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Review: Mach One – Meisterstück 2: Rock'n'Roll

veröffentlicht: Samstag, 22.09.2012, 22:41 Uhr
Autor: Philipp_





01. Schweinegrippe
02. Intro
03. Alles stimmt
04. Lemminge
05. Junkytown
06. Hier steh ich nun
07. Dr. M
08. Selbstzerstörungsmodus
09. Topfpflanze
10. Sperrt mich ein 2
11. Legendär
feat. Taktloss
12. Brauch ich das
13. Wie Brüder
14. Auch schöne Frauen
15. Melanie
16. Dis is der Lifestyle
17. Nicht von dieser Welt
18. Topfpflanze (Remix)


Es ist in der Musikbranche keineswegs so, dass lange Entstehungsprozesse automatisch zu epochalen Alben führen. Dazu müssen nicht einmal Dr. Dres Opus Magnum "Detox" beziehungsweise dessen bisherige Singles herangezogen werden. Niemand würde bestreiten, dass "Appetite for Destruction" das bessere Guns N' Roses-Album war als das über 14 Jahre entstandene "Chinese Democracy". Die Beatles releasten ihre Meilensteine generell im jährlichen Turnus. Wenn Mach Ones neues Album "Meisterstück Vol. 2: Rock'n'Roll" außer dem Subtitel nichts mit genannten Interpreten gemeinsam hat, so teilt es eine Gesetzmäßigkeit der Musikbranche mit ihnen: Lange Entstehungszeiten fördern nicht automatisch die Qualität, aber erhöhen beinahe immer die Erwartungshaltung. Mit insgesamt sieben Jahren seit dem ersten "Meisterstück" war die Zeit dazu reichlich bemessen und die eigene Bewertung des zweiten Teils hängt in besonderer Weise von der vorher aufgebauten Erwartungshaltung ab.

Der Grundverdienst dieses Albums ist, dass es sich nicht wie die musikalische Sammlung jahrelanger Aufnahmesessions anhört. Das komplette Werk klingt so kohärent und leichtfüßig, als wäre es in einer einzigen Nachtsession aufgenommen worden. Kein Stückwerk, sondern konsequent durchgehaltene künstlerische Linie. Die Grundstimmung kann mit der berühmten 2Pac-Line "I ain't a killer but don't push me" aus "Hail Mary" beschrieben werden: Es geht nicht um die Inszenierung von psychischem Wahnsinn. Stattdessen wird ein Charakter aufgebaut, der nach außen hin rational und beherrscht wirkt, aber jederzeit zerstörerisch werden kann, wenn die entscheidenden Impulse auftauchen und die Balance zwischen Fassade und Wahnsinn aufheben. Mach One inszeniert damit ein Album zwischen seriöser Deepness ("Hier steh ich nun"), kontrolliertem (Drogen-)Wahnsinn ("Junkytown") und uneingeschränktem "Selbstzerstörungsmodus". Der Anspruch wird klar kommuniziert: "Ich mach' Tracks für die Psychos" ("Intro"). Das Interessante dabei ist aber, dass diese Spannung zwischen realen Tracks und Amokattitüde nie unreflektiert ist. Im starken Track "Brauch ich das" wird dies erstmals ausführlicher angesprochen.

"Über die favorisierten Themen soll ich nicht mehr reden/
Aber Geld, Frauen und Drogen bestimmen mein Leben/
Jeden Tag zieht die Sonne über unser'n Planeten/
Und lässt mich abends mit geficktem Kopf zurück/
"
(Mach One auf "Brauch ich das")

Am Ende umfasst die thematische Spannweite wesentlich mehr als Geld, Frauen und Drogen. Die zynischen Storyteller des Albums, "Dr. M" und "Melanie", liefern mehr als nur unterhaltsame Geschichten. Das Virtuose: Der zweitgenannte Track spielt einige Jahre nach dem Therapiegespräch aus "Dr. M" und schildert auf einem Westcoast-Beat den blutigen Weg eines gemobbten Mädchens bis zur endgültigen Abrechnung mit allen Peinigern. Die anderen Tracks mit unterschwelliger Wahnsinnsthematik wie "Lemminge", "Selbstzerstörungsmodus" und (mit Einschränkungen) "Topfpflanze" funktionieren ebenfalls durch diese Verquickung von Humor, Zynismus und inszenierter Unzurechnungsfähigkeit. Ergänzt wird das alles durch die entertainmentlastigen Tracks "Wie Brüder" und "Dis is der Lifestyle". In letzterem geht es um den Kreuzberger (Party-)Lifestyle. Zusammen mit dem Remix von "Topfpflanze" ist es der partytauglichste Track auf dem Album. Als einziges Feature liefert Taktloss in "Legendär" auf einem sehr abwechslungsreichen Beat von Kev Beats eine gelungene Vorstellung ab. Die restlichen Lieder widmen sich realen Themen. Auf dem eindrücklichen "Hier steh ich nun" verarbeitet Mach One einen auf ihn durchgeführten Messerangriff:

"Sie sagen, ich hätte schlecht über sie geredet/
(Nein!) Nicht, bevor sie mich gestochen haben, im Gegenteil/
Wie auch immer, jetzt ist mein Leben gefickt/
Denn seitdem vermut' ich Gegner hinter jedem Gesicht/
Und hier in der Gegend leben ist nicht leichter geworden/
Doch ich geh' nicht weg, scheiße, ich wär' beinah gestorben/
"
(Mach One auf "Hier steh ich nun")

Mit "Meisterstück Vol. 2" wird Mach One wenig neue Fans gewinnen, aber auch keine alteingesessenen Anhänger enttäuschen. Das ganze Album ist vielseitig geworden und bietet von Storytellern bis hin zu Underground- und elektronischen Partytracks eine breite Palette an Stilen und Variationen. Inhaltlich gibt es keinen roten Faden, aber die einheitliche Atmosphäre und Stilistik hält das gesamte Album zusammen. Wenn es doch auf ein zentrales Thema heruntergebrochen werden soll, dann ist es Mach One persönlich mitsamt seiner Selbstinszenierung zwischen Drogen, Wahnsinn, Selbstbehauptung und Kreuzberger Lifestyle. Wer Mach One feiert und sich auf diesen Stil einlassen kann, wird nicht enttäuscht. Wer Conscious-Rap oder klassischen Battlerap braucht, um ein Album nicht nach fünf Minuten durchzuskippen, wird dieses Album sehr schnell weglegen. Alles steht und fällt mit dem Charakter Mach One. Insgesamt gilt daher, dass "Meisterstück Vol. 2" weder Revolution noch Kopie des Vorgängers ist. Zu keiner Zeit besitzt das Album diesen Anspruch und dafür ist es auch im Grunde weder innovativ noch feinfühlig genug. Die Beats von Mach One und Kev Beats schaffen eine simple, aber effektive musikalische Grundlage für ein insgesamt unterhaltsames Gemisch aus Zynismus, Realitätsschau und wahnwitziger Selbstdarstellung. Musikalisch und inhaltlich ist alles fein abgestimmt: epische Arrangements für deepere Tracks ("Nicht von dieser Welt"), straighte Underground-Beats ohne Spielereien ("Dr. M", "Lemminge") und an einigen partytauglichen Stellen Elektrosound ("Topfpflanze (Remix)"). Alle Beats sind eingängig, klischee- und – in der Überzahl auch – überraschungsfrei. Das gilt ebenfalls für einen Teil der Hooks, die mehr einfallslos als ohrwurmtauglich ausgefallen sind ("Junkytown", "Dis is der Lifestyle"). Auch die deepen Tracks sind nur eingeschränkt emotional und erschweren den ohnehin nicht einfachen Zugang zu "Meisterstück Vol. 2". Aber das sind weniger klare Defizite als unterschwellige, wenn auch relevante Einschränkungen eines im Ganzen gelungenen Konzepts und würdigen Nachfolgers des ersten Teils. Es muss nach sieben Jahren ja auch gar nicht alles gleich epochal sein.


(Philipp_)





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