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Review: Marteria & Casper – 1982

veröffentlicht: Freitag, 31.08.2018, 13:39 Uhr
Autor: Moody





01. 1982 (Als ob's gestern war)
02. Champion Sound
03. Omega
04. Supernova
05. Willkommen in der Vorstadt
06. Adrenalin
07. Chardonnay & Purple Haze

08. Denk an Dich feat. Kat Frankie
09. Absturz feat. Monchie
10. 2018 (Gratulation)

Angesichts der medialen Prominenz der beiden bereits im Titel erwähnten Künstler werde ich auf eine nutzlose Einleitung zur Bio- und Diskographie fröhlich verzichten: Alle Trivialitäten und Schnipsel, welche Reihe von Ereignissen zu diesem Projekt führten – das alles kann uns vice-gott egal sein, hier geht’s um das Album.
Ein bisschen was für die Statistiker vorweg: 10 Tracks mit insgesamt unter 40 Minuten Spielzeit. Features gibt es zwei kleine, Kat Frankie ("Denk an dich") und Monchie ("Absturz"). Erstere wird man wahrscheinlich nicht kennen; darf man gerne ändern, denn hierbei handelt es sich um eine vielseitige Musikerin. Und dieser Typ von "Feine Sahne Fischfilet".
In der Produktion stellen vor allem das Produktionsteam The Krauts ("Stadtaffe"/"Roswell") einen Großteil der musikalischen Gerüste parat, hinzu kommen Beiträge von Markus Ganter ("Lang lebe der Tod"), Jura Kez und andere.

Begonnen mit dem namensgebenden Track "1982" (für die Generation bento-Quiz: Das gemeinsame Geburtsjahr) dröhnt einem zu Beginn Oldschool um die Ohren, mit Akustikdrums und Fidel. Das gesamte Instrumental ist gleichermaßen einfach strukturiert, wie durch die verschiedenen Harmonien und Instrumente vielschichtig gestaltet. Ohne Hook berappen Casper und Marteria in abwechselnden Parts ihre Kindheit; einer im Westen, einer im Osten aufgewachsen. Dies geschieht bei beiden durch einfache und gleichzeitig sehr bildhafte Zeilen, wodurch alles erstaunlich rund klingt und ein stimmiges Ganzes ergibt. Erstaunlich, da ich mir eine Synthese von "Lang lebe der Tod" und "Roswell" nicht wirklich vorstellen konnte.

Beckhausstraße, Bielefeld Industriegebiet/
Gegenüber der Miele-Fabrik, über der Tanke/
Gestank immer von Diesel und Benzin in der Nase/
Vor der Tür, wo man die Miete durchschiebt/

(Casper auf "1982")

"Champion Sound" beginnt mit schiefer Fanfare, ein wenig wie die Hypnotic Brass Band. Inhaltlich ist der Song das persönliche Abfeiern des, nun ja – "Champion-Daseins". Und während mich der Beat durchaus begeistert, wo Chor, E-Gitarre und weiteren Instrumente zusammen mit den eingestreuten Trapelementen ein stimmiges Ganzes ergeben, sorgt der zum Teil wie Fußball-Gegröle vorgetragene Text für eine leichte Tachykardie, wonach ich sorgsam den Blutdruckmesser angeschlossen lasse.

Wie ein Champion/
Ma, wie ein Champion/
Cas, wie ein Champion/
Yeah, wie ein Champion/
Yeah, wie ein Champion/

(Zwei erwachsene Männer im Jahr 2018)

Vereinfacht betrachtet ist die musikalische Entwicklung auf der Platte wohldurchdacht: Vom Oldschool-lastigen Sound der ersten beiden Titel wird mit "Omega" und "Supernova" der ausgelatschte Weg des Trap beschritten, wobei "Omega" für mich persönlich die ideale Mischung dieser beiden Welten auf diesem Album darstellt.
"Willkommen in der Vorstadt" erinnert im Vortrag an Battlerap, liefert inhaltlich jedoch eine nüchtern-harte Betrachtung dieses sozial-kulturellen Milieus mit markantem Beat und grandioser Hook.

Hier sind die Trän'n tätowiert und all die Mädchen gepierct/
Die Jungs auf Amphetamin plus an der Tanke dein Team/
Steigst ein in dein'n GTI, Träume liegen hier tief/
Der Teufel täglich zu Gast, Straßen beben durch Trucks/

(Marteria auf "Willkommen in der Vorstadt")

Mit "Adrenalin" beginnt der musikalische Kellertreppen-Sturz durch ein Dornendickicht. Dabei geht dieser Titel nach kurzer Eingewöhnungsphase überraschenderweise noch völlig in Ordnung. Nein, was danach kommt, lässt einen erst den scharfen Treppenabsatz am Ende der Kellertreppe ersehnen.
Warum gibt es so etwas wie "Chardonnay & Purple Haze" oder dieses unglaublich treffende "Absturz", wo mir bereits nach wenigen Minuten mein Puls- und Blutdruckmesser zu verstehen gibt, dass ich gerade die Grenze zur ausgeprägten Tachykardie klar überschritten habe?
Die Texte für sich wären schon beschämend genug, insbesondere verglichen mit "Willkommen in der Vorstadt" geht es mit "Alle reden, doch ich hör' nichts von denen" ungebremst die Böschung hinunter. Alle drei Titel (7, 8, 9) sind mit diesem verdammten, ausgelutschten "808"-Drums-0815-Trapbeat-Pattern gebaut, Effekte kaschieren nicht länger musikalische Unzulänglichkeit sondern propagieren sie (schiefes "Singen", mit Effekten überlagert) und stilisieren somit allgemeine Unfähigkeit zum Talent. Grandios. Gerappt wird dann auch im Halbschlaf, jeder diese inhaltsleeren Sätze zieht sich mit den billigen Drums und Synthies ins Unerträgliche. Mit Marterias Worten: "Fällt schwer, heute Mensch sein, die Schöpfung tut weh." Der letzte Track "2018 (Gratulation)" wirkte da wie eine persönliche Survival-Medaille.

Nun der Fairness halber: Sich den Sound eines aktuellen Trends (Trap) zu nehmen und auszuprobieren, wie man diesen musikalisch adaptieren oder interpretieren kann, ist völlig in Ordnung und ein grundsätzliches Muster der Musikgeschichte.
Was bei "Supernova" neben dem aufwändigen Video auch musikalisch noch funktioniert, führt bei Absturz 1. und Absturz 2. im besten Fall zu suizidalen Tendenzen. Und jetzt mal Mathe für die ganz Harten: Zwei Männer, die beide den 40 näher als den 30 sind, und damit knapp dreimal so alt sind, wie die angepeilte Zielgruppe, versuchen anscheinend krampfhaft, jung zu bleiben. Frage: Warum?
Weshalb muss auf jedem Release dieser obligatorische Trapsound zu finden sein? Weil’s die Kids kaufen? Wieso nicht gleich eine mit Xanax induzierte Bewerbung für den Darwin Award auf Instagram? Vielleicht liegt es auch daran, dass hier der Copy & Paste Ansatz vom US-Sound für den deutschen Markt zu stark im Vordergrund steht, anstatt den Versuch zu wagen, vielleicht einen neuen, oder wenigstens eigenen Sound zu finden.
Nicht nur, dass bei solchen Komplettausfällen textlich absoluter Müll geblubbert wird, tatsächlich stehen die hohlen Beats doch letzten Endes wie verwaiste Platzhalter für etwas Besseres; alles was zwischen Track 1 und 6 passiert zum Beispiel hätte hier weiter gesponnen werden können. Vielleicht hätte man auch Marsimoto mit dem "Mittelfinger-Hoch"-Casper auftreten lassen? So ziemlich alles wäre wohl besser gewesen als ein grundsätzlich vielversprechendes und gut klingendes Album wegen ein paar Kindern mit Gewichten an den Füßen durch den See schwimmen zu lassen. Selten gab es ein Album, was mich gleichzeitig so begeistert und schlicht angewidert hat. Respekt.


Andreas "Moody" Haase



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