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Review: Lupe Fiasco – DROGAS Light

veröffentlicht: Montag, 05.06.2017, 15:59 Uhr
Autor: baurau





1. Dopamine Lit (Intro)
2. NGL
feat. Ty Dolla $ign
3. Promise
4. Made In the USA
feat. Bianca
5. Jump feat. Gizzle
6. City of the Year feat. Rondo
7. High (Interlude) feat. Simon Sayz
8. Tranquilo feat. Big KRIT & Rick Ross
9. Kill feat. Ty Dolla $ign & Victoria Monet
10. Law feat. Simon Sayz
11. Pick Up The Phone feat. Sebastian Lundberg
12. It's Not Design feat. Salim
13. Wild Child feat. Jake Torrey
14. More Than My Heart feat. Rxmn & Salim

Lupes Karriere, seien wir ehrlich, war bislang eher ein Fiasko, dafür braucht man keine Lupe. So, 2 Cents in die Bonmot-Kassa, leider stimmt es aber: Was hätte man 2007 nicht gewettet, dass dieser Fiasco 10 Jahre später ein XXL-Superstar der West-Riege wird. Popappeal, künstlerische Relevanz, the looks, alles da. Stattdessen kennen wahrscheinlich sogar mehr Leute Roc Marciano. Nach starkem Debüt folgte ein qualitativer Abfall und künstlerischer Stillstand. Mit "Tetsuo & Youth" gelang Lupe aber vorletztes Jahr ein zwar inhaltlich wirres und wenig kohärentes Werk, aber insgesamt konnte das Album aufgrund seiner Rückbesinnung und Fokussierung auf die MC-Qualitäten des Chicagoers überzeugen. Er hat zumindest etwas seiner früheren Leichtigkeit im Flow wieder erlangt, deshalb hat er es nach den strengen r.in-Auswahlkriterien auch wieder in den Review-Relevanzpool geschafft.
Schaut man sich "DROGAS Light" an, wird man zunächst das Gefühl nicht los, Lupe habe auch hier eine seiner üblichen Lapsi begangen: Prätention. Cooles asiatisches Schriftzeichen auf dem Cover, DROGAS muss groß geschrieben werden, soll Teil einer abgespaceten Trilogie werden und ist laut Künstler irgendwie auch eine Fortführung des 2011er-Albums "Lasers". Wirkt alles bedeutungsschwanger, aber eines von Lupes Problemen war es, dass er für jemanden, der viel zu sagen haben will, einfach kein Thema findet. Gleichzeitig betont er selbst, dass das Album zusammengebastelt sei aus teilweise älteren Songs und er dem Werk selber 7/10 gebe – immerhin erfrischend offen. Aber warum dann das Ding als Start einer Trilogie benutzen? Kennt jemand eine Trilogie, nach der sich die Leute dachten "hey, das erste war scheiße, aber fuck, bin ich geil auf die beiden nächsten Teile, gimme gimme gimme"? Siehe Mass Effect und alle Spiele von Ubisoft: Man muss am Anfang gut sein, andersrum ist schwierig.

Davon lassen wir uns aber nicht beirren und hören uns stattdessen "Dopamine Lit (Intro)" an. Und da sieht man, was diesen Rapper eigentlich so auszeichnete, warum man überhaupt mal dachte, dass aus dem mal was wird, nämlich sein wahnsinnig melodischer Flow und intelligente Texte:

'Less I'm thinkin' 'bout the money, I can't concentrate/
Don't talk if you ain't ball enough to commentate, yeah/
That's a Super Bowl every time I contemplate

(Lupe Fiasco auf "Dopamite Lit (Intro)")

Lupe scheint an seine wiedererweckte Freude am Rap anknüpfen zu können, er schwimmt wieder so durch die Songs, wie man es von "Paris, Tokyo" oder "The Coolest" vor langer Zeit gewohnt war. Das Beste aber ist, dass der Song sogar einen vernünftigen Beat hat und das ist auf allen Vorgängeralben ein gewaltiges Manko gewesen. Austauschbares Produzentenstückwerk, das seinen Teil dazu beitrug, dass Lupe nicht zu einem eigenen Stil finden konnte. Und leider finden sich diese musikalischen Totausfälle auch auf "DROGAS Light", denn "Promise" könnte jeder Hanswurst mit 10-Minuten-Ableton-Einführung zusammenbasteln und dementsprechend lustlos wirkt der Rapper auf dem Song, ja sogar beim Texten:

I try keep it peaceful, I try keep it peaceful/
And stay away from people, I stay away from people/
Be solo, be solo, my niggas is gone (yeah)/
When I'm not in the streets you can find me at home

(Lupe Fiasco auf "Promise")

Das kann man samt Autotune-Geträller als Zugeständnis an die Future-Gegenwart (get it?) werten. Leute wie eben Future feilen an diesem ihren Stil aber ewig und selbst dann ist er oft cheesy Müll. Das als alter Sack mal eben nachmachen zu wollen, muss ja in die Hose gehen. Diese Dualität zieht, also der Gegensatz der wie oben erwähnt wieder stärkeren, souveräneren Delivery und dem stilistischen Irrlichtern, zieht sich durch das gesamte Album: Songs mit starker Instrumentierung, die Lupes Delivery auch entgegenkommt, indem sie seinem distinktiven Singsang-Rap einen offenen, aber melodischen Rahmen schafft, wechseln sich ab mit missratenen Songs, bei denen man merkt, dass die grundsätzliche Idee, diese eine gute Hook, dieses eine gute Sample, einfach dieser eine zündende Gedanke, um den man normalerweise einen Song herumbaut, fehlte. Dieser Mangel fiel den Prouduzenten und/ oder Lupe sogar auf, denn das wäre eine Erklärung dafür, warum die Songs so heterogen sind und deutlich spürbar ist, dass jedem Lied irgendein Stempel aufgedrückt werden sollte. Bei "Jump" mit der starken Gizzle, "Kill" und "Law" geht die Rechnung auf, da ihr komplexer Aufbau Fiasco als MC herausfordert - das sind eigentlich wirkliche schwierige zu berappende Beats, mit Tempiwechsel und komplexen Strophenstrukturen. Aber als der gute Rapper, der er ja eigentlich ist, kriegt Lupe das hin und brilliert dabei teilweise sogar auf ungewohntem Feld, denn "Kill" ist eigentlich R'n'B, in dem der Rapper trotzdem seinen Flow, hier nur langsamer, ausbreiten kann. Auf der anderen Seite stehen Totalausfälle, in denen man sich auf einem anderen Album wähnt: "City of the Year" ist so verkrampft hymnenhaft, dass man teilweise meint, eine Persiflage zu hören. Der Beat 0815, der Rap offenkundig gelangweilt, der Refrain wie für Kleinkinder geschrieben. "Tranquillo" ist ein fürchterlicher Song, auf dem Lupe sich merklich unwohl fühlt. Der Refrain wiederum außergewöhnlich grauenhaft, der Beat wie aus einem voreingestellten Keyboard-Loop, die Lyrics wie hingerotzt. "Pick Up The Phone", das mit dem großartigen The-Notwist-Song leider nicht viel gemein hat, sondern sich wie eine verunglückte Ty Dolla $ign-Hommage anhört (viel mehr als "NGL", bei dem er tatsächlich featured), auf der Lupe hilflos während des Refrains "yay" grunzt, um auch mitmachen zu dürfen, ist dann der absolute musikalische Tiefpunkt. Einen inhaltlich wie auch immer gearteten roten Faden gibt es übrigens mitnichten, auf den starken Songs hält Fiasco aber das textliche Sprachniveau mit einigen starken Lines, der Rest fällt inhaltlich und sprachlich ab. Indiskutabler Sido-Scheiß und textlicher Tiefpunkt: "More Than My Heart", in dem die Mütter dieser Welt mit pathetischem Schmalz bedacht werden.

Fazit:
So bleibt es nach dem Hören eines Lupe Fiasco-Albums erneut bei einem frustrierenden "Rap doch einfach, weil du könntest es ja"-Fazit. Stilistisch wild und von einer ganzen Produzentenriege verantwortet, aber von den Einzelteilen nichts wirklich durchgezogen, bleibt der Eindruck eines Rappers, der seinen künstlerischen Fokus verloren hat, zurück. Von jemandem, der sich nicht entscheiden kann, ob er jetzt wirklich Rap machen möchte, oder doch dieses neue Ding, das die Kids hören – der sich aber nicht sicher ist, was dieses neue Ding ist, halt irgendwie mit Autotune und Leuten mit bürgerlichen Namen als Künstlernamen, die die Vokale in den Refrains möglichst lange strecken. Als Deutschrapper würde das wahrscheinlich für einen Echo reichen, in den USA geht er aber zurecht unter damit. Zumindest sucht er ihn anscheinend noch, seinen Stil, das ist ja zu befürworten. Allerdings kann er uns nicht böse sein, wenn wir erst wieder in drei Alben nachhören, ob er ihn gefunden hat, denn die Suche ist einfach zu frustrierend mit anzuhören. Zu guter Letzt ist festzuhalten, dass thematisch nicht zu erkennen ist, wie "DROGAS Light" Einstieg in eine Trilogie sein soll, inwiefern hier ein konzeptueller Rahmen für ein Magnus Opum geschaffen worden sein soll. Ganz im Gegenteil hat Lupe recht, wenn er dieses Album mit "Lasers" vergleicht – eine ungare Single-Sammlung ohne Herz, die weit hinter ihrem Potential zurückbleibt.



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