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Review: Lance Butters – Selfish

veröffentlicht: Sonntag, 19.08.2012, 17:30 Uhr
Autor: Redaktion





01. Girls X Kush X Cash
02. Dämliche Faggots
03. Space Invader
04. Nein
feat. Chissmann
05. Selfish
06. Cool Story
07. Dunkelrote Augen


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Review von ProRipper:

"Was sollen wir machen, wenn wir keine Lust haben?", antwortet Lance Butters trocken auf die eben von Visa Vie gestellte Frage, weshalb er trotz gewonnenem Facebook-Voting nicht auf dem diesjährigen HipHop-Open auf der Bühne stand. Ich verfolge das Interview interessiert und denke mir nur, teils entsetzt, teils amüsiert: "Das hat er jetzt nicht wirklich öffentlich gesagt, oder?!" Sofort darauf stellt die Moderatorin die nächste, mir ebenfalls durch den Kopf schießende Frage: "Verbaut man sich dadurch nicht einiges für die Zukunft?" – "Nächstes Jahr buchen die uns ja eh", kontert Lance lässig zurück. Arroganz, wie man sie aus seinen Tracks kennt und liebt. Wie sie auch Casper liebt, der sich bereits vor einigen Monaten via Twitter als Lance Butters-Fan outete. Ebenso wie Cro, Kollegah und jüngst auch die 257ers – unter den ganz Großen in Rapdeutschland scheint er also unlängst ein Geheimtipp zu sein. Ja, gehen wir sogar noch weiter: Lance Butters ist ein Paradebeispiel dafür, wie man das Videobattleturnier auf rappers.in zu seinen Gunsten nutzen kann. Und wenn man schon so einen aktuellen Hype mitnimmt, was darf dann auf keinen Fall fehlen? Genau! Ein eigenes Album, das der Rapwelt zeigt, mit wem sie zu rechnen hat.

"Und die Fanboys, sie sagen/
'Mach mal ein Album' – ich mach' 'ne EP/
"

... kurze Unterbrechung: so viel also zum Album. Gut, dann eben eine EP. Willkommen auf "Selfish".

"Gefeaturet von mir, Nr. 1 auf den Beats/
Lance Butters, Selfish, wie übertrieben/
Und sie fragen, wie lang' ich noch diesen Mist mach'/
So lang', bis ich durch meinen Rap 'ne Farbige gefickt hab'/
"
(Lance Butters auf "Dämliche Faggots")

Analysieren wir das doch mal. Zugegeben: Allzu krass wirken seine Texte gar nicht, wenn man sie in Schriftform abtippt. Aber Lance schreibt ja auch keine Geschichten oder Gedichte zum Lesen vorm heimischen Kaminfeuer. Was ihn neben der Arroganz seiner meist ziemlich schlichten und sich ähnelnden Lyrics ausmacht, ist die Vortragsweise. Dieses gewohnt überspitzte Langziehen von Silben und (wenn überhaupt vorhandenen) Endreimen, damit's halt irgendwie ins Schema passt ("Haufäään/Sound, häää"), und natürlich die perfekte Instrumental-Ausstattung durch Hausproduzent Bennett On. Denn ich bin mir sicher: Ohne dessen Beats würde das Produkt Lance Butters nicht einmal halb so gut funktionieren. Im melodischen Bereich stets relativ minimalistisch gehalten, aber immer mit signifikanten Synthesizer-Übergängen und wummernden Drumkits vollgepumpt. Vielleicht ein bisschen vergleichbar mit Peet-Beats, aber sonst würde mir kein Producer einfallen, der ähnliche Instrumentals bastelt. Die Texte der einzelnen Songs stehen somit nicht unbedingt im Vordergrund, sondern dienen lediglich als "Mittel zum Zweck" einer gelungenen Selbstdarbietung des Hauptprotagonisten – "scheißegal, schreib was du magst" ("Girls X Kush X Cash"). Dementsprechend fällt der eigentliche, thematische Inhalt von "Selfish" recht flach aus. Der Rest der Szene hat's halt einfach nicht so drauf wie Lance. "Andere Rapper vergleichen sich mit anderen Rappern", während Lance "eingebildet, überarrogant, selbstgerecht [und] egoistisch" herumstolziert, lässig flowt und als "Space Invader" eine Bitch nach der anderen zum Höhepunkt bringt. Natürlich nicht, weil er es ihnen gönnt, sondern "nur zur Bestätigung". Hat man da noch Worte?!

"Ich pose nicht vor Autos, ich zeig' Leuten/
Meine Videos und sag: 'Der krasse Typ da bin ich'/
Ich weiß nich', ich kann echt versteh'n, dass du mich bitest/
Ich find' mich auch ziemlich geil, Bitch/
"
(Lance Butters auf "Selfish")

Die einzige Abwechslung, die innerhalb der sieben Anspielstationen auszumachen ist, sind der Chissmann-Gastpart und der letzte Track, "Dunkelrote Augen". Ob Chiss' Style wirklich Variation mit einbringt, darüber lässt sich natürlich streiten, aber hey: "Sogar Erc sagt: 'Shit, Chiss, was für Kombos!'". Unterhalten fühl' ich mich definitiv, auch, wenn sich die beiden Rapper schon sehr ähneln. Auf "Dunkelrote Augen" hingegen bewegt sich Lance außerhalb des "Girls X Kush X Cash"-Gefildes und thematisiert seine Grassucht auf einem trägen, Synthesizer-überladenen Bennett On-Beat. Das Ironische hierbei ist vielleicht, dass der Track trotz seiner "Zu viel Konsum ist ungesund"-Kernaussage aufgrund seines unheimlich atmosphärischen Klangbilds erst recht dazu einlädt, mal ein wenig ... zu chillen. Ansonsten besteht "Selfish" tatsächlich ausnahmslos aus überspitzter Arroganz – und das sowohl stilistisch als auch inhaltlich.

"Heute keine Frauenbesuche/
Und den Dimmer auf niedrigster Stufe/
Rolladen unten, Haze in der Lunge/
Ich weiß doch auch selbst, dass das nicht grad' gesund ist/
"
(Lance Butters auf "Dunkelrote Augen")

... und dann? Ja. Da liegt der Hund begraben, denn ein wirklich negativ ins Gewicht fallender Kritikpunkt bleibt für viele die Spielzeit von gerade einmal knapp 21 Minuten. Kaum hat man sich ein wenig in "Selfish" reingehört, ist's auch schon wieder vorbei. Dem kann ich soweit beipflichten. Allerdings erscheint es mir so, als wären Deutschrapfans schlichtweg zu verwöhnt, was die Länge einer EP betrifft, denn werfen wir einen Blick auf die offizielle Definition eines Musikalbums, so heißt es darin: "Entsprechend den Richtlinien der deutschen Musik-Charts gilt eine CD als Album, wenn sie mindestens fünf Stücke enthält oder eine Spielzeit von mehr als 23 Minuten hat. [...] Einen Übergang zwischen Album und Single bildet die EP." Wer sich "Selfish" zulegt, weiß prinzipiell von Anfang an, dass es sich dabei um eine EP handelt und kann dann logischerweise auch nicht darüber meckern, dass er kein Album bekommt. Oder würde irgendjemand ernsthaft auf die Idee kommen, sich eine Iron Man-Maske zu kaufen, um sich anschließend darüber zu beschweren, dass er jetzt keine Batman-Maske hat?

Fazit:
Fassen wir zusammen: Lance Butters rappt immer nur das Gleiche und verpackt seine "Message" manchmal in weniger, manchmal in mehr schlichten Textzeilen. Ein Buch würde ich mir von dem jungen Herrn also eher nicht zulegen. Glücklicherweise ist die "Selfish"-EP aber ein Tonträger, auf dem zwei Drittel der Frank Castle Cooking Gang gekonnt unter Beweis stellen, dass es bei ihnen mehr auf das Drumherum ankommt. Und so schafft es Lance auf den maßgeschneiderten Bennett On-Beats, den Hörer auch mit den simpelsten Lyrics davon zu überzeugen, wie "übertrieben" er doch rappt. Fast schon eine kleine Illusion. Texte als Mittel zum Zweck und das ausgerechnet in dem Musikgenre, in dem Songs standardmäßig aus dem "meisten Text" bestehen, doch es funktioniert: Ich mag diesen "Selfish"-Sound, dem Arroganz nicht nur als Stilmittel, sondern auch als komplettes inhaltliches Konzept dient. Aber jetzt im Ernst, lieber Lance: "Mach mal ein Album". Und liebe Hater, die dann und wann ganz gerne mal behaupten, dieser Lance sei overhypet, klinge unmotiviert und gäbe sich, ersichtlich an der Spielzeit von "Selfish", keine Mühe: "Cool Story."

Redakteur-Bewertung der CD:

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Review von Die Robbe:

Als Maske trägt er einen Pappkarton, der mit seinem Logo bedruckt ist. Die teuer anmutende Uhr funkelt am Arm. Der Whiskey steht plakativ auf dem Tisch, so als Raumdekoration, nicht zum Trinken. Der maskierte junge Mann sitzt entspannt auf einer Couch und redet völlig ungefragt wirres Zeug wie: "It's all about the money", "Wir stacken das Cash", "Ihr führt weiter Lowlife", "Wir machen serious Business". "Money Boy light" kam mir als erstes in den Sinn, als ich das 64stel-Intro von Lance Butters vor zwei Jahren sah. Kay Lynah hieß sein Gegner damals. Heute, zwei Jahre später, hat es der Ulmer wohl nicht mehr nötig, sein Image derart zu inszenieren. Vielmehr zeigte sich der "Iron Man"-Maskenträger im bereits veröffentlichten Video "Cool Story" von persönlich durchklingelnden Magazinen äußerst gereizt. Was Weekend nicht kennt, das interessiert einen Lance Butters anscheinend einfach nicht. Einen Grund für diese mediale Präsenz muss man nicht lange suchen: Der Maskenmann debütiert mit seiner frisch veröffentlichten "Selfish"-EP.

Wie er zuletzt in einem Interview lancierte, war Hausproduzent Bennett On – der übrigens für die komplette Instrumentalisierung der EP verantwortlich war – der Stimulus. Die treibende Kraft, der notwendige Motivationsschub, Tracks zu recorden. Manchmal tut Eigeninitiative allerdings ganz gut. Hab' ich mir zumindest sagen lassen. Aber hier irgendwie nicht, hier hat Lustlosigkeit noch etwas mit Coolness zu tun. Nullbock-Attitüde als Tugend. Sei's drum, Lance griff in seiner 64stel-Runde gegen Kay Lynah doch noch zum Whiskey-Glas und gönnte sich einen Schluck – ob dieser so delikat war wie die "Selfish"-EP? Probieren wir mal ...

"Ich hab' in meinem Leben allein schon aufm Damenklo/
Mehr Hoes gefickt als Antonio Cassano/
Mehr Hoes gefickt als du rumhängst am Bahnhof/
Ey, mehr Hoes gefickt als Touris in Laos/
"
(Lance Butters auf "Cool Story")

"Macht Platz für den weltbesten Ficker". Denn es ist "normal, dass er die Bitch so bangt, dass sie nach 'ner Ladung von ihm zehn Mal aufs Klo rennt". Nur "eine Farbige" hat der junge Mann "noch nicht gefickt". Unschwer zu erkennen ist, dass der Maskenträger bereits so einige käuflich erwerbbare Frauen besucht hat. Seine Verführungsqualitäten sind mit einer Spielzeugmaske allerdings nur schwer einzuschätzen. Der Behauptung, er habe die Geburtenrate beträchtlicher steigen lassen als Antonio Cassano, möchte ich zwar nicht widersprechen, jedoch sollte auch mit "dunkelroten Augen" ein Mindestmaß an Fingerspitzengefühl vorhanden sein. Es lässt sich dann auch nicht mehr mit dem so viel umjubelten "Style" kaschieren, dass sich sechs von sieben Tracks überwiegend dem Koitus mit Gunstgewerblerinnen widmen. Das ist selbst für einen Lance Butters zu viel. "Solange Bitches naiv sind, bin ich mit meinem Leben zufrieden" – oder bleiben seine Tracks sehr einseitig. Den Gegenpol zu Bordellbesuchen, Sexualpraktiken und Geschlechtsverkehrspartnern bildet der Track "Dunkelrote Augen". Willkommene Abwechslung ...

"[...] Scheißegal, ich muss rauchen – dunkelrote Augen/
Und die Sucht ist in mir und zwingt mich dazu, ihr zu vertrauen/
Aber ich muss es echt lassen, wenigstens reduzieren, Boy/
Ich weiß, was ich muss, aber scheiß' auf die Sucht/
"
(Lance Butters auf "Dunkelrote Augen")

Der deutlich langsamere Beat unterlegt Lance' locker-lässig gewordene Flows – "[...] Shit, was für Kombos!", würde Erc dazu sagen, stellt Chissmann auf "Nein" treffend fest. Der inhaltliche Vergleich mit einem Casper-Album wäre in dessen Part wohl passender gewesen. Der Hamburger könnte einigen RBA-Interessierten ein Begriff sein, er ziert als einziger Gastpart die Tracklist. Sein Part schafft es allerdings auch nicht, Lance' Bettgeschichten zu kontrastieren. Es werden ein paar Rap-Kollegen lyrisch koitiert, ein paar "Hoes" wie "Lisa Loch" verarscht, aber natürlich "nur zum Spaß". So überflüssig ich Chissmanns Beitrag auch empfinde, ganz so störend wie die sich achtmal wiederholende Hook zu "Cool Story" ist er zumindest nicht. Die zu Lance Butters passenden Instrumentale liefert der Meppener Beatbauer Bennett On. Der "Bang Bus" fahrende Producer unterlegt die Stimme des Iron Man mit klatschenden Snares, wohldosiert, zurückhaltenden Wobble-Bässen und weiteren elektronischen Akzenten. Ohne ihn hätte Lance vermutlich Mühe gehabt, seine (Achtung, Ironie!) von den Schicksalen dieser Welt geprägten Texte überhaupt vorzutragen.

Fazit:
Den sogenannten "VBT-Hype" nutzt man bekanntermaßen am besten aus, indem man sobald als möglich ein Tape folgen lässt. Ob man sich vielleicht nicht doch besser mehr Zeit hätte nehmen sollen? So "vollkommen geil", wie es uns angekündigt wurde, ist Selfish dann doch nicht geworden. "Alles schon zehn Mal gehabt", stellt Lance auf "Space Invader" probat fest. Da kann ich mich nur anschließen. Der "Style" des Iron Man impliziert eine (un)gesunde Dosis Arroganz, Überheblichkeit und natürlich Lustlosigkeit. Diese Attribute bringt er auch in seinen Tracks klar zur Geltung, aber auch nicht mehr. Braucht es überhaupt mehr? Ich weiß es nicht. Ein Selbstverständnis, das über Ejakulationsgewohnheiten und sexuelle Vorlieben hinausgeht, wäre jedenfalls für seine nächsten Projekte höchst wünschenswert. Vielleicht hätte ja die audiovisuelle Ausführung aller Songs seinen sagenumwobenen "Style" besser herausgehoben, wer weiß. Ich denke, ich habe alles gesagt und da Lance diese Kritik ohnehin mit einem "Cool Story, Bro" abtun wird, kuschele ich mich wieder in die Weekend-Bettwäsche.



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