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Review: Kurdo – Slum Dog Millionaer (Premium Edition)

veröffentlicht: Dienstag, 11.02.2014, 23:50 Uhr
Autor: Florginal





01. Intro
02. Ghetto
03. Unzensiert
04. Slumdog
05. Trainingsraum
06. Schocktherapie
07. Rapterrorist
08. Panama
09. Heimweh
10. Paranoid
11. Riberystyle
12. Läuft
13. Lydia
14. Vermisse dich
feat. Niqo Nuevo
15. Angst
16. Traditionell
feat. KC Rebell
17. Habibi feat. Nazar
18. Illegal feat. Mosh36
19. Scheriff feat. Eko Fresh
20. Ich hab meinen Spaß feat. Kontra K

Ich bin Straßenrap-Fan. Ich liebe Haftbefehl, feiere jeden einzelnen Azzlack und betitele, ohne mit der Wimper zu zucken, SSIOs "BB.U.M.SS.N" als mein Album des Jahres 2013. Dennoch habe ich immer wieder meine Schwierigkeiten mit dem Genre. Zu viele Acts klingen so, als würden sie seit Jahren auf der Stelle treten. Wirklich frischer Wind ist zwar vorhanden, aber selten. Dementsprechend skeptisch gehe ich an jedes neue Release aus diesen Gefilden heran. Ich will überzeugt werden. Also Wiedergabe drücken und ab in die Slums von Kurdo.

"Scheiß auf Unterricht, ich rappe aus dem Schulfenster Strophen/
Ärmel hoch, ich such' Stress in der Fußgängerzone/
Was, Hausarrest? Was für Schulpädagogen?/
Vom Vater mit der Gürtelschnalle zu streng erzogen/
"
(Kurdo auf "Intro")

Zu Beginn von "Slum Dog Millionaer" hält Kurdo es klassisch. Auf einem Beat mit klatschenden Drums und gepitchtem Orient-Sample gibt es im "Intro" erstmal direkt auf die Fresse. Kurdo ist Straße durch und durch und will daran überhaupt keinen Zweifel aufkommen lassen. Thematisch ähnlich geht es auch auf "Ghetto" weiter. Der Titel ist Programm: Kurdo hat keine Lust, sich zu ändern; er bleibt, wie und wo er ist – "Ghetto" eben. Gewalt und Provokation stehen an der Tagesordnung, der Lebensstil wird zusätzlich durch Lederjacken und Nike-Schuhe zum Ausdruck gebracht und der beschriebene Alltag passenderweise durch ein düsteres Instrumental unterstrichen. Der selbsternannte "Slum Dog Millionaer" zieht diese Atmosphäre mit einer beeindruckenden Ernsthaftigkeit und Härte durch, sodass man seine Authentizität kaum infrage stellen kann. Lustige Punchlines oder Selbstironie werden bewusst vermieden, vielmehr wird die Realität so beschrieben, wie Kurdo sie kennt: "unzensiert" und direkt. Durch den Aufzählungscharakter in seinem Rapstil bekommt "Ghetto" eine besondere Bildlichkeit. Beim Hören blitzen einem vor dem inneren Auge immer wieder Schnipsel aus dem Leben des Heidelbergers auf, was seine authentische Art noch zusätzlich verstärkt und zu einem unterhaltsamen Hörerlebnis verhilft.

"Wir lieben den Geruch von Benzin/
Boxe zu aggressiv, Kopf kaputt – Aspirin/
Dein Beruf ist mit deinem Aussehen verbunden/
Raubtäterkumpel oder Schaufensterkunden/
"
(Kurdo auf "Ghetto")

Besonders neu ist diese Art von Rap jedoch nicht. Trotz Kurdos steinharter Glaubwürdigkeit kommen einem viele seiner Texte wie schon einmal gehört vor. Rapsongs über die vermeintliche Realität auf den deutschen Straßen gibt es wie Sand am Meer und der Heidelberger ist nicht der erste Künstler, der sich als "Deutschraps Al Pacino" ("Riberystyle") bezeichnet hat. Und auch Beleidigungsfloskeln wie "Fick deine Mutter" und "Du bist schwul" ("Rapterrorist") haben schon seit einigen Jahren an Wirksamkeit verloren und wirken mittlerweile eher primitiv und langweilig statt kontrovers und schockierend. So scheint "Slum Dog Millionaer" auf den ersten Blick wie ein durchschnittliches Straßenrap-Album, das nicht gerade auf der Höhe der Zeit operiert. Bei näherem Zuhören ergibt sich jedoch eine viel interessantere zweite Ebene in Kurdos Texten, die sich weniger mit seinem grauen Alltag beschäftigen, sondern mit seiner tragischen Vergangenheit. Der Rapper musste mit acht Jahren aus seiner Heimat, dem Nordirak, nach Deutschland fliehen, was er immer wieder in einigen Textzeilen und Tracks reflektiert. Am Eindrucksvollsten geschieht das wohl auf "Heimweh". Hier wird nicht nur die titelgebende Sehnsucht nach der verlassenen Heimat verarbeitet, sondern auch die mit der Flucht verbundene, neue Angst vor Abschiebung. Mithilfe eines fernöstlichen Instrumentals und einer passenden Hook wird das Ganze zu einem sehr stimmigen Gesamtpaket geschnürt, das durchaus zu berühren weiß. Noch näher beleuchtet Kurdo seine Vergangenheit auf "Slumdog". Auch hier unterstützt der Beat wieder adäquat die Atmosphäre der Erzählungen. Der Flüchtling rappt von seiner Kindheit, die geprägt war von Armut und Krieg, aber auch von kindlicher Unschuld und Glück. Es sind ungewohnte und beeindruckende Thematiken, die das Album sehr bereichern und eine emotionale Seite des sonst so harten und unnahbaren Kurdo aufzeigen. Da verzeiht man auch Tracks wie "Trainingsraum", auf dem der Heidelberger seine negative Meinung zur Schule kundtut, was allein auf primitive Provokation ausgelegt zu sein scheint.

"Pyjamahose, Unterhemd – scheiß drauf, ich muss weiter sparen/
Gutes Essen, schicke Kleider gab es nur an Feiertagen/
Und wir sahen, wie Helikopter übers Land fliegen/
Man, wir taten so, als würden wir sie abschießen/
"
(Kurdo auf "Slumdog")

Weiterhin positiv zu erwähnen sind die gut gewählten Features auf "Slum Dog Millionaer". Starke Beiträge von KC Rebell, Nazar, Mosh36, Eko Fresh und Kontra K bringen eine gelungene Abwechslung in das Werk und ergänzen sich passend mit Kurdos Parts. Auch auf Soundebene bringen die Featuretracks eine neue Facette in das Album. So wird hier die bisher gefahrene Orientschiene etwas aufgebrochen und auf moderne Beats gesetzt. Dementsprechend gewinnt das letzte Drittel von "Slum Dog Millionaer" fast einen eigenen Charakter und schafft es, das Album als kleines Highlight würdig zu beenden.

Fazit:
Nach dem ersten Eindruck hätte ich "Slum Dog Millionaer" beinahe als langweiligen Standard abgestempelt. Oberflächlich gesehen, scheint Kurdo auf dem Stand von vor ein paar Jahren zu sein, sowohl soundtechnisch als auch thematisch. Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch einige Dinge, die das Album zu viel mehr machen: Da wäre zunächst Kurdos interessante und ergreifende Vergangenheit, die er kunstvoll und glaubwürdig zu erzählen vermag. Und dieses Wissen wiederum gibt seinen harten Texten, die vor Ablehnung der Gesellschaft strotzen, eine ganz neue Sichtweise und ein gewisses Verständnis dafür. Somit lässt Kurdo auf "Slum Dog Millionaer" viel tiefer blicken, als man es je erwartet hätte, was dem Album eine besondere Qualität gibt. Hinzu kommen gute Features, eine saubere Raptechnik und ein immer passendes Soundbild. Das alles macht "Slum Dog Millionaer" vielleicht nicht zum innovativsten Rapalbum der letzten Jahre, aber dennoch zu weit mehr als nur Einheitsbrei.


Florian Peking (Florginal)



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