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Special: Nein, Rap muss nicht politischer werden

veröffentlicht: Mittwoch, 03.05.2017, 23:17 Uhr
Autor: Max



Deutschland, Europa, nein, die ganze Menschheit ist in Gefahr. Rechtsruck, Klimawandel, Armut, ach, jeder wird diese Aufzählungen kennen; es sind jedenfalls bewegte Zeiten, in denen so mancher sich und anderen gerne einredet, wir stünden vor dem Abgrund. Antworten darauf suchen viele an unterschiedlichen Stellen: rechts im Nationalen, links mit Forderungen an den Staat oder eben auch in der Kunst. Und da kommt Rap ins Spiel. "Würdest du dich als politischen Rapper bezeichnen?", "mach doch mal was Ordentliches anstatt immer nur über Koks und Waffen" "zeig doch mal Haltung!". Rap sieht sich schon in seinen Ursprüngen mit diesen Vorwürfen der Bedeutungslosigkeit, spätestens seit Aggro Berlin auch in Deutschland, konfrontiert – doch seit einiger Zeit kommen eben diese Aufrufe nicht etwa vom ZDF oder einem beleidigten Politiker; mittlerweile kritisieren auch Rap-Journalisten und Künstler selbst andere dafür, sich nicht aktiver zu zeigen, ihre Musik nicht politischer zu machen oder keine klare Haltung einzunehmen. Doch ist das überhaupt das, was wir von Rap verlangen können?

HipHop war schon immer politisch. Er ist hochpolitisch entstanden, hat sich so entwickelt und wer im Jahre 2017 die politische Relevanz eines Kendrick Lamar leugnen möchte, sollte sehr gute Argumente dafür haben. Dabei ist jedoch nicht nur ein Text über Mehrwersteuer, Umweltpolitik oder eben Polizeigewalt ein politischer Text. Die Geschichte über die Kindheit in Compton, den Drang, etwas aus sich selbst zu machen oder den jahrelangen Frust des Nicht-Gehört-Werdens in Berlin – sie sind mindestens genauso ein politisch relevantes Thema, selbst, wenn der Rapper es ursprünglich gar nicht so gemeint hatte. Allein dadurch, dass bestimmte Werte eine Musikrichtung, gar eine ganze Kultur definieren, wird sie politisch: Wer authentisch etwas von sich erzählt, vielleicht nur von der exzessiven Party oder seinem guten Lebensstil, sendet eine Message, sei sie noch so scheinbar profan. Denn das ist es doch, was im HipHop vielleicht zurück bis zu seinen Ursprüngen verwurzelt ist: Authentizität. Sie macht jede noch so simple Story politisch, indem man sie gar als Gegenentwurf zum Gegenentwurf, jedenfalls aber als Statement verstehen kann. Jüngst erregte Lil Uzi Vert Aufsehen, weil er sich über Tupac lustig machte und erntete grobe Kritik von zahlreichen Rappern; auch das ist Politik. Doch genau das ist es nicht, was heutzutage ein Savas meint, wenn er Rapper zur politischen Haltung auffordert oder was verschiedene Rap-Journalisten erreichen wollen – sie wollen klare Kante gegen AfD und Co., am besten einen gemeinsamen Mittelfinger, Refugees-Welcome-Sticker überall und ein Spendenkonzert gegen rechte Gewalt in Deutschland, auf dem jeder Rapper auch über sein Ehrenamt erzählt und wie er mit anderen nicht nur durch seine Kunst gegen das vorgeht, was uns eben angeblich allen in dieser Gemeinschaft zu hundert Prozent gegen den Strich geht.



Doch dass Rap politisch ist, heißt eben gerade nicht, dass man dies auch von ihm fordern kann, wenn es einem passt. Er ist politisch, weil einige Rapper politisch sind, weil eben einige Menschen politisch sind. Wann und wie sie sich äußern wollen, dürfen und sollen gerade diejenigen entscheiden, die diese Musik machen. Genau deswegen lieben wir sie doch auch so, diese Kultur, weil in ihr eben nicht jeder genau das sagt, was andere hören wollen, sondern das, worauf man nunmal gerade Lust hat; das gibt einem Song über Koks und Nutten den ("objektiv" – was man selbst präferiert, möge man für sich entscheiden) gleichen Wert wie einem Song voller Gesellschaftskritik. Nebenbei vergessen wir gerne einmal, wenn wir Rapper zum Politisch-Sein auffordern, dass wir das auch nur solange gut finden, wie die Meinung des Rappers unseren eigenen Ansichten entspricht. Wir suchen uns in diesem Anspruch nur die Bestätigung des eigenen Denkens – die tatsächliche Forderung ist doch nicht "zeig endlich mal Haltung und äußere deine Meinung", sondern vielmehr meinen wir "zeig meine Haltung und äußere meine Meinung"; oder käme irgendwer auf die Idee, einen Makss Damage dafür zu loben, dass er Haltung zeigt? Solange uns KIZ von utopischen kommunistisch-anarchistischen Ideen erzählen und Eko Fresh sich über Frauke Petry lustig macht, sehen wir Haltung nur zu gern. Doch was ist mit den 20 Prozent in Sachsen oder dem zumindest nicht verschwindend geringen Anteil an Leuten, deren Meinung ich zum Beispiel gerade nicht teile und die sich politisch jedenfalls nahe der AfD wiederfinden? Wollen wir deren Haltung auch um jeden Preis im HipHop haben?

Versteht mich dabei nicht falsch: Dass man sich politisch positionieren sollte und dass dies wohl in einer Demokratie in gewissem Maße für ihr Fortbestehen und ihre Entwicklung entscheidend sein kann, will ich unterstreichen. Doch das sind zwei Paar Schuhe. Jeder sollte politisch(er) werden oder sich zumindest interessieren. Dazu gehören natürlich auch Rapper. Aber das heißt doch gerade nicht, dass speziell Rapper in ihrer Musik und ihrer Erscheinung politisch sein müssen. So bleibt auch das Zitat von Falk Schacht hängen, an dem ich sehr viel Wahres finde und dass er auch mehrmals erläutert hat, was sich leicht im Internet finden lässt: "Von Rappern zu fordern, politischer zu werden, ist wie von Politikern zu fordern, musikalischer zu werden." Dies könnte man als Widerspruch verstehen: Zwar ist Rap politisch, jedoch dürfe man dies nicht von ihm verlangen. Doch genau das macht ihn zum politischen Thema. Er ist eben politisch, weil er echt, weil er authentisch ist und sich nicht vorschreiben lässt, wann er sich auf welche Weise wo zu positionieren und zu verhalten hat. Das mag für einige schmerzhaft sein, freuen sie sich doch jedes Mal wieder über einen neuen "Nazis sind doof"-Track, doch wenn wir Rap so lieben, wie er ist und seine Vielseitigkeit und Eigenheiten schätzen, dann müssen wir ertragen, dass jeder Rapper so (bewusst) politisch sein kann, wie er will. Es ist ihm selbst überlassen, wie er seine Musik handhabt – das nämlich ist mein Verständnis von HipHop. Bist Du der Meinung, in zweimal 16 Bars ein gesellschaftliches oder politisches Problem ausreichend beleuchten zu können und in einer der Komplexität der Thematik gerecht werdenden Anzahl von Perspektiven zu argumentieren? Okay, dann mach das gern. Aber hör auf, andere zu verurteilen oder ihnen gar erzählen zu wollen, worüber sie zu rappen haben – denn manchmal kann gerade eine eigene Geschichte voller Ehrlichkeit und Persönlichkeit viel politischer sein als jeder noch so mit Eloquenz aufgedunsene Text. Und so lange wir im Rap nicht regelmäßig Essays lesen und erörtern wollen, müssen wir uns wohl damit abfinden, einige sollten sogar wieder lernen, wie gut es sein kann, dass Rap nicht immer zwanghaft Gesellschaftskritik ist. Für die anderen gibt es ja noch die Antilopen Gang und KIZ. Eigentlich mag ich kein Deutschrap, aber die sind schlau, die finde ich gut.


(Max)

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