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Review: MoTrip – Mama

veröffentlicht: Freitag, 03.07.2015, 18:38 Uhr
Autor: Antagonist






01. David gegen Goliath
02. Mathematik
03. Wie ein Dealer
04. Trip
05. Wut

06. Hype feat. Elmo
07. Fan feat. Samy Deluxe
08. Kaltes Wasser feat. Sido
09. Lauf der Zeit feat. Azad & Manuellsen
10. Mama feat. Haftbefehl
11. Malcolm mittendrin
12. Wenn die Sonne tief steht
13. Selbstlos

14. So wie du bist feat. Lary
15. Bevor ich geh
16. Gegenwart


Etwas mehr als drei Jahre musste die die Hörerschaft auf die Fortsetzung von MoTrips Debüterfolg Embryo warten, eine in diesem schnelllebigem Geschäft durchaus ungewöhnliche Zeitspanne. Funfact: Fler hat seit dem Erscheinen des letzten MoTrip-Albums vier Platten veröffentlicht. Dass der Aachener trotz dieses geringen Solo-Outputs nicht völlig außerhalb des Radars geriet, konnte er seinem umtriebigen Wirken als Feature-Artist zuschreiben, so zierte er die Tracklisten etlicher Veröffentlichungen, beispielsweise von Fabian Römer und Ali As. Seine gute Vernetzung ermöglichte es wiederum, dass Trip für seinen zweiten Langspieler einen bunten Reigen der potentesten Genrevertreter um sich versammeln konnte. Gewidmet hat der sympathische Rapper "Mama" seiner eigenen Mutter, die ihrem selbstkritischen Sohn im langwierigen Schaffensprozess zur Seite stand und somit einen wesentlichen Anteil an der Fertigstellung des Werkes hatte.

Vorneweg: Trips Stimme ist sein größtes Kapital, rauchiger als ein Schwarzwälder Schinken würde sie auch die Vertonung eines Strafzettels zum Ereignis machen. Gepaart mit einem außergewöhnliche präzisem Flow sind die Handwerksmittel für ein herausragendes Album durchaus gegeben. Die Struktur von Mama erinnert an ein (Achtung! Wortspiel) Triptychon. Den ersten Abschnitt nutzt MoTrip, um sich erstmal ausgiebig einzuführen und seine Person in den Kontrast zum derzeitigen Gebaren in der deutschen Raplandschaft zu setzen. Der Mittelteil ist inhaltlich weniger kohärent und wird sinnhaft dadurch zusammengehalten, dass sich auf sämtlichen Anspielstationen ein Feature-Partner befindet. Mit dem abschließendem Kapitel, das vom Titeltrack "Mama" (mit Haftbefehl) eingeleitet wird, zeigt MoTrip seine nachdenkliche Seite und offenbart in den Hooks sogar Gesangsfertigkeiten.

Sieh immer zu, dass du den guten Shit vom Fake-Stuff trennst/
Heutzutage ist angeblich alles Haze, was glänzt/
Jeder Kiffer auf der Straße macht auf Dealer aus der Bronx/
Doch die Ziffern auf der Waage sagen mir, woher du kommst/

(MoTrip auf "Wie ein Dealer")

16 Tracks, satte 56 Minuten Spielzeit, weder Intro noch irgendwelche Skits, MoTrip hat anscheinend einiges zu erzählen. "Mathematik", das besonders durch den lyrisch verpackten Countdown innerhalb jeder Strophe im Gedächtnis bleibt, ist ebenso wie "Wie ein Dealer", ein kreativer Representer. Hier entwickelt Trip eine stimmige Allegorie, die Rappertum und Drogengeschäft geschickt in Verbindung setzt (klingt nach einer Katalogwerbung, ist aber tatsächlich hörenswert), für mich nicht zuletzt dank des atmosphärischen Beats von David x Eli, der im positivsten Sinne oldschoolig klingt, einer der absoluten Höhepunkte der LP. Selbiges gilt für "Wut", einen Track, in welchem der Universal-Künstler ein jedem Rapfan wohlbekanntes Phänomen, nämlich die Verdrängung von Musik durch irgendwelche Gossip-Themen zum Ausdruck bringt. Sein Appell wirkt hier genauso beherzt wie bei "Hype", gemeinsam mit Elmo, auf dem er sich dem ewigen Unwort des Jahres annimmt und den Zusammenhang von Verkaufserfolg und musikalischer Qualität in Frage stellt.

Sein Durchbruch ermöglicht es MoTrip, auch mit seinen eigenen Idolen zusammenzuarbeiten, ein Thema, das auch auf dem gemeinsamen Track mit Samy Deluxe "Fan" angesprochen wird. Wirklich überzeugen kann mich der ASD-Rapper hierbei ebenso wenig wie Sido, der auf "Kaltes Wasser" einen seiner traditionell mäßigen Gastbeiträge zum Besten gibt. "Lauf der Zeit", der mit Azad und Manuellsen gar mit einer doppelten Verstärkung auffährt, gerät zu einem der schwächsten Albumtitel, was auch an dem vergleichsweise nichtssagendem Instrumental liegt. Dass MoTrip Haftbefehl anbot, den Refrain und einen Part zu seinem Titeltrack "Mama" beizusteuern, spricht für die hohe Meinung gegenüber dem Offenbacher und dieser zahlt es mit barer Münze zurück. Der Kontrast vom besonnenen Trip und dem impulsivem Azzlack-Oberhaupt beschert die beste Kollaboration des Albums.

Wir schaffen's kaum, Potential zu entfalten/
Wir brauchen Raum, um den Traum auch real zu gestalten/
Wir sind die Sorte, die verborgen liegt im toten Winkel/
Wir haben Segel, doch kein Wind auf dieser Tropeninsel/

(MoTrip auf "Malcolm Mittendrin")

Den Durchhänger im Mittelfeld überwindet der Künstler mit nachdenklichen und ernsteren Titeln, die qualitativ wieder an die ersten Anspielstationen anknüpfen. "Malcolm Mittendrin" greift die Dramatik, welche die Serienfigur umgibt, auf, ist also eine Hymne für den unscheinbaren Außenseiter, der trotz oder gerade wegen seiner Intelligenz keinen einfachen Stand in der Welt hat. Das Eintreten für Individualismus liegt MoTrip am Herzen, wie auch bei "So wie du bist", auf dem er Unterstützung von Lary erhält, unter Beweis stellt. Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Stimmfarben, die Sängerin wird in der Hook vom Rapper im Background unterstützt, klingt sehr harmonisch und sorgt für einen der einprägsamsten Refrains der Platte.

Fazit:
Nach dem gefeierten Embryo und der vergleichsweise langen Zeit zwischen den Releases waren die Erwartungen an "Mama" natürlich gigantisch. Diese erfüllt der Aachener jedoch scheinbar spielerisch und übertrifft sein Debüt recht deutlich. Die ohnehin exzellente Reimtechnik kommt in den kreativen Trackideen besonders zum Tragen und wirkt weniger erzwungen als bei so manchen anderen Genrevertretern. Zudem ist es bemerkenswert, dass es Trip gelingt, die gesamte Gefühlspalette zu bedienen, ohne dabei an Glaubwürdigkeit einzubüßen. Man kann die Wut ebenso nachvollziehen wie einen angedeuteten Minderwertigkeitskomplex in der ersten Strophe von "So wie du bist", einem der stärksten Titel des Albums. Seine Aussagen wirken wie ein tatsächliches Bedürfnis, nicht hundertprozentig durchkalkuliert, was in meinen Augen die größte Qualität der Platte ist. Darauf bezogen fallen die die zahlreichen, größtenteils durchschnittlichen Features besonders negativ ins Gewicht. Die Zusammenarbeiten mit Sido, Samy Deluxe und Azad wirken wie die nachvollziehbare Erfüllung eines Jugendtraumes, sind für das stimmige Gesamtbild der Platte allerdings wenig zuträglich. Dieser Kritikpunkt kann den positiven Gesamteindruck allerdings nicht nachhaltig dämpfen, Mama bleibt ein sowohl musikalisches als auch textlich facettenreiches Gesamtwerk, das Fans des Künstlers mehr als zufriedenstellen dürfte.

Lennart Gerhardt



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