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Review: Lea-Won – Sich hinter Glas verstecken

veröffentlicht: Donnerstag, 08.03.2012, 17:31 Uhr
Autor: Philipp_





01. Gemischte Gefühle
02. Definitionsmacht
03. Bruchstück
feat. Tapete
04. Zeichne Zeichen feat. Qwer
05. Das innere Kind
06. Neben
07. Rache Projektil
08. Lückenfüller
09. Schätze/Ventil
10. Wir in allem
11. Alles zitternd
12. Ich zählte und wurde traurig
feat. blank
13. Die absolute Freiheit

Sich hinter Glas zu verstecken, schafft Distanz, aber keine Unsichtbarkeit. Die eigene Persönlichkeit bleibt unnahbar, aber nicht unerreichbar. Was immer Lea-Won mit seinem Albumtitel bezweckte, die Metapher trifft das inhaltliche Spannungsfeld dieses Albums sehr präzise. Es ist ein Album der stilistischen Unangepasstheit. Keine eingängigen Beats, keine singbaren Refrains, keine Songs mit Verkaufscharme. Kein Track mit eingängiger Message oder gewolltem Singlepotenzial. In Kürze: kein Mainstream, keine Einfachheit, kein Anbiedern an musikalische oder textliche Rap-Konventionen. Anders sein als Markenidentität, vorgetragen auf 13 Songs im Spannungsfeld zwischen Selbstreflexion, politischem Zweifel und der Suche nach innerer Freiheit. Der erste Track, "Gemischte Gefühle", zwischen politischer Resignation und persönlicher Aufbruchsstimmung: "Wenn hier schon alles zu spät ist und die Utopie für immer verloren, wieso kann ich sie denken?" Das ist so philosophisch wie politisch, persönlich wie gesellschaftlich gemeint, und über das ganze Album wechseln sich diese Themen ab. Manche Tracks sind gleichzeitig persönlich und politisch. Zum Beispiel "Bruchstück" mit Tapete über die Frage persönlicher Freiheit in der heutigen Gesellschaft:

"Die Mauern wurden von uns gebaut, mit unseren Händen/
Jetzt sind sie so hoch, es ist einfach, sie gegen uns zu verwenden/
Die Mauern sind so hoch, so hoch wie unsere Götter/
Selbst wenn sie fallen, werden sie uns noch zerschmettern/
"
(Lea-Won auf "Bruchstück")

Persönliche Freiheit jenseits von jeder Einflussnahme zieht sich als einer der vielen Leitfäden in diesem thematischen Spannungsfeld auch durch weitere Songs. Auf "Lückenfüller" heißt es programmatisch: "Ich mach' nichts mehr nach – und hab nicht vor, so zu werden, wie alle anderen sind". Der längste Track des Albums, "Das innere Kind", widmet sich der Spannung zwischen Erwachsensein und dem stets präsenten Drang nach kindlicher Freiheit jenseits von Kategorien und rationalen Schemata. Kritisch, tiefgehend und irgendwo zwischen kaltem Pessimismus und persönlichem Fingerzeig. Die Spannung löst sich nicht auf, das Kind hat sich versteckt, aber es verschwindet nie. Es ist ein Teil des Selbst und die eigene Persönlichkeitsfindung in der Abgrenzung zu Anderen bleibt schwierig:

"Ich habe Andren sehr lange sehr vieles vorgeworfen/
Bis ich merkte, selbst die, die ich liebte, waren so geworden/
Am Ende stand ich ohne Worte – da – es war klar/
Entweder ist meine Welt verlor'n, oder ich brauch' neue Ordnung/
"
(Lea-Won auf "Rache Projektil")

Wenn "Sich hinter Glas verstecken" seine wenigen zugänglichen Momente hat, dann auf den persönlichen und privaten Tracks wie "Neben", "Schätze/Ventil" oder "Wir in allem". Die Texte sind hier genauso authentisch, aber inhaltlich zugänglicher. Gerade die Kombination von sehr persönlichen Texten und poetischer Sprache ist durchweg gelungen. Auf einem der schönsten Tracks heißt es:

"Meine liebsten Menschen, sie sind Schätze, ich schau', dass /
Ich sie schätze, mein Kind leuchten spür'n, genau das ist das Beste/
Mein Selbstmitleid ist ein Ventil, um mich zu spür'n/
Eine Klinge, warmes Blut fließt (über mir), nicht erfrier'n/
"
(Lea-Won auf "Schätze/Ventil")

Neben dem sprachverliebten "Zeichne Zeichen" ist "Wir in allem" der poetischste Song des Albums: "Einst war ich ein weißes Blatt, doch jetzt voll mit all dem, was mich gezeichnet hat, den Abdrücken jedes Fußes, der mich getreten und jeder Hand, die mich gestreichelt hat", heißt es da ohne Kitsch. Am Ende des Albums steht dann wieder die Frage nach der absoluten Freiheit, der eigenen Entscheidung über Sein oder Nichtsein:

"Und jetzt tu das, was du willst, denn – ich bin nicht da, um zu richten/
Ich kann nur berichten, wo ich war – was ich sah – und was ich mag/
Und wenn du's tun musst, dann spring – wenn's dir hilft, dann sing/
Wenn du's tun musst, dann schrei – und sei... frei/
"
(Lea-Won auf "Die absolute Freiheit")

Was nach so viel tiefgründiger Nabelschau, politischer Anteilnahme und schwieriger Selbstfindung bleibt, ist erstaunlich wenig. Die Beats von defoos sind atmosphärisch passend, ohne sich dabei wirklich hervorzuheben und prägnant in Erinnerung zu bleiben. Die Texte sind vieldeutig, ohne den Hörer mitzunehmen und ihm Identifikation zu erlauben. Alles wirkt abgeschirmt durch inhaltliche Verkopftheit, sprachliche Sperrigkeit und der sehr persönlichen Note, ohne deren Kenntnis die Interpretation der meisten Texte vieldeutig bleibt oder gar nicht erst gelingt. Das ist eine logische Folge künstlerischer Konsequenz, aber der Spaß und die Einfachheit leiden darunter, wenn diese Balance zu stark in Richtung stilistischer Eigenheit ausbricht. Mehr erzählen und dadurch mehr erreichen wäre hier die Devise gewesen. Musikalisch wie inhaltlich. "Ich zählte die Wörter und am Ende sagten sie mir, sie wären nicht genug für das, was ich eigentlich sagen will", rappt blank auf "Ich zählte und wurde traurig". Besser kann man es nicht zusammenfassen.


(Philipp)



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