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Review: MoTrip – Embryo

veröffentlicht: Montag, 09.04.2012, 15:46 Uhr
Autor: disdi






01. Kennen
02. King
03. Feder im Wind
04. Schreiben, schreiben
05. Triptheorie/Meine Rhymes & ich feat. Marsimoto
06. Die Frage ist wann
07. Alles was ich wollte
08. Tagebuch
09. Kanacke mit Grips
10. Gorilla feat. El Moussaoui
11. Kunst feat. RAF 3.0
12. Albtraum
13. Wir
14. Kettenreaktion feat. JokA & Silla
15. Wie die Zeit verrennt
16. Embryo
17. Intro/Ich fang am Ende an

Zeig mir deine Features und ich sag' dir, wer du bist! Im HipHop wird wie in sonst kaum einem anderen Genre wild rumkollaboriert und so ist es nicht verwunderlich, dass neben den eigenen Skills vor allem namhafte Features dabei helfen, den Sneaker in die Geschäftstür zu zwängen. Je größer der Name der vermeintlichen Gönner, desto größer der Buzz um die eigene Person. Dass dadurch der ein oder andere musikalische Fauxpas seinen Weg in die Gehörgänge der Massen findet, sei mal dahingestellt, denn in der Regel ist es doch Talent, welches sich am Ende des Tages durchsetzt. So auch bei MoTrip, der ohne auch nur einer Vorahnung eines Tapes – geschweige denn eines Albums – über die Optik Youngstars Koryphäen wie Savas, Samy oder Leute wie Fler, Silla und JokA in sein Featureportfolio aufnehmen durfte und quasi im Vorbeigehen Props von Sido und Marteria einheimste. Nicht nur von seinen Kollegen, sondern auch von einschlägigen Magazinen und der Blogosphäre als eines der "Next Big Things" gehandelt, schlägt man natürlich Wellen, die die dicken Fische auf einen aufmerksam machen lassen. Unter den Fittichen von Universal Music fand schließlich die Befruchtung statt und heraus kam "Embryo" mit dem Mohamed El Moussaoui endlich seine dues payen und sich einen festen Status in der A-Liga der Rapperriege erkämpfen will.

"Ich werd' es schaffen, doch die Frage ist wann/"
(MoTrip auf "Die Frage ist wann")

Auf die Eckpfeiler seiner Karriere zurückblickend lässt sich das inhaltliche Spektrum des Albums in groben Zügen folgendermaßen umreißen: Auf der einen Seite wäre da Kool Savas, aus dessen Schule man – platt ausgedrückt – technikfixierten Rap über Rap zu erwarten hat, während auf der anderen Seite Künstler wie Fler stehen oder aber Silla und JokA, mit denen er die Crew Schnelles Geld ins Leben rief. Aufgrund dieses Umfelds rechnet man neben unterhaltsamen Tiraden über den eigenen Status und den Beischlaf mit Frauen mit aller Art von vor allem persönlich gehaltenen Lyrics über den "Everyday-Hustle" in Straßennähe. Scheinbar zwischen den Stühlen sitzend pickt sich der Aachener aus beiden Lagern das Beste und lässt die Straße Straße sein. In der Realität äußert sich das Ganze in Reimketten und -schemata, die sich vor absolut nichts verstecken müssen, einem herausragenden Flow, der durch hundertprozentige Präzision und melodische Variationen besticht, sowie einer Reihe wirklich raffinierter und einer Handvoll mittelprächtiger Punchlines und Vergleiche. Diese werden mit scheinbarer Leichtigkeit in persönliche Tracks eingewoben und verkommen nur bei den battlelastigen Representern zum Selbstzweck, wobei sie dort meist Teil eines wahrhaftigen Reimgewitters sind. Dies verdeutlicht der Opener "Kennen" sehr gut:

"Könntet ihr das Licht dimmen, jemand sollte die Gesangskabine dämmen/
Ich steh' auf den Dämmen, um das Land zu überschwemmen/
Ich verschwende meine Zeit nicht mehr mit Schach oder Backgammon/
Ich mach' Business, wenn die anderen noch pennen/
"
(MoTrip auf "Kennen")

Für die musikalische Untermalung gebührt Paul Nza, Marek Pompetzki, Cecil, Deflev, Illthinker, DJ Vito, Sinch und Ken Kenay Lob, die MoTrip durchweg hochwertig ausproduzierte Beats zusammenbastelten. Wer aufgrund des Universal-Signings weichgespülte Massenware befürchtete, kann sich kopfnickend zurücklehnen, denn die Produzenten schmiedeten Trip für jeden Text die passende Unterlage. Ob harte, treibende und gerne ein bisschen verrückte Synthiebretter zur traditionellen Kronjuwelenschau oder dezente, organische Nummern, die, obwohl manchmal an der Schwelle zum Kitsch, ein gelungenes Fundament für schwermütigere Themen bilden. Spielereien wie das gepitchte "King", was auf dem gleichnamigen Track die Reimwörter begleitet, lassen auf eine enge Zusammenarbeit zwischen Producer(n) und Rapper schließen. Apropos Zusammenarbeit: Die erwartete/erhoffte ganz lange Liste großer Namen bleibt aus; und so sind neben RAF 3.0 und Marsimoto, der in Form von MoTrips Reimen auf dem wunderbar abstrusen "Triptheorie/Meine Rhymes & ich" vertreten ist, lediglich seine engen Vertrauten Silla und JokA sowie sein Bruder El Moussaoui zu Gast. Obwohl die Stücke mit den letztgenannten Künstlern die beiden schwächsten des Albums sind, erweckt der Move, sein Umfeld zu featuren, trotz und vielleicht gerade wegen des Risikos eines trackinternen Qualitätsabfalls eine gewisse Sympathie. So birgt es doch eine aufrichtige Loyalität in sich, die über kommerzielle Berechnung gestellt wird.

"Die Triptheorie: Deine Stimme plus die Technik/
Mal die Flows geteilt durch Skills ist gleich der Inbegriff von Freshness/
Nimmst du das noch minus Wackness, minus Fake, minus Shit, minus Hate – ergibt Trip/
"
(MoTrip und Marsimoto auf "Triptheorie/Meine Rhymes & ich")

Dass sich die endgültige Qualität eines Rappers niemals nur über sein technisches Können oder seine Beatwahl definieren lässt, dürfte den meisten Lesern klar sein. Nun stellt sich die Frage, ob MoTrip auch textlich brillieren kann. Die Antwort fällt diesmal nicht ganz so eindeutig aus wie zuvor. Positiv ist die Themenvielfalt des Albums, bei der man nicht das Gefühl verspürt, es säße ihm ein Major im Nacken, der noch einen Clubbanger fordert. Denn einen solchen lässt "Embryo" glücklicherweise gänzlich vermissen. Vielmehr präsentiert MoTrip neben Songs über Rap an sich ("Schreiben, schreiben", "Kunst") und klassischer Battlekost vor allem persönlichere Nummern. Auf "Die Frage ist wann" beleuchtet der Libanese die einzelnen Stationen seiner Karriere %– von ersten Talentbekundungen seines Bruders bis zu den Bello-Storys. Auch bei "Alles was ich wollte" geht es um seine Karriere, aber auch um die Unvereinbarkeit dieses Traumes mit seiner Verflossenen. Generell merkt man MoTrip an, dass er seinen Erfolg nicht als selbstverständlich betrachtet, wie sehr er das Erreichte respektiert und wie viel Herzblut er investierte, um da zu stehen, wo er jetzt ist.
Negativ fallen jedoch Präsentation und der sprachliche/inhaltliche Rahmen auf und bilden die damit einzig wirklichen Kritikpunkte an "Embryo", die die Platte letztendlich des Prädikates "Meisterwerk" berauben. Wenn er gerade bei den deeperen Tracks wie beispielsweise auf "Albtraum" rappt: "Ich bin 22 Jahre alt und sehr schlecht gelaunt", möchte man als Hörer diese schlechte Laune fühlen können, möchte den Künstler sein Innerstes bis zum Äußersten treiben hören. Diese Fähigkeit, dem Zuhörer Emotionen vollkommen authentisch zu vermitteln, fehlt MoTrip bis auf den wirklich ergreifenden Titeltrack, bei dem es um das schwierige Thema "Abtreibung" geht und bei dem eine offenbar wahre Geschichte erzählt wird, leider weitestgehend. Ähnlich verhält es sich bei Themen und Wortwahl: Große Kunst hat immer schon polarisiert, hatte immer schon Reibungs- und dadurch Angriffsfläche. Bei MoTrip hat man das Gefühl, als halte er sich zurück. Vielleicht will er auf Nummer Sicher gehen, weil es sein Debüt ist, vielleicht ist er gehemmt, aus Furcht, zu viel von sich preiszugeben. Weniger Scheu, weniger Kompromisse wären vielleicht angebracht gewesen. Ein bisschen mehr Mut zum Risiko, ein Schuss mehr Chuzpe und das wird noch mal was ganz Großes.
Auf welchem Niveau hier kritisiert wird, lässt sich an der Bewertung ablesen, denn mit "Embryo" ist MoTrip in jedem Falle eines der erstaunlichsten Debüts der letzten Jahre gelungen, mit dem er seinen Status in der Szene wohl endgültig gefestigt haben dürfte. Nicht nur die Aussicht auf großartige Kollaboration in der Zukunft lassen auf neues Audiomaterial hoffen, denn dass der selbsternannte "Kanacke mit Grips" nicht nur als ewiger Featuregast funktioniert, hat er mit seinem Album bewiesen. Passenderweise heißt es im Intro-Outro dann auch programmatisch: "Mach dich für den Trip bereit, es fängt endlich an!"


disdi (Christian Weins)



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