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Review: Marteria – Roswell

veröffentlicht: Montag, 29.05.2017, 14:40 Uhr
Autor: El-Patroni





01. Roswell
02. Aliens
feat. Teutilla
03. Scotty beam mich hoch
04. El Presidente
05. Das Geld muss weg
06. Tauchstation
07. Blue Marlin
08. Cadillac
09. Links
10. Große Brüder
11. Skyline mit zwei Türmen
12. Elfenbein
feat. Yasha & Miss Platnum

Beim Schreiben einer jeden Review wird ein unnötig hohes Maß an Zeit investiert, um mit der perfekten Einleitung die Aufmerksamkeit der Leser zu gewinnen. Im Falle Marteria erübrigt sich dies, denn praktisch jeder, der sich im letzten Jahrzehnt einigermaßen mit deutschsprachigem Rap befasst hat, wird wohl früher oder später über den ehemaligen Profifußballer Schrägstrich Ex-Model Schrägstrich erfolgreichen Rapmusiker Schrägstrich begnadeten Angler gestolpert sein. Bereits mehrere erfolgreiche Alben, ausverkaufte Touren und ein ebenfalls recht erfolgreiches maskiertes Alter Ego mit gepitchter Stimme sowie eine Platzierung im Soundtrack der FIFA-Spiele sind die nennenswerten Eckdaten zur Person Marteria . Da man aber ohnehin nicht hierher gelangen kann, ohne bewusst auf den Link zu dieser Review zu klicken, sollte all das bekannt und jeder freiwillig hier sein und wir befassen uns direkt mit dem neuesten Album:

Aus Area 51 wird Marteria 51/
Aus Roswell wird Rostock/

(Marteria auf "Roswell")

Vorab ganz allgemein:

"Roswell" ist ein großartig produziertes Album. Marteria präsentiert Lyrics auf gewohntem Niveau und dass er rappen kann, hat er in der Vergangenheit schon mehrfach bewiesen, was sich auch heute nicht ändert. Außerdem bedient sich "Roswell" wie auch die Vorgängeralben einer breiten Themenpalette und kein Track wiederholt sich inhaltlich. Jeder Song behandelt strikt ein Thema und dieses scheint danach abgeschlossen. Für die Produktionen wird auch auf altbewährtes zurückgegriffen und ausnahmslos jeder Beat ergibt ein hochwertiges, sauber ausproduziertes Stück Musik.

Im Speziellen:

Die LP wird direkt vom Titeltrack eröffnet und von "Aliens" weitergeführt: Beide Tracks inszenieren sich (Überraschung!) mit schlechten bis mittelmäßigen Alienmetaphern, leben aber hauptsächlich von den treibenden Beats. Es folgt mit "Scotty beam mich hoch" ein schneller, unterhaltsamer, lyrisch wie inhaltlich grundsolider Track, der leider von der Hook, die eher an ein nervtötendes Kinderlied als an einen seriösen Song erinnert, komplett zerstört wird. Man möge sich nun vorstellen, wie mein erzählerisches ich sich vom Leser abwendet und mit vorwurfsvollem Blick, zusammengekniffenen Augen und leichtem Kopfschütteln in Richtung Marteria blickt. Was auf "Kids" noch blendend funktioniert hat, geht diesmal einfach nur nach hinten los. Auf "Skyline mit zwei Türmen" behandelt der Rapper seine Zeit in New York und zeigt über immer wieder einsetzende klassische HipHop Drums, die genauso aus einem Mobb-Deep-Song stammen könnten, mit enormem Druck in der Stimme: Marteria kann auch immer noch guten alten Rap machen, und zwar mindestens genauso gut wie alle anderen. In einigen Songs sind die Produktionen zu sperrig, vollgepackt oder verrückt, um wirklich die breite Masse zu erreichen, die sich so gar nicht mit HipHop befasst hat, ganz kann man aber anscheinend nicht auf das Geld der Radiosender verzichten und so schielt "Das Geld muss weg"(man beachte die leichte Ironie), in all seiner popmelodischen Eingängigkeit und konstruierten Ohrwurmhaftigkeit derart gewollt in Richtung Airplay, dass man das Kopfnicken kurz zugunsten eines leicht enttäuschten Kopfschütteln unterbricht. "El Presidente" bildet für mich persönlich aufgrund des exotischen Instrumentals und der sommerhittauglichen Hook sowie der routiniert geflowten Parts eines der Highlights auf "Roswell", während "Cadillac" als laute, halbasoziale Mitgrölhymne für den 18-Jährigen im Amerika-Urlaub fungiert, der sich endlich mal so richtig cool fühlen will. Dann sind da ja auch noch die alten Kumpanen Yasha & Miss Platnum, um deren Hitgarantie Marteria spätestens seit "Lila Wolken" weiß, die natürlich auf dem Album unter keinen Umständen fehlen dürfen und genau das machen, wofür man sie kennt.

Bin grad erst 18, beiß' jetzt in den großen Apfel/
Teil mir die Wohnung mit ner Großstadtratte/
Neben Donald Trump, auf der fünften Straße/
Zwischen Rastafaris und Mexikanern/
Eine Taxifahrt ins Glück. Vier Stunden/
Träum von Foxy Brown, Alicia Keys gibt mir Klavierstunden/

(Marteria auf "Skyline mit zwei Türmen")

Wenn Du Dich jetzt von mindestens einem der erwähnten Songs angesprochen fühlst, liegt dies vermutlich daran, dass Du ein Mensch bist, denn Marteria gibt sich auf "Roswell" außerordentlich Mühe, jedem (und zwar wirklich jedem) in irgendeiner Art zu gefallen. Von potentieller Charthit bis klassischer HipHop-Track, von schneller, druckvoller Rappart bis Gesangsfeature in der Hook. Es ist wohl unmöglich, nicht mindestens einen Song auf der Platte für die nächsten Wochen in seine Playlist aufzunehmen. In Anbetracht all dieser Berechnung und des gewollten Beglückens eines jeden Hörers ungeachtet geschmacklicher Unterschiede, ist es dann doch irgendwie verwunderlich, dass er es sich doch verkneifen konnte ein Feature mit [Hier Name eines Idioten mit aktuellem Hype einsetzen] unterzumischen. Ich fühle mich an meine Schulzeit erinnert und Marteria ist der blonde junge zwei Reihen vor mir, der unbedingt Klassensprecher werden möchte.

Hier könnte Schluss sein, aber:

Zum Abschluss was persönliches:
Ja, "Roswell" macht mich aggressiv. Ich hasse das Album dafür, wie sehr es versucht, niemandem auf die Füße zu treten, jeden Fan zufrieden zu stellen und bloß kein Risiko einzugehen. Ich mochte auch den vorhin erwähnten Klassensprecherkandidaten nicht und habe lieber seine Gegenkandidatin gewählt. Ja, ich mag einige Lieder; ich mag "Skyline mit zwei Türmen", ich mag "Blue Marlin", ich mag "El Presidente" sogar sehr, aber kaum ist einer der Tracks zu Ende, erinnere ich mich wieder, warum ich die Platte dann eben doch nicht mag. Es ist ein gutes Album, Toni (Name geändert) war ja auch ein netter Kerl, ich mag nur einfach keine blonden Schnösel und "Roswell" ist der blonde Schnösel unter den Deutschrapalben. Dem Erfolg des Albums wird meine Meinung allerdings mit Sicherheit keinen Abbruch tun, denn Toni wurde auch Klassensprecher.


El-Patroni (David)



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