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Special: Neuentdeckung Single-Charts: Auf einmal kann Deutschrap Melodie

veröffentlicht: Montag, 16.10.2017, 16:48 Uhr
Autor: Max

Die jüngsten Erfolge deutscher Rapper wie Bausa und Kollegah & Farid Bang zeigen: Rap hat hierzulande gelernt, er hat mehr Freude daran gewonnen, auch in Zeiten des Erfolges. Das Ergebnis ist eine Dominanz, die bis auf wenige Ausnahmen in den letzten Jahren bei den Alben begonnen hatte und nun auch die Singles überrollt. Während Alben im Radio und TV noch mit der Begründung ignoriert werden konnten, dass eben diese erfolgreichen Songs fehlten, steht der Mainstream spätestens seit diesem Jahr vor seiner größten Herausforderung mit deutschem Rap. Kaum möglich scheint es, die bürgerlichen Fernsehzuschauer an die nahezu alles überstrahlenden Rap-Singles zu gewöhnen; gleichzeitig ist es spätestens, seitdem Deutschrap die Spitze der Single-Charts in einigen Wochen sogar unter sich auszumachen scheint, unmöglich geworden, um diese Szene herumzukommen und sie als Sparte darzustellen, die sie schon seit Langem nicht mehr ist. Diese neue Relevanz der Singles, die Deutschrap insgesamt zugutekommt, haben wir in großem Maße auch der Entwicklung von Trap hierzulande zu verdanken.



Als die Deutschrapblase Mitte der 2000er-Jahre platzte, war eine Lehre unumstößlich: Die Arroganz, die einige Rapper in ihren Texten andeuten, führt leider viel zu oft zur Dekadenz. Zu überzeugt von den eigenen, scheinbaren Patentrezepten, zu ernst mit der eigenen künstlerischen Identität rutschten viele in die Irrelevanz und nur wenige Lichter von Aggro Berlin und einige andere konnten vereinzelt ihr Standing behalten – der Rest war weg, technisch zu faul, kreativ ermüdet, die Hörerschaft der ständig ähnlichen Alben überdrüssig. Natürlich gab es auch damals noch erfolgreiche Rap-Alben: Peter Fox hat mit "Stadtaffe" das bis heute noch mit Abstand erfolgreichste Album rausgehauen, das man teilweise dem Deutschrap zurechnen dürfte. Bushido ging auch weiterhin regelmäßig Gold und Sido erweiterte seine Fangemeinde sogar noch, nicht aber, weil er Rap immer mehr Menschen schmackhaft machte, sondern sich selbst immer den klassischen Pop-Schemata annäherte. Doch bei Singles war es schon immer anders. Zählt man Nummer-1-Singles seit den 90er-Jahren aus dem Deutschrap finden sich lediglich elf an der Zahl – allein drei davon entfallen auf Cro, wiederum andere Kandidaten sind Pop-Anleihen wie "Astronaut" von Sido mit Andreas Bourani oder der Kay-One-Song mit Pietro Lombardi. Wenige Lichtblicke, die nicht trotz ihrer Rapwurzeln, sondern vielleicht sogar deswegen Erfolg feiern konnten, sind die Fantastischen Vier mit "Sie ist weg" 1995 oder auch Tic Tac Toe, die in den späten 1990er-Jahren sogar zwei Singles auf Platz 1 der deutschen Single-Charts platzieren konnten.
Schaut man auf diese Zahlen, erscheinen die Nummer-1-Songs des Jahres 2017 umso beeindruckender: Zählt man Kay One mit, konnten allein in diesem Jahr bereits drei Songs die Pole Position feiern, und zwar alle hintereinander: Auf "Senorita" folgte "Sturmmaske auf" folgt "Was du Liebe nennst" – allesamt aus verschiedenen Ecken der Rapszene. Hinzu kommt, dass der amerikanische Rap ebenfalls große Erfolge feiern konnte; als aktuelles Beispiel hält sich "rockstar" von Post Malone und 21 Savage auf Platz 2 der Charts auf. Noch weitere Statistiken könnten aufgeführt werden, die die aktuelle Dominanz von Rap auch in den Single-Charts unterstreichen. Unterm Strich ist klar: Etwas hat sich geändert, das es in den vorigen Jahren des Booms, der jedoch hauptsächlich in den Album-Charts stattfand, noch nicht gegebene hatte. Und das ist der zunehmende, zugegebenermaßen verspätete, Erfolg von Trap in Deutschland. Natürlich gibt es auch einige andere Faktoren. Kay One sucht sich alles zusammen, was irgendwie Meme-artig als Buzzword Aufmerksamkeit erzeugen könnte und packt es sogar noch mit dem wandelnden Meme selbst, Pietro Lombardi, in einen Song. Farid Bang und Kollegah waren schon immer außerordentlich fähig, um jeden einzelnen Atemzug von ihnen einen großen Hype aufzubauen, der sich irgendwann auch bei den Auskopplungen auswirken sollte. Dennoch vermag es gerade Trap aus sich selbst heraus, Melodik mit Rap in Verbindung zu bringen, ohne diesen zu überstrahlen – diese Kombination macht es möglich, Rap-Singles rauszuhauen, in deren Hooks nicht einmal der großartige Singsang ausgepackt wird, und trotzdem eingängig zu sein. Diese Kunst beweisen die amerikanischen Vertreter bekanntermaßen, jüngste deutschsprachige Erfolge, symbolisch dafür stehend Bausa mit seiner populären Single, werden immer fähiger darin, diese Verbindung in ihre Musik zu verarbeiten.
Dabei wird ein klassisches Konzept, das bisher eine erfolgreiche Single versprach, über den Haufen geworfen – wofür wir dankbar sein sollten. Denn früher lief es in den meisten Fällen so ab, dass zwischen die Parts eine möglichst eingängige, gesungene Hook platziert wurde (gerne auch von einem Feature, wenn man an Andreas Bourani, Adel Tawil oder auch Philipp Dittberner denkt). Das Problem dabei: Die Parts der Rapper selbst unterschieden sich kaum von den sonst bekannten, in sie wurde kaum mehr investiert als sonst – der Refrain wird es schon richten. Dies hat sich mit Trap, aber auch Dancehall, fundamental geändert: Auf einmal zeigen Rapper, dass sie auch eingängig flowen können, dass sie variieren können und dass sie bereit sind, an ihren Versen zu feilen, bis sie in das Gesamtkonzept passen und einen stimmigen Song erzeugen. Nicht also der Rap biedert sich an den Mainstream an, sondern Rap selbst bestimmt den Mainstream. Das beweist Bausa, das beweist Rin – zugegeben, es sind immer noch die wohl poppigsten Songs genannter Interpreten. Dennoch lässt sich kaum leugnen, dass Trap mit dieser so beliebten Snare eine fast schon erdbebenartige Verschiebung in der Musiklandschaft auslösen kann, die nicht zuletzt hier wie in den USA Rap selbst zum neuen Rock'n'Roll machen könnte, ohne sich selbst verraten zu müssen.



Als die Rapblase erneut zu platzen drohte, immer öfter Alben enttäuschten und man so langsam genug hatte von Banger-Releases und Label-Neugründungen, hat Deutschrap einen gewaltigen Sprung in seiner Geschichte geschafft: Zum ersten Mal hat er sich aus sich selbst heraus weiterentwickelt, formt sich neu, ist offener geworden für Einflüsse aus dem Ausland und konnte sich so nicht nur weitaus nachhaltiger als jemals zuvor etablieren, sondern wird auch hierzulande bald das erfolgreichste Musikgenre werden, solange es Rapper gibt, die zu dieser Entwicklung bereit sind. Natürlich kann man das auch kritisch beäugen. Der ein oder andere wird weiterhin bei jedem Hauch von Melodie in einem 16er verärgert dreinschauen, sich an die neu entdeckten Perspektiven von Sentimentalität und der Zurschaustellung von Gefühlen nur schrittweise gewöhnen und eine Zeit herbeisehnen, in der Rapper noch jede Pop-Anleihe gemieden und am besten dreimal hintereinander das gleiche Album gedroppt haben. So nostalgisch mancher auch sein mag: Wenn wir das Radio nicht denjenigen überlassen wollen, die Rap eigentlich nur als Fassade benutzen, um einen maximal anbiedernden Meme-Kitsch-Song zu fabrizieren, sondern auch im Mainstream ein diverses, vielseitiges und musikalisch voranschreitendes Bild von Rap zeichnen wollen, müssen wir Weiterentwicklungen von Rappern akzeptieren und die neue Melodik respektieren – denn sie ist die Zukunft und gibt dem Genre die logische Entwicklung, die schon lange überfällig ist.


(Max)

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