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Review: Lil Peep - Come Over When Youʼre Sober Pt. 2

veröffentlicht: Sonntag, 11.11.2018, 19:11 Uhr
Autor: No My Name Is Maxi





01. Broken Smile (My All)
02. Runaway
03. Sex With My Ex
04. Cry Alone
05. Leaninʼ
06. 16 Lines
07. Life Is Beautiful
08. Hate Me
09. Idgaf
10. White Girl
11. Fingers

2. November 2018: Knapp 30 Medienvertreter und Fans haben sich in einem Hamburger Club zusammengefunden, um vor dem Release im Zuge einer privaten Listening-Session Lil Peeps neues Album "Come Over When Youʼre Sober Pt. 2" zu hören — einen Tag nach seinem Geburtstag und circa zwei Wochen vor seinem ersten Todestag. Das Cover seines ersten posthumen Albums wurde an die Wände projiziert, im Eingangsbereich war eine Leinwand, die an seine Mutter geschickt wurde, für Nachrichten an Lil Peep oder Erinnerungen an ihn aufgestellt, während des Listenings wurden von allen Anwesenden Kerzen angezündet und der Produzent des Projektes, smokeasac, war anwesend und wurde für seine Arbeit am Album in Gesprächen mit Fans von ihnen gelobt. Kurz gesagt: Die Atmosphäre war durchweg wholesome. Aber dennoch fühlt sich eine solche Listening-Party ein bisschen paradox an — kann ein Release wirklich gefeiert werden, wenn der Interpret so jung verstorben ist? Gerade im Fall von "Come Over When Youʼre Sober Pt. 2" ist diese Frage gerechtfertigt, denn auf nahezu jedem Song befinden sich Lyrics, die nach seinem Tod an einer Fentanyl-Überdosis umso erschreckender und makaberer wirken.

Tell the rich kids to look at me now/
(...)I donʼt wanna die alone right now/
I just did a line of blow right now

(Lil Peep auf "Cry Alone)

There comes a time when everybody meets the same fate/
I think Iʼma die alone inside my room

(Lil Peep auf "Life Is Beautiful")


Bereits der erste Track verrät, dass "Come Over When Youʼre Sober Pt. 2" zum Glück nicht der befürchtete Cash-Grab, der hauptsächlich der Kapitalisierung eines Todes dient, sondern die logische, von Peep gewollt wirkende Fortsetzung des ersten Teils ist. Nach einem düsteren, beklemmenden Intro setzt die Hook ein – und zeigt gleich die größte Veränderung zu Lil Peeps Vorgängerwerken auf: Seine charakteristische Wall-of-Sound, die durch exzessives Vocal-Layering – auf seinen ersten Projekten hat er bis zu zwölf Audiospuren in GarageBand übereinander gemischt – sowie haufenweise Reverb entstand und gerade auf "Hellboy" für Bedroom-Punk-Vibes sorgte, wurde gegen einen glatteren Mix eingetauscht; eine Entwicklung, die bereits auf "Come Over When Youʼre Sober Pt. 1" begann und nun stringenter fortgeführt wurde, ohne dass es so wirkt, als würde sich Peep auf dem Album von seinen musikalischen Wurzeln gänzlich entfernen. "Broken Smile (My All)" klingt mitreißend, hymnenartig und ist für seine Rolle als Einleitung der Reise durch Lil Peeps Gedankenwelt in seinen letzten Lebensmonaten, die von Suizidgedanken und Beziehungsproblemen geprägt waren, perfekt geeignet.

She was the one with the broken smile/
Now that itʼs done, she was the one

(Lil Peep auf "Broken Smile (My All)")

"Come Over When Youʼre Sober Pt. 2" punktet vor allem mit seiner bedrückenden Atmosphäre, die den Umständen des Releaes geschuldet ist. Bereits drei Wochen nach Lil Peeps Tod fing smokeasac an, das Projekt immer wieder zu teasen, wodurch über ein Jahr hinweg ein riesiger, immer größer werdender Hype entstand. Nach den Toden von XXXTENTACION und Mac Miller, die ebenfalls haufenweise unveröffentlichte Songs aufgenommen haben und deren Projekte früher oder später auch noch folgen, stiegen die Erwartungen nochmals an – als erstes posthumes Release eines Rappers, dessen Wurzeln in der SoundCloud-Rap-Szene liegen, sollte es ein Exempel werden; ein How-to zum Thema, wie mit unveröffentlichter, nicht fertiggestellter Musik verstorbener Künstler im Streaming-Zeitalter umgegangen werden soll. Innerhalb der letzten zwölf Monate wurden aus unausgereiften Song-Skizzen vollständige Tracks. Egal ob es der melancholische Regenfall-Breakdown auf "Runaway", das neu hinzugefügte, träumerische Gitarren-Riff auf "16 Lines" oder der zu den Lyrics passende Beat-Drop auf "Idgaf" ist — "Come Over When Youʼre Sober Pt. 2" strotzt nur so vor einer Detailverliebtheit, die man auf dem ersten Teil noch vermisst hat. Im Vergleich zu seinen Vorgängern glänzt dieses Album mit einer klaren Songstruktur, von der Peeps eingängige Vocals durchweg profitieren. Das Potential der vielen Hooks mit hohem Ohrwurm-Faktor wird durch Wiederholungen mit verändertem Instrumental oder Scratches vollständig ausgeschöpft; und wenn mal keine Vocals für eine Bridge oder ein Outro vorhanden sind, wurden neue Gitarren-Riffs oder Baselines hinzugefügt, die für eine sinnvolle musikalische Dramaturgie sorgen. Es wurde sich die Zeit genommen, jeden einzelnen Track auszuproduzieren, ohne so schnell wie möglich den Hype nach dem Tod mitzunehmen.

I was dying and nobody was there/
Please donʼt cry, baby, life ainʼt fair

(Lil Peep auf "Runaway")

Auch wenn Songs wie "Hate Me" oder vor allem "Fingers" eher durch Upbeat-Trap-Instrumentals und Pop-Punk-Vibes à la blink-182 bestechen, steht über diesen wie auch allen anderen Tracks des Albums eine traurige, zartbittere Grundstimmung, durch die viele Texte noch mal eine ganz andere, tragische Bedeutung bekommen. Wie auch auf früheren Projekten fangen die Lyrics in erster Linie ungefiltert Peeps Lifestyle und seine Gedanken ein. Ohne Wert auf poetische Formulierungen zu legen, erhält der Hörer einen dafür umso authentischeren, greifbarer wirkenden Einblick in Lil Peeps späte Gedankenwelt, in der Suizidgedanken und Beziehungsprobleme eine ebenso große Rolle spielten wie der Umgang mit dem immer größer werdenden Erfolg und Polizeigewalt — Lyrics, die für viele seiner Fans relatable sind und damit den Zeitgeist seiner Generation einfangen.

Theyʼll kill your little brother and theyʼll tell you heʼs a criminal/
Theyʼll fuckinʼ kill you too, so you better not get physical
(Lil Peep auf "Life Is Beatiful")

Sobald Trap-Drums mit Emo- oder Punk-Samples verbunden werden und sich die Interpreten in den Lyrics von einer verletzlichen, melancholischen Seite zeigen, fällt ein Künstler mittlerweile schon unter das Subgenre Emo-Trap. Mit dem Hype von Juice WRLD erlebt es gerade seinen kommerziellen Höhepunkt, aber dennoch hat die musikalische Entwicklung des Subgenres mit den Toden von Lil Peep und XXXTENTACION, die zu dieser Zeit die Vorzeige-Vertreter des Stil waren, abrupt geendet, noch bevor es so richtig im Mainstream angekommen war. Auch wenn jetzt Major-Labels mit unzähligen Industry-Plants, die nichts weiter als Copycats sind, versuchen, vom Hype zu profitieren, stagniert Emo-Trap seit über einem halben Jahr. Mit "Come Over When Youʼre Sober Pt. 2" erreicht das Subgenre deshalb seinen musikalischen Höhepunkt: Die Songs sind ausgereifter und ausproduzierter als bei XXXTENTACION, die Vocals weniger glattgebügelt als bei Juice WRLD und die Vocal-Patterns weniger repetitiv und vorhersehbar als bei Trippie Redd. Von den ersten Sekunden des düsteren, geheimnisvoll wirkenden Klavier-Intros auf "Broken Smile (My All)" bis zum träumerischen, idyllischen Outro auf "Fingers", das durch majestätische Gitarren-Riffs mit viel Reverb für einen erinnerungswürdigen Abschluss des Albums sorgt, wirkt kein Song wie ein Filler und kein Instrument, das erst nach Peeps Tod ins Instrumental hinzugefügt wurde, deplatziert. "Come Over When Youʼre Sober Pt. 2" hat dadurch tatsächlich das Potential, eine Art Exempel-Status für zukünftige posthume HipHop-Releases zu bekommen — es wurden keine willkürlichen Pop-Features oder andere musikalischen Elemente hinzugefügt, die Lil Peeps Stil entfremden würden. Viel mehr hat smokeasac die Weiterentwicklung von Peeps Sound übernommen, die der Interpret selbst nie vollenden konnte.

Iʼm not gonna last here/
Iʼm not gonna last long

(Lil Peep auf "Fingers")

(Maximilian Krupp)



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