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Review: Marsimoto – Ring der Nebelungen

veröffentlicht: Dienstag, 30.06.2015, 15:34 Uhr
Autor: Felixxl





01. La Saga
02. Tijuana Flow
03. Anarchie
04. An der Tischtennisplatte
05. Meisterwerk
06. Illegalize it
07. Ring der Nebelungen
08. Green Pangea
09. 7 Leben
10. Flywithme
11. Usain Bolt
12. Zecken raus
13. Trippin
14. Back 2 Green


Wenn das Splash-Festival wieder in grünen Rauch gehüllt wird, dann kann es dafür nur eine logische Erklärung geben: Marsimoto ist zurück! Der sympathische Marsianer mit der Piepsstimme liefert uns mit "Ring der Nebelungen" sein nun mehr viertes Album ab. Der Trend spricht dabei für die Qualität des Albums, konnte der Protagonist sich doch bis dato auf jedem Album steigern, das Alter Ego aus Green Berlin immer präziser abzeichnen und vom bloßen Kifferwitz hin zu einem ernst zu nehmenden Künstler etablieren. Der Titel des Albums suggeriert dabei mit seiner Anlehnung an den Wagner'schen Opernzyklus fast schon eine gewisse Art von Epos, deutet mit seinem Wortspiel aber auch auf die altbekannten, verspielten Textqualitäten hin. Kann "Ring der Nebelungen" die Leistung von "Grüner Samt" bestätigen, ihr vielleicht sogar noch eine neue Facette hinzufügen, oder greift sich das Konzept Marsimoto allmählich ab? Ein ums andere Mal lasse ich mich also auf einen musikalischen Urlaub in Green Berlin ein.

"Ich bin Marsi – fahr' in Reggaefarben/
Angemalt im Caddy durch die Straßen, Schafe in Jack Wolfskin Jacken/
Mähen bei mir den Rasen, klären bei mir den Wahnsinn/
Kaufe mir eine Ferienwohnung in Harlem/
"
(Marsimoto auf "La Saga")

Der Einstieg gerät mit knallenden Drums, breiten Synthies und einem atmosphärischen Streichersample trotz einer gewissen Unaufgeregtheit angemessen episch. Hier und da schleichen sich kleine Reggae- und Dub-Anleihen ein, während Marsimoto textlich gewohnt verspielt zum Trip in seine Welt voll fantastischer Geschichten einlädt. Auf den gelungenen Start folgt mit dem im Vorfeld bereits bekannten "Tijuana Flow" ein erstes echtes Highlight: Ein Bläsersample wird in der Strophe von dröhnenden Bässen und einer repetitiven Synthiespur gebrochen, Marsi reitet auf technisch hohem Niveau makellos über den Beat. Nach einer derartigen Eröffnung fühle ich mich in meiner attestierten Steigerung von Album zu Album bestätigt, allerdings müssen die verbleibenden zwölf Titel diesen positiven Ersteindruck weitergehend bestätigen.

"Auf dem Rückweg noch zur Tanke, kauf' meiner Tante/
Zwei von diesen kleinen Porzellanelefanten/
Wenn du dich fragst: 'Worum geht’s in diesem Song?'/
Dann hast du Hiphop nicht verstanden/
"
(Marsimoto auf "An der Tischtennisplatte")

Beim ersten Durchgang konnte ich kaum merken, dass es sich bei "An der Tischtennisplatte" und "Meisterwerk" um zwei verschiedene Titel handelt, so butterweich fließen die atmosphärischen Instrumentals ineinander über. Genau zwischen den zwei druckvollsten Songs des Albums platziert, nämlich "Anarchie" und "Illegalize it", erscheinen diese beiden Titel in ihrem entspannten Erzählstil als angenehmer Gegenpol. Trotz der unterschiedlichen Dynamik der verschiedenen Titel wirkt die Instrumentierung auch an dieser kontrastreichen Stelle wie aus einem Guss, was in Anbetracht der doch recht langen Produzentenliste, namentlich Nobodys Face, The Krauts, Kid Simius, Bendma, Dead Rabbit und Marsi selbst, wirklich erstaunlich ist. Man merkt, dass hier ein gut eingespieltes Team mit einer gemeinsamen Vorstellung am Werk war. Der Protagonist selbst spielt dabei auf sämtlichen genannten Titeln seine Stärken aus, nämlich das Wechselspiel von raffinierten Wortspielen und der Fähigkeit, alltägliche Dinge auf fesselnde Weise aufzuarbeiten. Klar, der Flow kommt weitestgehend ohne größere Spielereien aus, aber gerade diese entspannte Art führt in Kombination mit den sehr sphärischen Klängen des Albums zu beträchtlichem Hörgenuss.

"Ich sitze mit 'ner Packung Salzstangen unterm Zuckerhut/
Gut Portugiesisch sprech' ich schlecht, schlecht Gitarre spiel' ich gut/
Hab meinen ganzen Mut zusammen genommen/
Bin einfach weggegangen, schnell in ein anderes Land geschwommen/
"
(Marsimoto auf "Trippin")

Es fällt zunehmend schwerer, einzelne Titel besonders lobend hervorzuheben, hatte ich doch selten ein Album auf dem Plattenteller, was so stimmig, aber gleichzeitig auch abwechslungsreich ist. Die Beats wechseln spielerisch zwischen knisternden Samples, breitflächigen Synthies und druckvollen Bässen, dabei sorgen Einflüsse aus beispielsweise Reggae und Dub für eine ordentliche Portion Würze. Der Green Berliner passt sich dieser Vielseitigkeit nahtlos an, egal, ob er nun vom Dasein einer missverstandenen Zecke ("Zecken raus") oder packend von seinen bisherigen "7 Leben" berichtet. Die Kunstfigur Marsimoto bietet dabei viel Abwechslung und wird uns als Mann von Weltall präsentiert, ohne dabei jedoch den entspannten Kiffercharme der Anfangstage einzubüßen. Viel eher würde ich sogar so weit gehen zu behaupten, dass der subtilere Einsatz der Drogenreferenzen deutlich ansprechender daher kommt.

Fazit:
Wer Marsimoto bis jetzt nichts abgewinnen konnte, wird auch auf dem neuen Album kein Freund der piepsigen Stimme, kommt doch "Ring der Nebelungen" sogar gänzlich ohne den Einsatz der ungepitchten Stimme des Künstlers aus. Das alleine zeigt schon, wie sicher man sich im Hause der Marsimoto-Crew mit der neuen Platte ist – und das mit Recht. Das Album strotzt nur so vor Innovation und Kreativität: Von packenden Geschichten über unterhaltsame Wortwitze bekommt man hier ein rundum gelungenes Werk auf einem Soundteppich serviert, der in Sachen Verspieltheit und Fantasie den Texten in nichts nachsteht, jedoch stets wie aus einem Guss wirkt. Es mag vielleicht etwas verfrüht erscheinen, an dieser Stelle den Titel für das Album des Jahres ins Spiel zu bringen, aber aus dem bisherigen Halbjahr sehe ich trotz so mancher ansehnlicher Veröffentlichungen wenig, was diesem Album in Sachen Kreativität nah kommt. Das Album trieft vor Hiphop, ohne dabei in einer festgefahrenen Soundästhetik zu verharren. Auf seine Weise gelingt es Marsimoto also durchaus, uns mit dem vierten Album sein eigenes, kleines Epos zu präsentieren.

Felix Bartsch




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