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Review: Koree – Frei

veröffentlicht: Montag, 04.01.2016, 16:36 Uhr
Autor: KDePa





01. ]Mach dich mal locker
02. Frei
03. Champ
04. Art
feat. Prinz Pi
05. Ab und zu
06. Bosslife
feat. Kollegah & DJ Arow
07. Ich bin frei
08. Spiel des Lebens
feat. Flaze
09. Fühlt ihr noch was feat. Lucas Broich & Anni
10. Irgendetwas feat. Flaze
11. Karma
12. Schlusswort


Koree ist zurzeit nicht nur einer der erfolgreichsten deutschen HipHop-Produzenten, Besitzer der Homeboy Studios und Labelbetreiber, sondern mittlerweile auch der Live-Backup von Zuhälterrapper Kollegah und, wie viele vielleicht nicht wissen, eigenständiger MC mit schon jahrelanger Erfahrung. Nachdem er bereits 2007 ein erstes Soloalbum veröffentlicht hat, will er es jetzt nun auch als Rap-Artist richtig wissen und legt nur ein Jahr nach seinem ersten öffentlichkeitswirksamen Album UDED ("Unter Druck entstehen Diamanten") mit der Nachfolgeplatte Frei nach. Dabei soll nicht an den eher schnelleren und teils protzenden Stil des Vorgängers angeknüpft werden, sondern gemäß dem Titel, frei von allen Erwartungen und Klischees ein sehr eigenständiges, unverkrampftes Album entstehen, dessen Tracklist uns bereits zeigt, dass es weniger um die großen Namen der Gastmusiker, dafür mehr um Koree selbst gehen soll.

Der Düsseldorfer gibt bereits mit dem Einstiegstrack thematische die Richtung des Albums vor. Auf "Mach dich mal locker" nimmt Koree sich selbst und seinen Rap nicht ganz ernst, macht sich aber vor allem auch über dümmliche Straßenrapper, Diskursivierungen stumpfer Gewalt und die in der Szene angeblich obligatorische übertriebene Verkrampftheit lustig. Das Ganze wird von einem simplen Beat mit Piano begleitet. Auch auf dem Titeltrack "Frei" geht es um ausgelassenes Feiern sowie darum, optimistisch den Strapazen des Lebens entgegenzutreten, während "Ab und zu" noch mehr in die Partykerbe schlägt, wobei Drogen und Alkohol eine Abwechslung zum Alltag als Familienvater bieten, die zwar nicht mehr allzu oft vorkommt, aber eben manchmal doch nötig für den gewissen Ausgleich ist. Denn Koree weiß eben genau, "die Zeit verfliegt, wenn man liebt, was man macht".
Die Instrumentals, bei denen auch Alexis Troy, Kingsize und Loggarizm, den Koree bereits aus der gemeinsamen Zeit bei "Der neue Westen" kennt, mitwirkten, sind zumeist ruhig gehalten und erinnern an ältere Deutschrapzeiten, distanzieren sich dabei mit RnB- und Soul-Anleihen vom aktuellen Zeitgeist und US-amerikanischen Einflüssen. Mag es monoton oder streckenweise auch schlichtweg etwas simpel klingen, so entstand doch definitiv ein homogenes, durchdachtes Klangkonzept. Der Fokus liegt hier auf dem Feeling und den Texten. Auf "Ich bin frei" kreiert Koree mit Bläsersamples eine Blaxploitation-Stimmung und gibt uns dabei den klassischen teacher, der ganz nach dem kant'schen Aufklärungsbegriff dazu aufruft, Schullehrer, Medien und andere meinungsbildende Instanzen zu hinterfragen, dafür lieber ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen. Der nächste nachdenkliche, mehr noch gesellschaftskritische Song der Scheibe ist "Fühlt ihr noch was", auf dem der Gedanke an die Menschheitsfamilie vermisst und über den im Fortschritt begriffenen Empathieverlust sowie allgemeine Herzenskälte geklagt wird. Abgerundet wird der Track von einer melodischen Gesangshook von Lucas Broich und Anni und bildet so ein kleines Highlight der Platte.

"Wie kann man nur so wenig Mitgefühl empfinden/
Ich seh' tote Kinderleiber, wie sie vor den Küsten schwimmen/
Kriegt das irgendwer noch mit oder ist das scheißegal?/
Oder kriegt alles einen Preis und der wird dann bezahlt?/
"
(Koree auf "Fühlt ihr was")

Typische Representer sind gar nicht auf "Frei" vertreten, dafür einige Thementracks wie "Art", auf dem Koree zusammen mit Prinz Pi eloquent den perfekten Mitmenschen berappt, oder "Bosslife", wo es mit Freund und Musikpartner Kollegah in der Laidback-Haltung eines Platinproduzenten und -rappers um das gemeinsame Tourleben, die Kombination aus Erfolg und Stress, ein "Leben zwischen Luxus und Zugabe" geht. Neben den Cuts von DJ Arow wissen hier auch einige komplexe Reimkombinationen zu überzeugen. Doch das immer wiederkehrende Hauptmotiv in den Songs sind die persönlichen Empfindungen des Künstlers, ob es um tiefsinnige Lebensfragen wie auf "Spiel des Lebens" mit Korees altem Bekannten und Crewpartner Flaze oder mit demselben im Song "Irgendwas" um autobiographische Details aus der Jugendzeit geht. Da die Subthematik aber bewusst in alltäglich anmutende Geschichten und Themen verpackt ist, leidet gerade darunter schließlich auch wiederum der Unterhaltungswert, vor allem auf Dauer. Man fühlt sich zwischendurch wie ein rezeptiver Teilnehmer einer Unterhaltung, die für den Moment anregend, aber dennoch nicht weltbewegend ist und deswegen vielleicht übermorgen wieder vergessen sein kann.
Am Ende des Albums wird es dann noch einmal sehr ernst, wenn Koree auf "Karma" mit dem HipHop-Markt abrechnet und seine Leidenschaft für die Musik gegen die Plastizität vieler Musikproduktionen und rein monetäre Interessen der kalkulierenden Industrie setzt. Ebenso wettert er gegen den negativen Einfluss prekärer Raptexte für die Generation der heranwachsenden Hörer und spricht sich für ein Verantwortungsbewusstsein der Künstler aus. Das "Schlusswort" hebt dann noch einmal die Bodenständigkeit des Düsseldorfers hervor und lässt das letzte Jahr, die zunehmende Zusammenarbeit mit Kollegah und die neu angekurbelte eigene Rapkarriere Revue passieren.

"Ey, ich fuck mich nicht ab, wenn ich mal 'ne Pechsträhne hab'/
Ich hab' einfach Bock auf das, was ich aus diesem Leben mach'/
Ich geh' nach draußen, bring' die Scheiße an's Laufen/
Und alles, was ich brauch', ist mein Glaube und mein Traum/
"
(Koree auf "Frei")

Fazit:
Koree will sich auf "Frei" kein einziges Mal mehr verstellen oder in Rollen schlüpfen. Man merkt durchgängig, dass ihm das Album eine Herzensangelegenheit ist. Die ruhigen, teils simplen Beats in Kombination mit raffinierten Texten erinnern oft an deutschen Rap der 90er Jahre und machen die Platte geradezu geeignet für laue Sommerabende, entspanntes Abhängen oder nächtliche Autofahrten. Dem Künstler ist dabei durchaus bewusst, dass dieser Style nicht jedem gefallen wird, eventuell vor allem jüngeres Publikum, dass aufgeblähtere Unterhaltung bevorzugt, nicht auf seine Kosten kommen wird. Auf bestaunungswürdige raptechnische Kunststücke oder um fünf Ecken gedachte Punchlines kann man lange warten. Hier präsentiert sich ein Rapper persönlich und intim. Ob der Hörer mit diesem Charakter auf einer Wellenlänge liegt und die zur Schau gestellte Bodenständigkeit zur langfristig zu begeistern weiß, muss sich dann erst noch zeigen. "Frei" präsentiert sich in jeden Fall seines Namens würdig, in völlig ungezwungen Klangkostüm mit authentischen Lyrics, ganz nach dem Motto: "Ikke is' frei. […] Ikke jibt kein Fick."


Maximilian Lippert



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