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Review: Marvin Game – 20:15

veröffentlicht: Donnerstag, 09.11.2017, 11:52 Uhr
Autor: InsertPointlessName





01. Obstsalat
02. Zeit Zurück
feat. Chima Ede, Morten
03. Sonahamkoma
04. Passiv
feat. Chefket
05. Sie will nicht, dass du sie rettest
06. Unter Druck
feat. Robo
07. Benimm dich
08. Flugmodus
09. Check
feat. Esco Esco
10. Risiko feat. Rola
11. Augen Zu feat. Bausa
12. Zeitzonen

Als Kind war mir der Samstagabend heilig. Zu einer Zeit, als Hausaufgaben und bunt blinkende Scout-Ranzen noch zentraler Bestandteil des eigenen Lebens waren und die Fernsehzeitschrift bei den Großeltern als absolut legitime Lektüre galt – da war es durchaus wichtig, darüber informiert zu sein, was am Wochenende um Viertel nach Acht im Fernsehen läuft. Zugegeben, in Zeiten von Netflix und Online-Mediatheken mutet das alles recht anachronistisch an, doch mit dem Begriff "Prime-Time" assoziiert wohl selbst die Generation Z noch den Auftakt eines audiovisuellen Spektakels, gipfelnd in Entertainment in Reinform. Nun legt Marvin Game mit "20:15" nicht einmal ein halbes Jahr nach seinem letzten Album – passenderweise "20:14" getauft – den mutmaßlichen Zenit seiner Karriere vor. Kann der Longplayer seinem ambitionierten Titel gerecht werden?

Ready to die wie Mafuba/
Treffe mein Ziel wie Bazooka/
Einer war mal krasser, das war 2Pac/
Nur einer ist noch krasser, das mein Bruder/

(Marvin Game auf "Sonakamhoma")

Mit "Obstsalat" steigt Marvin Game auch direkt fulminant in seinen Zweitling ein. Wabernde Bässe, ratternde Snares (zwei Euro ins Review-Phrasenschwein), präzise platzierte Synthies – immer.ready-Hausproduzent morten macht in Sachen Instrumentals einiges richtig und versteht es, den Vibe des Kollektivs auch auf diesem Album umzusetzen. Nur verpufft dieser Effekt frappierend schnell. Das könnte unter anderem daran liegen, dass sich der Sound von "20:15" und der des Vorgängers "20:14" einfach nicht allzu viel nehmen. Würde ich den Inhalt beider Alben in eine Playlist werfen und mir das Ergebnis im Shuffle-Modus anhören, mir würde es wohl gar nicht auffallen, eine Minute früher eingeschaltet zu haben. Das wirkt handwerklich schon alles aus einem Guss, ja, aber der Mix aus Marvins melodischem Flow und dem über Albumlänge immer smoother werdenden Beats nutzt sich bald ab. Das ist schade, denn so will das eigentlich spannende Konzept hinter der Namensgebung nicht funktionieren und hinterlässt einen faden Beigeschmack.
Ich glaube zu verstehen, was die Idee hinter den Songs war. "20:15" wurde mit dem Anspruch absoluten Hochglanzes produziert, wirkt aber im Endprodukt, als hätte man das musikalische Pendant eines Weichzeichners über die Spuren gelegt. Die Parts sind oft viel zu unspektakulär gerappt ("Flugmodus", "Check"), Hooks driften vereinzelt in pathetischen Kitsch ab ("Risiko") und die Zeilen sind selten prägnant.

Ich wurde nie danach gefragt (nein, ey)/
Ich seh' das Ziel, ich bin am Start (ey)/
Mir ist das Risiko egal (ja, ey)/

(Rola auf "Risiko")

In einer Hinsicht passen Musik und Text besonders gut aufeinander, denn auch privat scheint der Moabiter darauf bedacht, stets das Maximum rauszuholen. Marvin Game skizziert über die zwölf Tracks das Bild einer Leistungsgesellschaft, in der Erfolg nur durch harte Arbeit möglich ist und Faulenzen auf der Couch bestraft wird. Work hard, play hard. Dafür wird sich mit Kokoswasser, Reisen in ferne "Zeitzonen" oder – ganz wichtig – dem Genuss von Marihuana belohnt. Das ist in seiner unkonventionellen Art fast schon wieder erfrischend, scheint anderen Rappern ihren Texten nach der ausschweifend beschriebene Reichtum einfach in den Schoß zu fallen. Auf Dauer wirkt die Schilderung von allgegenwärtiger Selbstoptimierung jedoch ermüdend und spätestens dann fragwürdig, wenn sogar eine Beziehung in reinem Pragmatismus aufgelöst wird. Denn Zeit ist Geld oder eben Währung für das, was sonst im Leben wichtig ist. Marvin Game ist ein bisschen wie die FDP Deutschraps.

Du schuldest mir eine Entschuldigung, meine Geduld ist um/
Denn niemand gibt mir meine Zeit zurück/
Niemand gibt mir meine Zeit zurück/
Nein, niemand gibt mir meine Zeit zurück/

(Marvin Game auf "Zeit zurück")

Wenn ich in einem Jahr meinen MP3-Player öffne, ist es nicht unwahrscheinlich, darauf noch ein, zwei Songs von "20:15" zu finden. Denn wie bereits beschrieben, es gibt die Tracks wie das eingangs erwähnte "Obstsalat", die in ihrer Konzeption wunderbar sind und auch live wird das meiste durch die Bank überzeugen. Nur fällt es mir wirklich schwer, das Projekt in seiner Studioversion vollständig anzuhören. Nicht wenige versprachen sich nach dem letzten Album ein unverkrampftes Release, das die Parts aus Marvin Games Hotbox-Format mit energiegeladenen Beats kulminiert und klassische Mixtape-Atmosphäre versprüht. Stattdessen wurde es ein snapchat-tauglicher Soundtrack, der wohl beim Hörer keinen bleibenden Eindruck hinterlassen wird. Das muss einen für die Zukunft nicht pessimistisch stimmen. Schließlich lief nach der Primetime auch immer mal was Gutes. Oder eben die Wiederholungen vom Vortag.


(Friedrich Steffes-lay)




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