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Review: Lil Xan – Total Xanarchy

veröffentlicht: Dienstag, 10.04.2018, 16:35 Uhr
Autor: No My Name Is Maxi





01. Who I Am
02. Wake Up
03. Tick Tock feat. 2 Chainz
04. Diamonds
05. The Man feat. Steven Cannon
06. Saved by the Bell
07. Moonlight feat. Charli XCX
08. Shine Hard feat. Rae Sremmurd
09. Round Here feat. YG
10. Basically
11. Deceived
12. Betrayed
13. Slingshot
14. Far
15. Betrayed (Remix) feat. Yo Gotti & Rich The Kid

Spätsommer 2017: Das Video zu Lil Xans Song "Betrayed" wird auf Cole Bennetts YouTube-Kanal hochgeladen. Ein paar Monate später tritt der 21-jährige im Zuge seiner" Total Xanarchy"-Tour, die in weniger als fünf Stunden ausverkauft war, in ganz Nordamerika auf, kann über 150 Millionen Aufrufe auf seinem Breakthrough-Song "Betrayed" vorweisen und auch sein Debütalbum steht in der Pipeline. Und er ist kein Einzelfall: Auf dem Kanal des Video-Produzenten Cole Bennett werden fast monatlich neue Rap-Shooting-Stars geboren, die alle bisher konventionellen Phasen in der Karriere eines Rappers überspringen – Lil Xan hatte vor der Veröffentlichung von "Betrayed" kein kostenloses Mixtape veröffentlicht, hatte keine Live-Erfahrung und generell waren nur wenige oberflächliche Informationen über den Werdegang des Künstlers bekannt. Umso überraschter waren wohl die, die beim Klick auf das Video zu "Betrayed" aufgrund des Namens einen weiteren Benzodiazepine verherrlichenden Mumble-Rapper erwarteten, dass Diego die negativen Seiten seines Drogenkonsums beschreibt und mit fokussiertem Songwriting plus routinierten Flows punktet. Gerade zum Zeitpunkt, an dem Lil Peep aufgrund einer Schmerzmittel-Überdosis stirbt und die Opioid-Epidemie ein großes Problem in den Staaten darstellt, traf er den Zahn der Zeit und rief sein Anti-Xanax-Movement ins Leben, dessen Leitthema die Hook von "Betrayed" darstellt.

Xans don't make you/
Xans gon' take you/
Xans gon' fake you/
And Xans gon' betray you/

(Lil Xan auf "Betrayed")

Mit seinem Debütalbum "Total Xanarchy" wird Diego auf die Probe gestellt. Mitten im Hype nämlich hagelt es seit einigen Wochen reichlich Kritik von HipHop-Fans, nachdem er 2Pacs Musik als langweilig bezeichnet hatte; nun hat er die Chance, diese Kritiker mit seiner Musik doch zu überzeugen. Darüber hinaus pries er das Album in einem Radiointerview schon hoch an und bezeichnete den Sound als ausgereift und unerwartet – hohe Töne also für ein Debütalbum.
Doch gleich auf dem Intro "Who I Am" lässt der Künstler sein ganzes Appeal liegen und rappt gelangweilt über das ohnehin schon simple, monotone Instrumental vom Hausproduzenten Bobby Johnson. Durch das teilweise Recyclen der Hookline von "Betrayed" wirkt der Song eher wie ein Versuch, eine zweite Version dieses Tracks zu erschaffen, als ein animierendes Intro. Auch die folgenden vier Anspielstationen missen jegliche Highlights. Während man bei "Betrayed" noch davon überrascht war, dass Lil Xan kein generischer SoundCloud-Rapper ist, verkörpert er zum Auftakt seines Debüts genau das Klischee. Obwohl sich Diego gegen die Glorifizierung von Drogenkonsum wehrt, kommt die Hookline von "Wake Up" wie eine Ästhetisierung des Lebens als Drogensüchtiger daher, gerade in Verbindung mit dem psychedelischen, das Problem nicht ernst nehmend wirkende Video. Die Distanzierung von diesem Lifestyle, die dem Künstler seinen Hype bescherte, lässt vergeblich auf sich warten.

Ayy, I wake up, I throw up, I feel like I'm dead/
Ayy, I wake up, I throw up, I feel like I'm dead/
Ayy, I wake up, I throw up, I feel like I'm dead/
Ayy, I wake up, I throw up, I feel like I'm dead/

(Lil Xan auf "Wake Up")

Erst auf "Saved By The Bell" kann sich Lil Xan noch mal fangen: Ein beschwingtes, sommerliches Sample und melodisch-eingängiger, fokussierter Stimmeinsatz sowie hypende AdLibs sorgen für ein großes Hit-Potential, das insbesondere im Kontext der vorangegangen Tracks erfrischend wirkt – auch wenn die Lyrics nicht über ein typisches "Schaut her, Lehrer, aus mir ist doch was geworden" hinausgehen. Der Höhepunkt des Projektes ist "Deceived", einer der beiden angekündigten Folgesongs von "Betrayed", auf welchem Diego alle seine Stärken vereint. Die Synergie mit Bobby Johnsons Instrumental sorgt für einen träumerischen, entspannten Vibe, der lyrisch durch negative Impressionen aus seinem Leben als Shooting-Star getragen wird. Durch den nahtlosen Übergang in "Betrayed", das eine ähnliche Instrumentierung aufweist und auch textlich daran anknüpft, wird die Wirkung der beiden Tracks nochmals untermalt. Auch wenn nach den ersten fünf Songs das Niveau deutlich gehoben wird, gibt es auf den verbliebenen elf Anspielstationen ebenfalls einige Tiefpunkte: Allen voran "Moonlight", ein Track, der insbesondere wegen seines Features mit der englischen Pop-Sängerin Charli XCX als potentieller Hit gehandelt wurde und deshalb umso mehr enttäuscht. Bereits das Instrumental von G Koop und DJ Fu wirkt uninspiriert und unmotiviert; das Gitarren-Sample erinnert an Lil Waynes Gitarren-Solo auf "Leather So Soft" und geht im Mix total unter. Darüber hinaus sind die Drumpatterns absolut generisch und die Baseline in der Hook wirkt unpassend. Ironischerweise steigt Lil Xan mit der Line "Ayy, on my Post Malone shit" ein, womit er den Song aber nur halb beschreibt: Viel mehr ist es ein Versuch, Post Malones "Go Flex" zu kopieren, der aber in allen Punkten, die dem Original zum Hit-Status verhalfen, kläglich scheitert. Charli XCXs durchgängiges Doublen in der Hook nervt spätestens bei der ersten Wiederholung und auch die Autotune-Bearbeitung ihrer Stimme klingt nicht nur unrund, nein, nimmt sogar sämtlichen Charakter aus dieser – obwohl sie auf vergangenen Projekten schon bewies, dass sie genau dadurch normalerweise ein experimentelles und individuelles, aber vor allem rundes Soundbild kreieren kann.

I be on my superhero, baby/
Let's just fly away/
Go away/
If you broke my heart, I hope you go away/

(Lil Xan & Charli XCX auf "Moonlight")

Was bleibt nach 16 Songs mit insgesamt knapp 43 Minuten Laufzeit? "Total Xanarchy" ist das reinste Chaos. Man sucht nicht nur vergeblich nach einem roten Faden; auch die Tatsache, dass fast jeder Track von einer anderen Person gemixt und gemastert wurde, wirkt sich negativ auf das Soundbild aus. Hat man sich gerade auf ein typisches Mumble-Rap-Album eingestellt, überrascht er mit sommerlichen Songs, die kurz darauf aber wieder in club-taugliche Tracks oder auch aggressive Trap-Banger übergehen. "Total Xanarchy" klingt wie der Versuch, jeden seiner Hörer zufriedenzustellen, vom Lil-Pump-Fan über den Clubgänger bis hin zum jungen Erwachsenen, der durch Lil Xans Anti-Xanax-Movement auf ihn aufmerksam geworden ist und textlichen Tiefgang von ihm erwartet. Genau dadurch scheitert er aber daran, ein kohärentes Album zu liefern, das zumindest Ansätze eines Album-Charakters aufweist. Kritiker wird Diego mit diesem Projekt auf keinen Fall überzeugen können und Fans werden zwar einige Songs herauspicken und sich an diesen erfreuen, aber durchgängig begeistern wird er wohl nur die allerwenigsten. Ganz übel nehmen kann man es ihm ja nicht: Lil Xan erlangte über Nacht einen riesigen Hype, ohne zuvor ein Mixtape veröffentlicht zu haben und ohne seinen Stil gefunden zu haben. Ein bisschen erinnert die Situation an die von Desiigner: Gerade erfolgreich geworden, muss schnell das erste längere Projekt her und unter dem Druck entsteht ein unfertig wirkendes, halbherziges Album. Diego beweist an einigen Stellen, dass er Potential besitzt und durchaus Standout-Tracks produzieren kann, aber bis er dieses vollständig ausschöpfen kann, ist es noch ein weiter Weg.


(Maximilian Krupp)



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