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Review: Mädness & Döll – Ich und mein Bruder

veröffentlicht: Montag, 10.04.2017, 16:49 Uhr
Autor: Antagonist





01. Intro
02. Ich und mein Bruder
03. Passende Zeit
04. Mood
05. Unabhängig
06. High Five
07. Niemals
08. Frag mich nicht
09. Probleme
10. Kein Tag
11. Alright
12. Outro


In einer künstlerischen Sackgasse befanden sie sich beide, die Brüder, die mit ihrem ersten gemeinsamen Projekt eine in ihrer Karriere noch nie dagewesene Öffentlichkeit im Rapkosmos generieren. Natürlich darf der Name des Erfolgslabels Four Music in diesem Kontext nicht unerwähnt bleiben, ohne die so manche Vermarktungsplattform bestimmt ungenutzt geblieben wäre, aber dieses Signing ist hiermit in der Review-Checklist abgehakt, denn hier soll es um die Musik gehen. Davon gab es in den vergangenen Jahren nämlich äußerst wenig zu hören: Mädness gab sich nach seinem Opus "Maggo" dem Dasein als Pattern-Pensionär und Braumeister hin, während sein jünger Bruder, nach "Weit entfernt" zum "Next big thing" auserkoren, an sich selbst und den Erwartungen scheiternd, dahinsiechte und sich den Status des ewigen Talents erwarb. Doch diesen Nullpunkt, der nach dem beruflichen Ausscheiden des Gude-Goutiers eingeleitet wurde, sollte sich als Kickstarter entpuppen. Auf zwei ausschweifenden Touren begleitete man zunächst Audio88&Yassin und dann sogar K.I.Z. und konnte in ausverkauften Hallen für hessische Wertarbeit werben. Getreu dem Stieber-Twins-Bonmonts, "Ich und mein Bruder" versucht das Duo, den großen Sprung nun gemeinsam zu schaffen, mal sehen wie sie sich hierbei anstellen.

Oder denkst du, ich messe Erfolg an dein' Erwartungen?/
Glaubst du, ich geb 'en Fick, wenn jemand sagt, das hier hat Pathos?/
Ich weiß, dass viele dachten, wir kriegen niemals unseren Arsch hoch/
Aber alles gut, meine Mutter sagt immer noch Marco/

Mädness auf "Outro"

Der Anfang ist das Ende; und so stand der letzte wirkliche Song und die textgewordene Bestandaufnahme "Alright" schon in der ersten Aufnahmesession im Thüringer Wald. Mit seiner Reflektion der Vergangenheit, in der bestimmt nicht alles rund lief und dem daraus gewonnenen Credo, dass daran zu zerbrechen die Situation bestimmt nicht verbessern würde, offenbart sich als textliche Blaupause für den weiteren Schaffensprozess. Im hochemotionalen "Kein Tag" beschreiben die Brüder das Aufwachsen ohne den früh verstorbenen Vater, während Mädness hier eine harmonische Hook abliefert, überzeugt auf dem mit Blechbläsern arrangierten Instrumental besonders der zweifelnde Döll, der seine emotionale Verwundbarkeit offen zur Schau stellt. Torky Tork, hier unterstützt von Yassin, schafft hier eine stimmungsvolle Untermalung und demonstriert als Hauptproduzent seine Vielseitigkeit. Deutlich treibender setzt er die MCs auf "Mood" in Szene, dessen Beat den MCs die Möglichkeit bietet, sich aus der Komfortzone zu bewegen und Mädness zu trappigen Anwandlungen wie Döll zum Flexen animiert.

Wenn sich die Qualität eines Rappers in erster Linie darauf beschränkt, den Text durch seinen Vortrag deutlich aufzuwerten, bewegt sich hier besonders Mädness im Olymp. Keineswegs schlecht sind zwar die Lyrics, doch durch die exzellent gesetzten Betonungen mit dunkler Stimme harmoniert er denkbar gut mit den Produktionen. Deutlich getriebener als der abgeklärtere Bruder wirkt Döll, der fast auf jedem Track den zweiten Part nachlegt und sich mit effektvollen Flowpassagen dem Beat wie wenige deutsche Rapper anpasst und der etwas unkonventionelleren Art zu schreiben und seine Reime zu setzen, ein ebenso interessantes Gesamtpaket liefert. Das Aufwiegen der jeweiligen Vorteile zur Leistungsdiagnostik ist für die Beurteilung des Albums ohnehin nicht zielführend, da sich die Qualität des Werks sicherlich aus dem Zusammenspiel des Geschwisterpaares ergibt. Wie für dieses Projekt angemessen lassen die Darmstädter sich in den Strophen von niemandem reinpfuschen und greifen lediglich, um in den Refrains ein bisschen mehr Abwechslung zu schaffen, auf vereinzelte Gesangs-Features zurück. Kein Track zu viel findet sich auf der mit zwölf Titeln auserlesenen Playlist, deren Stimmigkeit sich auch dadurch begründen lässt, dass die Produzenten, etwa Dexter oder Gibmafuffi, zum Inner Circle des Gespanns gehören.

Ich bin noch lange nicht angekommen, doch schätze, so geht es jedem Pendler/
Und sag's mir viel zu oft, doch hoff', ich denk' dran/
Du willst Dinge ändern? Digger, fang' bei dir selbst an/
Und fick die Sucht, fick den Frust, mutterfick die Existenzangst/

Döll auf "Outro"

Fazit:
Einen exzellent gerappten Rahmen bieten die Einleitung und eben das Outro, bei welchem Döll den Kampf mit den eigenen Dämonen sehr treffend zusammenfasst und der dem Schaffensprozess eine gewisse Plastizität gibt. Selten war mir bei einem Album verständlicher, warum es genau in diesem Moment rauskommen musste. Diese Alternativlosigkeit sorgt für eine enorme Authentizität, man frisst den Neu-Berlinern quasi aus der Hand und spürt die Schlaglöcher auf dem bisherigen Lebensweg. Neben dieser Atmosphäre, die man förmlich schneiden kann, vermag es das Brüderpaar auch handwerklich rundum zu überzeugen. Auf smoothe Produktionen flowt das Tandem variantenreich und sorgt somit für eine klassische Rap-Platte, die allerdings in keiner Weise zu puristisch oder rückwärtsgewandt erscheint. Neben "Mood" und dem Titeltrack fehlen mir allerdings ein wenig die treibenden Elemente und auch die Songstrukturen wirken wenig frisch, sodass hier leichte Abzüge in der B-Note anfallen. Nichtsdestotrotz liefern Mädness & Döll eine bemerkenswerte Platte ab, die bei mir sicherlich noch einige skipfreie Durchgänge erhält und einen vielversprechenden Start in die Karriere als Vollzeitrapper verspricht.


Lennart Gerhardt




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