Angemeldet bleiben?

Review: Marteria – Zum Glück in die Zukunft II

veröffentlicht: Samstag, 01.02.2014, 21:02 Uhr
Autor: Woodfellas





01. Intro
02. Kids (2 Finger an den Kopf)
03. OMG!
04. Die Nacht ist mit mir
feat. Campino
05. Alt & verstaubt
06. Pionier
07. John Tra Volta
08. Bengalische Tiger
09. Eintagsliebe
feat. Julian Williams
10. Gleich kommt Louis
11. Glasklar/Herzglüht
feat. Miss Platnum & Yasha
12. Auszeit feat. Marsimoto & Christopher Rumble
13. Welt der Wunder
14. Mein Rostock


Man nehme einen genialen Professor, gebe ihm eine großzügige Portion Plutonium, einen schicken Sportwagen und einen furchtlosen Jungspund, der selbigen über den Asphalt treibt. Den Rest erledigt der Fluxkompensator. Was erhält man? Die stylischste Zeitmaschine der Welt und eine der bekanntesten Trilogien der Filmgeschichte: "Zurück in die Zukunft". Aber was hat das mit Rap zu tun?! Also nochmal von vorn: Man nehme ein geniales Produzententeam, gebe ihnen ein großzügiges Repertoire an Synthesizern und setze einen hungrigen Rapper an die Texte. Was erhält man? Futuristischen Sound, der von nicht wenigen als Rettung deutschen Raps gefeiert wird: "Zum Glück in die Zukunft". Nun ist Marty McF ... Entschuldigung, Marten Laciny zurück mit der namentlichen Fortsetzung der Albumreihe, deren erster Teil ihm den Durchbruch bescherte. Die Vorfreude ist groß, die Erwartungen noch größer. Also: keine Zeit verlieren, dass Hoverboard in den Kofferraum geworfen, Gaspedal durchgedrückt und die Boxen auf Anschlag.

"Alle haben 'nen Job, ich hab' Langeweile/
Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern/
So ist das hier im Block, tagein, tagaus/
Halt' mir zwei Finger an den Kopf und mach' 'Peng, Peng, Peng, Peng'/
"
(Marteria auf "Kids (2 Finger an den Kopf)")

Wie macht man am effektivsten Promo für sein Album? Einfach mal einen Ohrwurm raushauen, der sich durchs Radio frisst und dann solange im Kopf bleibt, bis die CD erscheint. "Kids" wartet mit einem dieser Refrains auf, die man nicht hören kann, ohne mitzusingen. Eingängige Melodie, tiefe Bässe, witziger Text – fertig ist der Hit. Die Energie des Tracks nimmt Marteria praktischerweise gleich mit in den nächsten. Auch bei "OMG!" haben The Krauts in Sachen Beats, wie übrigens auf dem gesamten Album, einen großartigen Job gemacht. Wer beim Einsetzen des Saxophons die Füße stillhalten kann, ist entweder Meister der Meditation oder einfach nur Rhythmuslegastheniker. Auch Basedrum und Snare sind in diesem Fall nicht des Halskrausenträgers beste Freunde, denn der Kopf muss hier einfach nicken. Spätestens, wenn nach der zweiten Hook die Bridge einsetzt und der Beat in der Folge rustikal gebrochen wird, sind die Nackenwirbel in Alarmbereitschaft. Und während wir tanzen, wird Marten nachdenklich und fragt sich, was er zu Lebzeiten tun muss, um in den Himmel zu kommen, insofern es denn einen gibt. Mein Vorschlag wäre, einfach weiterhin solche Tracks zu zaubern, denn wer so viel Gutes gibt, kann nur belohnt werden. Nachdenklich geht es dann auch weiter – dementsprechend nehmen die Krauts den Fuß vom Gas. Die Beats werden ruhiger und lassen dem Künstler Raum, seine Lyrics zu entfalten. Und davon hat der gebürtige Rostocker gewohnt anspruchsvolle Vertreter, die sich in Sachen Wortwitz immer wieder steigern. Lässt die Kneipenhymne "Die Nacht ist mit mir" noch einiges an Luft nach oben (woran auch Campino nichts ändert), weil sie der oft und gerne behandelten Alkoholthematik keine neuen Facetten verleihen kann, hinterlassen "Pionier" und "Alt & verstaubt" bleibenderen Eindruck. Auf Ersterem feiert sich der Wahlberliner als kreativen Anführer einer schnelllebigen Konformistengesellschaft. Dass er sich durchaus von der breiten Masse abheben kann, zeigt er noch überzeugender auf "Alt & verstaubt". Die Thematik, eine gescheiterte Beziehung, ist auch hier nicht die Neuerfindung des Rads. Im Gegensatz zur geschilderten Romanze klingt der Track aber definitiv frisch und unverbraucht.

"Bin nur noch ein Albtraum in deinen grauen Fantasien/
Dein letzter Atemzug spaziert alleine auf den Schienen/
Ramm' mir deinen letzten Nagel tief in meine Hand/
Fütter' den Kamin mit deinen Briefen, nehm' dein Gesicht von der Wand/
"
(Marteria auf "Alt & verstaubt")

Begeisterte der Vorgänger noch primär durch synthetische Up tempo-Variationen, kommt "ZGIDZ II" wesentlich entspannter daher. Wohlgemerkt ohne zu langweilen, muss an dieser Stelle ein weiteres Mal die Arbeit der Krauts hervorgehoben werden. Mühelos meistern sie den Spagat zwischen tanzbaren Kopfnickern und zurückgenommenen Hängemattenharmonien. Egal, ob Baseline, Klavierakkorde oder akustische Gitarre: Das Produzententeam setzt dezente Ausrufezeichen, die dem Langspieler allein aufgrund der Beats ein Stück Zeitlosigkeit verleihen. So großen tüftlerischen Einfallsreichtum hat wohl nicht mal Doc Emmett Brown zu bieten. Ganz ohne auf den Putz zu hauen geht es dann aber doch nicht. Gerade, als man es sich beim Hören wirklich gemütlich gemacht hat, schickt "Bengalische Tiger" einen akustischen Stromschlag durch die Boxen, dass einem gleich wieder die Haare zu Berge stehen. Der Track ist wohl eine Genugtuung für jede Fankurve der Fußball-Bundesliga und eine kräftige Ohrfeige für Sportmedienvertreter und deren Debatte über Pyrotechnik im Stadion. Ganz klar ein Highlight des Albums. Danach dann wieder der nachdenkliche Marten Laciny. Mittlerweile zeichnet sich auch thematisch ein klares Schema ab, denn "Eintagsliebe" ist bereits der zweite Track über verflossene Liebe. Dieses Mal ist jene von noch kürzerer Dauer, denn der Rapper holt bereits nach einer gemeinsamen Nacht die "Liebesklatsche" raus. Textlich lebt der Song vom simplen, aber höchst einprägsamen "Fliege/Liebe"-Wortspiel. Julian Williams hat einen unauffälligen Auftritt, rundet den Anspielpunkt mit eingängigen Background-Vocals aber gekonnt ab. Interessant ist hier auch der Gegensatz aus warmen Harmonien im Instrumental und scheinbar emotionaler Kälte im Text.

Dass der Beinahe-Fußballprofi gefühlstechnisch nicht völlig vereist ist, zeigt "Gleich kommt Louis". Auf der Fortsetzung von "Louis", einem Track des Vorgängeralbums, schildert Marteria seine Gedanken in den letzten zehn Minuten vor der Geburt seines Sohnes. Die Ego-Perspektive wurde spannend und innovativ umgesetzt. Ob man im Endeffekt nun aber die neue und nachdenkliche Version oder den energetischeren Vorgänger bevorzugt, ist Geschmackssache. Das lässt sich auch im Allgemeinen über die "ZGIDZ"-Alben sagen. Während Teil eins sich mit einem primär hohen Tempo bewegt und vor Energie strotzt, baut sich der Nachfolger langsam auf und entfaltet seine volle Wirkung erst mit fortschreitender Spieldauer. Mag das Album beim ersten Hören noch etwas schwunglos, streckenweise vielleicht sogar monoton wirken, zeigt es seine ganze Stärke nach dem dritten, vierten, oder vielleicht auch erst zehnten Durchlauf umso effektiver. Exemplarisch sind dafür die am längsten nachwirkenden Tracks der Scheibe, "Glasklar/Herzglüht" und "Welt der Wunder". Letztgenannter entlarvt eindrucksvoll, dass wir ständig auf der Suche nach Abenteuern und vermeidlichen Wundern sind, das größte Wunder von allen aber oft verkennen: das Leben selbst. Das mag sich jetzt unfassbar kitschig lesen, wer den Song dann aber hört, kann dem Protagonisten nur anerkennend beipflichten. Thematisch hat er hier eine Art Rapversion von Sam Cookes Klassiker "Wonderful World" erschaffen, vor der man nur den Hut ziehen kann. Selbiges gilt auch für "Glasklar/Herzglüht": Fast schon philosophisch schildert das Erfolgstrio Marteria, Yasha und Miss Platnum, dass die Dinge, die offenbar jeder begehrt, an allererster Stelle Geld und Ruhm, völlig unwichtig sind, wenn man erstmal wahres Glück erkannt hat. Und das – hier schließt sich dann der Kreis – findet der Interpret in der Zweisamkeit. Diesmal berichtet er nicht von verflossener, sondern anhaltender Liebe, die alle Probleme schrumpfen zu lassen scheint. Auch das klingt kitschig, ist aber textlich so überzeugend verpackt, dass der Song zum besten des Albums avanciert.

"Die Karawanen ziehen weiter und zurück bleiben diese leeren Straßen/
Sich vor die Säue zu werfen, fühlt sich besser an als diese Perlen zu tragen/
Schöne neue Welt – brauchen keine roten Autos, brauchen keine teuren Hotels/
Schöne neue Welt – nichts stellt sich uns in den Weg, sind doch eh alle Bäume gefällt/
"
(Marteria auf "Glasklar/Herzglüht")

Fazit:
Mit "ZGIDZ II" hat Marteria so viel Mut bewiesen wie George McFly, als er Biff einen ordentlichen rechten Haken verpasste. Entgegen der Erwartungen präsentiert er ein ruhiges Album mit teilweise gewagter Themenauswahl, das bei einem weniger begnadeten Texter in klischeebeladener Monotonie geendet wäre. Nicht so beim vielseitigen FOUR Music-Artist, der zahlreiche Puzzleteile zu einem großen Ganzen zusammenfügt, das auch in Jahren nicht an Originalität verlieren wird. Dafür sind die Produktionen zu detailverliebt und die Texte zu aussagekräftig. Dazu strahlt Marteria eine Weitsicht aus, die möglicherweise auch aus seinen vielen Reisen um den Globus resultiert. Um es abzukürzen: "ZGIDZ II" ist ein sehr gutes Album, das mit jedem Hören mehr zu bieten hat. Ebenso auf dem Langspieler enthalten sind die beiden Tracks "Mein Rostock" und "Auszeit", die auf dem Rezensionsexemplar leider fehlten. Es scheint, als hätte Marteria da vielleicht noch eine kleine Überraschung parat ...


Marvin Nix (Woodfellas)



Bewerte diese CD:


Diese Review wurde 16487 mal gelesen
53 Kommentare zu dieser Review im Forum