meine Jugendzeit, ähnliche Geschichten und an alte Freunde, mit denen ich diese Erfahrungen teilen durfte. Und spätestens, wenn er auf "Paris" oder "Meer" den Fernweh-Gedanken aufgreift, wünsche ich mich weit weg von der Universität und meinem Schreibtisch. Weit weg von dem Trubel der Großstadt. Einfach weit weg von der Tristesse. Oliver findet hierbei große Worte für alles und bedient sich an sehr viel Pathos sowie Melancholie. Doch vergisst er hierbei nur selten einen gewissen dreckigen Unterton, der besonders durch die markant raue Stimme in Szene gesetzt wird. Speziell zur Geltung kommt dies, wenn er Themen rund um Eskapaden, Frauen und Nike-Sneakers anspricht. Denke ich über die einzelnen Motive – darunter weiterhin Existenzängste, überhebliche Selbstdarstellung und natürlich Liebe – und die Art und Weise, wie diese vermittelt werden, gesondert nach, ist es verständlich, dass das Album ähnlich leicht auf negative Kritik stoßen könnte. Denn schnell kann Pathos in Kitsch abdriften, leicht wird Melancholie mit Selbstmitleid verwechselt und ehe man sich versieht, werden große Worte als nichts Weiteres als leere Hüllen aufgefasst. Doch auf mich persönlich trifft diese Anti-Haltung nicht zu. Zu oft spiegeln die dargebotenen Facetten eigene Gedanken wider und auch wenn das Album möglicherweise aufgrund der genannten Interpretationsspielräume nicht den Zahn der Zeit trifft, bin ich mir sicher, dass es ähnlich viele Hörer berühren wird. Aus dem simplen Grund, dass sie die Worte auf einer anderen Ebene verstehen, sie mit eigenen Erinnerungen sowie Erfahrungen verknüpfen und sich, einfach gesagt, mit dem Werk identifizieren können.

Fazit:
Olson "schießt zum Happy End Raketen in die Luft" und zieht den Schlussstrich titelgetreu mit einem "Feuerwerk". Was für manche Hörer lediglich eine Kopie verschiedener Stile aus Deutschland und Amerika, gehüllt in eine fehlerverschleiernde Popproduktion, ist, ist für andere die nachvollziehbare Entwicklung von "40213". Zwar hat der Künstlername das "Rough" verloren und ja, es mag sein, dass sich viele Hörer die "Rudeboy"-Zeiten zurückwünschen, aber unter welchen hirnrissigen Gesichtspunkten ist dies Kritik, die ein "Ballonherz" schmälern sollte? Menschen entwickeln sich. Künstler entwickeln sich. Geschmäcker entwickeln sich. Und wenn mich ein Olson auf 13 Anspielstationen absolut überzeugt und mir beweist, dass er Spaß an dem hat, was er macht – wer bin ich dann, ihn für etwas zu kritisieren, was das Album hätte sein können? Was das Werk hätte werden können, wenn man sich in sechs Jahren nicht weiterentwickelt hätte, sondern lediglich über die gesamte Zeit im Stillstand auf der Stelle verharrt wäre? Vielleicht hat das Album noch ein paar Ecken und Kanten und vielleicht fürchte ich mich vor der Kurzlebigkeit bei dem teils homogenen Klangbild. Aber was hier summa summarum dargeboten wird, ist ganz großes Kino: jung gebliebene Themen, verpackt in einem gereiften, erwachsenen Sound. Zwar ohne eine lupenreine und fehlerfreie Darbietung, aber mit einer gewissen Portion charakteristisch rauer Makel, die "Ballonherz" – ein Album mit unfassbarer Liebe zum Detail – prägen und vervollständigen. Ein Entwicklungshöhepunkt, wie er für meinen Geschmack nicht schöner hätte sein können.

"Und es lief so viel gut und so Vieles hat nicht hingehauen/
Hauptsache nicht darin verlieren/
Und ich nehm' all die letzten Monate und schieß' sie in den Himmel rauf/
Verrückt, was in 'nem Jahr so passiert/
"
(Olson auf "Feuerwerk")


Lukas Maier (Maierstro)



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