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Review: Moses Pelham – Herz

veröffentlicht: Dienstag, 12.09.2017, 12:52 Uhr
Autor: El-Patroni





01. Neubeginn
02. BGMB
03. Aus dem Refugium
04. Mehr Licht
05. An alle Engel
06. M zum O
07. You Remember
08. Momomomomosespelham
09. Cococococostameronianakis (Skit)
10. Meine Heimat
11. Geheime Welt
12. Wir sind eins (Sagt ihr)


Ob man seine Musik nun kennt oder nicht, seinen Namen hat ausnahmslos jeder HipHop-Fan schon mal am Rande mitbekommen. Moses Pelham, Urvater des Straßenrap, Basketballtrainer von Azad, Kopf hinter Glashaus, ehemals Mitverdiener bei Xavier Naidoo … die Liste ist lang. Eventuell sogar länger als die sicherlich monströse Zahl auf dem Konto des Frankfurter Urgesteins. Moses ist schon lange dabei, so lange, dass ich beim Release seines ersten Albums etwa so alt war, wie meine eigene Tochter heute ist und ob man ihn nun als Solorapper, als Teil des "Rödelheim Hartreim Projekt", als Labelboss von 3P oder einfach als Typ, der Stefan Raab die Nase gebrochen hat, kennt, gewissen Respekt kann man dem Mann mit bald 30 Jahren Rap-Erfahrung einfach nicht verwehren. Aber auf ins Hier und Jetzt und zum aktuellen Album "Herz":

Rödelheimer Land-, Ecke Kleemannstraße/
Ist, wo der Shit hier begann, sollte jemand fragen/

(Moses Pelham auf "You Remember")

Bereits mit seiner "Geteiltes Leid"-Trilogie hatte Moses Pelham eindrucksvoll bewiesen, dass er im Stande ist, Lieder zu schreiben, die es schaffen, durch die Kombination aus Instrumental, Text und der markanten Stimme des Rappers beinahe jeden Hörer in melancholische Stimmung zu versetzen und etwas ähnliches gelingt ihm auch auf "Herz": Mag sein, dass "You Remember" eher auf den Nostalgiefaktor setzt und Leute, die zum ersten Mal ein Moses Pelham-Album hören, wohl auch nicht verstehen werden, was ich jetzt sage, aber ich feiere den Song – ich feiere ihn sogar so sehr, dass ich ihn seit Wochen jeden Tag höre. Von der ersten bis zur letzten Sekunde stimmt auf "You Remember" einfach alles, laufend finden sich Anspielungen auf ältere Tracks und Alben von Moses und bei der Zeile "Viele sahen die miesen Posen und Kleidung und hielten meine Liebe für 'ne Modeerscheinung" fühle ich mich an eine Zeit erinnert, in der Rap alles andere als in der Gesellschaft akzeptiert war, wir aufgrund unseres zugegeben eher peinlichen Kleidungsstils schon von weitem erkannt wurden und gefühlt jeder zweite behauptete "das ist doch keine Musik". Ja, ich merke beim Schreiben selbst, dass der Song mit seinem ruhigen Pianobeat bei mir mehr auf den Nostalgienerv einhämmert als sonst wo und ich ihn wohl aus denselben Gründen mag, aus denen mein Vater den Film Spartacus (1960) liebt, aber das wird mich bestimmt nicht daran hindern, ihn weiterhin fast täglich zu hören.

Dann kommen Phrasen, so wie diese und du weißt es Mo/
Brauch' nicht schlagen oder schießen, ich schreib' die tot/
Der Alte bleibt beharrlich, ihr Banausen, blödes Pack, Punks/
Ich halte von ihnen gar nichts, außer höchstens Abstand/

(Moses Pelham auf "Neubeginn")

Generell lässt sich sagen, dass Moses viele Dinge auf "Herz" richtig macht. Neben meinem bereits erwähnten Lieblingssong auf der Platte schlagen auch "Mehr Licht", "An alle Engel", "Meine Heimat" und "Geheime Welt" eine melancholische Richtung ein, während "Neubeginn" auf seine eigene phasenweise ruhige, aber immer höchst epische Art und Weise das Album als simpler Representertrack eröffnet. Auf dem mit einem treibenden, bassgewaltigen Beat unterlegten "BGMB" (was für "bitte gib mir bös'" steht – ja, wirklich) samt großartigem Video zeigt Moses dann auch noch in der Bridge, dass in ihm zumindest ein solider Sänger schlummert. Neben dem Gesang des Protagonisten finden sich einige musikalische Experimente, die manchmal optimale Abwechslung in die Platte bringen und ein anderes Mal einfach nur peinlich, deplatziert und gewollt wirken, wie zum Beispiel auf dem E-Gitarren-was-zum-fick "M zum O". Ich denke, exakt so klingt akustischer Hodenkrebs und ich frage mich, wie die Stimmung bei mir so schnell ins Negative kippe konnte. Ähnlich verhält es sich mit dem wohl fragwürdigsten Track auf "Herz": Gute-Laune-Gitarren und noch-bessere-Laune-Kinderchor finden mit seichten Lyrics und Gospelmelodie den Kopfschüttelhöhepunkt des Releases, bis man erkennt, dass die Nummer wohl als Seitenhieb an ganz bestimmte Entwicklungen bei Szenekollegen gedacht ist – hoffe ich zumindest, denn sollte der Song ernst gemeint sein, muss etwas im Hause Pelham gewaltig falsch gelaufen sein.

Fazit:
Wer hätte gedacht, dass ein Mann von fast 50 Jahren im Stande ist, ein vernünftiges Deutschrap-Album zu veröffentlichen? "Herz" lässt sich als Ansammlung stilistisch unterschiedlicher, weitestgehend gelungener Songs zusammenfassen, bietet den Hörern viel Abwechslung und findet die Höhepunkte in einigen atmosphärisch überragenden Liedern. Ob jemand, der zum ersten Mal ein Moses Pelham-Album hört, "Herz" auch gut finden wird, kann ich an dieser Stelle einfach nicht sagen, aber der stärkste Song der Platte funktioniert definitiv nur dann, wen man sich mit der Historie des Rappers ein weinig beschäftigt hat. Die Totalausfälle "M zum O" und "Momomomomosespelham" sowie das für mich persönlich zu häufige Erwähnen von Gott und allem, was dazu gehört, trüben den Hörgenuss leider doch ein ganzes Stück, aber man muss ja auch nicht jeden Song in seine Playlist aufnehmen.


El-Patroni (David)



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