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Review: Morlockk Dilemma – Der eiserne Besen

veröffentlicht: Montag, 10.05.2010, 22:18 Uhr
Autor: ProRipper





01. Der Besen stellt sich vor
02. Gold
feat. Ruffkidd & Hiob
03. Candylight Dinner
04. Schottenrock
05. Interlude
06. Acht auf dein' Mund (Remix)
feat. Goretex
07. Straßenfeger Interlude
08. Flokatiteppich
feat. JAW & Hiob
09. Das heitere Elend feat. Gory Gore
10. Memory Interlude
11. Goethe (Remix)
feat. Absztrakkt und Hiob
12. Lass mich geh'n
13. Gewalt oder Sex
14. Nelson Mandela
15. Tannzapfen
16. Colien-Fernandez-und-die-Zauberbohne-Interlude
17. Nachtrag (Remix)
18. Ascona
19. Schwarze Nelken
feat. Damion Davis
20. Instrumental ohne Titel
21. Respektzoller
feat. JAW
22. Instrumental ohne Titel #2
23. Außer Besen nichts gewesen
feat. Yassin & Audio88
24. Schellen (Dexter Remix)
25. Elefant
26. Stirnbieten
27. Die Farbe schlecht
feat. Retrogott
28. Leipzig sehen und sterben Interlude
29. Niemand (Remix)
feat. JAW
30. Immer wenn ich rhyme
31. Bud Pils
32. Heimvorteil
33. Journaille Interlude
34. Stop bitching (Remix)
feat. Ruffkidd
35. Frauenzimmer Interlude
36. Untergrundrap
feat. Acid Rain
37. Der Besen zieht von dannen

"Und nun, Ladies und Gentlemen – der Mann, auf den wir alle gewartet und gewartet haben": Morlockk Dilemma aka Leipzigs Finest aka Der eiserne Besen ist mit neuem Audiomaterial zurück, um gründlich in der Rapszene "durchzufegefeuern". Zwar ähnelt der Titel dem eines antisemitischen Magazins aus den 20er Jahren, aber dennoch führt Dilemma seinen Kreuzzug als "Josef Stalin der Herzen" mit seiner etwas ungewöhnlichen Waffe viel mehr rapper- als judenfeindlich. Doch ob auch der Hörer seine rege Freude an diesem "Fegefeuer"-Mixtape des Leipzigers hat, bleibt abzuwarten...

Was zunächst allgemein gesagt werden muss: Dilemmas Stimme ist Geschmackssache wie kaum etwas anderes. Man kann sie entweder verteufeln oder vergöttern. Und zugegeben: Auch ich war anfangs, als ich meinen ersten Morlockk Dilemma-Track hörte, nicht gerade von ihr angetan und habe ehrlicherweise kaum ein Wort verstanden. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase erkennt man ziemlich rasch, was für ein lyrisches Talent in dem sich selbst als Messias preisenden Leipziger schlummert. So gut wie jede Line, die er hervorbringt, ist messerscharf formuliert und lässt mir zumindest jedes Mal auf's Neue die Kinnlade herunterklappen – eine derartige Vielfalt an Wortspielereien, x-silbigen Reimketten und eine so hohe Dichte an Punchlines bekommt man nur sehr selten zu hören. Keine Verschnaufpause, keine "Platzhalter-Lines" – auf "Der eiserne Besen" bekommen Junkies technischer Finessen Flash um Flash.

"Hier hilft keine Schluckmedizin/
Wenn du nach der Druckwelle dieses 'Suff Daddy'-Beats Bruststechen kriegst/
Und verdutzt durch deine Stuckdecke fliegst/
Und nach einem heftigen Aufprall in 'nem Flussbecken liegst/
Jetzt ist Schluss, Rest in Peace – sodass deine Lutschfresse/
Nur noch als Nutzfläche für Schuppenflechten dient/
Der eiserne Besen – komm mir nicht mit Gewaltlaberei/
Du brichst meine Nase? – Du brichst höchstens den Schall, wenn du schreist/
"
(Morlockk Dilemma auf "Elefant")

So weit, so gut – lyrisch kann also eher weniger gemeckert werden. Dennoch verbirgt sich hinter genau dieser Fassade gleichzeitig der Nachteil auf dem vorliegenden Release: Abwechslung sucht man vergebens. Zwar gibt's Punchline-Rap vom Feinsten – inklusive eines verlorenen, von Kool Savas selbst anmoderierten "Immer wenn ich rhyme"-Part – aber gerade Dilemmas wahnwitzige Storyteller mit Themen, auf die niemand außer Leipzigs Finest himself kommen würde, bleiben gänzlich aus. Ich vermisse schmerzhaft Titel im Stile von "Assiklatsche", "Blackout", "Fernsehjunk" oder "Ein wunderschöner Tag", wie sie auf den Vorgängeralben in Massen auftraten. Zugegeben: Ein solches Album will "Der eiserne Besen" auch gar nicht sein. Vielmehr handelt es sich eben um ein Tape, das sich mit Battlerap in seiner reinsten Form beschäftigt, und zwar – ich kann es nur noch ein weiteres Mal erwähnen – grandios.

"Du widerst mich an – Homie, du brauchst kein Video am Strand/
Du bist hässlich – Blick in den Spiegel und er wird wieder zu Sand/
Ich muss dein Ego dämpfen – nein, es gibt nur wenig Menschen/
Mit 'ner größeren Warze auf dem Kopf als bei Legomännchen/
Wieso liegst du Opfer getötet im Bad/
Ich nehm' deinen Kopf ab in der Hoffnung, es wächst ein schönerer nach/
Rapper verdienen nur Schmerzensgeld/
Denn Dilemma spielte Klavier auf ihren Nervenzell'n/
"
(Morlockk Dilemma auf "Lass mich geh'n")

Was den Aufbau des Releases betrifft, so muss man sagen, dass es ihm an "ganzen" Tracks mangelt und eingefleischte Fans weniger Neues zu entdecken haben als vor kurzem erst dazugestoßene Anhänger. Denn meist werden 16er aneinandergereiht, eine Menge gesampleter Filmzitate in den zahlreichen Interludes verbraten oder altbekanntes Material in neuem Gewand präsentiert. So handelt es sich bei vielen der insgesamt 37 Anspielstationen um Remixe zu bereits bekannten Tracks ("Nachtrag", "Goethe", "Niemand") oder um alte Titel mit neuen Gastparts ("Flokatiteppich"). Womit wir auch schon bei der Wahl der Featuregäste wären. Denn in diesem Bereich hat Dilemma nichts anbrennen lassen. Jeder der hier vertretenen Rapper passt einfach wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge zu ihm – egal, ob JAW, Ruffkidd, Hiob, Retrogott oder Damion Davis. Das Duo, das mich jedoch am meisten amüsieren konnte, sind Audio88 und Yassin, von denen Letzterer sogar eine bis dato unbeantwortete, philosophische Frage auflöst:

"Ich ficke dein Leben und dein Leben fickt dich/
Aber wer fickt deine Mutter in der Zeit/
Audio88 fickt deine Mutter/
Aber wer fickt das Leben deiner Mutter in der Zeit/
"
(Yassin auf "Außer Besen nichts gewesen" feat. Morlockk Dilemma & Audio88)

Bei "Der eiserne Besen" handelt es sich weder um ein Mixtape im ursprünglichen, noch um ein Mixtape im modernen Sinne – die musikalische Untermalung erfolgt nicht durch Amibeats, sondern durch selbstproduzierte Stücke. Hierbei saß größtenteils Dilemma selbst an den Reglern, der sich vor allem auf Samplebeats spezialisiert hat, die in ihrer schlichten Eleganz einfach klasse zu ihm passen. Und mal ehrlich: Einen Morlockk auf einem neuartigen Synthesizer-Beat könnte ich mir weniger geben als einen Morlockk auf einem altmodischen Plattensample inklusive Knistern. Und auch die anderen an diesem Tape beteiligten Producer wie Hulk Hodn, Dexter, Suff Daddy, Mortn Neo oder Hubert Daviz machen ihre Sache exzellent und führen das Klangbild in diesem Stile fort.

Fazit:
"Ein Mutterficker von einem Mixtape"... Ja, in der Tat. Wer sich auf kompromisslosen Punchline-Rap ohne roten Faden in besonders düsterer Atmosphäre einlassen kann und nicht aufgrund von Dilemmas gewöhnungsbedürftiger Stimme sofort das Weite sucht, der wird begeistert sein. Und wer dazu noch nicht allzu viel von dem Leipziger kennt, der kann erst recht bedenklos zugreifen. "Der Besen fegt durchs Land"... Dazu kann ich eigentlich nur noch sagen, dass mir Aufräumen selten einen derartigen Genuss bereitet hat.


Pascal Ambros (ProRipper)



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