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Review: LGoony – Intergalactica

veröffentlicht: Donnerstag, 16.03.2017, 21:09 Uhr
Autor: Der Aepp





01. Intergalactica
02. Heilig
03. Bugatti
04. Babylon
05. Verlieren
06. Utopia
07. Für Immer
08. Backstage
09. Souvenirs
10. Kanye West
feat. Haiyti
11. Blutmond
12. Gary Cooper
feat. Hellraiser
13 .Hochhaus

Mein Swagger maximal, ich flexe surreal
(LGoony, dessen Swagger maximal ausgeprägt ist und welcher surreal flext)

Der öfters als Swag-Rapper betitelte Ludwig Langer, geschmückt mit mindestens vier verschiedenen "a.k.a."s, brachte 2015 und Anfang 2016 mit dem "Grape Tape" und "Aurora" in Zusammenarbeit mit Crack Ignaz zwei teils sehr positiv rezipierte Releases auf den Markt. Vormals als Internetphänomen bekannt, hat sich der flye Boy neben diesen beiden Veröffentlichungen mit Auftritten auf diversen Musikfestivals als junger, ernstzunehmender Musiker etabliert. Mit "Intergalactica" folgte zum Jahresende nun das erste eigene Solo-Album. Wenn auch düsterer im Sound, konnten sowohl "Heilig" als auch "Utopia" vorab jede Menge Lob von Fans und Kritikern einheimsen, denn der gute Herr Langer gilt nicht umsonst als talentiertester Musiker aus dem Dunstkreis um Moneyboy und Konsorten. Experimentierfreude und etablierte Down South Klänge waren bisher charakteristisch für LGoonys Soundbild. Der unterschiedliche Anspruch zwischen Soundcloud-Freetracks und einem ausproduzierten Album ist groß, entsprechend stellt sich die Frage, ob "Intergalactica" diesem Anspruch gerecht werden und der atmosphärische Trap des Lil Goon auch auf Langspieler-Ebene gerecht werden kann.

Sie machen Augen wie in einem Anime/
Fickt euch alle, Mann, ich brauche keinen Hype/
Einmal durch das All, gestartet am PC/
Und heute renne ich das Spiel von ganz allein/

(LGoony in "Verlieren")

Vorweg muss man wohl auf einen kleinen, aber besonderen Fakt aufmerksam machen: Es gibt, anders als bei uns auf rappers.in üblich, kaum Textzitate. "Aber warum ist das so?"
Lasst es mich so erklären:
Die Texte sind in der Musik LGoonys und seiner Bekannten Teil der im Zusammenspiel mit dem Beat synthetisierten Atmosphäre, ein Mittel zum Zweck, sich fernab von Silbenzählen und textlicher Doppeldeutigkeit auszudrücken und mitzuteilen – nicht weniger, aber auch selten mehr als das. Die Ausrichtung liegt nun einmal nicht auf Inhalt, Wortwitz oder anderen klassischen Gesichtspunkten. Für mich als rezensierender Redakteur stellt sich dadurch eine simple Frage: Ergeben ergo Textzitate Sinn? Eigentlich nicht, nicht wirklich. Sporadisch gibt es einzelne Lines, die zeitweilig andeuten, dass tatsächlich nach konventionellen Maßstäben mehr möglich wäre. Da mir diese Rosinen-Pickerei à la laut.de nicht liegt und besagte konventionelle Maßstäbe eh nicht greifen, erspare ich mir das im Folgenden.

Gleich der erste Track entpuppt sich als eines der Highlights der Scheibe: "Intergalactica" beginnt mit langem Intro und mit Effekten angereicherter Ohrwurmhook. Grobes Thema? Weltall, Entfernung. Ob nun Vibe oder Swag, wie es einige antike Autoren wohl ausdrücken würden, es greift umgehend. Die Stimme, hier verträumt und sanft, wird im nächsten Track heiser und aggressiv genutzt; wesentlich "gefestigter" und mit treibendem Bass kommt mit "Heilig" eine solide Trap-Nummer angerollt, welche wie so oft das eigene Ich ausgiebig zelebriert.

Allgemein geht es gewohnt zur Sache. Während "Intergalactica", "Babylon", "Hochhaus" und "Blutmond" futuristisch mit leichten Synthies, vielen Effekten und vergleichsweise sanften Drums glänzen, liegt bei "Gary Cooper", "Heilig" und "Verlieren" tatsächlich "normaler" Rap im Fokus. Auch wenn sich der Kölner Rapper flowlich nicht aus der Bahn werfen lässt, liegt hier eines der Probleme der Platte, dazu jedoch an späterer Stelle mehr. Inhaltlich bleibt es gewohnt ebenso umfangreich wie vage. Von unglaublichem Reichtum handelt beinahe jeder Titel, Ausnahmen sind mit "Blutmond", "Utopia" und "Verlieren" wesentlich einfacher zu nennen.
Das Ganze kommt wie bereits erwähnt mal mehr, häufig weniger gewitzt daher. LGoonys größtes Talent, ohrwurmtaugliche Hooks abzuliefern, spielt der Kölner auf den beiden bereits genannten Höhepunkten "Intergalactica" und "Babylon" voll aus; auch halten sie die Atmosphäre durchgehend. Besagte Hooks ließen mich dann doch ausgiebig schmunzeln. Denn lässt man mal das Effekt-Makeup beiseite, wird hier stur konservativ aufgebaut, fortgeführt und anschließend aufgelöst, nach Mustern, welche die Popmusik seit einigen Jahrzehnten zu nutzen weiß. Die rebellische "das versteht ihr nicht"-Attitüde löst sich während des Albums zunehmend in Luft und Hustensaft auf.

Jetzt zu den Malus-Punkten: Seine schwächsten Momente erlebt das Tape immer dann, wenn der agierende Künstler sich vom swaggigen Trap entfernt. So Scheitern zu hören auf "Für Immer" und "Gary Cooper". Hook und Bridge erlauben von Effekten getragene vereinzelte Lichtblicke, während das zu trockene Instrumental LGoony allzu nahe an Gefilde bringt, in welchen der Rapper angesichts der Konkurrenz absolut keine gute Figur macht. Auch das Feature mit Haiyti muss an dieser Stelle genannt werden, welche nicht nur an der gleichen Genre-Hürde verunglückt, auch musikalisch birgt diese Kollaboration kein nennenswertes Plus. "Blutmond" scheitert am genauen Gegenteil. Völlig aufgeweicht schwappt der überladene Effektteppich durch die Lautsprecher und bietet dabei kaum interessante beziehungsweise markante Momente. "Hochhaus" schafft es gerade noch so, die Balance zu halten. "Backstage" entpuppt sich tatsächlich als gelungener Hybrid beider Welten. Es ist ein beständiges Auf und Ab, am dessen Ende dennoch ein ordentliches Album überbleibt. Was sich bereits in vorigen Releases abzuzeichnen begann, wird auf "Intergalactica" nun auf ein neues Level gehoben: die melodisch-anarchischen Ansätze nähern sich einer Tangente gleich eben jenen Harmonien an, welche das Radio seit Jahrzehnten dominieren. Die früher für den Otto-Normalhörer als obskur und befremdlich zu bezeichneten Klangfolgen werden aufgeweicht und bringen LGoony tatsächlich dem Pop näher, als man es für möglich gehalten hätte. Das macht das Album zwar auch für vormals abgeneigte Hörer durchaus interessant, bei gleichzeitiger Möglichkeit, frühere Fans zu enttäuschen.


Andreas 'Aepp' Haase



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