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Review: Kool Savas – Essahdamus

veröffentlicht: Freitag, 28.10.2016, 18:27 Uhr
Autor: Max





01. Anekdoten aus Istanbul 2
02. Surrender
feat. Polina
03. Baby ich bin ein Rapper feat. KC Rebell
04. Ich bin fertig
05. Triumph
feat. Sido, Azad & Adesse
06. Essahdamus
07. Holy Skit
08. Rapper wie Du
feat. MOR
09. Auge
10. Ernst gemeint
feat. Olli Banjo, PA Sports & Moe Mitchell
11. Steinzeit feat. Laas Unltd & Karen Filsej
12. Sneakers & Heels feat. Milonair, Samson Jones & Remoe
13. On & On feat. PA Sports, Gentleman & Vega
14. Wahre Liebe feat. Samy Deluxe & R.A. The Rugged Man
15. Candyman
16. Luftschlösser
feat. Abaz
17. Auf Euch gehört (Interlude) feat. Karen Firlej & Remoe
18. Essah, Essah feat. Karen Firlej

Mixtapes sind nicht nur für junge, aufstrebende Künstler von größter Relevanz. Gerade für einen Savas, dem es die letzten Jahre besser denn je zu gehen scheint, können Mixtapes die Stellschraube sein, anhand derer der Künstler seinen Rap, seine kommenden Soloalben, seine Musik insgesamt justieren und Feedback auf neue Ideen oder spontane Experimente ausloten kann. Es gibt dem Musiker Freiheiten, für die im manchmal gar beengenden Kontext eines Soloalbums kein Platz ist. Dadurch scheint es vor allem für einen Rapper wie Savas, der schon derart lange deutschen HipHop prägt und dabei zeitgleich nur sehr vereinzelt Alben herausbringt, wichtig zu sein, seine persönliche wie musikalische Entwicklung durch Mixtapes voranzutreiben. Deshalb bin ich immer wieder froh, wenn solch große Rapper sich auf Releases ausprobieren und so dem Stillstand die kalte Schulter zeigen. Lassen sich auf "Essahdamus" solche Experimente entdecken? Und falls ja: Gibt es dabei auch noch gute Musik auf dem neuesten Mixtape des 41-Jährigen?

Charten und sich feiern lassen ohne nötiges Talent, wie schön für dich/
Schaff' ich dein Album bis zur Hälfte, bitte töte mich/

(Kool Savas auf "Essahdamus")

Die Battletracks, sie sind da. Gepaart mit seinem unverkennbaren Rapstil sind die reinen Battlesongs, auf denen der King of Rap sein flowliches Talent wieder einmal makellos unter Beweis stellt, sowohl bei seinen Fans als auch bei Kritikern zur sicheren Bank geworden. Das weiß der Protagonist selbst wohl am besten und das auch völlig zurecht. Völlig zurecht holt er sich dafür auch immer wieder Anerkennung von allen Seiten ab, denn für seinen Flow braucht es Energie, ein haargenaues Taktgefühl und eine Atemtechnik, die gerade, wenn man nicht nach jeder Zeile cutten will, von höchster Bedeutung ist. Dass Kool Savas im deutschsprachigen Raum in diesen Punkten weiter prägend ist, zeigt er auf Tracks wie "Essahdamus", "Wahre Liebe" oder dem bereits bekannten "Ich bin fertig" allzu deutlich. Ein Problem, für das er selbst aber wohl am wenigsten kann, wird dann vorrangig in Richtung der zweiten Albumhälfte erkennbar, auf der so ziemlich jedes Feature gnadenlos hinterherhängt und einzig Samy Deluxe und der auf deutsch überaus gut rappende RA The Rugged Man (ja, Ihr lest richtig) mithalten können. Besonders eindrucksvoll zeigt diese Diskrepanz zwischen Savas und seinen Gästen das MOR-Reuiniting auf "Rapper wie Du", das alteingesessene Fans zwar in Erinnerungen, aber nicht an diesen Track schwelgen lassen wird, denn auf dem über sechsminütigen Song wissen nur Savas und teilweise Taktloss oder Fumanschu zu überzeugen, während der Rest auf der Strecke bleibt.

Ich geh' nach oben, streng verboten/
Modelbitches an meinem Hoden, ungelogen/
Deutsche Rappern nur am Posen wie die Großen/
Immer wieder voll auf Drogen, Vollidioten/

(Big Derill Mack auf "Rapper wie Du")

Wirklich interessant wird es dann aber erst, wenn Kool Savas Neues ausprobiert. Andeutungsweise geschieht das auf "Rapper wie Du"(wuwuwuwu), in dessen Hook er schon ein wenig singt, wirklich grandios treibt er das dann in "Candyman" auf die Spitze. Einerseits singt er da keine Hymnen, andererseits ist sein Gesang wirklich hörbar und gut, sofern da nicht ordentlich nachbearbeitet wurde. Die Quintessenz des Songs zeigt sich dann in sich selbst: Savas rappt ein paar Bars im zweiten Part und bringt damit im Gegensatz zum Gesang das Highlight des Tracks. Normalerweise arbeitet ein Rapsong andersherum, 16 Bars, ein bisschen Gesang in der Hook als Höhepunkt, und so weiter. Dass auch schnell geflowte Rap-Lines diesen Effekt erzielen können, ist gerade der Gegenbeweis für Savas' (natürlich bewusst) zitierte These anderer Personen: "Sie behaupten, Rap wär' [sic] keine Mucke". Musikalisch scheint außerdem der Einfluss von Karen Firlej sehr groß zu sein, schließlich taucht sie auf zahlreichen Songs zumindest als Backup auf. Das mündet zwar hier und da in eine verwirrend vulgär schmalzige Hook ("Steinzeit"), erweist sich größtenteils jedoch als positiver Einfluss, so werden Beats durch ihre Stimme musikalisch vielseitiger oder scheinen eben den Protagonisten zu der ein oder anderen Idee inspiriert zu haben, eben wie auf "Candyman".
Textliche Variation gibt es dann auf persönlicheren Songs, wo Savas erst zeigt, wie es nicht unbedingt sein muss ("Auge"), um ein paar Anspielstationen später einen wirklich humorvollen, kreativen, (ehrlichen?) Text zusammen mit Milonair, Samson Jones und Remoe auf "Sneakers & Heels" zu präsentieren, der in seiner Machart und dem Thema fast schon an "Myspace" erinnert, obwohl er natürlich inhaltlich in eine andere Kerbe schlägt.

Sneakers oder Heels, der Rest wird nicht toleriert/
Alles über Schuhgröße 37, ihh/
Erstes Date, zeig mir, worauf du stehst, kommt tu's, Baby/
Aus Liebe zum Detail wurd' ich Fußfeti'/

(Kool Savas auf "Sneakers & Heels")

Ob man es nun mag, wenn Savas von seinem (vielleicht auch nicht ganz ernst gemeinten) Fußfetisch erzählt, sei dahingestellt – viel wichtiger ist, dass der Song originell und gleichzeitig weder herablassend noch lächerlich ist. Sein Selbstbewusstsein und die daraus folgende Selbstironie zeigt der Interpret dann auch mit Lines wie "Was für hübscher Typ? Ich bin ein alter Sack mit 'nem Bauch" auf "Rapper wie Du", was nicht nur Sympathie-, sondern auch Kreativpunkte oben drauf gibt. Natürlich kommen wir auch hier um das leidige Thema Wie-Vergleiche nicht ganz herum, obwohl sie wieder weniger geworden sind, sind die Fehlschüsse noch teilweise vorhanden.

Fazit:
Im Großen und Ganzen ist "Essahdamus" ein gutes und stellenweise hervorragendes Mixtape, auf dem Savas genau das tut, was man auf einem Mixtape eben sollte. Manchmal gelingt ihm dabei sehr viel, manchmal geht was daneben – so auch auf der John Bello Story, die vor allem mit fortschreitenden Teilen zurecht auf gemischte Kritik stieß, gleichzeitig aber dem Protagonisten dabei half, Klassiker wie "Aura" oder "Märtyrer" zu kreieren. "Essahdamus" ist besser als die John-Bello-Story-Teile und wird wohl auf lange Sicht den Status als sein bestes Mixtape der letzten zehn Jahre genießen. Einiges misslingt dem King of Rap, Anderes ist dann wiederum umso kreativer und mit Blick auf die Zukunft interessant. Gepaart mit seinem so ausgereiften Rapstil, der im deutschsprachigen Raum immer noch seinesgleichen sucht, hat Kool Savas wieder ein gut hörbares Release herausgebracht, mit dem er mich weiter in meiner Hoffnung befeuert, ihn auch in 15 Jahren noch auf dem Splash! zur besten Zeit auf der Mainstage feiern zu dürfen.


(Max)



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