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Review: Mauli – Autismus & Autotune

veröffentlicht: Samstag, 09.06.2018, 14:35 Uhr
Autor: Vincentbl3003




01.Sturm
02.Kugeln
03.Detox
04.Klepto
05.Rolex
06.Manchmal
07.Halbe Molly
08.Licht
09.Vielleicht
10.Geheimrezept



Mauli ist einer der wenigen Rapper, die sich nach ihrer VBT-Teilnahme zu gestandenen Musikern entwickeln konnten. Sein 2015 erschienenes Debutalbum "Spielverderber" kann man vielleicht zu den besten in Deutschland erschienenen Trap-Alben zählen. Darauf hat er nämlich mit einem einzigartigen Spagat zwischen Battleraptexten mit stumpfem Beleidigen gegen die Szene und einem ansprechenden, wenn auch ironisch gebrochenen, Trap-Sound überraschend deutlich überzeugen können. Man hatte den Eindruck, dass Mauli sein Genre finden und gerade zu Zeiten einer Überflutung der Sparte durch Qualität herausstechen konnte. Diese Selbstfindung änderte aber die für ihn so charakteristische provokante und rotzfreche Art nicht. Einer der Ecksteine für diesen Erfolg dürfte Morten gewesen sein, der die Beats des Albums so hervorragend ausproduziert hat, dass jedem Instrumental des Albums trotz gleichbleibender Ästhetik ein sehr hoher Wiedererkennungswert innewohnt. Umso überraschender ist es nun also, dass auf dem Nachfolgeprojekt Morten für keinen einzigen der Beats verantwortlich ist, sondern Mauli selbst die Regler in die Hand nimmt. Das wird nicht die einzige fundamentale Änderung bleiben, das ganze Album weist mit dem Vorgänger nämlich absolut keine Ähnlichkeiten auf. "Autismus & Autotune" ist bisher eine der größten Enttäuschungen des Jahres.

Mann, ich hab dich geliebt/
Doch ich war dir zu verkopft/

(Mauli auf "Detox")

Als Mauli gegen November 2017 sein erstes Snippet zum Album veröffentlichte, konnte man noch nicht ahnen, was sich auf dieser Platte befinden würde. Im Gegenteil. Er teaserte eine Reihe von Parodie-Songs auf mehr oder wenige aktuelle Trends an und ließ durchschimmern, dass dieses durch und durch ironische Snippet seinen humoristischen Qualitäten und den Vorlieben seiner Fans entspricht. Und mit diesem guten Omen im Rücken entscheidet er sich dann, genau das zu veröffentlichen, was er bis dahin eigentlich zu parodieren schien. Mit dem Hören dieses Albums stellt man nämlich fest, dass Mauli es inzwischen um einiges ernster meint als erhofft. Er versucht tatsächlich, ein musikalisches Trap-Album mit so etwas wie lyrischem Tiefgang und zeitgemäßem Deutschrap-Autotune zu kreieren. Nur gelingen will nichts davon. Mauli ist leider Gottes ein grauenvoller Produzent, fast alle Beats klingen nach einer Parodie des Zeitgeistes. Tracks wie Sturm, Manchmal, oder Halbe Molly fehlen Bässe, kreative Samples oder Individualität. Die Gesamtproduktion wirkt billig, wirkungslos minimalistisch und harmoniert auch nicht so recht mit dem exzessiven Autotune-Einsatz. Ich würde jede Wette eingehen, dass in der Zeit, die die Produktion dieses Albums in Anspruch genommen hat, Fler noch nicht einmal die Belichtung eines Fotoshootings zurechtgelegt hätte.
Doch auch die Texte sind vollkommen wirr. Der arrogante Mauli hatte mit schwarzem Humor, stumpf und von oben herab, eine sehr unterhaltsame Art, aber was hier textlich passiert, ist eine absolut willkürliche Abwechslung zwischen prolligen und deepen Tracks, wobei letztere nicht einmal als Parodien funktionieren würden. "Detox" zum Beispiel klingt, als hätten Jan Böhmermanns Affen den Songtext geschrieben, so zusammengewürfelt und wahllos aneinandergereiht wirken die Aussagen.

All deinen neuen Freunden bist du egal/
Sie hängen mit dir rum solang du bezahlst/

(Mauli auf "Detox")

Die Songs, die tiefgründige Messages vorschieben, verlieren auch das letzte bisschen Atmosphäre durch die perverse Überdominanz von Autotune auf seiner Stimme und die unoriginellen Beats. Obwohl es im Albumtitel angekündigt wurde, übersteigt die Dimension der Verwendung selbst die Geschmäcker derer, die mit Dancehall und Autotune viel anfangen können. Songs wie "Klepto", die zumindest thematisch irgendwie stimmig geraten, beeindrucken weder mit schön ausformulierten Sätzen, noch regen sie zum Nachdenken an. Das ohnehin schon kurze Album wird nach einem furchtbarem Anfang auch im Verlauf mit Tracks wie "Sturm" keinen Deut besser und bleibt, trotz sagenhaft vielen unterschiedlich verfehlten Tönen, eintönig. Nach den ganzen zehn Tracks frage ich mich, was der Künstler mir mit diesem Album eigentlich sagen wollte. Kann Mauli sich selbst die Instrumental-CD anhören und sich dafür auf die Schulter klopfen? Wer zur Hölle war mit ihm im Studio und sagte, dass zehn mal Autotune über seiner Stimme auf jeden Fall geil klingen? Welcher Fan kann mir, neben "Kugeln", dem einzig musikalisch irgendwie funktionierendem Track der Platte, einen Song nennen, den er sich freiwillig anhört? Und, welche Plattenfirma besitzt die Dreistigkeit, für so ein musikalisches Armutszeugnis zehn Euro zu verlangen?

Willst du mir was sagen, musst du mich schon jagen/
Werd bestimmt nichts sagen/

(Mauli auf "Kugeln")

Fazit:
Um ehrlich zu sein: Dieses Album ist unter aller Sau. Es gibt bei aller Liebe so ziemlich keinen einzigen positiven Aspekt, dafür aber einiges, das in die Hose gegangen ist. Text und Produktion gehen durch die Bank nicht auf und sogar der im Albumtitel noch angekündigte Autotune-Einsatz fühlt sich inkompetent und planlos an. Als Parodie auf den Trend wäre dieses Album 2017 vielleicht ein bisschen lustig gewesen, um der Rapszene einen Spiegel vorzuhalten. Jedoch nur, wenn Mauli das zum einen auch ironisch gemeint hätte und zum anderen keinen Cent für diese drögen zehn Tracks verlangt hätte. Der Humor, die guten Beats, der Zynismus, irgendwie ist nichts davon übrig geblieben. Hätten seine Fans dieses Album vor Release gehört, hätte es mindestens die Hälfte für einen Scherz des sonst so ironischen Mauli gehalten. Aber jetzt ist das Geld ausgegeben, die Musikvideos gedreht, die Boxen verscherbelt und eine wirkliche Pointe zeichnet sich trotzdem nicht ab.


Vincent Busche



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