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Review: Migo – Riggedi Rawtakes Vol. 2

veröffentlicht: Montag, 20.09.2010, 19:51 Uhr
Autor: johnnydieratte





01. Frei
02. Mann an der Tür
feat. Sahin
03. Bamm City feat. Kollegah
04. Es scheint
05. Zu cool für dich
feat. Toony
06. Bisschen vermisst
07. Mein Weg
feat. Potzen
08. Das Gläßchen muss leer feat. Calo
09. Wer hält die Welt an feat. Olson Rough & Sahin
10. Tag X
11. Witch
12. Dieser Hauch
13. Pradas
14. Der Winter ist vorbei
feat. Olson Rough
15. Leckt mich am Arsch

Anfangs war ich ein bisschen verwirrt. Denn laut Facebook macht der Rapsänger Migo Straßenpop. Ich meine, das ist immerhin ein Paradoxon, das in der Liste musikalischer Hermaphroditen irgendwo zwischen Jazzcore und Industrial Classic anzusiedeln ist. Gut, Migo hat bereits für Fahrweggrößen wie Kollegah oder Farid Bang gearbeitet und gleichzeitig schreibt er für Künstler aus dem Soul- und Popbereich. Trotzdem: Bei Straßenpop denke ich an einen Wolpertinger mit Schlagring und Lipgloss, der neben seinen Leuten zwischen Tanke und Boutique hängt. Aber egal jetzt! Da hilft nichts, außer Anhören – und sich überzeugen lassen. Das Free-Download-Album "Riggedi Rawtakes Vol. 2" besteht teilweise schon aus bereits releasten Tracks – so findet man unter anderem auch das rappers.in-exclusive auf der Tracklist wieder – und ist zwar nicht mehr beim jazzigen Black-Label "BPR-Music" erschienen, aber vielleicht gibt es da ja doch einen kleinen musikalischen Einfluss. Für die Straße hat sich Migo aka Miggi Pop die Wegelagerer Kollegah, Olson Rough, Sahin, Toony, Potzen und Calo zur Unterstützung geholt. Für den Pop produziert der Düsseldorfer die Beats mit Cocktailbarvibe größtenteils selbst, wobei Nachwuchsproduzenten wie die ehemalige rappers.in-Größe Cop Dickie tatkräftig Unterstützung leisteten. Und schon nach den ersten Liedern wird klar, dass Migo mit seiner Wortkreation auf dem richtigen Weg ist. Mit viel Gefühl und Melodie lebt er die Rapattitüde wirklich realistisch aus. Da wird nicht gekokst und geschlagen, Nutten lässt man links liegen. Gleichwohl wird gesoffen und genügend Frauen Kopf verdreht und Korb gegeben – nur eben ohne Brutalität und mit ein bisschen Respekt.

So einfach kann das sein, wenn man ein bisschen Gefühl und Nüchternheit in seinen Lebenswandel mischt. Und die Frauen lieben Migo nicht etwa, weil er gefährlich, sondern schlichtweg zuckersüß ist; und Weibchen erleiden mindestens einen Zuckerschock, wenn der Straßenpopper den Club betritt ("Leckt mich am Arsch"). Trotzdem lässt er keine "Witch" ran, die am Straßenrand billig ihr Röckchen lüpft, ganz klar. Dafür ist er einfach "Zu cool für dich". Und überhaupt: "Ein Verlobungsring passt nicht zu diesen Ketten um meinen Hals". Nebenbei erklärt er auf schnalzend und hüpfend elektronischem Rhythmus, dass der Umgang mit ihm einfach nicht gut für dich ist. Hör doch einmal auf Mama! Und wenn auch inhaltlich "straßisch" angehaucht, so bewegt sich Migo dabei musikalisch auf höchstem Niveau. Sogar der fast schon prasserisch verwendete Autotune hört sich dabei durchwegs professionell an, denn man merkt sofort, dass der Computer lediglich als Stilmittel und nicht aus mangelndem Talent eingesetzt wird. Gleich zu Beginn des Albums schmeißt Miggi Pop den Rechner an und alles hin, wenn er aus Prinzip kündigt und sich zu elektrischen Akkorden endlich "Frei" macht:

"Ich schwing' den Popo aus dem Arbeitssessel, zeig mei'm Ex-Chef den Freak-Finger/
Mit den Worten "Danke, Bastard, ich find' Sie behindert/
"

Und kaum hat er sich selbst auf die Straße gesetzt, so flieht er auch schon wieder von der asphaltierten Fahrbahn runter und rein in den Club. Nach dem Rausschmiss aus dem selbigen begründet er mit Sahin auf einem gefühlvollen Beat mit langgezogenen Dreiklängen die Einsamkeit in den eigenen vier Wänden ("Mann an der Tür" feat. Sahin). Weiter vertieft er diese Ansicht gemeinsam mit Calo im Track "Das Gläßchen muss leer". Es ist eben manchmal so: "Ein leeres Glas kennt keinen Schmerz" und betäubt jeden Weltschmerz mit einem tiefen Zug. So scheint es zumindest. Demnach muss Migo recht nüchtern gewesen sein, wenn er im Song "Es scheint" zu krachenden Becken über die Rätsel der Welt philosophiert. Durch die erfrischend andere Art und Weise an die Frage heranzugehen, mit welchem Sinn wir denn eigentlich auf diesem Planeten unser Dasein fristen, begibt sich Migo zwar nicht auf die Straße, aber immerhin auf neue Pfade. Dabei kommt er auch nicht vom Weg ab:

"Doch wer weiß, wo fängt der Kreislauf an?/
Und welcher weise Geist hält diesen Kreis zusamm'?/
Welcher kluge Kopf ist für die Ordnung da?/
Welche Kanne füllt den Ozean nach?/
"

Aber Straße hin, Straße her. Migo mischt auf "Riggedi Rawtakes Vol.2" tiefgehende und intelligente Lieder mit oberflächlicheren Themen. Doch ungeachtet dessen, was er rappt, er bringt seine Gedanken immer auf den Punkt. Und egal, was er sagt, seine Lieder suchen sich immer einen eingänglichen Weg ins Ohr und bleiben dort auch hängen. Flow, Text und Musik harmonieren bei fast jedem Track prächtig miteinander, wohl auch, weil fast alles vom gleichen Urheber stammt. Und der Schaffer hat mal Lust auf Elektronisches, mal auf Jazziges, mal auf Poppiges. Was Migo leider trotzdem nicht kann, ist, jeden Geschmack zu treffen. Für manche ist seine Musik vielleicht zu poppig, für manche zu gefühlvoll, für manche zu eintönig. Für einige nicht hart genug, weil er viel singt. Anderen erscheint er eventuell zu eingebildet, weil er so viele Frauen abweist. Wer weiß?! Und auch wenn er nicht Straße ist, so ist er auch kein Pop. Er steht einfach in der City am Bürgersteig zur Straße und präsentiert seinen Sound. Dabei verlangt er nicht einmal Wegzoll. Was soll man da anderes machen als stehen bleiben und Herz öffnen… Bamm!


(Benedikt Dirschl)



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