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Interview: Marteria

veröffentlicht: Mittwoch, 03.09.2008, 13:31 Uhr
Autor: lupa




Model. Schauspieler. Vater. Die Qualitäten des MCs Marteria sind vielfältig. So auch im Rap: Nicht nur als Marteria, sondern auch als Marsimoto steigert sich momentan sein Bekanntheistgrad in Rapdeutschland. Er war 2007 mit Jan Delay auf Tour, wurde bei Four Music unter Vertrag genommen und von Samy gehypet. Uns wurde kürzlich die Ehre zuteil, Marteria gegenüber zu sitzen und mit ihm ein sehr angenehmes und ehrliches Gespräch zu führen. Here we go!


Rappers.in: Bevor wir anfangen, würde ich gern wissen: Wen interview‘ ich hier eigentlich? Marteria oder Marsimoto?

Marteria: Torch. (lacht) Wenn du lustig anfängst, dann kann ich auch lustig antworten!

Rappers.in: Erklär den Lesern doch mal, was das eigentlich so ist – mit dieser Marteria- und Marsimoto-Sache. Wer ist wer und wer macht was?

Marteria: Das sind zwei verschiedene Charaktere. Marteria ist so der normale, langweilige Typ und Marsimoto ist eher der Verrückte. Abgefreakt, mit ner hochgepitchten Stimme. Marsimoto kann einfach Dinge sagen, die andere Leute nicht sagen können. Das Soundbild ist ein bisschen anders – England-orientiert, die Grime-Richtung. So fette Bässe sind ja auch selten in der deutschen HipHop-Szene, in meinen Augen. Marteria ist zwar auch kein klassischer Rap, eher basslastig und verrückt. Aber eben mit ner normalen Stimme.

Rappers.in: Also würdest du Sachen, die du als Marsimoto sagst, als Marteria nicht sagen?

Marteria: Ja. Auf jeden Fall. Marsimoto ist verrückt, der kann ja alles sagen. Marteria kann natürlich auch alles sagen. Aber einen Song aus der Sicht eines Hundehaufens, der in einer Bushaltestelle liegt – so was könnte Marsimoto natürlich viel besser sagen.

Rappers.in: Ich hab mit ein paar Leuten, Stone-Throw-Fans, mal geredet. Manche meinen, dass dein Style schon zu sehr von Quasimoto gebitet wäre – was sagst du dazu?

Marteria: Keine Ahnung von Musik. Also wer das sagt, ist ein Idiot. Bevor das Marsimoto-Album damals rauskam, haben wir ja alles einfach nur aus Spaß gemacht. Der erste Satz auf dem Album erklärt alles: „Quasimoto gibt’s jetzt auch auf Deutsch!“ Und ich hab ja vom Soundbild auch komplett was anderes. Ich hab ja nicht dieses Sample-lastige, zerkratzte. Natürlich hab ich’s geklaut, weil die Stimme hochgepitcht ist. Aber trotzdem ist es ja GUT geklaut! Und ich muss auch sagen, wenn ich ein Hardcore-Stones-Throw-Fan wär, und auf einmal kommt da so’n Typ, der nennt sich Marsimoto… okay, dann hätte ich mir vielleicht auch gedacht: „Spasti, kann nicht sein!“ Aber wenn ich mich dann näher damit befasst und das angehört hätte, würde ich auch sagen: „Okay, das ist gut, was der macht!“ Und ich muss das auch nicht machen – ich kann auch nur Marteria-Sachen machen, aber Marsimoto ist einfach geil. Ich find das lustig und ich mag es einfach, das auszuleben. Ich finde, viele Leuten befassen sich einfach nicht damit – und das ist dann wieder dieses HipHop-Nazi-Ding. Und genau deswegen fahren doch die Leute dann auch zum Melt!, weil dieses Nazi-Denken so krass verbreitet ist: Anti-schwul, anti-dies, anti-das. Das ist doch kacke! Ein Nazi macht das genauso. Wenn jemand sagt, dass Schwule sterben sollen, dann ist das ein Nazi. Nichts anderes. Und HipHop ist leider so eine Rubrik, die gerne solche Leute anzieht. Auch gerne Leute, die dann mal mit ner Knarre in der Schule rumrennen. Diese Leute müssen nicht unbedingt Rammstein hören, die können auch HipHop hören. Ich versuch, das ein bisschen lockerer zu machen, damit die Leute wieder ein bisschen mehr Spaß an der Sache finden.

Rappers.in: Hast du Quasimoto wirklich angerufen und mit dem geredet?

Marteria: Ich hab bei Stones Throw angerufen.

Rappers.in: Also war’s dir auch wichtig, dass der sein OK gibt?

Marteria: Sehr wichtig. Wir haben das ja nur aus Spaß gemacht. Die Leute haben dann gesagt: „Das ist so lustig! Bringt das irgendwie raus!“ Die Juice hätte uns auch ne halbe Krone geben und sagen können: „Ihr seid total whack!“. Dann wär das auch nicht passiert. Dann hätten wir das Marteria-Ding gemacht. Aber Jan Delay ist ja nicht durch das Marteria-Ding auf uns aufmerksam geworden. Samy auch nicht, Banjo auch nicht. Die sind alle nur durch Marsimoto auf uns aufmerksam geworden. Und das wird ja irgendnen Grund haben – so schlecht wird das dann nicht sein. Übrigens – wegen Quasimoto… ich glaub, ich kann mindestens fünf, sechs Jazz-, Soul- und Technogruppen aus den 80gern aufzählen, die hochgepitchte Stimmen benutzt haben.

Rappers.in: MF Doom rappt für die Erwachsenenzeichentrickserie "Aqua Teen Hunger Force" mehrere Tracks. Für welche deutsche Serie würde Marsimoto Tracks machen?

Marteria: Stromberg natürlich, GZSZ, Unter uns, Marienhof, Sportschau… ach ne! Das machen ja Blumentopf. Ich kenn halt keine deutschen Serien. Ich kenn auch keine deutschen Cartoons. Was gibt’s denn deutsches?! Aber natürlich für Familiy Guy, American Dad. Für so was vielleicht!

Rappers.in: Was möchtest du mit deinem kommenden Album erreichen? Fühlst du dich als was Neues im Deutschrap?

Marteria: Das kommt drauf an, ob man mich zum Deutschrap dazu zählt… also das Ding ist so: Ich zähl mich dazu, und ich find das auch cool alles. Aber dadurch, dass man von dieser Szene halt immer wieder enttäuscht wird, nervt sie irgendwann. Und das ist dann das Traurige. Im Endeffekt bin ich mehr Rap als diese ganzen andern. Weil ich einfach alles dafür gemacht hab und alle Elemente durch hab. Und weil ich mich, soweit ich denken kann, für diese Musik interessiere – darum braucht mir auch keiner was erzählen. Auch wenn ich mal n Björk-Album höre, oder Portishead oder Massive Attack und dann diese Einflüsse in meine Musik einbringe, dann nennt man mich gleich Idiot. Das, was hier heute auftritt, ist ja schon diese deutsche Rap-Szene. Aber es gibt da auch Leute wie Sera und so. Die gucke ich dann auch, weil die einfach Rap machen, so Talib Kweli mäßig. Das find ich auch cool. Ich würd auch mal so ein Album machen. Aber so ist der Sound für mich einfach anders grade. Also wir gucken mehr nach England, gucken mehr zu Kano, gucken mehr zu Dizzee.

Rappers.in: Also heißt das, dass du dich auch weiterentwickeln willst?

Marteria: Voll. Also das nächste Album ist ja schon ne ganz krasse Weiterentwicklung. Das kommt am 1. Oktober raus, es ist jetzt fertig und ist ne ganz krasse Weiterentwicklung. Erstens, wer das produziert hat, zweitens, was für Leute drauf sind, drittens, was es für Themen gibt. Das gab’s jetzt so noch nicht. Das sagt natürlich auch immer jeder. Und wenn ich mir dann diese Interviews durchlese und dann die Alben höre, bin ich immer stark enttäuscht. Das ist auch so ein großes Problem. Und ich denke, bei dem Album wird das nicht so!



Rappers.in: Siehst du dich auch in einer Linie mit Madlib? Auch wegen dem Experimentellen in der Musik?

Marteria: Ja, schon. Nur, dass ich halt mehr in Deutschland verkaufe, als Madlib. (lacht) Ja, na klar… logisch – das ist es ja! Einfach offen sein. Natürlich hab ich gebitet und das auch auf dem Album dann ausgelebt – und das war nie was anderes. Einfach mal was probieren. Das ist ja nicht nur Madlib, das ist ja auch Missy, das ist Busta Rhymes. Die mal ein Video anders machen, die mal verrückt sind, die sich mal was trauen, die mal andere Beats picken und andere Dinge machen. Die meisten Beats, die ich picke, die würde doch kein normaler HipHopper nehmen. Die nehmen diese ganzen komischen Dirty-South-Dinge – so was würde ich eben nicht nehmen.

Rappers.in: Ich denke, bis Rapdeutschland mal bereit für Madlib bereit ist... das dauert noch. Darum find ich es eigentlich schon krass, dass es schon so viele Leute gibt, die beispielsweise Marsimoto hören.

Marteria: Naja, Marsimoto ist halt auf jeden Fall kein Massenprodukt. Höchstwahrscheinlich. Ich glaub, bis das wirklich viele Leute hören – das dauert ewig.

Rappers.in: In Deutschland gibt es ja eigentlich momentan zwei Richtungen – die Gangster-Ghetto-Seite und die Backpack-Seite. Da kann man dich ja weniger dazuordnen. Denkst du, dass das auch ein Grund dafür gewesen ist, dass du einen Vertrag bekommen hast und mit Samy tourst?

Marteria: Ich glaub, es ist ganz wichtig für nen A&R bei nem Label, dass die sehen, dass Jan Delay oder so sagt: „Der ist cool!“ Dann hören die da auch drauf. So hart es auch klingen mag, aber wenn ein Casper oder F.R. so was sagt, dann interessiert die das nen Scheiß. Die großen Majors wollen halt alle was für’s Image haben. Das hat man ja auch an Massiv oder so gesehn, dass man da total auf’s Image geht. Daran merkt man dann halt doch, dass der Markt irgendwie tot ist. Das sieht man ja auch am Elektro-Markt. Da gibt’s so Gruppen wie Justice. Justice verkaufen halt mal einfach 1,3 Millionen Platten auf der Welt. Und in Deutschland 7.000. Das musst du dir mal reinziehn! Die verkaufen in Frankreich einfach mal 100.000, die verkaufen in Japan einfach mal 600.000… und in Deutschland 7.000! Dieser Markt ist halt auch im Elektrobereich viel mehr am Arsch als im HipHop-Bereich – wo er schon komplett am Arsch ist! Deswegen macht Savas und Optik ja auch zu. Eigentlich sollten alle Rapper sagen: „Wir hören für drei Jahre auf!“ Und dann sollten die Leute sehen, was sie davon haben. Und es gibt einfach so nen gewissen Kodex. Zum Beispiel auch in England. Dass man die Künstler eben respektiert und deswegen ihre Platten kauft. Das mach ich ja auch. Wenn ich nen Künstler mag, kauf ich seine Platte. Fertig. Ich respektier das, weil ich weiß, dass er davon lebt. Und in Deutschland ist dieser Prozentsatz von den Leuten halt einfach so gering.

Rappers.in: Vielleicht sind ja auch die Styles, die momentan so gefahren werden, einfach die Gründe?

Marteria: Es gibt aber ganz viele Rapper, die richtig talentiert sind, und die einfach nicht rauskommen. Auch Huss & Hodn sind cool. Und auch die haben es verdient, dass man deren Platte kauft. Und auch diese Alteingesessenen. Auch ein Banjo hat es verdient, dass er eigentlich ein Superstar sein müsste. Dass er eigentlich bei The Dome sein müsste. Und es gibt halt immer wieder ein paar, die es packen. Und dann denken alle: „Wenn es einer von tausend schafft, dann kann ich das auch schaffen.“ Ich glaub, dieses Ding ist halt einfach komplett vorbei.

Rappers.in: Dein Label Four Music ist eigentlich eher für Leute bekannt wie die Fantastischen Vier, Clueso und Freundeskreis. Wie passt du da rein?

Marteria: Das ist halt das coolste Label im Moment. Es gibt da auch Leute, die ich feier, trotzdem muss ich ja nicht mit allen cool sein. Und ich muss auch nicht alle Acts, die auf Four Music sind, irgendwie gut finden. Aber das ist ja auch bei keinem anderen Label so. Wenn du zum Beispiel bei Universal bist, bist du auch mit Tokio Hotel auf einem Label.

Rappers.in: Aber es sind ja auch immer viele Leute wirklich Fans von nem Label.

Marteria: Natürlich ist das hier ein Clueso-Label zum Beispiel. Da ist halt Clueso drauf. Und das ist natürlich nicht so hundertprozentig die Musik, die wir machen, was ja auch nicht schlecht ist. Ich mein, viele Leute haben sich einfach so entwickelt, dass sie ihren eigenen Film fahren, und da ist es dann ziemlich egal, auf welchem Label sie sind. Ich mag hier viele Künstler auf dem Label, ein paar eben nicht so. Das ist okay. Aber wenn man bei nem Label ist, dann ist das wie bei nem Arbeitgeber – da steht man halt dahinter, supportet das.

Rappers.in: Fünf Worte, mit denen du dich, Marteria, selbst beschreiben würdest?

Marteria: Überschätzt. (lacht) Scheiße… fünf Wörter. Sachlich. (lacht immer mehr) Cholerisch. Lieb. Mut zum Weinen. Schwul. (Alle lachen)

Rappers.in: Sag doch mal ein paar Worte zu deinem kommenden Album, damit die Leute wissen, womit sie so zu rechnen haben.

Marteria: Ja, es ist ein unglaubliches Album. Sido ist drauf, Olli Banjo, Deichkind… Ferris rappt zum ersten Mal wieder. Nach Ewigkeiten!

Rappers.in: Und zum Schluss noch eine Frage: Wer lebt länger – Marsimoto oder Marteria?

Marteria: Hm. Sagen wir’s ganz einfach so: Das letzte Album wird von Marteria sein.



lupa (Florence Bader)


Gastredakteure:
Polly (www.myspacecom/poebelpueppis)

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