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Review: Lance Butters – Blaow

veröffentlicht: Mittwoch, 03.06.2015, 19:04 Uhr
Autor: Play70





01. Blaow
02. Deal with it
03. Addicted
04. Raw
05. Ich & mein Hut
06. Angebot (Skit)
07. Puff Puff Pass
08. Free Lance Butters
09. Auf Deutschrap
10. Alltag
11. Es zieht/ ich zieh
12. Weißer Rauch
13. 30


Knapp zwei Jahre hat es gedauert, bis Lance Butters musikalisch etwas Neues von sich hören ließ. In dieser Zeit bekam man nicht viel von ihm mit und der Ulmer schien schon fast vergessen, bis er sich zu Beginn des Jahres mit einem Video zurückmeldete, in dem er einen neuen "kernigen" Stil präsentierte. Besagtes Video stellte sich jedoch, zur Freude seiner Fans, durch einen Albumtrailer zu "Blaow" als Fake heraus und plötzlich war er wieder eines der größten Gesprächsthemen in der deutschen HipHop-Community. Verständlich, denn schließlich wollten seine Fans bereits vor drei Jahren ein Album, Lance machte jedoch lieber eine EP. Damals wie heute zeigt sich Bennett On für die Produktionen verantwortlich. Diese musikalische Konstante scheint mit einer thematischen und stilistischen Konstante einher zu gehen: Themenvielfalt und Aussage waren noch nie die Stärke oder das Ziel von Lance Butters, sein Rap lebte stets von Flow, Betonungen und coolen Lines. Doch wie man weiß, kann sich ein Stil schnell abnutzen, wenn er nicht erneuert oder erweitert wird, gerade in der jetzigen Zeit, in der HipHop so beliebt ist wie lange nicht mehr, können Hypes schnell verschwinden oder sich in Antipathie umkehren. Zudem sind nach zwei Jahren Wartezeit ohne neue Musik die Erwartungen der Fans sicherlich hoch und mit einer ODB-Referenz im Albumtitel macht man sich die Sache auch nicht leichter. Die Frage bleibt also, ob "Blaow" den Erwartungen standhalten kann und Lance Butters' Rap in der schnelllebigen Raplandschaft immer noch zeitgemäß ist.

"Wieso fragt ihr nach files by Bennett?/
Doch seid dann zu Scheiße, um darauf zu rappen/
Huh? Nichts als Desinteresse/
Für Tracks ohne Style, doch mit enddeeper Message/
"
(Lance Butters auf "Auf Deutschrap")

Bereits in den ersten Zeilen zeigt uns Lance Butters, wovon sein Debütalbum in erster Linie handelt: Viel Hass auf die deutsche Rapszene, etwas Selbstbeweihräucherung, Weed und Frauen. Damit stellt "Blaow" das perfekte Intro für das gleichnamige Album da. Die Antihaltung zur Szene, die schon das Intro dominiert, zieht sich durch den gesamten Langspieler, wird aber an den richtigen Stellen in den Hintergrund geschoben, um einmal andere, Lance Butters typische, Themen in den Vordergrund treten zu lassen, wie Frauen, Sex ("Angebot" und "Puff Puff Pass") und Weed ("Alltag", "Es zieht/ ich zieh" und "Weißer Rauch"). Beim Szenenbashing verzichtet er aber darauf, Namen zu nennen und spricht nie wirklich jemanden direkt an, sondern schießt gegen die Ausprägungen der deutschen Rapszene, die er als störend empfindet, wie zum Beispiel melancholischen Rap. Lance' Aussagen wirken auch nicht geplant und kalkuliert, um für Gesprächsstoff zu sorgen, sondern durch seine generelle Attitüde und die Art seiner Formulierungen glaubhaft. Der Inhalt der Aussagen wiederholt sich zwar, da Lance diese aber immer wieder in neuen Lines verpackt und zwischendurch auch mal andere Dinge anspricht, wirkt dies nicht allzu störend. Die beiden Tracks über Frauen und Sex sind inhaltlich nahezu identisch mit seinen älteren Titeln zu diesem Thema und gehören unter anderem daher auch zu den schwächeren Songs des Albums, jedoch schafft Lance es auch hier, einige geschickte Formulierungen zu finden. "Puff Puff Pass" leidet zudem darunter, dass es Lance musikalisch schwächster Titel auf dem Album ist und auch das Instrumental hier nicht viel herausholen kann. Bei "Angebot "will einfach nicht die richtige Stimmung aufkommen, was eben auch daran liegt, dass es als Skit ausgelegt ist und deshalb recht kurz. Neben den typischen Lance Butters Themen, lassen sich auch neue Inhalte erkennen: In "Addicted" setzt er sich humoristisch mit seiner Fangemeinde auseinander, ohne jedoch einen Stilbruch zu begehen. Außerdem kommt der Song im Albumkontext sehr erfrischend daher. Auch auf "Free Lance Butters" zeigt er neue Ansätze: So rappt er über seinen Lifestyle und die Probleme, die mit diesem aufkommen. Allgemein wirkt dieser Titel für Lance-Verhältnisse recht persönlich und untypisch, dies bestärkt ebenfalls die letzte Zeile, "Ich setze die Maske auf, werd' zu dem Wichser, den niemand verdient, doch den ihr so liebt“, mit der er geschickt den Wechsel zu seinem üblichen Charakter einleitet. Auch bei den Tracks über Weed handelt es sich eher um persönlichere Songs als um Kifferhymnen. So drehen sich auch diese um die Probleme, die sein Lifestyle mit sich bringt. Leider sind diese Songs allesamt sehr ähnlich, was er auch nicht, wie zuvor, durch geschickte Formulierungen ausgleichen kann. Die Herangehensweise ist ziemlich oberflächlich, was dem Ganzen ebenfalls schadet. Hinzu kommt noch, dass drei dieser vier Titel direkt aufeinander folgen, was die Wiederholungen noch einmal deutlicher macht. Persönliche Probleme werden ebenfalls in "30" angesprochen, hier vermischt er diese aber mit Punchlines, ähnlich wie US-Rapper Danny Brown in einem gleichnamigen Track, was das Gesamtbild wesentlich erfrischender macht. Dazu trägt auch bei, dass hier von der Kifferthematik weggerückt wird.

"Durch Schicksal und Karma/
Sprech' ich seit Jahren mit dem Blick zum Grab/
Geknickt mit mei'm Vater und frag ihn:/
'Was hat der Scheiß uns gebracht, man?'/
Zwei Söhne, die es bis heut' zu nichts gebracht haben/
"
(Lance Butters auf "30")

Lance Butters' Antihaltung zur Deutschrapszene zeigt sich auch außerhalb der Textebene: So verzichtet er komplett auf Rapfeatures, der einzige Featuregast auf "Blaow" ist die Sängerin der Hook von "Weißer Rauch". Dennoch wird das Album auf musikalischer Ebene nie langweilig. Das musikalische ist generell die Stärke von "Blaow" und macht einige der inhaltlichen Mängel wett. So schafft er durch seinen eher langsamen, betonungsstarken Flow, die Tracks interessant zu halten und bringt zum richtigen Zeitpunkt Variationen ein. Ebenfalls greift er hier auf andere, für ihn typische, Stilmittel zurück, wie das Langziehen einzelner Silben und das besondere Hervorheben einzelner Schlagworte. Der starke Flow geht einher mit markanten Formulierungen und Lance leistet sich in diesem Bereich nur wenige Aussetzer. Seine Finesse zeigt sich auch in puncto Hooks: Mit diesen setzt er auf allen Tracks ein soundtechnisches Highlight und schafft es auch hier, dies mit geschickten Formulierungen in Einklang zu bringen. Lediglich auf "Puff Puff Pass" will es ihm nicht ganz gelingen, eine prägnante Hook zu rappen, was auch an der Line "Huh, hier geht's um mich wie beim Wichsen“ liegen mag, welche sich sehr untypisch für Lance anfühlt. Ebenfalls weiß Lance Butters natürlich seine Stimme einzusetzen. Diese bringt er wunderbar in Einklang mit Flow und Delivery und sorgt auch mit diesem zum richtigen Zeitpunkt für Varianz. Natürlich wäre dies alles nicht möglich ohne die passende Instrumentierung, für die Bennett On sorgt. Man merkt den beiden an, dass sie ein eingespieltes Team sind und Lance' Majordeal scheint das Produktionslevel nochmal um einige Stufen angehoben zu haben. Die Instrumentals bestechen durch signifikante Drumkits und Snares, welche hier nicht nur äußerst gut eingesetzt, sondern auch abwechslungsreich gestaltet sind. Er schafft es, trotz der Varianz der einzelnen Instrumentals eine Homogenität im Gesamtpaket zu schaffen. Ebenfalls steht die Instrumentierung sinnbildlich für Lance' Antihaltung zur Szene, in der immer öfter zu poppigen und mainstreamtauglicheren Beats gegriffen wird. Die Harmonie zwischen Lance Butters' Vortrag und Bennett Ons Beats ist hervorragend. Besonders ansehnlich ist diese Harmonie auf "Raw", was durch die Nutzung eines ODB-Samples heraussticht, und "Weißer Rauch", musikalisch wohl der beste Track, zu spüren. Insgesamt bewegen sich die Songs auf "Blaow " alle auf einem soliden bis gutem Niveau, zwar hat die Platte keinen Hit mit Ohrwurmfaktor, der einem dem ganzen Tag im Kopf hängen bleibt, dies scheint aber sowieso nicht Lance' Absicht mit diesem Album gewesen zu sein.

Fazit:
Lance Butters' Debütalbum weiß durchaus zu überzeugen. Sowohl produktions- als auch raptechnisch kann man ihm hier, außer kleinerer Ausfälle, nichts vorwerfen. Im Gegenteil: Die Qualität und das Zusammenspiel der Instrumentals und der Raps ist noch besser geworden. Auch die Formulierungen sitzen meistens. Die Schwäche des Albums liegt eindeutig im inhaltlichen: Bei seinen üblichen Themen beweist Lance das richtige Gefühl für die Texte, jedoch wirken seine Versuche, seinen Rap in eine neue Richtung zu bringen eher zweitklassig. So sind diese zu oberflächlich und vielleicht auch halbherzig behandelt. Zudem wiederholt er sich hier zu oft. Insgesamt ist "Blaow" trotzdem ein gutes Debütalbum und zeigt, dass sich der Künstler Lance Butters in den letzten Jahren weiterentwickelt hat. So sind auch in Zukunft interessante Releases von ihm zu erwarten.


Marc (Sanchyes)



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