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Review: Morlockk Dilemma & Brenk Sinatra – Hexenkessel EP

veröffentlicht: Donnerstag, 06.04.2017, 15:36 Uhr
Autor: Der Aepp





01. Intro Teil 1 feat. DJ D-Fekt
02. Geiselhaft
03. Jesus (Skit)
04. Kopfnuss
feat. DJ Access
05. Jack feat. Hiob
06. Interlude
07. Abschiebehaft
feat. Karate Andi
08. Der Sauresgeber
09. Auflehnung (Skit)
10. Hochhausrotwelsch
11. Vorhang Teil 1
12. Intro Teil 2
13. Augenweide
feat. Chinch33
14. Verlangen (Skit)
15. Geschenk an die Welt
16. Eisbein und Grasovka
feat. MC Bomber
17. Interlude
18. Cognac
feat. Mirko Machine
19. Fadenkreuz feat. Audio88 & Yassin
20. Stellungnahme (Skit)
21. Hexenkessel
22. Vorhang Teil 2


In unregelmäßigen Abständen geschieht es, dass Morlockk Dilemma sein persönliches Reich verlässt, um Rap-Deutschland zu demonstrieren, was Wortgewalt und Sprachästhetik bedeuten können, wahlweise vom Höllenthron oder dem Olymp herabsteigend, gewandet in den Klängen der 60er und 70er Jahre, eine der Ikonen deutschen Untergrundraps. 2015 kehrte er mit dem "Eisernen Besen 2" wiederholt metaphorisch den Schmutz aus den Booths in Deutschland, 2017 ist er mit der Doppel-EP "Hexenkessel" zurück, an seiner Seite Brenk Sinatra. Den darf man gerne kennen, falls nicht, auf diesem Tape kann man es getrost nachholen. Eine Zusammenarbeit, die in Hinblick auf die jeweilige Diskographie durchaus Sinn ergibt, vielleicht sogar überraschend spät kommt. Auch bei Sinatra liegt die musikalische Ausrichtung in der Musik der 60er und 70er Jahre, aber auch mit Anleihen an die frühen Phasen des Progressive Rocks, verbunden mit wesentlich moderneren Ausflügen an die diversen Küsten der USA. Falko Luniak, welcher mit Ausnahmen die Produktion seiner Beats bisher meist selbst übernahm, zeichnet sich auf diesem Release nach eigenem Bekunden fast ausschließlich für Text und Rap aus, gibt also einen bisher entscheidenden Teil des typischen Morlockkschen Klanggewandes in fremde Hände; wie das wohl gelingt?

Wir sprechen Treueschwüre und leeren den Becher Wein/
Denn ein Blick auf den Chronometer verrät: Es ist Sexytime/
Komm, folge mir in die Endlosschleife von Bierlokalen/
Wir schreiben in einer Kellerkneipe 'nen Schmierroman/

(Morlockk Dilemma auf "Geiselhaft")

Wie schon erwähnt liegen beide Musiker auf dem Release soundtechnisch nahe beieinander. So nahe, dass nach dem ersten Eindruck fast der Gedanke aufkommen könnte, es hätte sich nicht gelohnt. Doch dazu an späterer Stelle mehr. Es ist eine Mischung aus Melancholie, Drogentrip und schmutzigem Stadtleben, die das Duo gekonnt zu skizzieren weiß, welche gleichzeitig den roten Faden der Doppel-EP darstellt. Das wohlgemerkt erste Intro ertönt, stark gewürzt mit einer erklecklichen Menge an Scratches und Cuts, welche in Zusammenarbeit mit einer mechanischen Frauenstimme die agierenden Protagonisten der Scheibe, Brenk Sinatra und Morlockk Dilemma, intonieren.
Eine Soul- respektive Blues-affine Gitarre, ein prägnantes Schlagzeug, dominierender Bass und zuletzt gut getimte, fingierte Bläser-Einwürfe dominieren hingegen den zweiten Titel "Geiselhaft". Morlockk bringt thematisch herbe Sozialkritik, dargeboten in einem Mix aus Storytelling und Punchlines in der ihm eigenen Stilistik. Ein exzellentes Beispiel gleichberechtigter Zusammenarbeit stellt der Beat dar, welcher sich nicht nur als gelooptes Track-Gerüst präsentiert, sondern selbstständig weiterleitet, sich verändert und in einem ordentlichen Outro mündet. Musikalisch liegen Sinatra und Dilemma auf einer Wellenlänge, einem gelungenen, weil stimmigen Mix aus bereits genannten Einflüssen. Wenn überhaupt ist der Sound tatsächlich noch mehr in der Retroperspektive verhaftet als vorvergangene Releases des Leipzigers, was sowohl an den Drums, als auch am omnipräsenten "Vintage"-Sound der eingesetzten Synthesizer liegen dürfte. Dieser ist auf die gesamte Doppel-EP betrachtet geradezu omnipräsent. Wo die für die damalige Zeit trockenen, räumlich-hallenden Drum-Samples gerne mal klassischen HipHop-Drums weichen müssen, sind die wabernden Synthie-Klänge beinahe allgegenwärtig.
Einen nicht unerheblichen Anteil am Gesamtbild der Doppel-EP machen die zahlreichen Skits aus. Zweimal Intro und Outro beiseite lassend, verbleiben immerhin noch fünf halbminütige Skits. Während etliche Rapper derartige Nummern nutzen, um ein erstaunliches, weil unerträgliches Maß an Fremdscham und Misanthropie zu erzeugen, sind diese fünf Anspielstationen definitiv das Hineinhören wert. Der sogenannte Jesus-Skit mischt progressive E-Gitarrenklänge mit dem berühmten Zitat Charles Bransons aus "Ein Mann sieht rot". Ein bunter Mix aus Filmzitaten, Hörspiel-Schnipseln und einer Fülle an bekannten, oft satirisch eingesetzten Sounds, welcher nicht zuletzt zwischen den dennoch unterschiedlichen Klangbildern eine passende Überleitung bietet. Während man beim "Eisernen Besen" durchaus einige Längen beklagen konnte, erlaubt der Mix aus Zwischenspielen und der vergleichbaren Kürze der EP ein beinahe ununterbrochenes Durchhören.
Besagtes Branson-Zitat leitet übrigens anschließend nahtlos in "Kopfnuss" über. Hier ist alles gefühlt wie immer, eine Anspielstation, welche in dieser Form unbemerkt auch auf "Der eiserne Besen 2" hätte stattfinden können; musikalisch ergibt die Zusammenarbeit beider Musiker keinen nennenswerten Gewinn. Allein für alle Technerds dürfte das Morlockk-typische Reime-Massaker hervorzuheben sein, welches in dieser Form in Deutschland wohl in einer eigenen Liga spielt. "Jack" hingegen orientiert sich an der Geschichte des Serienmörders Jack Unterweger. Stark von der düsteren Grundstimmung geprägte Atmosphäre, gelungenes Storytelling, Hiob und Dilemma halten sprachlich und atmosphärisch ein hohes Niveau, kurz: Die Kollaboration funktioniert wie auf vorhergegangenen Releases tadellos.
"Abschiebehaft" mag wohl einer Mehrheit der Fans von Karate Andi und Dilemma kommod den Gehörgang schmeicheln, den Kontrast des vor Energie platzen zu scheinenden Morlockks und des absolut lustlosen und textlichen überflüssigen Karate Andis verbuche ich unter Geschmackssache. Das Kompatibilität keine Frage der sprachlichen Begabung ist, zeigt im Gegensatz das Feature mit Audio88 und Yassin. Auch diese Besetzung fand schon des Öfteren den gemeinsamen Weg ins Studio. "Fadenkreuz" kommt mit gewohnt herrlich-schnoddrigem Audio88-Part und Yassin-Ohrwurmhook, welcher sich jedoch inhaltlich auf sozialkritische Plattitüden beschränkt. Dafür fällt der Beat leicht aus dem Rahmen.: Auch wenn sich der Drumsound nur marginal ändert und der Bass die gewohnt schummrig-souligen Harmonien abgrast, hier wurde deutlich moderner gebaut. Da alle Beteiligten, vom Rap bis zum Beat, auf hohem Niveau abliefern, ist dies dennoch kein negativer Punkt.

Wenn 22 Millionäre einem Ball nachjagen/
Seid ihr mehr als bereit, dafür Eintritt zu bezahlen/
Sagt dann die da oben wollen euch ja nur verarschen/
Aber sehr viel leichter kann man's denen auch nicht machen/

(Audio88 auf "Fadenkreuz")

Neben "Cognac" und dem namensgebenden "Hexenkessel" bleibt insbesondere "Augenweide" feat. chinch33 hervorzuheben. Ein gelungener Storyteller, welcher von selbstzerstörerischer Feierlaune in Metropolis, zum Anbaggern eines unerreichbaren "Frauenzimmers" über Drogen-Konsum mit anschließendem Absturz gleichermaßen atmosphärisch wie authentisch bleibt. Zur Hälfte eine empört-angewiderte Frau, dann Gesang, ausgeblendet wird mit Paul Kuhns "Charming Boy". Wem das alles zu viel/Untergrund ist, findet auf "Geschenk an die Welt" hingegen Penishumor erster Güte. Eine stumpf-geniale Aneinanderreihung an Übertreibungen, welche sich ausschließlich mit Dilemmas überschäumender Libido beschäftigt, während er zu den Klängen von Wagners Walküren-Ritt omnipotent auf alle Frauen herabkommt. Detailverliebt, vielschichtig und abwechslungsreich; ein absolut rundes Ding, was die Herren Sinatra und Dilemma hier zusammen ausgebrütet haben, indes die obig genannten Punkte wohl auch gleichzeitig der Grund für den ausbleibenden Sellout sein werden: zu speziell der Sound, zu Untergrund die Themen und Texte. Wer bisherige Morlockk-Veröffentlichungen mochte, wird auch mit der Hexenkessel-EP nichts falsch machen, wem bisher Abwechslung in den Beats fehlte, wird hier nochmal fündig werden. Eine schöne, wenn auch sehr spezielle Scheibe, die auch beim wiederholten Hören noch Neues offenbaren kann.


Andreas 'Aepp' Haase



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